06.01.2022

Die 1002. Nacht

Osama
Verkleidet in einer veränderten Welt: Osama (2003)
(Foto: Kino Asyl / Siddiq Barmak)

Das von Geflüchteten kuratierte Münchner Filmfestival KINO ASYL geht zum zweiten Mal online. Im Fokus stehen diesmal u.a. Werke aus Afghanistan, die man sich unbedingt auf die große Leinwand gewünscht hätte

Von Dunja Bialas

Kino Asyl wechselt dieses Jahr erneut in den Online-Modus, obwohl die Kinos offen sind und selbst die große Berlinale für den Februar den Präsenz-Fall anstrebt (»bislang gibt es keine Signale, dass die Planung eines Präsenz­fes­ti­vals nicht weiter­ver­folgt werden soll«, so das Berlinale-Pres­se­büro). Allein der Blick auf zwei Werke aus Afgha­ni­stan lässt das Kino als Erlebnis- und Debat­ten­raum schmerz­lich vermissen. Zusam­men­hänge zwischen den Ereig­nissen und Zusam­men­halt zwischen den Menschen im Kinoraum herstellen: die Begeg­nungen wären lohnens­wert gewesen, zumal Kino Asyl seit 2015 Menschen erfolg­reich mitein­ander in Dialog bringt und Vorbild ist für inte­gra­tive Arbeit mit Geflüch­teten. Wobei sich »inte­grativ« sogar zu wenig anfühlt, blickt man auf die Eigen­s­tän­dig­keit, mit der Geflüch­tete unter dem Dach des Münchner »Jugend­in­for­ma­ti­ons­zen­trums« (JIZ) das Festi­val­pro­gramm kura­tieren. Grundidee ist nicht nur Eigen­s­tän­dig­keit, sondern auch die Aner­ken­nung der »mitge­brachten« Kultur, hier in Form von Filmen, die ausdrück­lich mit dem einhei­mi­schen deutschen Publikum einen Dialog eröffnen sollen. Einen Dialog der Verstän­di­gung und des Verständ­nisses, auch um den Schmerz nach­zu­fühlen, weil die Heimat zurück­ge­lassen wurde, oder die Sehnsucht nach Frieden in den heute verlas­senen, von Kriegen oder kriegs­ähn­li­chen Zuständen heim­ge­suchten Ländern.

Mit dem Dialog ist es online leider dahin. Immerhin geben die rund fünfzehn Kuratoren und Kura­to­rinnen schrift­liche State­ments ab, die wenigs­tens einen inneren Dialog mit den program­mierten Filmen entfalten können. Auch gibt es vorpro­du­zierte Einfüh­rungen, in denen mündlich erklärt wird, was bei der Film­aus­wahl wichtig war. So ergibt sich eine ganz und gar persön­liche Note, und, ja, hinter der Idee treten die Menschen hervor. Eine auch jenseits der Flücht­lings­pro­ble­matik gute Idee der Kultur­ver­mitt­lung.

Ergrei­fend sind die State­ments der afgha­ni­schen Kuratoren Morteza und Mostafa. In wenigen Sätzen geben sie dem Drama hinter ihrem Schicksal und dem ihrer Lands­leute Ausdruck. Morteza hat den afgha­nisch-irani­schen Film Rona (2018) von Jamshid Mahmoudi ausge­wählt. Der Film erzählt eine afgha­ni­sche Flucht­ge­schichte, die zunächst in den benach­barten Iran führt. Von da an soll zumindest Azim den Weg nach Deutsch­land finden, mithilfe eines Schleu­sers, seine betagte und sichtlich entwur­zelte Mutter soll mit. Die verzwei­felt stimmende Geschichte fängt die Situation in Teheran ein: Straßen­ar­beiten in der Nacht bestimmen das Leben des älteren Bruders, man spürt die Sinn­ent­leert­heit in der präzisen Anordnung der Bilder. Oft werden die Prot­ago­nisten in die Ferne gerückt, man sieht sie im Bild­hin­ter­grund am Ende eines Korridors, oder beim Beten, hinter einer Glas­scheibe. Mortaza erläutert in seinem Statement: »Die Essenz ist, dass Geflüch­teten oft nur eines bleibt: die Familie.«

Iran ist die erste Anlauf­stelle der Flucht. Auch heute melden wieder die Nach­richten, dass täglich tausende Afghanen im Iran ankommen und buchs­täb­lich auf der Straße stehen. Der Iran ist am Limit.

Kurator Mostafa erinnert mit Osama (2003) an den unent­rinn­baren Schrecken des Taliban-Regimes. Der iranische Regisseur Mohsen Makhmalbaf hatte Siddiq Barmak in seinem Filmdebüt unter­stützt, mit einer Kamera, mit Geld und vor allem auch mit seinen inter­na­tio­nalen Kontakten, die zu weiteren Finan­zie­rungen führten. Heraus­ge­kommen ist die packende Schil­de­rung von Frauen unter den Taliban, die ihre Frei­heiten, und sei es nur, allein auf die Straße zu gehen, verlieren. Als dann die Tochter, gespielt von Marina Golbahari, als Allei­nernäh­rerin für die Familie aufkommen muss, kommt ein von aller Romantik befreites Motiv wie aus 1001 Nacht zum Einsatz. Mit der ganzen inhä­renten Verklei­dungs­dra­matik schlüpft sie in die Rolle eines Jungen, um in der Taliban-Gesell­schaft leben zu können. Das ist exis­ten­tiell und bitterer Ernst.

Osama wurde bei den Golden Globes als bester auslän­di­scher Film ausge­zeichnet und ist Zeugnis für ein inter­na­tional geach­tetes afgha­ni­sches Kino, das letztes Jahr, mit der Entlas­sung von Sahraa Karimi, der Direk­torin der Afghan Film Orga­niz­a­tion, ein jähes Ende gefunden hat. »Do not let Afghan cinema die!« hatte sie noch der Weltöf­fent­lich­keit zugerufen. Schon einmal war das afgha­ni­sche Filmerbe durch die Taliban zerstört worden. Sie stufen Filme als ketze­risch ein und hatten bereits 1996 zu dessen syste­ma­ti­scher Zerstö­rung aufge­rufen. Welche Kraft in dem Erzählen afgha­ni­scher Prägung liegt – und auch in Zukunft hätte liegen können –, lässt sich in den präsen­tierten Werken erahnen.

Ergänzt wird der Blick nach Afgha­ni­stan durch eine Folge der TV-Serie »Between Me and You«. Kuratiert hat die Folge der Schau­spieler Suliman Sanjar, der seit fast fünf Jahren in Deutsch­land lebt und selbst in der Serie mitspielt. In Kabul war er Thea­terdo­zent an der Univer­sität von Kabul. »Between Me and You« zeigt den Rech­te­zer­fall in Afgha­ni­stan und entführt in die Atmo­s­phäre der beliebten Tele­no­vela. Eine Welt von Drama und Leiden­schaft, die zual­ler­erst in den Seifen­opern ausgelebt wird. Das Kino nimmt es, anders als das Fernsehen, mit dem Leben ungleich ernster, so wie es das Leben auch ernst mit den Menschen meint.

+ + +

KINO ASYL online
7.-23. Januar 2022

7 Langfilme und zahl­reiche Kurzfilme aus den Ländern Afgha­ni­stan, Iran, Palästina, Russland, Senegal, Syrien, Uganda

Kurator*innen u.a. Oury Diallo (Guinea), Adnan Jafar, Mitra, Ali Khorosh Fazli Bayat (Afgha­ni­stan), Elena Arminia (Iran), Arash, Mohammad, Morteza (Afgha­ni­stan), Osama, Jarcky Boy (SeneGambia), Marie, Suliman Sanjar (Afgha­ni­stan), Ayham (Syrien).

Alle Filme sind gebüh­ren­frei unter www.kinoasyl.de abrufbar.

Eine Veran­stal­tung des JIZ München mit Filmstadt München e.V.