22.09.2022

Angriff auf alles Sehgewöhnliche

Logo À bout de souffle
Mit À bout de souffle revolutionierte Godard den Filmschnitt
(Foto: Société Nouvelle de Cinématographie (SNC), Public domain, via Wikimedia Commons)

Die dunklen Kammern der Gefühle, der Gedanken und des Wissens: Zum Tod von Godard

Von Katja Dringenberg

Das Zentrum des Denkens über Film war bei Jean-Luc Godard immer der Schnei­de­raum. Sein avant­gar­dis­ti­scher Antrieb des Filme­ma­chens hatte ihn immer wieder über die Arbeit der Montage, den Film­schnitt nach­denken und sprechen lassen. Er hat jedes Mittel in seinen Filmen einge­setzt, von Schrift­ta­feln, Doppel- und Mehr­fach­be­lich­tungen, ja Malerei mit der Kamera, Auslas­sungen, mit Groß­auf­nahmen von hand­ge­schrie­benen Briefen, Musik­ein­sätzen, es gab keine Grenzen.
Im Schnei­de­raum und nur dort wurde der Film aus dem Abstrakten sichtbar gemacht, dort konzi­pierte und konstru­ierte er seine Filme. Er hasste es, sich beim Schneiden, beim Denken mit den Händen, wie er es nannte, zuschauen zu lassen.

»Schaut man auf die Hände bei Arbeiten, dann sehen wir: sie denken«, sagt er uns in seinem letzten Film, dem Bildbuch. Es sei der Film, der denkt und mache ihn, Godard zum Medium, dem er sich aussetzt. Der Ort dieser Medi­ta­tion über einen Film sei der Schnei­de­raum, denn nur dort durch­dringt man das gesamte Wesen des Films, und wird von eben diesem durch­drungen.

Mit À bout de souffle revo­lu­tio­nierte er den Film­schnitt mit seinen so leicht daher­kom­menden Jump Cuts und Achsen­s­prüngen, seinem getrie­benen Schnitt, der den Film vor sich her- und immer weiter­treibt, mit einer unver­schämten Leich­tig­keit.

»Der Schnitt meine schönste Sorge!« So fing einmal ein Text von ihm an. Er hat uns seine Sicht­weise auf die Welt oktroy­iert und uns gezwungen hinzu­schauen. Er hat Gefühle und Gedanken mitein­ander verbunden, und er hat sich dabei selbst keine Grenzen gesetzt. Er hat uns irritiert zurück­ge­lassen und seinen Skep­ti­zismus nicht verheim­licht. Seine Filme haben uns mit seinem Gelang­weilt-sein-von-der-Welt konfron­tiert. Er war unzu­gäng­lich. Zusammen mit Harun Farocki aller­dings, einem ebenfalls großen Avant­gar­disten der Filmkunst, plante Jean-Luc Godard ein Buch über Film zu schreiben, in dessen Zentrum der Schnei­de­raum steht. Leider hat er das, haben beide das nicht mehr geschafft.

Der Film mit seiner eigenen Bild- und Tonfolge, seiner Timeline, sei als eine eigen­s­tän­dige Form des Denkens aufzu­fassen, sei eine eigene Form der Reflexion und etwas anderes als die Sprache. Es ist der Film, der denkt. Dies sei es, dem man sich im Schnei­de­raum aussetzt. Ein Sortieren und ein-alles-Bedenken, ein-Auswählen-und-nichts-Vergessen. Man sieht immer ein Konkretes im Film und es bleibt ein Geheimnis, wie man zu diesem Konkreten gekommen ist.

Er ruft uns, die Edito­rinnen auf, Regeln und Konven­tionen der Gegenwart zu brechen und uns hinein­zu­be­geben in die dunklen Kammern der Gefühle, der Gedanken und des Wissens.

Wie wenig Godard in unserem Land verstanden oder geachtet wurde, kann man unschwer an der zurzeit in der Arte-Mediathek gezeigten deutsch synchro­ni­sierten Fassung von Le mépris erkennen. Die Auswahl der Stimmen von Brigitte Bardot oder auch von Michel Piccoli zeugt von einem großen Unver­ständnis für die Gefühle und den Intellekt, die dieser Regisseur seinen Akteuren einge­haucht hat.
Eine kreischig-dauer­be­lei­digte Brigitte-Stimme wird von einem unter­kühlten und besser­wis­se­ri­schen Michel-Geraune ermahnt. Die Zartheit der Stimmen im Original ist nicht austauschbar und kann von keiner Synchron­fas­sung je erreicht werden. Das schon zeigt die Entfer­nung, die der deutsche Film zum fran­zö­si­schen Film hat und immer gehabt hat.

Auch wenn es sicher schon viele gesagt haben, die Energie und die Wucht, mit der Godard seine Filme gemacht hat, sind bis zu seinem letzten Film Bildbuch immer ein Angriff auf alles Sehge­wöhn­liche geblieben.
Mit dem Tod Jean-Luc Godards ist das 20. Jahr­hun­dert ganz und gar zu Ende gegangen.