03.11.2022

Geheimnisse des Lebens

La dea fortuna
Ein italienisches Essen: La dea Fortuna
(Foto: Ferzan Özpetek)

Der aus Istanbul stammende Ferzan Özpetek hat sich der Italianità gewidmet – in sechs Filmen macht der Circolo Cento Fiori sein Werk in München bekannt

Von Elke Eckert

Ferzan Özpetek, der Italiener mit türki­schen Wurzeln, kam 1978 mit knapp 20 Jahren aus Istanbul nach Rom, wo er zunächst studierte und als Jour­na­list arbeitete. Nach Stationen am Theater und als Regie­as­sis­tent beim Fernsehen insze­nierte er ab Ende der 1990er-Jahre seine eigenen Kinofilme. Viele von ihnen liefen auf den großen inter­na­tio­nalen Festivals und variieren die Themen Freund­schaft, Familie und Liebe. Vor allem die gleich­ge­schlecht­liche Liebe spielt bei Özpetek immer wieder eine Rolle. Özpeteks Filme schauen hinter die Fassaden bürger­li­cher Lebens­ent­würfe, sind voller Geheim­nisse und geprägt von einer großen Mensch­lich­keit.

Im Film­mu­seum München zu sehen ist jetzt eine Filmreihe mit sechs Werken des »Italie­ners aus Istanbul«, so der Neben­titel der Reihe, die der in München ansässige italie­ni­sche Kultur­verein Circolo Cento Fiori orga­ni­siert hat.

Zu Beginn der Reihe führt die Italia­nistin Ilaria Furno in das Leben und Werk von Ferzan Özpetek ein, bevor es in La finestra di fronte (Das Fenster gegenüber) um eine Drei­ecks­be­zie­hung geht, die durch eine vierte Person wesent­lich beein­flusst wird. Da sind Giovanna und ihr Mann Filippo, deren anstren­gender Alltag ihre Ehe immer mehr belastet. Dass Filippo ohne festen Job ist und Giovanna den Fami­li­en­un­ter­halt verdienen muss, macht alles nicht einfacher. Einzige Ablenkung in der Misere sind für Giovanna die Augen­blicke, in denen sie vom Küchen­fenster aus ihren Nachbarn Lorenzo beob­achtet und Blick­kon­takt mit ihm aufnimmt. Auf ihn proji­ziert sie ihre Träume und Sehn­süchte, bis sie ihm über den alten und verwirrten Simone tatsäch­lich näher­kommt…
Özpetek verknüpft souverän und empfindsam Liebes- und Lebens­ge­schichten aus Vergan­gen­heit und Gegenwart. Das Melodram von 2003 wurde in vier Kate­go­rien mit dem italie­ni­schen Filmpreis »David di Donatello« ausge­zeichnet: als bester Film, für die beste Haupt­dar­stel­lerin und den besten Haupt­dar­steller und für die beste Musik. (Eröffnung am Di 8.11. 19:00)

Weiter geht es mit Un giorno perfetto (Ein perfekter Tag), eine Roma­n­ad­ap­tion. Auch in diesem Drama von 2008 kreuzen sich verschie­dene Lebens­wege scheinbar zufällig. Das Paar, das hier im Mittel­punkt steht, lebt seit einiger Zeit getrennt, aber Antonio möchte seine Frau Emma unbedingt zurück­ge­winnen und kämpft auch verzwei­felt darum, den Kontakt zu seinen Kindern nicht zu verlieren. Die sind indes mit ihren eigenen Problemen beschäf­tigt. Doch je mehr ihm seine Familie zu entgleiten droht, umso aggres­siver agiert Antonio…
Mit seiner Lite­ra­tur­ver­fil­mung nach dem gleich­na­migen Roman von Melania Gaia Mazzucco gelingt es Ferzan Özpetek, eine zunehmend bedroh­liche Atmo­s­phäre zu schaffen, indem er alltä­g­liche Situa­tionen so in Szene setzt, dass die Kata­strophe immer unaus­weich­li­cher erscheint. Dabei kann er sich auf ein exzel­lentes Schau­spie­leren­semble verlassen, in dem nicht nur die Haupt­dar­steller Valerio Mastandrea und Isabella Ferrari über­zeugen. (Mi 9.11. 19:00)

In Mine vaganti (Männer al dente) beschließen zwei Brüder unab­hängig vonein­ander, ihrer konser­va­tiven Familie reinen Wein einzu­schenken, weil sie ihre Homo­se­xua­lität endlich offen leben wollen. Tommaso, der jüngere, will seinem Vater außerdem eröffnen, dass er nicht dessen Pasta-Fabrik über­nehmen wird, sondern Schrift­steller werden möchte. Doch als ihm sein älterer Bruder Antonio mit seinem Outing zuvor­kommt und der Vater einen Herz­in­farkt erleidet, macht Tommaso einen Rück­zieher. Da taucht plötzlich sein Partner Marco auf dem Fami­li­en­an­wesen auf und hat auch noch ein paar schwule Freunde im Schlepptau. Tommasos Geheimnis droht aufzu­fliegen…
Die schwarze Komödie von 2010, zu der Ferzan Özpetek auch das Drehbuch geschrieben hat, ist perfekt besetzt. Das zeigen auch die vielen Auszeich­nungen, die der Film erhalten hat, unter anderem war er drei­zehnmal für den »David Di Donatello« nominiert. Gewonnen haben ihn Ennio Fanta­sti­chini für seine Neben­rolle als Fami­li­en­pa­tri­arch und Ilaria Occhini für ihre Darstel­lung der unkon­ven­tio­nellen Groß­mutter. (Di 15.11. 19:00)

Auch der homo­se­xu­elle Pietro will endlich Nägel mit Köpfen machen und trotz seiner Schüch­tern­heit Schau­spieler werden. Deshalb verlässt er seine sizi­lia­ni­sche Heimat und zieht nach Rom. Seine neue Wohnung ist groß, aber ziemlich marode. Außerdem scheint Pietro nicht der einzige Mieter zu sein, die leeren Zimmer sind voll von seltsamen Geräu­schen, Gegen­s­tände bewegen sich wie von Geis­ter­hand. Pietro lässt sich auf die myste­riösen Wesen ein, die mit ihm unter einem Dach wohnen und die auch nur er sehen kann…
Magnifica presenza (Wunder­bare Präsenz) von 2012 ist eine surreale Geschichte, in der Ferzan Özpetek geschickt Realität und Fiktion vermischt. Beim Globo d’oro, dem italie­ni­schen Golden Globe, wurde er dafür als bester Regisseur ausge­zeichnet, Pietro-Darsteller Elio Germano als bester Schau­spieler. Wie Germano den einsamen Außen­seiter spielt, der immer mehr in eine Fanta­sie­welt abtaucht, ist auch wirklich grandios. (Mi 16.11. 19:00)

In Napoli velata (Das Geheimnis von Neapel) ist ebenfalls vieles nicht so, wie es zu sein scheint. Patho­login Adriana lernt auf einem Fest ihrer Tante einen attrak­tiven jungen Mann kennen und verbringt die Nacht mit ihm. Als er am nächsten Tag nicht zu einer Verab­re­dung erscheint, kurz darauf jedoch tot auf ihrem Unter­su­chungs­tisch liegt, will Adriana heraus­finden, was geschehen ist. Aber alle Menschen und Orte, die sie dafür aufsucht, lassen Neapel und ihre erotische Begegnung noch myste­riöser aussehen… Das Drama von 2017 ist ein emotio­nales Verwirr­spiel, das mehr Fragen aufwirft als es beant­wortet. Auch das Genre entzieht sich einer eindeu­tigen Zuordnung. Özpeteks gelungene Mischung aus Mystery-Thriller und Film Noir wollten in Italien über eine Million Kino­be­su­cher sehen. Giovanna Mezzo­giorno wurde 2018 beim Film­fes­tival in Moskau als beste Haupt­dar­stel­lerin ausge­zeichnet, den »David di Donatello« gab es für die beste Kamera und die beste Ausstat­tung. (Di 22.11. 19:00)

Ferzan Özpeteks bisher letzter Spielfilm ist gleich­zeitig der letzte Film der Reihe. La dea Fortuna (Die Göttin Fortuna) erzählt von einer Liebes­be­zie­hung, die in die Jahre gekommen ist und durch schick­sal­hafte bezie­hungs­weise göttliche Fügungen wieder­be­lebt wird. Instal­la­teur Ales­sandro und Über­setzer Arturo leben nach 15 Jahren mehr neben­ein­ander als mitein­ander, beide gehen fremd. Als eine Freundin von Ales­sandro ihre Kinder bei ihnen einquar­tiert, weil sie ins Kran­ken­haus muss, müssen sich die beiden zwangs­läufig wieder mehr in Gemein­sam­keit üben. Und auf die Ersatz­el­tern warten noch weitere Über­ra­schungen…
Bei der Tragi­komödie von 2019 stand abermals Gian Filippo Corti­celli hinter der Kamera, der bereits für seine Arbeit bei Napoli velata ausge­zeichnet wurde. Auch für Pasquale Catalano war es nicht die erste Zusam­men­ar­beit mit Özpetek, seit Mine vaganti hat er für alle seine Filme die Musik kompo­niert. Und das mit Erfolg: Der Sound­track von La dea Fortuna ist preis­ge­krönt. (Mi 23.11. 19:00)

Ferzan Özpetek – Ein Italiener aus Istanbul
Eine Veran­stal­tung von Circolo Cento Fiori und Filmstadt München e.V.
8.11.–23.11.2022, Film­mu­seum München

Eintritt: 4 Euro