Cinema Moralia – Folge 373
Als die Geschichte Pause machte |
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| Vor gut hundert Jahren erschien Greta Garbos einziger deutscher Film, Die freudlose Gasse von Georg Wilhelm Pabst | ||
| (Plakat: Film Arts Guild, Public domain, via Wikimedia Commons) | ||
»Gesundheitlich geht es, abgesehen von chronischer Unterschlafenheit, ganz gut, und wir sind bis jetzt ohne Hongkong-Grippe über den Winter gekommen, der seit ein paar Tagen wieder barbarische Gestalt angenommen hat.«
– Theodor W Adorno am 14 Februar 1969 an Herbert Marcuse»Die Geschichtenerzähler machen weiter, die Autoindustrie macht weiter, die Arbeiter machen weiter, die Regierungen machen weiter, die Rock 'n' Roll-Sänger machen weiter, die Preise machen weiter, das Papier macht weiter, der Mond geht auf, die Sonne geht auf, die Augen gehen auf, Türen gehen auf, der Mund geht auf… die Tage machen weiter, die Monate, die Jahreszeiten machen weiter…«.
– Rolf Dieter Brinkmann, verhinderter Filmregisseur, in der Vorbemerkung zu »Westwärts 1 & 2«
»Letzte Förderrunde der FFA-Kinoförderung 2025: 4,4 Millionen Euro für 88 Projekte, Jahressumme bei 14,1 Millionen Euro
Berlin, 12. Januar 2026 – Zum Ende des vergangenen Jahres beschied die FFA 88 Projektanträge von Kinos aus der letzten Einreichrunde 2025; alle förderfähigen Anträge konnten berücksichtigt werden. Das Gesamtvolumen der geförderten Maßnahmen, die sich auf alle Bundesländer verteilen, lag bei 4.429.410,12 Euro. Damit beträgt die Summe der insgesamt 324
im Jahr 2025 bewilligten Projekte 14.146.064,51 Euro.«
55 der 88 nun geförderten Projekte haben die Modernisierung von Kinos zum Ziel, auf sie entfielen insgesamt 4.276.806,21 Euro. Zu den Maßnahmen zählen u. a. die Herstellung von Barrierefreiheit und die Optimierung der Nachhaltigkeit ebenso wie die Erneuerung eines Kinodachs, die Errichtung von vier neuen Sälen in bestehenden Kinos und die Verbesserung von Brandschutz und Sicherheitstechnik, aber auch die Anschaffung neuer Projektoren, 3D-Systeme, Bildwände oder spezieller Monitore für die Außenwerbung. – Soweit die neueste Pressemitteilungen der FFA.
Wenn das hier die Probleme des Kinos sein sollen, »Optimierung der Nachhaltigkeit«, 3D-Systeme, und Außenwerbung, dann kann es dem deutschen Kino nicht so schlecht gehen.
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Wenn im Iran die Revolution ihre Kinder erschießt, macht das deutsche Kino einfach weiter. Vielleicht wäre ein anderes Verhalten aber gerade nötig.
Nach »Venezuela« fragte ausgerechnet der Medienredakteur der FAZ spürbar empört und angemessen ratlos: »Trump macht die Regeln. Und was machen wir?«, und rezensierte
die Entführung Maduros wie einen Actionfilm.
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Geschichte ist immer; und seit einigen Jahren geschehen quasi jede Woche neue »historische« Ereignisse. Spätestens mit der Pandemie begann es, dann kam der Ukraine-Krieg, die Inflation, und KI. Donald Trump kehrte zurück, Friedrich Merz kam auch, und man ahnt nur, was da bald womöglich noch alles kommen mag. Da ist die Vorstellung, die Geschichte könne mal stillstehen, und einfach Pause machen, eine tröstliche.
Das Jahr 1926 war ein Augenblick der Ruhe in den turbulenten 1920er-Jahren. Vor 100 Jahren geschah eine ganze Menge, aber nichts Weltbewegendes. Das macht die Erinnerung daran so angenehm. Die Geschichte schien tatsächlich einmal kurz innezuhalten, Pause zu machen.
Dabei war es zugleich durchaus alles Mögliche, an das man sich erinnern könnte, und in den folgenden Jahrzehnten erinnert hat: Fritz Langs Metropolis kam in die Kinos, die damals noch »Lichtspieltheater« hießen; »Babe Ruth« nannte man den berühmtesten Baseballspieler der Welt; Josephine Baker besuchte Berlin und erfand dort den Bananentanz, der sie zum Weltstar machte, den der irritiert-faszinierte Harry Graf Kessler so kommentierte: »Ultramodern und ultraprimitiv, ein Mittelprodukt zwischen Urwald und Wolkenkratzer«; Leni Riefenstahl war noch eine Schauspielerin und begann ihre ersten Karriereschritte; Ernest Hemingway zog nach Paris; Greta Garbo drehte kurz davor ihren einzigen deutschen Film, Die freudlose Gasse von Georg Wilhelm Pabst... Trotzdem wirkt dieses »Jahr am Rand der Zeit« (Hans Ulrich Gumbrecht) in der Erinnerung seltsam gesichtslos; es scheint kein wirkliches Profil zu haben. Gumbrecht, deutscher Literaturwissenschaftler in Kalifornien, findet genau hierin das Spannende und Repräsentative dieses Jahres 1926, das Jahr des Zenits der Weimarer Republik.
Hans Ulrich Gumbrechts Buch über das Jahr »1926. Ein Jahr am Rand der Zeit« erschien schon vor 28 Jahren in den USA, wo der Deutsche Gumbrecht seit langem lebt, der Suhrkamp Verlag hat es zunächst 2001 auf Deutsch als – heute längst vergriffener – Hardcover und jetzt pünktlich zur Jahreswende auch die Taschenbuchausgabe neu aufgelegt. (Hans Ulrich Gumbrecht: »1926. Ein Jahr am Rand der Zeit«; Suhrkamp Verlag, Berlin 2025. 554 S., 20,- Euro)
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»Versuchen Sie nicht am Anfang anzufangen, denn dieses Buch hat keinen Anfang« – steht am Anfang des Buchs. Hans Ulrich Gumbrecht öffnet den Zeittunnel – 1926 veröffentlichte der Quantenphysiker Erwin Schrödinger die nach ihm benannte Wellengleichung, die zu einer der Grundlagen der Quantenmechanik wurde, und ihm ein paar Jahre später den Nobelpreis sicherte –, zum Jahr 1926, und bietet ein Modell, wie man auch über Film schreiben und womöglich denken könnte: In Form einer Landkarte aus Verbindungen, rhizomartig, alphabetisch, lexikalisch, in Gegensatz-Denkpaaren wie »Handeln versus Ohnmacht« und in »Zusammengebrochenen Codes«, wie »Ewigkeit« und »Tragik« oder zur Not ganz willkürlich.
Es sind sehr gegenwärtige Erfahrungen, auf die man hier trifft: Eine rasante Modernisierung, neue Medien (das Radio; das Telephon; das Kino), eine Flut von Bildern und anderen Sinnesreizen und vor allem die Unsicherheit über die kommenden Dinge. 1926 ist das Gegenteil von jener »Neuen Sachlichkeit«, die damals gerade zur Mode geworden war, es war ein Zauber und ein Glücksversprechen, das sich manchmal noch mitteilt, wenn man zum Beispiel einen der alten Filme sieht, oder einen
Schlager hört, oder die – meist lebensfroh bunten – Bilder einer Ausstellung über die Zwanziger. Alles war neu, die Zukunft verboten weit offen, und man merkt den Menschen das Vergnügen und das sinnliche Glück an, in diesen hedonistischen, »transzendental obdachlosen« Zeiten zu leben.
Aber in diesem Jahr blieben die Katastrophen noch aus.
Weil die Zukunft sich uns entzieht, und wir nicht wissen, was das Jahr 2026 bringen wird, kann der Blick zurück, hundert Jahre in die Vergangenheit, sogar so etwas wie Trost spenden. Genießen wir ihn. Von da an ging’s bergab.
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Martin Warnke, 2019 verstorbener großartiger Kunsthistoriker, sagte bei seiner Emeritierung in Hamburg im Januar 2003, er verlasse die Universität im Augenblick ihres Sterbens. Was seinerzeit apokalyptisch klang, hat sich heute erfüllt.
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Carsten Brosda, der kluge und »plietsche« Hamburger Kultursenator, »der das Kaliber eines Peter Glotz hat«, so Peer Steinbrück gerade im SZ-Interview, und der bei den Künstlern und Kulturmenschen offenbar beliebter ist als in seiner eigenen Partei, der SPD – die ihn beim letzten Parteitag nicht mal in den Parteivorstand der SPD gewählt hat –, dieser Carsten Brosda hat die Öffentlichkeit in der ersten Woche des Neuen Jahres gleich mit zwei Essays beglückt. Deren Veröffentlichungsorte waren wohlgewählt: In der Frankfurter Allgemeinen, einer neoliberal offenen und tendenziell technikverliebten Zeitung, schrieb er über das Verhältnis von KI und Demokratie. Spoiler: Nicht so gut.
»Europa braucht schnell einen eigenen, dritten Weg der Digitalisierung. Wenn wir jetzt nicht handeln, ist es zu spät.« heißt es da – und gefällt wahrscheinlich schon wieder den FAZlern, die ja auch latent kulturpessimistische Apokalyptiker sind, und denen die ganzen Metaphern »Flut«, »Überschwemmung«, »Kontrollverlust« schon aus der sogenannten Flüchtlingsdebatte vertraut sind. Da muss man dann »Dämme bauen«, »Löcher schließen« und »in handhabbare Bahnen lenken«, was schon bei Flüchtlingen nicht so gut funktioniert.
An den Formulierungen würde ich als Genosse also noch etwas feilen. Aber inhaltlich hat der Autor ja vollkommen recht: »Schon heute ist für den Laien kaum mehr zu überprüfen, welcher Inhalt Vertrauen verdient und welcher nicht.« Er beschreibt, wie KI das Wissen aufbereitet und zunehmend die Produktion von Bildern und Geschichten übernimmt. Wir müssen unsere Öffentlichkeit als einen Raum, in dem Menschen mit Menschen informiert kommunizieren und als das Herz der freiheitlichen Demokratie verteidigen. »Und nicht irgendwann, sondern jetzt.«
Brosda drückt es freundlicher aus, aber er beschreibt die Selbstaufgabe der europäischen Öffentlichkeit vor allem der europäischen Medienhäuser, die ohne Not sich selbst abgeschafft und ihre Inhalte US-amerikanischen Plattformen ausgeliefert haben.
»Die Geschwindigkeit, in der diese einmalige Melange aus kapitalistischer Landnahme, intellektueller Enteignung und kultureller Kolonisierung entsteht, ist atemberaubend. Und eine Herausforderung für unsere Gesellschaft und für die Medienpolitik. Sie stellt uns vor fundamentale Machtfragen, die unseren materiellen Wohlstand und unsere demokratische Autonomie zunehmend bedrohen.«
Was tun? Der Kultursenator plädiert für Medienstaatsverträge und Regulierung, vor allem aber für europäische Zusammenschlüsse: »Langfristig wird entscheidend sein, dass wir in Europa wieder eigene Technologiekompetenz entwickeln.«
Die bewährte klassische Medienordnung soll auf die neue digitale Welt übertragen werden. Nur: Wie soll das gehen?
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Vielleicht könnte man vom schleswig-holsteinischen Ministerpräsidenten Daniel Günther lernen, und da anfangen, wo in Deutschland Krawall inszeniert wird. Noch kein Sozialdemokrat ist dem liberalen Unionspolitiker beigesprungen, bei seinem Ansinnen, die deutsche Öffentlichkeit vor Wildwest-Methoden zu schützen.
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In der »Zeit« verkündet Brosda dann: »Schlechte Laune ist auch keine Lösung«. Aber sie sei »brandgefährlich«. Brosda plädiert für eine Haltung des »Ja wenn...« statt des »Nein, weil...« und beobachtet einen Verfall der Öffentlichkeit: »In der Debattenillusion der politischen Fernsehtalkshows ... ist schon lange kein Ringen um die bessere Idee mehr zu beobachten, sondern allenfalls ein geschicktes Gegeneinanderschieben sorgfältig gecasteter konträrer Positionen – und dann wundern sich alle, dass Einigung nicht möglich ist, ja oftmals nicht einmal versucht wird.«
In der Politik gehe es nicht darum, sein eigenes Angebot einer möglicherweise vorhandenen Nachfrage anzupassen, sondern Politik sei der Streit um die richtigen Antworten. Unsere Gesellschaft brauche wieder Zukunftsbilder.
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Auf den 15. und den 20. Januar fallen David Lynchs Todestag und sein 80. Geburtstag. Aus diesem Anlass verkündet der »Arthouse«-Verleih diverse Lynch-Veröffentlichungen auf DVDs, Blu-rays und 4K UHD sowie im Stream und auf YouTube. Zurück in die Kinos kommt am 3. Februar 2026 Lost Highway.
Der Verleih schreibt dazu: »Wie kein Zweiter verstand es der 2025 verstorbene Allroundkünstler, die alptraumhaften Seiten der Existenz in eindringliche und zugleich unergründliche Bilder und Töne zu verpacken. Mühelos bewegt sich sein Werk zwischen Avantgarde und mitreißender Unterhaltung, zwischen Kammerspiel und Spektakel, lockt seine Zuschauer mit Neo-Noir-Ästhetik und surrealistischen Bildkompositionen, und entzieht sich am Ende doch immer wieder jeder festgelegten Deutung. David Lynchs Filme gehen unter die Haut – ihre Bilder reichen tief in unser Unbewusstes hinein.«
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Neuschnee in Berlin und Schneetreiben während der letzten Tage. Auf den Plätzen liegen immer noch 10 Zentimeter dicke Eisschollen und alle freuen sich schon auf die Berlinale, die in nicht einmal mehr vier Wochen eröffnet wird.
Aber erstmal steht noch ein sympathischeres Festival an, das »Festival Max Ophüls-Preis« in Saarbrücken, von dem wir wie gewohnt ab kommender Woche berichten werden.
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In den Pressemitteilungen erfahren wir schon vom »Key Visual«, gemeint ist das Plakat der Berlinale. »Bereits ab Ende Januar werden die neuen Berlinale-Plakate in ganz Berlin auf das kommende Festival einstimmen. Farbenfroh, festlich und verspielt kehrt der Bär in den Mittelpunkt der Plakat- und Medienkampagne zurück. Das beliebte Symbol des Festivals nimmt Gestalt in einer Komposition aus leuchtenden Farben an, die Bewegung, Lebendigkeit und Licht in der Dunkelheit vermitteln – ganz wie das Kino selbst. Das Plakat zum Festival wurde erneut von der Berliner Grafikerin Claudia Schramke kreiert. Ab heute sind die Plakate bereits im Berlinale Online Shop erhältlich.«
Kein mir bekanntes anderes Filmfestival verschickt solche Pressemitteilungen. Wann hat das eigentlich angefangen? Und warum?
Und was sagt es über die Berlinale?
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Auf Facebook erinnert die SZ-Theaterkritikerin Christine Doessel in einem sehr persönlichen Post an den leider gerade verstorben SZ-Lokalreporter Franz Kotteder. Manches ist zu persönlich, aber diese Passage möchte ich zitieren:
»Franz Kotteder war ein Lokaljournalist durch und durch, ein richtig guter, schneller, witziger, menschlicher. Alte SZ-Schule im besten Sinne. Ein echtes Münchner Gewächs. Bodenständig. Mit Herz und Anstand. Auch mit Trotz und Kampfgeist. Als Betriebsrat und Gewerkschafter ging er angriffslustig auf die Barrikaden, setzte sich für die Belange der Redaktion und für jeden Einzelnen ein, unerschrocken kämpferisch ... bis zuletzt. Er ließ sich von keinem Vorgesetzten oder
Verleger je ins Bockshorn jagen, war eher Wadlbeißer als Kuscher. Oft harsch, manchmal schier aggressiv. Da kannte er nichts … auch in den Redaktionskonferenzen nahm er, wenn er sich zu Wort meldete, kein Blatt vor den Mund. Ich habe oft seinen Mut bewundert.
Franz hatte als Lokaljournalist ein kolossales Netzwerk und daher oft als Erster die neuesten Geschichten. Er war beliebt, hatte ein Gespür für Menschen und Themen – und ein Arbeitspensum, 'das normalerweise
für zwei Leben reicht'... neben seinen Reportagen, Kolumnen und Food-Geschichten hat er immer wieder auch Bücher geschrieben. Sein 2024 erschienenes Wiesn-Kochbuch ›Zu Gast auf dem Oktoberfest‹ habe das ›Zeug zu einem Klassiker‹, schrieb die FAZ.«
Mit Franz Kotteder geht einmal mehr ein Stück des Alten Münchens, des Münchens des 20. Jahrhunderts, auf Nimmerwiedersehen.
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Nochmal die Erinnerung: Das Literaturforum im Brecht-Haus begeht den 30. Jahrestag von Heiner Müllers Beerdigung am 16. Januar, 19 Uhr. Mit dabei: Corinna Harfouch, Mark Lammert, Nikolaus Müller-Schöll und Stephan Suschke. Info: lfbrecht.de