14.07.2022

Loslegen, drehen. Nicht immer lange nachdenken, oder fragen, was gerade gewünscht ist

Klaus Lemke
Klaus Lemke (2. v. r.) bei der Premiere von Dancing with Devils (2009)
(Foto: Kaethe17, CC BY-SA 4.0)

Die Freiheit beim Filmemachen: Warum Klaus Lemke das Gegenteil von politisch korrekt war und allen vor Augen hielt, worum es eigentlich gehen sollte

Von RP Kahl

Klaus Lemke war ein Filme­ma­cher, der noch verstanden hat, was Film im Ursprung sein könnte, nämlich die Verbin­dung aus Sex, Crime, Rock'n'Roll und Unter­hal­tung. Das war sein Credo, ohne dass er deshalb je Main­stream-Filme gemacht hätte. Das klingt nach einem Wider­spruch: Denn einer­seits bedeutet es, Filme nicht als Kunst-, sondern als Unter­hal­tungs­me­dium wahr­zu­nehmen, ande­rer­seits aber dabei keine Konfek­ti­ons­ware herzu­stellen, um einem großen Zuschau­er­kreis zu gefallen.
Sondern sich zu sagen: Film ist nicht in erster Linie Kunst, sondern Unter­hal­tung. Aber ich nehme mir trotzdem die Freiheit, das zu machen, was mir gefällt, was ich will. Das war Klaus Lemke.

Auf Lemke bin ich erstmals 1995 gestoßen. Ich war 24 Jahre alt, kam aus der DDR. Deswegen sind mir diese frühen, heute berühmten Klaus-Lemke-Filme wie Rocker noch gar nicht so bewusst gewesen. Für mich ging es mit dem letzten Film dieser ersten Ära los, als er noch in klas­si­scher Form gedreht hat: Das Flittchen und der Toten­gräber. Der Titel sagt schon alles. Dieser Film ist das Gegenteil von politisch korrekt, er ist total unwoke. Sein Begriff des Verhält­nisses von Mann und Frau entstammt eventuell einer anderen Zeit. Der Film ist halb impro­vi­siert, mit wenig Geld gedreht, aber immer noch auf 35 Milli­meter.

Lemkes Gestus ist gewesen: »Ich halte keine Arbeits­ge­setze ein, ich zahle wenig Geld, die Schau­spieler gehen einfach mal los. Ich mache das ohne Film­för­de­rung.« Klaus Lemke verkör­pert damit all das, was man sich selbst wünscht – dass man nicht politisch korrekt sein muss, dass man nicht darauf achten muss, ob man Green Shooting einhält, dass man sich nicht dauernd in erster Linie fragt, ob man der tollste Arbeit­geber ist, der ganz ordent­lich bezahlt und nur sieben Stunden und 20 Minuten am Tag arbeiten lässt und dass man sich vor allem nicht mit Film­för­de­rung und Sender­in­ter­essen herum­schlagen muss. All das verkör­perte er. Deswegen hatte er so eine Fama und war auch so ein Wunsch­bild von vielen von uns deutschen Filme­ma­chern – ohne dass wir unbedingt alle seine Filme gucken mussten.

Mit diesem Gestus steht Lemke zugleich auch für eine Tradition des Genre­kinos, die es in Deutsch­land gab, bevor diese Filme­ma­cher dann aus den bekannten Gründen Deutsch­land verlassen mussten und in Amerika gedreht haben.
Es gibt darunter neben den Berühmten auch noch viele Namenlose, die in Amerika düstere Gangs­ter­filme gedreht haben. Die fehlen als Vater- und Mutter­fi­guren, auf die man sich berufen kann, der Genera­tion vor mir. Lemke müssen sie auch gefehlt haben. Er ist dann künst­le­risch viel­leicht noch in den Bahn­hofs­kinos aufge­wachsen, die ich auch nicht mehr kenne, mit dieser Mischung aus Amistreifen, früher Nouvelle Vague – was auch kein normaler Volks­schul­lehrer damals geguckt hat – und »Schund­filmen«, oder was man als Schund ansehen würde, nämlich Softporno- und Gewalt­filme und Krimis.

Viel­leicht hat es auch was mit München zu tun, der Stadt, die sich immer als was anderes verstanden hat als das poli­ti­sche West-Berlin von Wim Wenders oder Düssel­dorf oder das einge­schla­fene Bonn. München war eine Stadt mit Grandezza und Ameri­kanähe. Und zu Lemke gehören ja dann Namen wie Rudolf Thome, wie Max Zihlmann – vor ein paar Monaten erst gestorben – , auch ein großar­tiger Dreh­buch­autor, der Dreh­buch­autor von Rote Sonne von Thome. Sie bildeten die »Münchner Gruppe«, die zu Unrecht etwas vergessen ist. So bin ich auf Lemke gekommen. Ich hatte Rudolf Thome für mich entdeckt. Das war eine Gruppe von Menschen, die gesagt haben: »Okay, wir lassen uns nicht von Politik und Film­för­de­rung einspannen, das inter­es­siert uns nicht, das lassen wir mal lieber den Alexander Kluge machen, der kann mit seinen SPD-Kontakten die Film­för­de­rung erfinden und dann schöne Kunst­filme machen.« Nichts gegen Alexander Kluge. Aber es ist eine andere Form von Denke. Es muss eben die verschie­denen Möglich­keiten geben.

Auch Lemke hat sich nicht komplett der Markt­wirt­schaft unter­worfen, sondern mit den Geldern des ZDF, für das er lange Zeit Filme gemacht hat, öffent­liche Gelder genommen – aber keine »Staats­knete« und natürlich zu ganz anderen, viel grad­li­ni­geren für ihn prak­ti­ka­blen Bedin­gungen.

Ich habe Riesen­re­spekt vor Klaus Lemkes Sachen. Er war am Ende eine ganz wichtige Figur, die der nächsten Genera­tion vor Augen hielt, worum es eigent­lich gehen sollte, nämlich um die Freiheit beim Filme­ma­chen. Loslegen, drehen. Nicht immer lange nach­denken, nicht immer fragen, was gerade gewünscht und gewollt ist, sondern loslegen.

Da entstanden Filme, in denen oft großar­tige Szenen drin waren, weil die einfach passiert sind und in dieser Laien­haf­tig­keit, in der sie gedreht haben, eine große Leben­dig­keit hatten. Und er hat immer wieder so tolle Leute entdeckt, zuletzt Saralisa Volm. Wenn Klaus Lemke nicht Saralisa Volm ange­spro­chen hätte, hätte ich mit ihr nicht Als Susan Sontag im Publikum saß machen können. Wenn er nicht Timo Jacobs entwi­ckelt hätte, könnte der nicht seine coolen Filme machen. Henning Gron­kowski, Mela Feigen­baum etc. pp. Und na klar, diese ganzen Altstars, ange­fangen von Thomas Kret­sch­mann, Holly­wood­star, einst Schwimmer aus Ost-Berlin.

Jetzt nach seinem Tod wäre es, glaube ich gut, wenn sich eine Gruppe von Menschen, die mit ihm auf prägende Weise verbunden waren und dann Vatermord begehen mussten wie Volm oder Jacobs, die sich von ihm eman­zi­pieren mussten, auch weil er ihnen viel­leicht ein bisschen auf den Keks gegangen ist, wenn die sich zusam­mentun würden und sagen: Hey, wir machen das Klaus-Lemke-Archiv, wo es jedes Jahr eine Klaus-Lemke-Master­class gibt, wo wir seinen Geist gemeinsam feiern, und nicht nur jetzt schöne Nachrufe schreiben, über ihn reden, weinen – und danach ist alles vorbei. Ich glaube, die, die von ihm diese Energie mitge­kriegt haben, die sollten sich zusam­men­schließen zu einer Klaus-Lemke-Gesell­schaft und diesen Geist in Zukunft hoch­halten.

Nach dem Filmfest München wollte er sofort anfangen, was Neues zu drehen. Die Fama geht, dass er es noch geschafft hätte. Also gibt es eventuell noch Material für einen neuen Lemke-Film. Der sollte unbedingt von einer Gruppe von Freunden zu Ende gemacht werden, von Henning Gron­kowski oder Detlef Bothe. Irgend­je­mand muss auch diese Rolle einnehmen, diese Rolle des Außen­sei­ters, sich eine gewisse Narren­frei­heit zu nehmen und daran zu erinnern: Hey, Kinder, nur mit Wokeness, nur mit Green Shooting, nur mit »Wir haben ganz faire Arbeits­be­din­gungen und danken ganz brav immer der Film­för­de­rung nach jeder Premiere« – wird man nicht zu guten Filmen kommen.

Darum wäre es auch großartig, wenn ein deutsches Film­fes­tival jetzt eine schöne Klaus-Lemke-Retro­spek­tive zeigen würde – um alle deutschen Filme­ma­cher entspre­chend zu schulen und heraus­zu­for­dern. Ich glaube aber, dass uns da ein Festival außerhalb Deutsch­lands zuvor­kommen wird – die Viennale in Wien. Das ist tradi­tio­nell ein Hort des Cine­as­ti­schen. Eigent­lich erwarte ich dort eine riesige Lemke-Retro­spek­tive in bester digitaler Form. Natürlich wäre es besser, wenn man in Deutsch­land ein paar von den alten Sachen auch gleich noch mal neu digi­ta­li­sieren würde. Dafür gibt es ja Film­för­de­rung, höhö, aber das ist in dem Fall okay, ist ja kultu­relles Erbe. Und im besten Falle gäbe es ein Mashup – noch einen Klaus-Lemke-Film ohne Klaus Lemke. Ich sagte ja, viele seiner letzten Filme hatten immer einzelne gute Szenen. Manchmal war der ganze Film schon ein bisschen anstren­gend. Aber wenn man daraus den neuen Klaus Lemke, »Das Vermächtnis des Klaus Lemke«, drehen würde, und das als Eröff­nungs­film der Berlinale 2023 zeigen, dann würde ich auf Knien ange­kro­chen kommen. Dafür würde ich sogar eine Maske aufsetzen.