07.04.2022

Diversität im deutschen Film – Part II: Was tun! oder: »Rise of the Cinephiles«

Diversität

Die Probleme mit der mangelnden Diversität im deutschen Film sind ausgesprochen, durch Zahlen belegt, doch wie behandelt man Ursachen und nicht nur Symptome? Eine weitergehende Betrachtung zur Tagung »Sehen und gesehen werden: Teilhabe im Film« des Filmfest München in Zusammenarbeit mit der Evangelischen Akademie Tutzing

Von Sedat Aslan

Der Wunsch nach Diver­sität (bezogen v. a. auf die Reprä­sen­tanz von Minder­heiten) speist sich nicht nur aus dem Grund­ge­danken unserer Demo­kratie und dem aus unserer Verfas­sung hervor­ge­henden Menschen­bild, sondern – wie im ersten Teil dieses Textes verdeut­licht – daraus, dass Filme unser Weltbild formen, in Diver­sität ein unge­ho­benes wirt­schaft­li­ches Potenzial liegt und all dies in einer Wech­sel­wir­kung mit dem sozialen Frieden steht. Was hindert uns also daran, die Probleme anzugehen und warum dauert es so lange, bis sich was tut?

Auf der Tagung ließ sich ein zentrales Hand­lungs­muster wohler­probter bundes­deut­scher Denk­weisen verschmitzt beob­achten: Das Problem existiert nicht, bis es jemand in Zahlen ausge­drückt hat. Jahr­zehn­te­lange Erfah­rungs­be­richte betrof­fener Menschen dringen nicht durch, Zahlen schon. Erst durch sie schafft man eine Argu­men­ta­ti­ons­grund­lage und einen Diskus­si­ons­an­satz, auch wenn der Befund augen­schein­lich ist. Bis dahin scheint der Grundsatz zu gelten: »Why fix it if it ain’t broken?«

Diversität im deutschen Film Tagung
Das Panel von l. n. r.: Julia Weigl (Filmfest München), Dorothee Erpen­stein (FFF Bayern), Jan Krüger (Produzent), Tyron Ricketts (Schau­spieler und Filme­ma­cher), Nico Hofmann (Produzent), Fatima Abdol­la­hyan (BR), Christoph Gröner (Filmfest München) (Foto: Sedat Aslan)

In der Novel­lie­rung des Film­för­de­rungs­ge­setzes taucht erstmals die Erwei­te­rung des Aufga­ben­be­reichs der Film­för­der­an­stalt auf, faire Arbeits­be­din­gungen sowie »Menschen mit Behin­de­rung und Diver­sität« zu berück­sich­tigen. So weit, so gut, denn ohne Verord­nungen von oben bewegt sich in diesem Lande ja nichts, das ist wie mit Dosen­pfand und Mindest­lohn. Selbst­ver­pflich­tungen werden immer nur als Angebot gesehen. Warum die FFA ihre Aufgabe bis dato rein in der wirt­schaft­li­chen Beob­ach­tung des deutschen Kinos gesehen hat, will um so weniger einleuchten. Sie müsste es als ureigenen Auftrag ansehen, sich sozio­po­li­ti­schen Fragen zu widmen, damit man nicht von Impulsen aus privaten bzw. externen Studien abhängig ist. Die FFA weiß alles über den Kino­zu­schauer, selbst wieviel Popcorn er durch­schnitt­lich pro Besuch mampft, über die Prot­ago­nist*innen im deutschen Film macht sie sich aber keine weiter­füh­renden Gedanken, dabei ist sie die Stelle im deutschen Film, die qua gesetz­li­chem Auftrag forscht. Mit der Neufas­sung des FFG müsste sich auch dieses Feld erweitern, und die FFA, ähnlich wie das British Film Institute, ständig den Status Quo der Diver­sität analy­tisch betrachten.

Ähnliches gilt für die FFA in ihrer Funktion als Förder­insti­tu­tion und auch alle anderen Film­för­der­an­stalten: »You shouldn’t need to hope that the commis­sioner will 'get' that kind of stories«, wie es Melanie Hoyes vom BFI auf den Punkt bringt. Es braucht verbind­liche Richt­li­nien und Check­listen, wie sie bereits die MOIN Film­för­de­rung Hamburg Schleswig-Holstein einge­führt hat. Auch hier kann man sich an der Vorarbeit des BFI orien­tieren. Darüber hinaus sollten die Diver­si­täts­be­auf­tragten dieser Insti­tu­tionen eine Geschlechter- und Diver­si­täts­quote der Antrags­stel­lung und -bewil­li­gung erstellen. Nicht nur mich würde brennend inter­es­sieren, wie viele Projekte z. B. von Menschen mit Migra­ti­ons­hin­ter­grund in Drehbuch und Regie eingehen, und wie viel davon letztlich gefördert wird. Wie bei den in der sehr empfeh­lens­werten Umfrage unter Film­schaf­fenden der Initia­tiv­gruppe »Vielfalt im Film« gefor­derten Maßnahmen wie einer zentralen Anti­dis­kri­mi­nie­rungs­stelle, ginge es dabei nicht um Finger­zeige und Regu­lie­rungswut, sondern vor allem um Erkennt­nis­ge­winn und Selbst­re­fle­xion, und in Folge dessen um eine längst über­fäl­lige Umsetzung gesell­schaft­li­cher Prin­zi­pien mit den Mitteln des Rechts.

Konrad Adenauer hat einmal gesagt: Man muss die Dinge so tief sehen, dass sie einfach sind. Memo Jeftic, einer der Prot­ago­nisten der Tagung, stellt in seiner aufschluss­rei­chen Doku­men­ta­tion »Kino Kanak« einen einfachen und zugleich viel­sa­genden Zusam­men­hang zwischen der Führungs­struktur des deutschen Films und der mangelnden Reprä­sen­tanz von Menschen mit Migra­ti­ons­hin­ter­grund her: Die wich­tigsten Entschei­der­po­si­tionen für Filme und Serien lägen bei den deutschen Film­för­der­an­stalten und öffent­lich-recht­li­chen Sendern. Zusam­men­ge­zählt seien das etwa 350 Redakteur*innen, Vorstands­mit­glieder und Förder­mit­glieder, von diesen 350 Menschen hätten gerade einmal zehn einen Migra­ti­ons­hin­ter­grund, das sind nicht einmal 3 % – im Gegensatz zu den 26 % innerhalb der Gesamt­ge­sell­schaft. Um ein anderes geflü­geltes Wort zu verwenden: Der Fisch stinkt vom Kopfe her.

Es ist kein pauschaler Gene­ral­ver­dacht und auch kein Angriff auf die frei­heit­li­chen Errun­gen­schaften dieses Landes, wenn man solcherlei Miss­stände anspricht. Man kann ebenso niemandem vorwerfen, zugleich kompetent und ohne Migra­ti­ons­ge­schichte zu sein. Dr. Özkan Ezli schreibt: »Es ist unum­gäng­lich, statt Diskri­mi­nie­rungen aufgrund von Sensi­bi­li­täten auszu­schließen, sie vielmehr sichtbar zu machen, ihren Mecha­nismus darzu­stellen« – diese Diskri­mi­nie­rungen und syste­mi­schen Ungleich­stel­lungen müssen von allen gemeinsam ange­gangen werden, Betrof­fenen wie Nicht-Betrof­fenen. Mehr noch: hier kann es eine solche Unter­schei­dung nicht geben.

Wenn wir unter Freunden und Bekannten über Geschlech­ter­ge­rech­tig­keit sprechen, kris­tal­li­siert sich schnell immer derselbe Punkt heraus: Männer müssen schon alleine aus purem Eigennutz Femi­nisten sein. Die Befreiung der Frau ist auch die Befreiung des Mannes – ob aus prag­ma­ti­scher, poli­ti­scher oder philo­so­phi­scher Sicht. Dasselbe lässt sich über Diver­sität sagen. Anders formu­liert: Unsere Probleme sind eure Probleme. Im Prinzip müssen wir der Mehr­heits­ge­sell­schaft helfen und Aufbau­ar­beit leisten. Denn möchten sie wirklich in einem Land leben, wo es eine verfas­sungs­recht­lich zuge­si­cherte Gleich­stel­lung de facto nicht gibt? Möchten sie, dass künst­le­risch begabte Menschen in die Heimat ihrer Eltern auswan­dern, weil sie hier nicht weiter­kommen? Möchten sie, dass der deutsche Film weiterhin immer die gleichen Geschichten erzählt?

Das Bild des »alten weißen Mannes« finde ich in der Diskus­sion nicht hilfreich, weil es dasselbe macht, was man kriti­siert, nämlich jemanden auszu­grenzen für etwas, für das er nichts kann, nämlich Alter, Geschlecht und Hautfarbe. Selbst, wenn das nur bildlich für ein bestimmtes Prinzip west­li­cher Klassen- und Herr­schafts­struk­turen steht, steckt dahinter ein triba­lis­ti­sches Framing, dem man sich nicht unter­werfen sollte. Schwarze, Weiße und alles dazwi­schen müssen in dieser Frage zusam­men­ar­beiten, Leute in Entschei­der­po­si­tionen müssen verstehen, dass von einer solchen Struk­tur­re­form die größten Erneue­rungs­kräfte fürs deutsche Kino seit Ober­hausen ausgehen könnten. Sie müssen zunächst einmal den fälsch­li­cher­weise ange­nom­menen Normal­zu­schauer aus ihrem Denken verdrängen und es daraufhin als ihre Verant­wor­tung begreifen, diverse Menschen zu ermäch­tigen. Diese wiederum würden ganz andere Narrative ermö­g­li­chen, neue Menschen in das System holen. Damit ermäch­tigten sie die Mehr­heits­ge­sell­schaft und das deutsche Kino gleich mit.

Denn durch diverse Geschichten wird ein Gegen­spiegel geschaffen, mittels dessen man nicht nur die immer­glei­chen Befind­lich­keiten sieht, sondern die eigene Position in konstruk­tiver Weise hinter­fragen und zu einem erwei­terten Selbst­ver­ständnis kommen kann. Seherfah­rungen verschieben sich, damit einher­ge­hend auch der Anspruch des Zuschauers. Die verschie­denen Ansätze würden Teil eines viel­schich­tigen Narrativs, das in Bewegung geraten und sich dabei stärker ausdif­fe­ren­zieren würde als bisher. Wir alle würden vonein­ander lernen, ohne uns ständig gegen­seitig auszu­grenzen, weil sich Stereo­typen nicht mehr so leicht mani­fes­tieren könnten und es somit selbst­ver­ständ­lich werden würde, dass eine weiße Frau mit der notwen­digen Kompetenz von einem schwarzen Mann erzählen kann und umgekehrt. Positiver Neben­ef­fekt wäre ein größerer inter­na­tio­naler Appeal, der den nie ganz verwirk­lichten Traum einer inter­na­tio­nalen Strahl­wir­kung des deutschen Kinos einlösen könnte, denn diverse Geschichten haben im Kern immer auch einen univer­sellen Anspruch, wie es in der Tagung deutlich wurde und es uns die Streaming-Dienste zur Genüge vormachen.

Braucht es tatsäch­lich Diver­si­täts­ver­pflich­tungen und -studien, um das zu begreifen? Ist Gleich­stel­lung ohne Quote überhaupt zu erreichen? Und ab wann hört man eigent­lich endlich auf, Mensch mit Migra­ti­ons­hin­ter­grund zu sein? Das Thema muss weiter in der Diskus­sion bleiben, ob auf solchen Veran­stal­tungen oder in Arbeits­kreisen, und da bleibt zu hoffen, dass das Filmfest München in Person von Julia Weigl und Christoph Gröner weiter vorangeht. Irgend­wann sprechen wir dann hoffent­lich auch über den Elefanten im Raum: Ist das Thema Diver­sität tatsäch­lich nur auf bestimmte, v. a. äußer­liche Merkmale bezogen? Oder sollte uns allen nicht mindes­tens genauso stark daran gelegen sein, dass es eine größere Vielfalt in Form und Inhalt gibt?

Ja, die Ermäch­ti­gung diverser Menschen fördert auch viel­fäl­tige Stoffe, Themen und ästhe­ti­sche Zugänge, wie oben bereits ange­deutet. Dennoch darf man hier nicht nur von dieser Flanke aus das System zu erschüt­tern versuchen, auf dass es sich in diesem Prozess erneuert und reif für die Zukunft zeigt. Das Ober­hau­sener Manifest war eine cinephile Bewegung, die die öffent­liche Film­fi­nan­zie­rung erst ermö­g­licht hat, zur Unter­stüt­zung des filmi­schen Nach­wuchses und zum Schutze des Kultur­gutes Film. Bei der Gelder­ver­gabe finden heute aber speku­la­tive poli­ti­sche und wirt­schaft­liche Kriterien wie der stets gefor­derte, oft schön­ge­rech­nete »Regio­nal­ef­fekt« eine viel größere Beachtung als künst­le­ri­sche Kriterien – auch deswegen erzählt der deutsche Film die immer­glei­chen Geschichten.

Soviel diverse Menschen kann man gar nicht hinter die Kamera lassen, als dass sich das in naher Zukunft ändern würde, und natürlich gibt es auch genug Menschen, die nicht divers gelesen werden, aber gerne mal einen Genre- oder Expe­ri­men­tal­film machen möchten, eine ergeb­nis­of­fene Lang­zeit­do­ku­men­ta­tion, ein Musical, einen Body-Horror-Thriller. Diese Künstler*innen rennen gegen verschlos­sene Türen aus Unver­ständnis und widmen sich irgend­wann notge­drungen der Flut an Fern­seh­krimis und -schnulzen, weil viele der Entscheider*innen keinen cine­philen Hinter­grund haben und die bundes­durch­schnitt­li­chen zwei Male im Jahr ins Kino gehen, um sich die gerade angesagte deutsche Komödie sowie den neuen Bond anzusehen. Wie viele Jurist*innen letzt­end­lich die Geschicke des deutschen Films bestimmen, ist bezeich­nend und ein Bogen­schlag zu der eingangs ange­spro­chenen Verord­nungs- und Zahlen­men­ta­lität.

Müssen in den Förder­gre­mien überhaupt Politiker und Sender-Vertreter sitzen – oder kann man die Kompetenz, wie es das BKM vormacht, nicht in die Hände von Menschen legen, die einen cine­philen Hinter­grund haben? Statt­dessen sitzen die einzah­lenden Träger, etwa die Rund­funk­an­stalten beim FFF Bayern, mit jeweils einer Stimme im Verga­be­aus­schuss, und verteilen ihre eigenen Gelder, die noch dazu größ­ten­teils aus der öffent­li­chen Hand stammen, selber weiter. Auch das erscheint doch wie ein Fehler im System, wie falsche Prio­ri­täten. Nichts gegen Jurist*innen, aber wie soll ein studierter Jurist besser beur­teilen können, was gut und recht fürs deutsche Kino ist, als ein Film­kri­tiker, Film­wis­sen­schaftler oder Mitglied eines Regie-, Drehbuch- oder Cine­philie-Verbandes? Sich einen Film und dessen ästhe­ti­sche Erfahrung alleine aufgrund eines Treat­ments bildlich vorstellen können? Film­his­to­ri­sche Bezüge und Anspie­lungen erkennen? Aktuelle Entwick­lungen des jewei­ligen Genres mitberück­sich­tigen? Gerade in einem Land, in der die filmische Bildung meilen­weit hinter der des Nach­bar­landes Frank­reich hinter­her­hinkt, in der Film und Medi­en­kom­pe­tenz auch im 21. Jahr­hun­dert nicht flächen­de­ckend auf den Lehr­plänen stehen, in der das Kino sowohl vom Förder­vo­lumen als auch dem staat­li­chen Schutz immer noch nicht gleich­be­rech­tigt neben der Hoch­kultur wie Literatur und Theater steht, ist das wohl zuviel verlangt.

Das Gegenteil von Diver­sität ist nicht Rassismus, sondern Gleich­för­mig­keit. Das ist nicht nur morpho­lo­gisch ein kleiner Schritt zur Gleich­gül­tig­keit, was man sowohl in der Diskus­si­ons­kultur der Gremien als auch am Publi­kums­in­ter­esse ablesen kann. Diver­sität ist auch, aber nicht nur ein schwarzes Gesicht gleich­be­rech­tigt neben einem weißen. Es geht um Mut, Aufregung, Spannung, Irri­ta­tionen, Inno­va­tionen, Vielfalt, Kompetenz. Alles Attribute, die einem nicht als erstes einfallen, wenn es um den deutschen Film geht.
Gleich­för­mig­keit ist lang­weilig – sie hat aber auch eine bedroh­liche Qualität, weil sie einen norma­tiven Effekt haben kann. Jenseits aller berech­tigter Fragen der Chan­cen­gleich­heit muss also klar sein, dass die Diver­si­täts-Medaille noch eine andere, viel tiefer greifende Seite hat, die eine noch größere Anstren­gung und Aufbau­ar­beit erfordert.

Go back for »Part I: Wo wir sind« in der letzten Ausgabe!

Disc­laimer: Unser Autor arbeitet ab dem 11. April befristet fürs Filmfest München.