17.11.2025

Spotlights

FOFS 2025

Wie sind die Werke der Young Filmmakers? Short Reviews der Young Film Critics

Von artechock-Redaktion

In Koope­ra­tion mit der Ludwig-Maxi­mi­lians-Univer­sität und dem Inter­na­tio­nalen Festival of Future Story­tel­lers

Amos, Vogel · R: Iñaki S. G. Miranda · Mexiko 2024

Amos, Vogel
(Foto: FOFS · Iñaki S. G. Miranda)

Wie lange leben Wolken? Diese Frage wird Amos oft gestellt. Die Geschichte dreht sich um die beiden Freunde Amos und Vogel, ihre Beziehung, Leiden­schaft, Depres­sion, Verlust und schließ­lich: Erin­ne­rung. Der Film überzeugt mit einer großen symbo­li­schen Kraft. Die Wolken, die Ziga­retten, beides evapo­riert nach einer Zeit und was bleibt dann? Was bleibt nach den schönen Momenten, den Erleb­nissen, der Leiden­schaft? Nur die Erin­ne­rung. Doch wie hält man daran fest? Die diame­trale Symbolik der Kamera des Prot­ago­nisten und der Ziga­retten seines Freundes ist bemer­kens­wert einge­setzt in einem Film, der sich besonders der Angst des Verges­sens widmet. – Carlotta Macri

Erin­ne­rungen, so flüchtig wie Wolken und Ziga­ret­ten­rauch. Amos beob­achtet seinen Freund Vogel genau, der stets mit einer Zigarette im Mund den Wolken nach­blickt und über deren Leben philo­so­phiert. Was bleibt von uns übrig, nachdem wir weg sind, sind wir wie die Wolken, die sich auflösen? Es geht um die Freund­schaft der beiden und eine zarte Annähe­rung – genauso wie um Verlust und die abschließende Erin­ne­rung, was vom Leben übrig­bleibt. Die Kamera beschäf­tigt sich mit Texturen und Ober­flächen, schafft es, Sensa­tionen auf Leinwand zu bannen und spielt optisch mit der tief­grei­fenden Frage, wie die mensch­liche Erin­ne­rung funk­tio­niert: mal wird das Bild körnig, verlang­samt sich zu einzelnen Foto­gra­phien, verliert Schärfe oder verwischt – wie sich auflö­sende Erin­ne­rungs­fetzen. – Maria Rüegg

Año de casados (A Year of Marriage) · R: Pablo Camargo López · Mexiko 2025

Das Biest zwischen uns. Die Familie ihres frisch ange­trauten Ehemannes möchte Anna Maria ihr Hoch­zeits­ge­schenk persön­lich über­rei­chen. Es handelt sich um ein haariges kleines Wesen, das sicher­stellen soll, dass die Ehe für immer halten wird. Año de casados verwan­delt die Angst vor der Unter­wer­fung in eine gefügige Haus­frau­en­rolle zu einer bissigen Metapher, die zwischen Satire und Horror fluk­tu­iert. Die Prot­ago­nistin muss sich einem Panop­tikum wider­setzen, das jegliche eman­zi­pa­to­ri­sche Hand­lungen aufs stärkste sank­tio­niert. Visuell verortet sich der Film zwischen Giorgos Lanthimos und Grind­house. Die Film­kratzer und das analoge Flimmern – in dunklen Szenen – beleben das Grauen mit einer hapti­schen Inten­sität. – Constantin Bombelli

Comme des Cowboys · R: Julia Sadowska · PL 2024

Alte Liebe, neue Hoffnung und Pferde. Im Western-Stil erzählt der Film die geschei­terte Beziehung von Julita und Stacy: eine toxische Verbin­dung, die kaum eine Facette auslässt von Mani­pu­la­tion, bis hin zur Selbst­ver­let­zung. Aber wie lässt man richtig los?
In langen Bildern und klas­si­schem Reiter­stall-Setting erzählt der Film von dem Versuch sich von einer geliebten Person loszu­lösen.
Er greift viele Ideen auf,Liebe, Western, Pferde, führt diese aber inkon­se­quent zu Ende. Nicht alle Ansätze greifen nahtlos inein­ander, doch die Mischung aus queerer Liebes­ge­schichte, Western-Ästhetik und Pfer­de­drama besitzt einen eigenen, ironi­schen Charme. – Rose Türemis

A Bull Calls · R: Nelson Algomeda Centen · DE, Venezuela 2025

Ins Bett pinkeln und bei den Kühen schlafen. Eine Geschichte über die Rückkehr nach Hause und die Konfron­ta­tion mit der Vergan­gen­heit. Rosalinda lebt schon seit Langem in Berlin, doch ein Stier scheint sie an jeder Ecke zu verfolgen. Nach einem Besuch bei ihrer Familie in Venezuela wird die starke Präsenz des Stiers immer realer. Durch Nahauf­nahmen und Hand­ka­me­ra­auf­nahmen können wir die erschüt­terte Beziehung zwischen Rosalinda und ihrer Familie spüren. Im Verlauf des Films zeigen die Aufnahmen des Stiers, dass er sich immer weiter von Rosalinda entfernt. Es bietet sich eine Loslösung von ihrer quälenden Vergan­gen­heit an, die mit einem Gefühl des fried­li­chen Loslas­sens einher­geht. Die Stiere laufen über die Felder und exis­tieren weiter, ebenso wie Rosalinda. – Adelajde Osmani

Cool, wenn’s anders läuft · R: Florentin Dotzauer · D 2024

Pippi Langs­trumpf in Berlin: Drei Mädchen quasseln, zappeln, kichern und filmen einander. Wie hält man ADHS mit der Kamera fest, wie als Publikum aus? Eine Medi­ta­tion über einen Fami­li­en­alltag, der irgendwo zwischen Sport, Schule und Neuro­di­ver­genz statt­findet. Die Hürden einer Kindheit mit AD(H)S? Daran hält sich Florentin Dotzauer nicht auf. Wie auch – man ist Miranda und ihren Geschwis­tern nahezu ausge­lie­fert. Wenn das A in ADHS für Anders steht, steht das S für Spaß, denn den hat man beim Schauen des Doku­men­tar­films. Gleich­zeitig berührt er nicht nur jene, die selbst von Neuro­di­ver­genz betroffen sind. Eine Leidens­ge­schichte oder gar Inspi­ra­tion Porn sucht man hier vergeb­lich. – Iris Wyn König

Cuando retornen las garzas (When the herons return) · R: Robert Brand Ordóñez · Kolumbien 2025

Esperar und Esperanza – das Warten und die Hoffnung sind im Spani­schen etymo­lo­gisch nah beiein­ander. Und so wartet im Morgen­grauen eine Mutter auf die Rückkehr der Reiher – wie auf ihren verstor­benen Sohn. Cain hat, wie sein bibli­sches Pendant, jemanden umge­bracht und irrt seitdem in Amnesie umher und sucht nach einem Umgang mit seiner Schuld. Er ist gefangen im inneren Gefängnis seiner verdrängten Erin­ne­rung, das sich nach außen hin als Urwald darstellt. Ein myste­riöser Begleiter zeigt ihm den Weg, der ihn am Ende zu sich selbst und seiner Erin­ne­rung führen wird. In dem berüh­rendem Film geht es um Verlust, um das Bangen um Geliebte und das Vergessen der eigenen Vergan­gen­heit als Spiegel und Aufar­bei­tung der Traumata der Violencia, einem jahr­zehn­te­langen gewalt­samen Konflikt in Ordóñez’ Heimat­land Kolumbien. – Maria Rüegg

Days of Night · R: Adrian von der Borch · DE 2024

Tage der Nacht
(Foto: FOFS · Adrian von der Borch)

Wir Kinder vom Bahnhof Zoo meets Beautiful Boy: Die obdach­lose Jugend­liche Luna (Paula Schindler) und ihr Freund Marius (Casper von Bülow) ziehen durch die Stadt und flüchten sich in einen Drogen­rausch. Als sie bemerkt, dass sie schwanger ist, muss sie wichtige Entschei­dungen treffen. Beein­dru­ckende und zugleich schlimme Einstel­lungen zeigen die Realität einer Gruppe, die in der Gesell­schaft gerne vergessen wird. Der Film ist nichts für schwache Nerven. Durch Luna spüren wir die Verzweif­lung und das Grauen, was sie erwartet, wenn sich ihr Leben nicht ändert. Die Drogen lassen sie nur kurz vor der grausamen Realität flüchten. Besonders die Mise-en-scène fühlt sich realis­tisch an, denn man spürt den Dreck bis in den Kinositz, egal ob es die schmut­zige Kleidung, die fettigen Haare oder der Schlaf­platz ist. Die beiden Haupt­dar­steller verkör­pern ihre Figuren sehr beein­dru­ckend. – Julia Bayerl

Death’s Peak · R: Willy Fair · GB 2025

»Keep on smiling, rascal.« – In diesem Stop-Motion-Anima­ti­ons­film werden innerhalb von nur neun Minuten tief­ge­hende Gefühle und die Verar­bei­tung der Trauer um einen geliebten Menschen thema­ti­siert. Trotz der Schwere des Themas gelingt es dem Film, die Geschichte mit humor­vollen und von spie­le­ri­scher Leich­tig­keit getra­genen Figuren zu eröffnen. Aber als David sich im Angesicht des ausge­gra­benen Leichnams seines Bruders Matty befindet, kippt die Stimmung und schlägt in Gedanken über Trauer, Verlust, Depres­sionen und dem Wunsch nach dem eigenen Verschwinden um. Ein herz­er­grei­fendes Ende: der letzte Abschied von einem geliebten Menschen. Die Verar­bei­tung dieser tief­grei­fenden Trauer hallen noch lange nach. – Lara Hecht

Elysian Fields · R: Anna-Maria Dutoit · DE, GR 2025

Elysian Fields
(Foto: FOFS · Anna-Maria Dutoit)

Das Land, wo einst die Götter wohnten, steht in Flammen. Das Wasser ist zum Gießen der Pflanzen knapp, zum Löschen der Feuer erst recht. Wir sehen die Überreste der Flammen, zusammen mit einer Bauern­fa­milie, die hofft, dass der Wind das Feuer diesmal nicht zu ihnen trägt. Die verkohlten Gerippe der Bäume könnten in zehn Jahren viel­leicht wieder Oliven tragen – wenn die Hoffnung Früchte trägt. Inspi­ra­tion in seiner täglichen Arbeit zieht der älteste Sohn aus Sisyphos, der jeden Tag einen Felsen ein Berg hoch­rollen muss, der oben ange­kommen immer wieder herun­ter­rollt. Woher nimmt er die Kraft, fragt der Vater, woher nimmt er die Hoffnung? Titel­ge­bend sind für Anna-Maria Dutoit die nahe­lie­genden Felder von Eleusis, wo einst die Göttin Demeter den Menschen den Land­wirt­schaft lehrte, heute man aber nur noch die Schlote von Ölraf­fi­ne­rien sieht, die den Klima­wan­deln buchs­täb­lich befeuern. – Maria Rüegg

»The sad thing is that the people lost hope.« – Elysian Fields

Der Film zeigt auf poetische Weise und mit schönen Natur­auf­nahmen die Realität einer Oliven­bauer-Familie bei Delphi. Die Wald­brände und ein anhal­tender Wasser­mangel bereiten der Familie viele Sorgen, ihre Existenz weiterhin sichern zu können. Immer wieder versuchen sie, Lösungen zu finden und tauschen sich aus, was man am besten machen könnte. Dabei werden die Dialoge oft mit Natur­auf­nahmen unterlegt, die traum­hafte Land­schaft und durch Brände zerstörte Wälder und Flächen zeigen. Es entsteht der Eindruck, als ob die Natur durch die Stimmen der Familie fast selbst zu Wort käme und ihr Leid teilt. Die Erzählung erfolgt ruhig und erweckt einen lyrischen, fast medi­ta­tiven Eindruck. – Lara Hecht

Far Away · R: Feguenson Hermogène · Kuba 2025

Ernte einholen, Haus streichen, Gott preisen: Hermogène verfolgt in seinem Doku­men­tar­film eine haitische Diaspora-Gemein­schaft in Kuba bei ihrem Alltag. Distan­ziert beob­achtet der Film die scheinbar unge­störte Arbeit auf dem Erntefeld oder das Streichen des Hauses. Durch Wieder­ho­lungen zeigt Hermogène die Ritua­li­sie­rung der Arbeit und schlägt nahtlos zum Gottes­dienst um. Nahauf­nahmen laden in den Kreis der Feiernden ein, die die Voodoo-Göttin Ezili in einer verlas­senen Zucker­fa­brik anbeten. Erklärt wird im Doku­men­tar­film nichts, allein die Hand­lungen und Gebete der beob­ach­teten Prot­ago­nisten tragen den Film. Hier ist Einfüh­lung gefordert, bei inter­pre­ta­to­ri­scher Offenheit. – Patrick Friedrich Brandl

The Good Woman · R: Masha Mollen­hauer · DE, Poland 2024

Horror für uns, Realität für polnische Frauen: Eine knall­harte Darstel­lung einer Mutter namens Ewa (Wioletta Kopańska), die kein zweites Kind möchte und es abtreiben will. In Polen ist durch den Aufstieg rechter Parteien Abtrei­bung mitt­ler­weile verboten, was dafür sorgt, dass Ewa andere Wege sucht. Das Abwech­seln von warmen und kalten Farben im Film verdeut­licht die Zerris­sen­heit von Ewa, die nicht weiß, was sie tun soll. Besonders die Musik während einer Montage deutet das kommende Unheil an, was am Ende des Films zur Kata­strophe eskaliert. Die poli­ti­sche Schlag­kraft des Films ist enorm und weist auf das Schicksal vieler Polinnen hin, denn die Figuren im Film sind zwar fiktiv, aber dessen Schick­sale und Ereig­nisse nicht: Eine wichtige Botschaft, die mehr Aufmerk­sam­keit verdient. Insgesamt ein poli­ti­scher Film, der sich wie ein Schlag in die Magen­grube anfühlt. – Julia Bayerl

Heroine – Necessary objects · R: Liza T. Raheem · CH 2024

Wie erinnern wir uns – und was bleibt nach dem Tod? Dieser Frage geht die Schweizer Filme­ma­cherin Liza T. Raheem nach und zeigt auf unglaub­lich persön­liche Weise, wie Erinnern aussehen kann. In eindring­li­chen Detail­auf­nahmen verweilt die Kamera auf einer Büste, Sandalen, Tüchern und der Urne der verstor­benen Schwester. Mit einer zutiefst persön­li­chen, fast schon intimen Stimme erzählt der Film von der Beziehung der beiden Schwes­tern und davon, wie man mit Verlust, Erin­ne­rung und Trauer umgeht. Die Gegen­s­tände werden zu Zeugen einer Nähe, die über den Tod hinaus­reicht. – Rose Türemis

Hunting (Qui part à la Chasse) · R: Lea Favre · CH 2024

»Ich kann nicht schlafen, ich muss einen Film drehen…« Mit diesen Worten begibt sich die Filme­ma­cherin auf die Jagd nach geeig­netem Bild­ma­te­rial für einen Doku­men­tar­film. Als sie schließ­lich einen älteren Mann antrifft, der ihr inter­es­sant vorkommt, nimmt die Jagd eine uner­war­tete Wendung, und die Jägerin wird selbst zur Beute. Was als wholesome Stop-Motion-Animation beginnt, wird schnell zu einem Horror­sze­nario für Frauen. Die anfangs so fröh­li­chen Farben weichen der einset­zenden Dunkel­heit und vers­tärken die Bedroh­lich­keit der Situation. Auch der Wechsel der Sprache trägt zur Verun­si­che­rung bei. Besonders bemer­kens­wert ist die Szene, in der die Tonspur der tatsäch­li­chen Situation, die der Regis­seurin wieder­fahren ist, unter­ge­legt wird. – Carlotta Macri

Inkubus · R: Reza Sam Mosadegh · Deutsch­land 2025

Inkubus
(Foto: FOFS · Inkubus)

Der Teufel hat viele Gesichter. Im 17. Jahr­hun­dert heiratet Hildegard den verwit­weten Bauern Johan und muss sich in ihrer neuen Rolle als Stief­mutter für die junge Agnes zurecht­finden. Viel Zeit dafür bleibt ihr nicht, denn Agnes erzählt öffent­lich von Begeg­nungen mit dem Teufel – eine Aussage, die zum Schei­ter­haufen führen kann. Hildegard versucht, Agnes zu helfen, scheitert aber am damaligen Patri­ar­chat und scheint machtlos. »Inkubus« zieht durch das Setdesign soghaft in die Vergan­gen­heit – die Hütte der Familie sieht eingelebt aus, die Kleidung wirkt abge­tragen, die bäuer­liche Arbeit routi­niert. Das Schwarz­weiß verleiht der Illusion der Vergan­gen­heit den letzten Schliff. – Patrick Friedrich Brandl

»Geh nach Hause, Hildegard«, befiehlt der Pfarrer. Aber was, wenn zuhause der Teufel wohnt? Lieber zum Bach, die Blut­ergüsse kühlen. Packende, wenn auch mini­ma­lis­ti­sche Dialoge, meis­ter­haft insze­nierter Horror aus dem 17. Jahr­hun­dert, ein hervor­ra­gend genutztes und noch besser kaschiertes Budget: Inkubus von Reza Sam Mosadegh atmet nur zwischen albtraum­haften Bildern und been­genden Arbeits­szenen. Der Herz­schlag des Märchens in Schwarz­weiß ist nach einem nervös(machend)en Tick des Patri­ar­chen (Sammy Scheu­ritzel) getaktet. Kontras­tiert von Nell Marie Haack als Stief­tochter Agnes, die eine still-verstörte Mia Goth evoziert, oszil­liert der Film zwischen Un-Verstan­denem und Un-Ausge­spro­chenem. Bis in die Details sorg­fältig ausge­stat­tetes Allerlei­rauh mit einem Ende, das zündet. – Iris Wyn König

Period Piece, Pädo­philie, Patri­ar­chat. Einen halb­stün­digen Histo­ri­en­film mit einem Kind in einer Haupt­rolle als Abschluss­film zu drehen, ist beein­dru­ckend. Noch beein­dru­ckender ist, wie gut hier die filmi­schen Elemente zusammen kommen, um eine Geschichte von sexueller Gewalt zu erzählen, die in der Verknüp­fung von Religion und patri­ar­chaler Gesell­schaft leider so aktuell wie vor 400 Jahren ist. Dabei erzählen die impo­santen Schwarz-Weiß-Bilder mit viel Tiefe und starken Kontrasten, teilweise nur mit Licht und Schatten. Durch das immersive Sound­de­sign und das Szenen­bild wird zudem eine dichte Atmo­sphäre geschaffen, die einen oft kaum atmen lässt. – Nicolai Meußling

January · R: Jetske Lieber · NL 2024

January
(Foto: FOFS · Jetske Lieber)

Title­cards zum Leben erweckt. Ein schiefes Verhältnis, ein schiefes Regal; eine schiefe Über­schrift. Pulsie­rende Lettern, die eine bass­las­tige Party ankün­digen, ein gepierctes Ohr als Platz­halter. Alles ist lebendig… und still, traurig, unbe­holfen. Haupt­dar­steller Olivier Arts zeichnet den frisch getrennten Wim als einsam, verloren, ehrlich. Seine Welt ist bevölkert von Figuren, deren beklem­mende Fürsorge so lange an der Ober­fläche kratzt, bis die letzte Über­schrift Verän­de­rung ankündigt: February steht da, nachdem der verheißungs­vollste, aber auch unaus­haltbar graue erste Monat des Jahres über­standen ist. Liebers größte Stärke: Der Humor, der sich nieder­län­disch in redu­zierten Bewe­gungen und mini­ma­lis­tisch choreo­gra­fierten Szenen ganz nebenbei entfaltet. – Iris Wyn König

Grandiose Verhand­lung von Liebes­kummer im neuen Jahr. Willem (Olivier Arts) verar­beitet gerade die Trennung von seinem Freund Elias. Der Film zeigt einzelne Momente im Januar und endet am ersten Februar. Gerade der Monat Januar ist der schlimmste Monat für eine Trennung – er wird mit blauen und tristen Farben darge­stellt, was die traurige und graue Innenwelt der Haupt­figur wider­spie­gelt. Die Farbe ist aus Willems Leben gewichen und das letzte Über­bleibsel ist Elias’ roter Pullover, den Willem trägt, als würde er sich an das letzte Bisschen von seinem Ex klammern. Mit viel Witz in unan­ge­nehmen Situa­tionen und Zwischen­ti­teln, welche die einzelnen Szenen verbinden, zeigt der Film sehr reali­tätsnah, wie sich eine harte Trennung anfühlt. – Julia Bayerl

Jumah · R: Qinglin Liu, Hanglin Ye · China 2025

It is irrever­sible: Eine junge Frau versucht, ihre Identität zu finden. Als Tochter einer konser­va­tiven musli­mi­schen Familie beginnt sie zu rebel­lieren, ein schwerer Schick­sals­schlag jedoch lässt sie an sich selbst und ihren Entschei­dungen zweifeln. In der kühlen Farb­ge­bung, den langsamen Schnitten und der Ruhe des Films findet sich die innere Leere und Zerris­sen­heit der Prot­ago­nistin. Ihre Reue wird besonders hervor­ge­hoben, durch eine der letzten Dialog­zeilen: »it is irrever­sible«. Jetzt gibt es für sie kein zurück mehr, auch wenn sich daraufhin alle Bewegung rückwärts abspielt… – Carlotta Macri

Kong Kong · R: Bochen Gong · China 2025

»Versprichst du, Mama nicht zu schlagen?«, fragt der junge Kong Kong seinen Vater im Auto. Diese Bedingung stellt er, um ihm den geheimen Aufent­haltsort seiner Mutter, die vor ihrem Ehegatten geflohen ist, zu verraten. Schließ­lich möchte der Junge sie wieder zu Hause wissen. Die drama­ti­sche, klas­si­sche Musik kündigt aber schon an, dass der Vater sein Verspre­chen brechen wird. Es ist scho­ckie­rend zu sehen, wie schamlos der Vater seinen Sohn für Macht­spiele ausnutzt und wie hilflos Kind wie Mutter sind. Kong Kong muss sich schließ­lich die Frage stellen: Was ist wichtiger, seine eigenen Wünsche oder die Gesund­heit seiner Mutter? – Patrick Friedrich Brandl

The Leap · R: Roberto Tarazona · CUB 2025

The Leap
(Foto: FOFS · Roberto Tarazona)

Die Welt durch Kinder­augen sehen. Auf Augenhöhe folgt die Kamera von Roberto Tarazona zwei Jungs in Kuba, wie sie tagsüber Fangen spielen oder Angeln, nachts jedoch mit der Erwach­se­nen­welt konfron­tiert werden. Dabei lässt uns der Film nicht alles verstehen, vielmehr mit den Kinde­rohren den Dialogen der Erwach­senen lauschen. Sie erzählen von geschlach­teten Kühen und getöteten Menschen, was gar nicht in diese kindliche Welt passen will. Eine Sequenz, derart effektiv und unheim­lich gefilmt und geschnitten, die auch im Zuschauer eine kindliche Furcht entstehen lässt. Wir sehen nicht nur wieder wie Kinder, wir fühlen auch wie sie – und so endet der Film fast schon mit einem Appell zum Spielen. – Nicolai Meußling

Neun Tage im August · R: Ella Knorz · DE 2024

Ein letztes Mal Kind sein. Die junge Lea steht nach einem bestan­denen Abitur vor einem neuen Kapitel ihn ihrem Leben. Doch ausge­rechnet jetzt wird sie schwanger. Ella Knorz erar­beitet die liminale Zeit zwischen »Kind sein« und »Erwachsen werden«. Der Gegensatz vom ausge­las­senen Tanzen auf Partys und den ewigen Tele­fon­war­te­schleifen eines über­büro­kra­ti­sierten Abtrei­bungs­pro­zesses, ruft – in typischer Coming-of-Age-Manier – die emotio­nale Schwe­re­lo­sig­keit der Prot­ago­nistin hervor. Ihrer wahr­ge­nom­menen Unzu­läng­lich­keit wird visuell durch die Kreis­blende Ausdruck verliehen, in dem die Personen entweder zu groß oder zu klein wirken. Der Film klammert selbst­be­wusst jegliche Wertung gegenüber den Figuren oder dem System aus und überlässt dies den Zuschauern. – Constantin Bombelli

Nur wir zwei · R: Olga Müller · DE 2024

Fleabag für Kinder allein­er­zie­hender Eltern. Olga Müller lässt Zoya (Elvira Müller) mit der Kamera reden; und mit Mischka. Plüsch­ge­wor­dene Einsam­keit in Form einer Maus, die mit der Stimme des russi­schen Groß­va­ters mal motiviert, mal flucht, mal das Geschehen kommen­tiert. Die bunte Plat­ten­bau­kind­heit mit Migra­ti­ons­hin­ter­grund dreht sich um Backen und Basket­ball, scheint dabei aber zu aufgeräumt. Kaum ein Set ist eingelebt, der erklä­rende Monolog teils steril. Umso wärmer strahlt die Fürsorge, die Zoya in ihr tradi­tio­nell russi­sches Gebäck einknetet. Am Ende liegt es an Mutter Ilana (Monika Gossmann), das unent­schlossen konfron­tie­rende Moment des Films auszu­he­beln und es durch parentale Präsenz zu ersetzen; echte Berührung passiert jedoch kaum. – Iris Wyn König

Passing On (Gegen­warten) · R: Emma Lou Paleit · DE 2025

Mach es wie die Sonnenuhr, zähl die heiteren Stunden nur. Nach diesem Grundsatz lebte Monika, deren letzte Lebens­mo­nate von ihrer Enkelin Emma doku­men­tiert wurden. Trotz ihrer fort­schrei­tenden Demenz ist Monika ein überaus positiver Mensch, singt viel und versucht Emma so viel wie möglich mitzu­geben, solange sie noch kann. Ein überaus berüh­render und persön­li­cher Film, der das Publikum die ein oder andere Träne hat vergießen lassen. Und doch ist das Ende, wenn auch emotional, sehr hoff­nungs­voll, denn Emma ist hier gelungen, was sie sich vorge­stellt hatte: den positiven und fröh­li­chen Menschen einzu­fangen, der ihre Groß­mutter hinter der Krankheit war. – Carlotta Macri

Past the Hill of Napoleon’s Hat · R: Arnas Balčiūnas · LTU 2024

Past the Hill of Napoleon’s Hat
(Foto: FOFS · Arnas Balčiūnas)

Trüb und trist – so sind die Land­schaften, die Häuser, die Straßen und die Figuren. Ein Sohn holt seinen Vater aus der Psych­ia­trie ab und fährt mit ihm zu den Großel­tern. Da die Männer nicht viel mitein­ander reden und sich oft nicht einmal angucken, ist die Dialog­menge, auch die visuelle, sehr gering. Trotzdem schafft es der Film, einfühlsam die viel­schich­tigen Figuren nahe­zu­bringen und sehr pointiert und persön­lich eine Geschichte vom gene­ra­tio­nellen Trauma in Litauen zu erzählen. Die Kamera bleibt dabei oft statisch und distan­ziert, aber die kurzen Momente der Bewegung sind genauso emotional geladen, wie jene, in denen die Figuren aus ihren Rollen ausbre­chen und ehrlich zuein­ander sind. – Nicolai Meußling

Rage (Furia) · R: Santi Pujol Amat, Fran Moreno Blanco · Spanien 2025

Mommy Issues: Er will doch nur geliebt werden. Teenager Eric (Eric Espin) lebt in einem Jugend­heim und wartet auf den Besuch von seiner Mutter. Als diese nicht kommt, beschließt er, zu ihr zu laufen – und muss fest­stellen, dass sie ein neues Leben ohne ihn führt. Besonders beein­dru­ckend ist das Schau­spiel von Eric Espin, der seine Emotionen wortlos stark und fühlbar macht: Der Schmerz der Zurück­wei­sung und der Versuch, dies sich nicht anmerken zu lassen, spiegeln sich in seinem Gesicht wider. Die Regis­seure sind ursprüng­lich Kame­ra­leute, was durch den beson­deren Look des Films deutlich erkennbar ist. Er wurde auf 35 mm gedreht und zeigt die Figuren dauerhaft in nahen Einstel­lungen, was große Nähe erzeugt. – Julia Bayerl

Risen from Ruins · R: Harry Besel · Deutsch­land 2025

Ostblock, Mercedes, Kapi­ta­lismus: Andreas und Alexej versuchen, sich nach dem Kollaps des Sozia­lismus im neuen System zurecht­zu­finden und verkaufen alte, deutsche Autos in der russi­schen Enklave Kali­nin­grad. Mit dem stetigen Wechsel der Film­ka­mera zu Alexejs Video­re­corder, versetzt Besel den Zuschauer in Zeiten zurück, als Videos noch körnig waren und eine nied­ri­gere Auflösung hatten. Besonders humorvoll sind die zahl­rei­chen Schmier­ge­schenke, die die beiden der russi­schen Grenz­po­lizei mitbringen. Zusätz­lich müssen sich die Figuren mit zwei unter­schied­li­chen Arten des Kapi­ta­lismus ausein­an­der­setzen. Andreas mit Unter­neh­mern, die die neuen Bundes­länder aufkaufen, Alexej hingegen mit dem Raub­tier­ka­pi­ta­lismus der Wilden 90er. Beide Formen sind auf ihrer Art erdrü­ckend und der Kampf dagegen fesselnd. – Patrick Friedrich Brandl

Rite of Passage · R: José Luis Jiménez Gómez · Kuba 2025

Im Leben muss man sich durch­boxen – episo­den­haft wird aus dem Leben von Magyelis um ihren 15. Geburtstag herum erzählt. Ruhige Stand­bild­auf­nahmen wechseln mit lebhaften, aus der Hand gefilmten Sequenzen. Die gesamte Geräusch­ku­lisse orien­tiert sich an der Kame­ra­dy­namik, was den doku­men­ta­ri­schen Charakter betont. In jedem sorg­fältig gewählten Tableau sieht man die strah­lende Persön­lich­keit von Magyelis, die ihr Leben zwischen Boxen und den Erwar­tungen an Frauen in Kuba koor­di­niert, die gerade dabei sind, erwachsen zu werden. Magyelis tanzt, lacht, verbringt viel Zeit mit ihrer Familie und boxt sich wort­wört­lich ins Leben. – Lara Hecht

Frau­en­boxing ist auf Kuba erst seit 3 Jahren erlaubt – und Magyelis ist ihr Star von morgen. Die 15-Jährige mit unfass­barer Präsenz und großem Charme gibt uns Einblicke in ihren Alltag, ihre Familie und Kubas Boxing­szene. Boxen gilt auf Kuba als Natio­nal­sport, den Filme­ma­cher inter­es­siert die Körper­lich­keit, vor allem die Verbin­dung mit der Yoruba-Kultur, die durch Tänze und Musik eine ähnliche körper­liche Präsenz aufweist und auf Kuba stark vertreten ist. Magyelis lotet immer neue Bezie­hungen zu ihrem Boxe­rinnen-Körper und Schön­heits­idealen aus, die sich aller­dings nie als gegen­sätz­lich darstellen, sondern mit natür­li­chem Selbst­be­wusst­sein vereint werden. Long Shots und Nahauf­nahmen laden uns ein, die Welt mit Magyelis’ Augen zu sehen. Die letzte Szene, die bei der Feier am letzten Drehtag stattfand, zeigt ihr voll­zo­genes Coming-of-Age. – Maria Rüegg

Sila · R: Bissan Tibi · Israel 2025

Vertraue niemandem – das muss Sila bereits in jungen Jahren auf schmerz­hafte Weise lernen. Das Mädchen ist auf sich alleine gestellt: zerzauste Haare, kein richtiges Zuhause und der Versuch, so viel Geld wie möglich durch den Verkauf von Süßig­keiten an Auto­fahrer*innen zu verdienen. Als ihr der Junge Yusuf in einer poten­tiell gefähr­li­chen Situation hilft, hat sie einen Verbün­deten gefunden – was für sie am Ende in schmerz­hafter Enttäu­schung und Einsam­keit endet. Weit­ge­hend ohne Dialoge zeigt der Film die harte Realität und innere Gefühls­welt der beiden Kinder und schafft es auf geschickte Weise, komö­di­an­ti­sche Elemente in die Geschichte einzu­betten. Dabei bewegt sich der Film durch­ge­hend auf einem schmalen Grat zwischen kind­li­cher Naivität und gefähr­li­cher, verlet­zender Realität. – Lara Hecht

Ein Land, zwei Herzen. Auf Augenhöhe können wir das harte Leben eines paläs­ti­nen­si­schen Mädchens wahr­nehmen, das auf der Straße Süßig­keiten verkauft, um zu ihrer Familie zurück­zu­kehren. Die unpas­senden Dialoge mit den Erwach­senen lenken die Aufmerk­sam­keit auf Sila und stärken die emotio­nale Empathie. In den Aufnahmen ist Yusuf sonst noch als Einziger volls­tändig zu sehen. Auch er ist Teil derselben Heraus­for­de­rungen. Durch Silas’ Unschuld und Naivität können wir jedoch den stärkeren und entschlos­se­neren Charakter von Yusuf erkennen und verstehen. Die Kinder sind nicht nur durch denselben Kampf ums Überleben verbunden, sondern auch durch ein Verspre­chen, das ihnen gegeben wurde. Der Film zeigt die gegen­sätz­li­chen Haltungen der paläs­ti­nen­si­schen Kinder. Verbunden durch dasselbe Land, getrennt durch dasselbe Verspre­chen. – Adelajde Osmani

Snack Time · R: Léa Buffard · BE 2024

Eine kleine, hoch­mo­ti­vierte Blume möchte eigent­lich nur, dass die Erdbeere erfolg­reich ist. Voller Eifer versucht sie, den Termin­ka­lender mit zahl­rei­chen Aufgaben zu füllen – Sport, Haushalt, Arbeit. Dabei schiebt sie die gemein­same Snack Time immer weiter nach hinten. Doch irgend­wann wird es der Erdbeere zu viel. Nachdem sie mit fünf Armen gekocht und geputzt hat, braucht sie unbedingt eine Pause – und einen Snack.
Wie findet die kleine Blume wieder zu einer schönen, entspannten Zeit mit der Erdbeere zurück?
In farben­frohen Bildern erzählt der Anima­ti­ons­film vom inneren Konflikt, den jeder kennt: Man möchte alles schaffen und allen Ansprüchen gerecht werden, doch manchmal braucht man schlicht eine Auszeit. Ein warm­her­ziger und visuell verspielter Reminder daran, auf sich selbst zu achten. – Rose Türemis

So ist das Leben und nicht anders · R: Lenia Friedrich · DE 2024

Räume ohne Flur. Fried­richs Werk behandelt die Demenz ihrer ehema­ligen Nachbarin Frau Miko. Angelegt zwischen einem Doku­mentar- und Expe­ri­men­tal­film, werden durch eine Vielzahl an eklek­ti­schen Anima­ti­ons­stilen die Eindrücke der alten Dame zur Darstel­lung gebracht. Diskon­ti­nui­täten, Orien­tie­rungs­ver­lust und das fehlende Zeit­ge­fühl werden durch körper­lose Hand­be­we­gungen oder den Blick auf verlorene Gegen­s­tände einge­fangen. Zugrunde liegen Inter­views mit Frau Miko, ihrer Familie und Bekannten. – Im an die Vorfüh­rung anschließenden Q&A kriti­siert die Regis­seurin selbst, dass die köper­losen Stimmen Fragen über dessen Zugehö­rig­keiten hervor­bringen. Jedoch ist genau das die Stärke. Die Eindrücke und Reak­tionen des Publikums zeigen, wie viele Personen allein Frau Mikos Leben – und damit auch ihre Krankheit – berührt hat. – Constantin Bombelli

Soforem · R: Alejandro Fertero · Spanien 2025

Ein Mann ohne Gesicht. – Obwohl der Prot­ago­nist Musa zu Beginn nur beim Einwoh­ner­mel­deamt eine Arbeits­er­laubnis bean­tragen möchte, endet er in einem Gerichts­saal. Dort wird Musa wegen des angeb­li­chen Vorlegens gefälschter Dokumente für schuldig gespro­chen. Die Schwarz-Weiß-Ästhetik mit starken Kontrasten in der Licht­ge­stal­tung spiegelt sich dabei in der Handlung wider: getrennt durch die Hautfarbe stehen sich der Ange­klagte und der Richter und Anwalt sowie Zuschau­ende
im Gericht gegenüber. Die Geschichte gipfelt in einer schnellen Montage mit Groß­auf­nahmen der Anwe­senden und einem immer lauter werdenden Fußstampfen. Das letzte Wort des Richters: »Guilty«, klingt in der Stille am Ende des Films und darüber hinaus noch lange nach. – Lara Hecht

Justitia ist blind und gerecht, die Büro­kratie nicht. Musa ist im Einwoh­ner­mel­deamt, aber seine Akte nicht auffindbar. Prompt wird er an ein Gericht verwiesen, das an ihm einen Schau­pro­zess abhält: er findet sich einem kafka­esken Rechts­sys­tems wieder, das visuell und in seiner Abso­lut­heit an die spanische Inqui­si­tion erinnert. Die Worte werden ihm im Mund verdreht, nicht einmal weiß er, weswegen er überhaupt angeklagt ist. Musas gestreifter Pullover, der an Gefäng­nis­klei­dung à la »die Daltons« erinnert, deutet an, dass er als Gefan­gener eines gesichts­losen Systems enden wird. Die kontrast­reiche Codierung des Schwarz-Weiß-Filmes macht deutlich, dass die Haupt­person als Person of Color keine gerechte Behand­lung erleben wird, sondern wie in realiter einen ernied­ri­genden und unend­li­chen Prozess auf der Suche nach ihren Papieren. – Maria Rüegg

Kafka in Wonder­land. Büro­kratie kann schwierig zu bewäl­tigen sein, besonders wenn man versucht, seine eigene Identität zu beweisen. Musa wird auf eine surreale Reise vom Stan­desamt zum Gerichts­saal mitge­nommen, wo er beschul­digt wird, seine eigenen Dokumente gefälscht zu haben. Gedreht in Schwarz-Weiß, lassen das künst­liche Lächeln der Büro­an­ge­stellten und die unheim­li­chen Sound­ef­fekte diesen Film wie einen Albtraum erscheinen. Der Figur fällt in den Kanin­chenbau, wo Low-Angle-Aufnahmen und Weit­win­kel­ob­jek­tive die Dominanz des Richters beängs­ti­gend vers­tärken und die Schuld für ein unbe­kanntes Verbre­chen noch absurder erscheinen lassen. Die schwarz-weiße Kleidung von Nusa spiegelt wider, wie die Welt ihn sieht. Eine Welt, die bereits über das Gewicht seines Seins entschieden hat. Eine Geschichte über Diskri­mi­nie­rung und gestoh­lene Identität. – Adelajde Osmani

Taty nie ma (Dad’s not home) · R: Jan Saczek · Polen 2025

Zwei Brüder versuchen mit allen Mitteln die Demenz­er­kran­kung ihres Vaters zu verste­cken. Aus Angst davor, in ein Heim zu kommen und getrennt zu werden, werden sie kreativ. Doch als die Schul­di­rek­torin miss­trau­isch wird und einen Heim­be­such plant, gehen den beiden die Ideen aus. Der Film ist ernst und bedrü­ckend, doch lockern kleine humo­ris­ti­sche Elemente immer wieder die Stimmung. Diese flüch­tigen Stim­mungs­auf­heller nehmen der Handlung jedoch nicht ihren ernsten Charakter, im Gegenteil: sie durch­bre­chen die melo­dra­ma­ti­sche Stimmung und holen die Zuschauer zurück auf den Boden der Tatsachen. Das verleiht dem Film ein noch größeres Maß an Realität. – Carlotta Macri

Zusam­men­sein, aber zu welchem Preis? Es kann schwierig sein, den Anschein einer Familie aufrecht­zu­er­halten. Aber lohnt sich das am Ende überhaupt? Der Film schafft eine verspielte und humor­volle, zugleich traurige Atmo­sphäre. Er zeigt die täglichen Heraus­for­de­rungen zweier Kinder, die versuchen, ihr Leben zu meistern, indem sie ihren psychisch kranken Vater vor aller Augen verste­cken. Durch die lustigen, span­nungs­lö­senden Momente, in denen die Kinder mit ihren Tricks versuchen, die Familie zusam­men­zu­halten, wächst unsere Empathie für die zerbro­chene Familie. Die Stille jeder Nahauf­nahme spiegelt die Stille einer Familie wider, die allein kämpft. Wir fühlen mit den Jungen und wünschen wie sie, dass die Familie zusam­men­bleibt, doch gewiss ist nur: You can’t have your cake and eat it. – Adelajde Osmani

Those Who Are Left · Jonathan Brunner, Laura Horn­berger · DE – Palestina 2025

Empty Chairs at Empty Tables. Obwohl die Menschen in Palästina täglich die Schrecken des Wartens auf das nächste Unglück ertragen müssen, sah sich Omars Familie bereits mit ihrer »tickenden Zeitbombe« konfron­tiert. Der Doku­men­tar­film unter­sucht, wie dieje­nigen, die Omar am nächsten standen, mit ihrem Verlust umgehen. Die Besuche am Grab und die fröh­li­chen Lieder des Märtyrers erinnern an die Leere, die sein Tod hinter­lassen hat. Der Film spiegelt die Trauer wider, indem er den meta­pho­ri­schen Tod der Hinter­blie­benen zeigt. Aufnahmen von leeren Räumen mit leeren Stühlen, aber Wänden voller Bilder von Omar, unter­strei­chen die Weigerung, ihn zu vergessen, und dienen als Metapher für sein Andenken. Das Bild eines zerbro­chenen Glases der Hoffnung, dessen Scherben weiterhin dieje­nigen verletzen, die noch leben. – Adelajde Osmani

Unser Name ist Ausländer · R: Selin Besili · Schweiz 2025

Heimat in der Fremde – Konstruk­tion in der Doku­men­ta­tion. Vier kurdische Geschwister errichten auf einem Spiel­platz in einer Schweizer Klein­stadt ein ganzes Wohn­zimmer – mit Teppich, Sofa, Lampe und Tisch. Durch die Anwe­sen­heit der Kamera verstellen sie sich und konstru­ieren und performen eine neue Identität – eine kunst­volle Wahl des Doku­men­tar­films, der so darauf verzichten kann, zu zeigen, wie sie sich in ihrem Alltag verstellen müssen. Und so wie die Geschwister ein Wohn­zimmer auf dem Spiel­platz aufbauen, konstru­ieren sie auch ihre Heimat neu. Ergänzt werden Erzäh­lungen aus dem Off, die von alltäg­li­chem Rassismus berichten. Durch die Form bringt der Film einem diese Erfah­rungen so nah, wie es nur ein sehr guter Film vermag. – Nicolai Meußling

Secondos, das sind im Schwei­zer­deut­schen Kinder der zweiten Gene­ra­tion. Wie Regisseurin Selin und ihre Geschwister. Schon ihre Eltern sind eingewandert – sie sind hier aufgewachsen, zur Schule gegangen, sprechen Schweizerdeutsch und besitzen vielleicht sogar die Staatsbürgerschaft. Aber sobald man eine Bezeichnung für etwas hat, wird es immer durch diese exkludierende Linse betrachtet. Selins Familie ist kurdischstämmig, ihre Eltern brachten ihnen aus Angst nur türkisch bei. Die Regisseurin portraitiert ihre Geschwister und Kindheit, lässt sie erzählen, wie es sich anfühlt, im eigenen Land immer als »die Ausländer« gelesen zu werden und wie schambehaftet sich Alltagsrassismus anfühlen kann. Zusammen bauen sie mit Teppich, Sofa und Lampe auf dem Spielplatz ihrer Kindheit ein Wohnzimmer – ein Symbol, dass sie diesen öffentlichen Raum zu ihrem Platz und ihrem Zuhause gemacht haben. – Maria Rüegg

We Beg to Differ · R: Ruairí Bradley · Irland 2025

Fast and Caring: Der Doku­men­tar­film behandelt die Ups und Downs des illegalen Auto­sports in Irland. Die Diffing-Szene ist für viele Menschen inmitten einer Gesund­heits­krise ein sicherer Hafen, ein Ventil für ihre psychi­schen Belas­tungen. Doch auch wenn das Adrenalin die Probleme in den Hinter­grund rücken lässt, sind sie ständig präsent. Gerade diese ständige Anspan­nung überträgt sich mit Action­s­hots, schnellen Schnitten und anschwel­lender Musik auch aufs Publikum. Die Verluste, die Ängste, die Trauer, die Gefahr, aber auch die Gemein­schaft werden einge­fangen. – Carlotta Macri

Whoever Deserves It, Will Be Immortal · R: Nay Mendel · Kuba 2024

Hidden fates: Der Doku­men­tar­film hält, was der Titel verspricht. Knapp 20 Minuten begleiten wir Sergio, Ubaldo und Yolexquys und bekommen Einblicke in die Schat­ten­seiten der LGBTQIA+ Szene in Kuba. Doch es ist mehr als das, der Film ist auch eine Doku­men­ta­tion des Vermächt­nisses und Erin­ne­rung an den Künstler Winston Hernandez, der aufgrund seiner Sexua­lität zur Zeit der Revo­lu­tion in ein Konzen­tra­ti­ons­lager kam. Neben den beein­dru­ckenden Aufnahmen und der Symbolik des Raben ist besonders das Sound­de­sign des Films bemer­kens­wert. Unterlegt mit alltäg­li­chen und doch bedroh­li­chen Geräusch­ku­lissen, wie einem heran­na­henden Zug oder dem Rattern einer Nähma­schine, zeigt der Film, dass hinter vielem mehr steckt, als es den Anschein hat. – Carlotta Macri