22.01.2026
Cinema Moralia – Folge 374

Europa im Schatten des billigen Moralismus

Zikaden
Sehr erfreulich: die Nominierung von Zikaden (Regie: Ina Weisse, Bester Film).
(Foto: DCM)

Austritt aus der Europäischen Filmakademie wegen einseitiger Israelvergessenheit, erwartbare Preise, ein gehobener Bettelbrief und der Preis der Filmkritik – Cinema Moralia, Tagebuch eines Kinogehers, 374. Folge

Von Rüdiger Suchsland

Die Europäi­sche Film­aka­demie hat Mitleid mit der ganzen Welt, außer mit Juden. Das passt wie der David­stern auf der Berliner Haustür zum Inter­na­tio­nalen Gedenktag an die Opfer des Natio­nal­so­zia­lismus am 27. Januar.

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Am 16. Januar versandte die Akademie eine geschwät­zige Nachricht, die zu lang ist, um sie hier komplett im Original zu zitieren: Über­schrieben mit »Eine wichtige Botschaft der Europäi­schen Film­aka­demie« erklärt man »die Welt, wie wir sie kannten, verändert sich rasant, und wir wissen nicht, was als Nächstes kommt. Das sind Dinge, die uns alle beun­ru­higen. Da fragt man sich, ob eine Preis­ver­lei­hung überhaupt noch von Bedeutung ist.«

»Während wir unsere intensive Arbeit für die kommenden Europäi­schen Film­preise an diesem Samstag abschließen, spüren wir, dass die Welt draußen kein besserer Ort wird. Im Gegenteil: Pola­ri­sie­rung, Gewalt, ein anhal­tender Strom von Hass und Verrohung, die Miss­ach­tung des Völker­rechts und der Menschen­rechte, tägliche Drohungen mili­täri­scher Inter­ven­tionen und offen faschis­ti­sche Politik sind Teil unserer alltäg­li­chen Realität geworden. ... Dabei haben wir die Menschen in der Ukraine nicht vergessen.
Wir haben die Menschen in Gaza und im West­jor­dan­land in Palästina nicht vergessen.
Wir sehen, was derzeit im Iran geschieht, und wissen, wie viele Menschen in Europa sich mit der Revo­lu­tion und den Opfern dieser Woche verbunden fühlen.
Wir sehen unsere mit uns verbun­denen Film­schaf­fenden, die unter der derzei­tigen Regierung in Israel leben.
Wir erkennen, dass unsere grön­län­di­schen Mitglieder zutiefst um ihre Zukunft besorgt sind – um ihre eigene und die ihrer Familien.
Wir haben noch nicht einmal über Venezuela, Sudan, den Kongo und andere Länder gespro­chen – die Liste wächst, und die Geschichten von Menschen, die endlos leiden, ebenso.
Die Europäi­sche Film­aka­demie ist keine poli­ti­sche Insti­tu­tion, aber sie sollte ein Zuhause für alle bieten, die an die Kraft des europäi­schen Kinos glauben und sie lieben. Als Insti­tu­tion vertreten wir Künst­le­rinnen und Künstler sowie Menschen, die zutiefst an das glauben, was uns im Hinblick auf europäi­sche Werte verbindet.«

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Mehrere Mitglieder traten auf diesen so unver­bind­li­chen wie tenden­ziösen Sermon hin empört aus. Der Berliner Produzent Stefan Pannen erlaubte uns, seinen selbst erklä­renden Austritt­brief hier wieder­zu­geben:

Dear film­a­ca­demy,

am I wrong or did you forget to mention the people of Israel, who are victims of radical Islamic terro­rists?
To mention only Gaza and Westbank is inap­pro­priate and for sure not a coin­ci­dence, but part of ongoing anti­se­mi­tism in the film industry.

Therefore with this email I withdraw my member­ship of the European Film Academy, which no longer repres­ents what I as a producer and filmmaker stand for.

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Ich gebe zu: Ich hätte es nie und nimmer zu hoffen gewagt: Aber die Nomi­nie­rung für den dies­jäh­rigen »Preis der Deutschen Film­kritik« des »Verbands der deutschen Film­kritik« (vdfk), an dem man ansonsten mit guten Gründen einiges kriti­sieren kann, sind sehr erfreu­lich: Rote Sterne überm Feld, In die Sonne schauen sowie Chaos und Stille gehören zu den Favoriten der vier Fachjurys. Zum ersten Mal werden auch Preise in den Kate­go­rien Bestes Kostüm­bild und Bestes Szenen­bild vergeben.
Die größten Chancen auf einen Preis kann sich Laura Laabs Debütfilm Rote Sterne überm Feld ausrechnen. Mit sieben Nomi­nie­rungen steht ihr geschichts­be­wusstes Montage-Kino, das vor genau einem Jahr den Max-Ophüls Preis der Film­kritik gewann, an der Spitze der Nomi­nierten-Liste. Knapp dahinter folgt In die Sonne schauen von Mascha Schi­linski mit sechs Nomi­nie­rungen, darunter jene für den besten Spielfilm.

Sehr erfreu­lich sind auch die Nomi­nie­rungen für Zikaden (Regie: Ina Weisse, Bester Film) und Active Voca­bu­lary (Regie: Yulia Lokshina, Bester Doku­men­tar­film).

Eine schöne Über­ra­schung ist auch, dass viele soge­nannte gute Filme gar nicht oder wenig nominiert wurden, wie etwa der von leider sehr vielen Kritiker-Kollegen über­schätzte tran­tü­tige Miroirs No. 3 von Christian Petzold, der nur drei eher neben­säch­liche Nomi­nie­rungen bekam.

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Der Europäi­sche Filmpreis des Jahres 2025 ist, wie wir schon neulich an dieser Stelle berichtet haben, schlicht und einfach ausge­fallen. Dafür verleiht man den Europäi­schen Filmpreis 2026 jetzt bereits am Anfang des Jahres, also kurz gesagt fast unter Ausschluss der Öffent­lich­keit am vergan­genen Sonntag. Bei dieser Preis­ent­schei­dung ist es aber auch kein großer Verlust für die Öffent­lich­keit, die davon nichts mitbe­kommen hat.

Schön immerhin, dass nicht genug Leute auf Riefen­stahl von Andres Veiel rein­ge­fallen sind und auch nicht auf den Gaza-Film, sondern dass der tatsäch­lich heraus­ra­gende Film Fiume o Morte von Igor Bezinovic den Preis gewonnen hat. Ansonsten galt einmal mehr, dass beim Europäi­schen Filmpreis das gleiche Prinzip herrscht wie beim Fußball: Alles auf einen Haufen, ein einziger Film sticht über alle anderen hinaus. Und so geschah es, dass In die Sonne schauen, der wunder­bare Film von Mascha Schi­linski aus Deutsch­land tatsäch­lich nur ein einziges Mal gewonnen hat, in einer totalen Neben­ka­te­gorie nämlich dem Besten Kostüm­bild. Ansonsten gab es noch drei ebenfalls ziemlich neben­säch­liche Preise für den Film Sirât.

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In der bundes­weiten Film­för­der­or­ga­ni­sa­tion FFA haben die Kirchen jetzt durch die neuen Gesetze noch einen Sitz, statt bislang zwei. Das ist schlecht und zwar nicht, weil die Kirchen so viel von Film vers­tünden, sondern es ist deswegen ein Nachteil, weil ihre Vertreter die einzigen Unab­hän­gigen in der ganzen deutschen Filmszene sind, neben den Film­kri­ti­kern. Sie sind die einzigen, die nichts unmit­telbar davon haben, wenn ein bestimmter Film gefördert wird oder nicht gefördert wird, die nicht finan­ziell davon profi­tieren. Die deutschen Förder­gre­mien bräuchten viel mehr solche Stimmen und nicht noch weitere Sitze von weiteren inter­es­sierten Kreisen.
Film­fes­ti­vals dagegen sollten nicht mitent­scheiden dürfen, welche Filme gefördert werden und unter welchen sie also in Zukunft auswählen dürfen. Sie sollten viel mehr demütig darauf warten, was ihnen präsen­tiert wird. Demut wäre sowieso für Film­fes­ti­vals eine Kardi­nal­tu­gend. Nützlich und unent­behr­lich.

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Das Festival von Locarno braucht offenbar Geld. Darauf deutet eine Aussen­dung hin, die man nur als gehobenen Bettel­brief bezeichnen kann:
»Werde Mitglied des Locarno Film Festival Vereins und unter­s­tütze eine Insti­tu­tion, die seit 1946 künst­le­ri­sche Freiheit und die Vielfalt des Weltkinos feiert – Werte, die heute wichtiger sind denn je. Als Danke­schön erhältst du zwei Tickets für den Abschluss­abend von Locarno79 auf der Piazza Grande (15. August 2026) – zusätz­lich erhältst du 10% Rabatt auf Merchan­dise und das Abon­ne­ment Freunde des Festivals (›Amici‹).
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