15.09.2022

Der Gott des Kinos ist tot

JLG
Jean-Luc Godard in Berkeley, 1969
(Foto: Gary Stevens, CC BY 2.0)

Sehr lose Gedanken beim Nachdenken über Jean-Luc Godard. Kein Nachruf.

Von Rüdiger Suchsland

»Ich weiß, wohin mein Streben führt, ist niemals meine Freiheit, nur Resi­gna­tion.«
- Jean Amery, »Hand an sich legen.«

Selbst­be­stim­mung bis zuletzt. Wer hätte das Leben Godards beenden dürfen, wenn nicht er selbst?

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Assis­tierter Suizid hört man. Er war der Meister – und noch im Tod Herr seiner selbst. Assis­tierter Suizid, das bedeutet auch Selbst­be­stim­mung. Das bedeutet zu sagen, dass es jetzt genug ist.
Das ist trotzdem sehr schmerz­haft für jemanden, dessen Leiden­schaft bis in seine aller­letzten Jahre das Filme­ma­chen war, und der sich offenbar zuletzt einge­stehen musste, dass die Kraft für einen weiteren Film nicht mehr reichen würde.

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Alles was ich jetzt schreiben könnte, habe ich zu Godards 90. besser geschrieben.

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Es gab nicht einen Jean-Luc Godard, sondern viele. Drei, vier, fünf. Es gab mindes­tens einen Bruch Mitte der 70er Jahre.

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Godard war sehr sensibel, wollte immer die Zeit­ge­nos­sen­schaft, Gegen­wär­tig­keit, und wurde Pessimist, weil er die geschichts­phi­lo­so­phi­schen Zeichen besser lesen konnte als andere. Das Böse hatte gesiegt; das Böse würde weiter siegen, und er wusste es.

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Er war der jüngste von allen, bis zum Schluss. Er war tech­ni­kaffin, er hat das neueste Kino verfolgt, er wollte nie sein eigenes Denkmal werden. Um Zeit­ge­nosse bleiben zu können, hatte er sich nicht für Moden inter­es­siert. Er hat, wenn sie ihn denn über­zeugten, die neuesten Techniken benutzt. Zum Beispiel FaceTime, Smart­phone, Computer. Seine Filme hat er trotzdem am Video­re­corder geschnitten. Natürlich nicht aus Zurück­ge­blie­ben­heit, sondern weil er so wollte. Weil es ihm Spaß gemacht hat, der Gegenwart eine lange Nase zu zeigen.

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Jüngere kennen Jean Luc Godard meist nur, wenn gleich­zeitig sein Film »Außer Atem« erwähnt wird. Dabei gibt es selbst im zeit­genös­si­schen Kino Spuren von ihm. Godard wollte Neues erfinden, anders Kino machen, weder sich noch andere lang­weilen, zu seinen Hoch­zeiten war er ein Popstar. Godard hat Welt und Kino iden­ti­fi­ziert.
Film ist Leben. Es geht um Schönheit. Er war ein Linker. Aber Links sein und Schönheit schließen sich nicht aus, wie zu viele gerade in Deutsch­land meinen.
Das heißt »Politisch Filme machen« statt »Poli­ti­sche Filme zu machen«.

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Godard galt als schwierig, war aber auch sehr charmant. Natürlich Kind seiner Zeit. Zugleich war er einer der ersten, der Frauen Sicht­bar­keit im Film ermö­g­lichte.
Vor allem aber war er der Klas­sen­spre­cher der Nouvelle Vague, der Leader of the Pack, der die Anderen oft zum Jagen tragen musste. Er hatte Haltung. Aber Haltung nervt auch manchmal.

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Godard wollte immer weg vom Staats­tra­genden, wusste Musik, Humor und Intel­lek­tua­lität zu verbinden, er arbeitete immer mit Zitaten, war insofern der popkul­tu­rellste Regisseur, den es gab.

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Ich bin traurig über die Nachricht von Godards Tod und in der Trau­rig­keit ein bisschen glücklich über die Art und Weise.
Ich freue mich ungemein auf das »Zeitalter des Bildes«, von dem RP Kahl schreibt.

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»Der Suizidant ist kein obsti­nater Debatter mehr. Er sagt ja und amen: Zu sich selber und seines Ich äußerster Selbst­herr­lich­keit und zur Welt, die ihn aburteilt mit ihrem arterhal­tend notwen­digen Gerede. ... Wir sollten ihnen Respekt vor ihrem Tun und Lassen, sollten ihnen Anteil­nahme nicht versagen, zumalen ja wir selber keine glänzende Figur machen. Bekla­gens­wert nehmen wir uns aus, das kann ein jeder sehen. So wollen wir gedämpft und in ordent­li­cher Haltung, gesenkten Kopfes den beklagen, der uns in Freiheit verließ.«
- Jean Amery, »Hand an sich legen.«