Cinema Moralia – Folge 374
Europa im Schatten des billigen Moralismus |
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| Sehr erfreulich: die Nominierung von Zikaden (Regie: Ina Weisse, Bester Film). | ||
| (Foto: DCM) | ||
Die Europäische Filmakademie hat Mitleid mit der ganzen Welt, außer mit Juden. Das passt wie der Davidstern auf der Berliner Haustür zum Internationalen Gedenktag an die Opfer des Nationalsozialismus am 27. Januar.
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Am 16. Januar versandte die Akademie eine geschwätzige Nachricht, die zu lang ist, um sie hier komplett im Original zu zitieren: Überschrieben mit »Eine wichtige Botschaft der Europäischen Filmakademie« erklärt man »die Welt, wie wir sie kannten, verändert sich rasant, und wir wissen nicht, was als Nächstes kommt. Das sind Dinge, die uns alle beunruhigen. Da fragt man sich, ob eine Preisverleihung überhaupt noch von Bedeutung ist.«
»Während wir unsere intensive Arbeit für die kommenden Europäischen Filmpreise an diesem Samstag abschließen, spüren wir, dass die Welt draußen kein besserer Ort wird. Im Gegenteil: Polarisierung, Gewalt, ein anhaltender Strom von Hass und Verrohung, die Missachtung des Völkerrechts und der Menschenrechte, tägliche Drohungen militärischer Interventionen und offen faschistische Politik sind Teil unserer alltäglichen Realität geworden. ... Dabei haben wir die Menschen in der
Ukraine nicht vergessen.
Wir haben die Menschen in Gaza und im Westjordanland in Palästina nicht vergessen.
Wir sehen, was derzeit im Iran geschieht, und wissen, wie viele Menschen in Europa sich mit der Revolution und den Opfern dieser Woche verbunden fühlen.
Wir sehen unsere mit uns verbundenen Filmschaffenden, die unter der derzeitigen Regierung in Israel leben.
Wir erkennen, dass unsere grönländischen Mitglieder zutiefst um ihre Zukunft besorgt sind – um ihre
eigene und die ihrer Familien.
Wir haben noch nicht einmal über Venezuela, Sudan, den Kongo und andere Länder gesprochen – die Liste wächst, und die Geschichten von Menschen, die endlos leiden, ebenso.
Die Europäische Filmakademie ist keine politische Institution, aber sie sollte ein Zuhause für alle bieten, die an die Kraft des europäischen Kinos glauben und sie lieben. Als Institution vertreten wir Künstlerinnen und Künstler sowie Menschen, die zutiefst an das
glauben, was uns im Hinblick auf europäische Werte verbindet.«
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Mehrere Mitglieder traten auf diesen so unverbindlichen wie tendenziösen Sermon hin empört aus. Der Berliner Produzent Stefan Pannen erlaubte uns, seinen selbst erklärenden Austrittbrief hier wiederzugeben:
Dear filmacademy,
am I wrong or did you forget to mention the people of Israel, who are victims of radical Islamic terrorists?
To mention only Gaza and Westbank is inappropriate and for sure not a coincidence, but part of ongoing antisemitism in the film industry.Therefore with this email I withdraw my membership of the European Film Academy, which no longer represents what I as a producer and filmmaker stand for.
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Ich gebe zu: Ich hätte es nie und nimmer zu hoffen gewagt: Aber die Nominierung für den diesjährigen »Preis der Deutschen Filmkritik« des »Verbands der deutschen Filmkritik« (vdfk), an dem man ansonsten mit guten Gründen einiges kritisieren kann, sind sehr erfreulich: Rote Sterne überm Feld, In die Sonne
schauen sowie Chaos und Stille gehören zu den Favoriten der vier Fachjurys. Zum ersten Mal werden auch Preise in den Kategorien Bestes Kostümbild und Bestes Szenenbild vergeben.
Die größten Chancen auf einen Preis kann sich Laura Laabs Debütfilm Rote Sterne überm Feld ausrechnen. Mit sieben
Nominierungen steht ihr geschichtsbewusstes Montage-Kino, das vor genau einem Jahr den Max-Ophüls Preis der Filmkritik gewann, an der Spitze der Nominierten-Liste. Knapp dahinter folgt In die Sonne schauen von Mascha Schilinski mit sechs Nominierungen, darunter jene für den besten Spielfilm.
Sehr erfreulich sind auch die Nominierungen für Zikaden (Regie: Ina Weisse, Bester Film) und Active Vocabulary (Regie: Yulia Lokshina, Bester Dokumentarfilm).
Eine schöne Überraschung ist auch, dass viele sogenannte gute Filme gar nicht oder wenig nominiert wurden, wie etwa der von leider sehr vielen Kritiker-Kollegen überschätzte trantütige Miroirs No. 3 von Christian Petzold, der nur drei eher nebensächliche Nominierungen bekam.
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Der Europäische Filmpreis des Jahres 2025 ist, wie wir schon neulich an dieser Stelle berichtet haben, schlicht und einfach ausgefallen. Dafür verleiht man den Europäischen Filmpreis 2026 jetzt bereits am Anfang des Jahres, also kurz gesagt fast unter Ausschluss der Öffentlichkeit am vergangenen Sonntag. Bei dieser Preisentscheidung ist es aber auch kein großer Verlust für die Öffentlichkeit, die davon nichts mitbekommen hat.
Schön immerhin, dass nicht genug Leute auf Riefenstahl von Andres Veiel reingefallen sind und auch nicht auf den Gaza-Film, sondern dass der tatsächlich herausragende Film Fiume o Morte von Igor Bezinovic den Preis gewonnen hat. Ansonsten galt einmal mehr, dass beim Europäischen Filmpreis das gleiche Prinzip herrscht wie beim Fußball: Alles auf einen Haufen, ein einziger Film sticht über alle anderen hinaus. Und so geschah es, dass In die Sonne schauen, der wunderbare Film von Mascha Schilinski aus Deutschland tatsächlich nur ein einziges Mal gewonnen hat, in einer totalen Nebenkategorie nämlich dem Besten Kostümbild. Ansonsten gab es noch drei ebenfalls ziemlich nebensächliche Preise für den Film Sirât.
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In der bundesweiten Filmförderorganisation FFA haben die Kirchen jetzt durch die neuen Gesetze noch einen Sitz, statt bislang zwei. Das ist schlecht und zwar nicht, weil die Kirchen so viel von Film verstünden, sondern es ist deswegen ein Nachteil, weil ihre Vertreter die einzigen Unabhängigen in der ganzen deutschen Filmszene sind, neben den Filmkritikern. Sie sind die einzigen, die nichts unmittelbar davon haben, wenn ein bestimmter Film gefördert wird oder nicht gefördert
wird, die nicht finanziell davon profitieren. Die deutschen Fördergremien bräuchten viel mehr solche Stimmen und nicht noch weitere Sitze von weiteren interessierten Kreisen.
Filmfestivals dagegen sollten nicht mitentscheiden dürfen, welche Filme gefördert werden und unter welchen sie also in Zukunft auswählen dürfen. Sie sollten viel mehr demütig darauf warten, was ihnen präsentiert wird. Demut wäre sowieso für Filmfestivals eine Kardinaltugend. Nützlich und
unentbehrlich.
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Das Festival von Locarno braucht offenbar Geld. Darauf deutet eine Aussendung hin, die man nur als gehobenen Bettelbrief bezeichnen kann:
»Werde Mitglied des Locarno Film Festival Vereins und unterstütze eine Institution, die seit 1946 künstlerische Freiheit und die Vielfalt des Weltkinos feiert – Werte, die heute wichtiger sind denn je. Als Dankeschön erhältst du zwei Tickets für den Abschlussabend von Locarno79 auf der Piazza Grande (15. August 2026) – zusätzlich
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