31.03.2022

Diversität im deutschen Film – Part I: Wo wir sind

Diversität

Auf der Tagung »Sehen und gesehen werden: Teilhabe im Film« des Filmfest Münchens wird der Finger in eine lange Zeit vernachlässigte offene Wunde des deutschen Films gelegt

Von Sedat Aslan

Es bewegt sich etwas im deutschen Film, Filme­ma­cher*innen fordern lautstark gleiche Chancen ein, Orga­ni­sa­tionen wie Pro Quote Film, Queer Media Society, die MaLisa-Stiftung sowie das Bündnis Vielfalt im Film stellen die alther­ge­brachten Struk­turen und Denk­muster der Branche infrage, und das Filmfest München nimmt sich dieses spätes­tens seit den Black-Lives-Matter-Protesten ganz oben auf der Agenda gelan­deten Themas an.

Gleich im ersten Vortrag der sich über drei Tage erstre­ckenden Veran­stal­tung an der Evan­ge­li­schen Akademie Tutzing, eine Koope­ra­ti­ons­ver­an­stal­tung mit dem Filmfest München, setzt Elizabeth Prommer von der Uni Rostock den Dreh- und Angel­punkt der Diskus­sion: der deutsche Film ist unver­hält­nis­mäßig männlich, weiß und hete­ro­se­xuell. Die Basis ihrer Analyse sind alle deutschen Kinofilme zwischen 2017 und 2020, mit dem Ergebnis, dass es immer noch keine quan­ti­ta­tive Gleich­stel­lung der Frauen im deutschen Film gibt, weder vor noch hinter der Kamera, wenn­gleich der Abstand zwischen den biolo­gi­schen Geschlech­tern seit ihrer ersten Erhebung im Jahre 2016 (bekannt als »MaLisa-Studie«) schmäler geworden ist.

Panel
Das Panel v. l. n. r.: Julia Weigl (Filmfest München), Haley Louise Jones (Schau­spie­lerin), Duc Ngo Ngoc (Regisseur), Narges Kalhor (Regis­seurin), Sheri Hagen (Schau­spie­lerin und Filme­ma­cherin), Sara Fazilat (Schau­spie­lerin und Filme­ma­cherin), Christoph Gröner (Filmfest München) (Foto: Sedat Aslan)

Doch selbst da, wo eine Frau im Mittel­punkt steht, werden Prot­ago­nis­tinnen deutlich häufiger in einen Bezie­hungs­kon­text gesetzt als Männer, und Schau­spie­le­rinnen haben ab Mitte 30 eine rapide abneh­mende Präsenz vor der Kamera, während ihre männ­li­chen Pendants die späteren Jahre domi­nieren. Auch hinter dem Objektiv gibt es keine Parität, da der Anteil von Filme­ma­che­rinnen gerade bei den Gewerken Regie und Kamera meilen­weit hinter dem ihrer männ­li­chen Kollegen zurück­bleibt.

Am nieder­schmet­terndsten aber ist der Status Quo bei der Reprä­sen­tanz von Personen mit Migra­ti­ons­hin­ter­grund – sie sind gerade einmal halb so oft sichtbar, wie sie in der Gesell­schaft vorkommen. In der SZ schreibt Josef Grübl: »Noch immer werden die gleichen Geschichten aus den gleichen Perspek­tiven mit den ewig­glei­chen Gesich­tern erzählt.« Dras­ti­scher gesagt: Der deutsche Film ist nach wie vor fixiert auf weiße Geschichten von weißen Menschen mit weißen Problemen, und hat scheinbar kein tiefer­ge­hendes Interesse, sich von dieser Nabel­schau zu lösen und in den Storys von und über Menschen, die anders aussehen, nach neuen Antworten zu suchen. Als ob es die fest­ge­fah­renen Klischees und das Schub­la­den­denken notwen­di­ger­weise bräuchte, um Geschichten zu verstehen und verkaufen zu können. Als ob eine bunte Besetzung auto­ma­tisch einen Großteil der poten­zi­ellen Zuschau­er­schaft ausschlösse und den kommer­zi­ellen Erfolg gefähr­dete.

Machen Sie doch selbst einmal den Feld­ver­such und zappen Sie durch alle Kanäle zu einer belie­bigen Uhrzeit. Was wird da vermit­telt, und wer wird da wie reprä­sen­tiert? Wenn Sie dasselbe mit dem fran­zö­si­schen und briti­schen Fernsehen wieder­holen könnten, würden Sie deutliche Unter­schiede fest­stellen. Ja, Deutsch­land hat keine so bedeu­tende Kolo­ni­al­ge­schichte wie die genannten Staaten. Aber wir liegen im Herzen Europas und sind auch nicht mehr im 19. Jahr­hun­dert. Die Autorin Yıldız E,cevit schreibt, dass der moder­nis­ti­sche Kampf jener Zeit sich auf Natio­na­lität und Bluts­her­kunft berufen hat. Die Post­mo­derne ist darüber längst hinweg.

Neben den unglei­chen Arbeits­be­din­gungen für nicht-weiße Film­schaf­fende sind die Auswir­kungen auf die Gesell­schaft nicht zu gering zu schätzen, wenn man dem Medien­se­mio­tiker Julian Igna­to­witsch Glauben schenkt, der vom Filmfest München wie folgt zitiert wird: »Filme formen unser Weltbild und damit unsere Realität, das heißt, wenn wir im Kino nur prügelnde, pöbelnde, putzende Deutsch­türken sehen, dann sehen wir sie plötzlich auch überall auf der Straße – und blenden alle nicht-prügelnden, nicht-pöbelnden, nicht-putzenden Deutsch­türken oder Migranten aus. Klar ist: Einer Gesell­schaft, einem mensch­li­chen Mitein­ander kann das nicht guttun.« Dieser Befund darf niemanden kalt lassen, ob weiß oder schwarz, ob mit oder ohne Migra­ti­ons­ge­schichte. Die Strahl­wir­kung des Kinos ist immer noch gewichtig, auch wenn neue Medien und Platt­formen wie TikTok den jungen Menschen schon längst viel klarer wider­spie­geln, wie ihre Realität tatsäch­lich aussieht (Panel­teil­neh­merin Thelma Buabeng dazu fata­lis­tisch: »Bei unserer Genera­tion 40+ ist der Drops leider schon gelutscht«).

Die MaLisa-Studie liefert einen Denk­an­satz zum Wandel gleich mit – wenn mehr Frauen hinter der Kamera stehen, sind nach­ge­wie­se­ner­maßen auch mehr Frauen vor der Kamera. Das Gleiche ließe sich für alle Formen der Diver­sität annehmen, ob Gender, Herkunft, Hautfarbe, sexuelle Orien­tie­rung, Behin­de­rung etc., und es wäre zu wünschen, dass die nächste Auflage der MaLisa-Studie dem genauer nachgeht. Mehr Diver­sität hinter der Kamera führt zu mehr Diver­sität vor der Kamera. Diverse Geschichten hätten mehr Chancen, ihren Weg auf die Leinwand zu finden und authen­ti­scher zu sein, ein weiterer blinder Fleck der MaLisa-Studie, die stereo­ty­pi­sche Darstel­lungen nur auf Geschlech­ter­fragen bezieht.

Spätes­tens hier rückt das leidige Thema Geld und dessen Geber immer weiter in den Vorder­grund. Tyron Ricketts schildert, wie er sich 25 Jahre lang größ­ten­teils vergeb­lich mit dem Thema von stärkerer Reprä­sen­tanz und gerech­terer Gelder­ver­tei­lung ausein­an­der­ge­setzt hat, bis die Tötung von George Floyd und die anschließenden, auch hier­zu­lande aufge­grif­fenen BLM-Proteste Bewegung in die Sache gebracht hätten, heißt: auch Entscheider seien nun auf die Dring­lich­keit dieser Fragen aufmerksam geworden. Bizar­r­er­weise brauchte es ein neun­ein­halb Minuten langes Handy­video als Zeugnis einer unaus­sprech­li­chen Barbarei, um sich zu fragen, wo wir sind.

Der deutsche Film hat ein struk­tu­relles Problem. Um den Begriff des struk­tu­rellen Rassismus geht es dann auch in einigen der aufge­heizten Wort­mel­dungen, die an diesem Woche­n­ende ihr Gehör finden. Inwieweit der deutsche Film ein Rassis­mus­pro­blem hat oder seine Struk­turen eine nicht gleich­ge­stellte Auslese zumindest befördern, konnte in den drei Tagen nicht hinrei­chend geklärt werden. Klar ist aller­dings, dass die Struk­turen keine Chan­cen­gleich­heit ermö­g­li­chen, die Zahlen und auch vorge­tra­genen Erfah­rungs­be­richte (Schau­spie­lerin Haley Louise Jones: »Ich ging anfangs naiv an die Sache ran und musste erst die Spiel­re­geln lernen: im deutschen Fernsehen geht es nur bis zu einem gewissen Punkt«) sprechen eine deutliche Sprache, selbst wenn das »nur« von Schub­la­den­denken, Bequem­lich­keit und/oder Risi­ko­scheu herrühren mag.

Die deut­lichsten Seiten­hiebe und Pfeil­spitzen müssen neben den Rund­funk­an­stalten die Förder­insti­tu­tionen hinnehmen. Immer wieder wird klar benannt, dass hier die stärksten Brems­kräfte wirken, das größte Unver­ständnis fürs Thema herrscht. Fast jeder anwesende diverse Filme­ma­cher kann eine unap­pe­tit­liche Anekdote im Umgang mit diesen uner­läss­li­chen Säulen deutscher Film­fi­nan­zie­rung zum Besten geben. Wenn man sich dann den Verga­be­aus­schuss etwa des FFF Bayern, der die Tagung finan­ziell unter­stützt hat, ansieht, stellt man fest, dass von vierzehn Gremi­en­mit­glie­dern neun davon bemer­kens­wer­ter­weise zwar Frauen sind, aber es genau 0 (in Worten: null) Menschen gibt, die nicht-weiß und nicht-deutsch gelesen werden. 14:0 also, das ist höher als zweimal Deutsch­land-Brasilien. Auch die Kommis­sion für Produk­tions- und Dreh­buch­för­de­rung der FFA hat im Pool ihrer 42 Mitglieder ganze zwei Personen, die als PoC gelesen werden können. Das sind de facto die Organe, die darüber entscheiden, ob ein Film staat­liche finan­zi­elle Unter­stüt­zung erhält oder nicht. Wie soll in einem solchen Auswahl­ver­fahren mit diesem Personal genügend Kompetenz und Sensi­bi­lität für diverse Stoffe gewähr­leistet sein? Da klingt es fast wie Hohn, wenn die Geschäfts­füh­rerin des FFF Bayern allen Ernstes ins Mikrofon sagt: »Wegen eines Migra­ti­ons­hin­ter­grundes ist bei uns noch niemand abgelehnt worden«, als ob man dafür schon dankbar sein müsste. Das ist die traurige Bestands­auf­nahme im deutschen Filmwesen.

Die einge­la­denen Redne­rinnen vom British Film Institute, Mia Bays und Melanie Hoyes, eines der augenöff­nenden High­lights dieser Tagung, zeigen, wie man es richtig macht: mit Führung, einer tief wirkenden Selbst­ver­pflich­tung, klaren Leit­li­nien und dem Bewusst­sein dafür, nicht spalten, sondern verbinden zu wollen. Nicht »Naming & Shaming«, sondern aufklären und unter­stützen. Auch die Briten hatten und haben das Problem, dass Film­schaf­fende ins Ausland (v. a. die USA) abwandern, weil es zu wenig Stoffe gibt, in denen sie eine gleich­be­rech­tigte Rolle einnehmen. Sie haben es erkannt, ihren Zentra­lismus genutzt und in-house Wirkungs­weisen erar­beitet und formu­liert. »Talent is ever­y­where, oppor­tu­nity is not« ist einer der zentralen Sätze, die an diesem Woche­n­ende fallen und nach­hallen. Die deutsche Film­land­schaft muss diese Impulse aufgreifen. Man kann es sich schlichtweg nicht leisten, dieses Potenzial zu vernach­läs­sigen.

Stay Tuned for »Part II: Was tun!« in der nächsten Ausgabe!

Disc­laimer: Unser Autor arbeitet ab dem 11. April befristet fürs Filmfest München.