24.11.2022

Raus aus der Nische, rein in die Nische

From That Moment On, Everything Changed
Wird wohl nie in einer regulären Kinoveranstaltung zu sehen sein: Eef Hilfgers From That Moment On, Everything Changed
(Foto: DOXS RUHR)

Das Nischendasein des Kinderfilms ist an sich schon prekär, das des Kinderdokumentarfilms fast schon tragisch – das im Rahmen der 10. Ausgabe von DOXS RUHR veranstaltete Netzwerktreffen »Realities« zeigte Perspektiven und Blockaden auf

Von Axel Timo Purr

Es ist nicht sonder­lich gut bestellt um den deutschen Kinder­film. Und um die Nische in der Nische, den Kinder­do­ku­men­tar­film erst recht nicht. Gibt es zumindest beim Kinder­film dann und wann einen Funken Hoffnung, gelangt etwa über­ra­schen­der­weise doch einmal ein Film der Initia­tive Der besondere Kinder­film in die Kinos, so wie diese Woche Nachtwald, der immerhin am Samstag und Sonntag in einer Münchner Mittags­ma­tinee laufen darf, sieht es für den Kinder­do­ku­men­tar­film erheblich düsterer aus. Sein Dasein ist auf die Kinder­film­fes­ti­vals mit ihren Schü­ler­vor­stel­lungen und Preis­ver­an­stal­tungen wie den Prix Jeunesse beschränkt, der immerhin eine TV-Ausstrah­lung in Aussicht stellt, aber nur ganz selten schafft es ein Film aus der Festival- und sehr beschränkten TV-Blase heraus­zu­treten.

Umso wichtiger ist es deshalb, über den Stand der Dinge zu reden. Und eigent­lich gibt es kaum einen besseren Ort dafür, als die am letzten Sonntag zu Ende gegangene, von Gudrun Sommer geleitete DOXS RUHR, auf der der Kinder­do­ku­men­tar­film im Zentrum steht.

In einem von Gudrun Sommer und Margret Albers von der European Children’s Film Asso­cia­tion (ECFA) kura­tierten zwei­tä­gigen Panel in der Bochumer KoFabrik unter dem Label Realities tauschten sich dieses Jahr 40 Gäste aus zehn Ländern über Gegenwart und Zukunft des Kinder­do­ku­men­tar­films aus.

Dabei ließ sich vor allem in den Vorträgen über die produk­tive Vielfalt des gegen­wär­tigen Kinder­do­ku­men­tar­films erkennen, dass im Grunde eine ähnliche Gold­grä­ber­stim­mung herrscht, wie zu Zeiten der erneu­erten Reform­pä­d­agogik Anfang der 1970er Jahre, als mit großen, neuen, inno­va­tiven Formaten wie Das feuerrote Spiel­mobil oder Die Sendung mit der Maus die TV-Anstalten und bisweilen auch die Kinos gekapert wurden. Denn wie etwa der nieder­län­di­sche Filme­ma­cher Martijn Blekendaal anhand seines Films über den verschol­lenen Konzept­künstler Bas Jan Ader deutlich macht, können Kinder­filme ohne Kinder durchaus Kinder­filme sein, sind Kinder genauso wenig wie Erwach­sene auf eine rein iden­ti­fi­ka­to­ri­sche Rezeption beschränkt, sondern durchaus für Perspek­tiv­wechsel, also thema­ti­sche Beson­der­heiten zu haben. Eine Tatsache, die auch Maritte Sørensen aus der schwe­di­schen Pitch-Werkstatt m:brane und des inno­va­tiven REALYOUNG©-Projekts bestä­tigen kann, in dem explizit jugend­liche »Experten« und soziale Netz­werk­ar­beit bei der Entwick­lung neuer Film­stoffe im Kinder­do­ku­men­tar­film hinzu­ge­zogen werden. Soziale Netzwerke und im beson­deren Influ­encer hat auch die junge hollän­di­sche Filme­ma­cherin Eef Hilgers in ihren Filmen über Cyber-Mobbing und Schei­dungs­kinder genutzt, um ihre Prot­ago­nisten zu finden, und gibt damit auch ein ungewohnt positives Feedback zum Nutzen von Social Media.

Hilgers sieht aller­dings genauso wie der deutsche Filme­ma­cher Bernd Sahling die Gefahr, dass die jungen Prot­ago­nisten in Zusam­men­ar­beit mit den Regis­seuren einer Hier­ar­chie ausge­setzt sind, für die es unbedingt einen trans­pa­renten Umgang und Betreuung braucht. Nicht nur während der Drehs, sondern auch und gerade auf Festivals, wenn der Film vorge­stellt wird. Denn da Festivals für die meisten dieser Filme die einzige Auswer­tungs­schiene bleiben werden, ist die Gewich­tung nicht zu unter­schätzen, obwohl auch hier die Meinungen ausein­an­der­gehen, Teresa Lima, vom PLAY Festival in Portugal sich z.B. sicher ist, dass Festivals letzt­end­lich dem Kino dienen, Pantelis Pante­loglou vom Olympia Festival in Grie­chen­land und Tapio Riihimäki vom DOKKINO in Helsinki betonen hingegen, dass Festivals realis­ti­scher­weise nur für den Moment funk­tio­nieren, dafür sich aber umso mehr darum kümmern müssen, Kinder zu aktiverer Parti­zi­pa­tion durch Jury-Arbeit und Workshops zu bewegen.

Dies ist natürlich kaum in der wohl wich­tigsten Auswer­tungs­schiene für »junge« Doku­men­tar­filme, dem Fernsehen, möglich. KIKA- Redakteur Thomas Miles und Davide Tosco aus Italien zeigten aber, dass immerhin der Edutain­ment-Bereich in beiden Ländern intensiv bespielt wird, vor allem Formate, die sich darum kümmern, fremde Kulturen begreifbar zu machen, wie die von Miles betreute Doku-Reihe Schau in meine Welt, werden aber von Scripted-Reality-Formaten wie der vom ZDF produ­zierten, unsäglich dummen Mädchen- und Jungen-WG abge­hangen und bewegen sich im Vergleich zum Rest­pro­gramm des Kinder­sen­ders von ARD und ZDF zudem auf mikro­sko­pi­schem Niveau.

Das schmerzt vor allem, wenn man sich die von Margret Albers vorge­stellten Preis­träger des Prix Jeunesse der letzten 20 Jahre ansieht, Filme von nicht mehr als 20 Minuten Länge, die derartig starke und wichtige Geschichten erzählen wie der Preis­träger dieses Jahres, Why didn’t you stay for mehr?, der Kindern folgt, die ein Eltern­teil durch Suizid verloren haben. Das sind Filme, die man sich vor jedem Block­buster-Kinder­film als »Vorfilm« wünscht und unbedingt im Kino sehen möchte!

Doch eine aktive, ange­messen aggres­sive Lobby­ar­beit, die so eine Möglich­keit »erzwingen« könnte, scheint bislang in weiter Ferne zu sein; die Blase, in der sich der Kinder­do­ku­men­tar­film genauso wie der Kinder­film befindet, scheint sich auch intrinsisch wieder und wieder zu repro­du­zieren.

Und ein wenig Wehmut kommt deshalb auf, führt man sich die Zeiten vor Augen, von denen Klaus Dieter Felsmann in seinem Vortrag über die DEFA-Zeiten erzählt, als um die »Gruppe Doku­men­tar­filme für Kinder« ab 1975 sich langsam eine Art von »Quoten­denken« etablieren konnte, das immerhin durch­setzte, dass nicht nur im Sand­männ­chen kurze Doku­men­tar­filme, zumeist Berufs­por­träts ausge­strahlt wurden, sondern dass sogar im Kino regel­mäßig ein Sammel­pro­gramm mit Kinder­do­ku­men­tar­filmen zu sehen war, die, ganz ähnlich wie die im Rahmen der reform­pä­d­ago­gi­schen Bewegung der 1968er entstan­dene Kinder­do­ku­men­tar­film­welle im Westen, Ideen des Reform­pä­d­agogen Adolf Reichwein aus den 1920ern umsetzte und Kinder zum Selbst­denken ermuntern wollte, also auf Bilder setzte und nicht auf ihre Kommen­tie­rung.

Es ist natürlich immer heikel, das Kultur­ver­mitt­lungs­mo­dell eines auto­kra­ti­schen Staates zu zitieren, um radi­ka­lere Ände­rungen herbei­zu­wün­schen, doch sieht man das schier unglaub­liche Potential, das sich auf Festivals wie der DOXS RUHR entfaltet, und sieht das explosive, kreative Potential, das auf diesem Netz­werk­treffen deutlich wurde, wünscht man sich zumindest den ja im Moment noch politisch korrekt konno­tierten Hebel einer staatlich imple­men­tierten Quote, mit dem der fran­zö­si­sche Film ja viele Jahre gute Erfah­rungen gesammelt hat und der dann viel­leicht auch ein Umdenken in den Medien bewirken könnte. Denn sowohl die großen Leit­me­dien als auch ein Kultur-News-Aggre­gator wie der Perlen­tau­cher mit seinem ansonsten äußerst intakten Augenmerk auf Nischen kümmern sich nur äußerst erratisch um die großar­tigen Perlen, die hier zu bergen sind.