04.11.2021

Abgründig breiter

Father von Wei Deng
»Wenn ich tot bin, zeig deinen Film auf meiner Beerdigung!« Father hat die Goldene Taube in Leipzig gewonnen
(Foto: DOK Leipzig / Wei Deng)

Ein Film wie der Rhein, flüchtige Eindrücke und erste Bilanzen von DOK Leipzig

Von Rüdiger Suchsland

Das letzte Jahr, 2020 sei für ihn »das nullte Festival« gewesen, sagte Direktor Christoph Terhechte zur Eröffnung, jetzt sei sein erstes.

Den Eröff­nungs­film Der Rhein fließt ins Mittel­meer vom Israeli Offer Avnon hatte er im Katalog selbst kommen­tiert: »Der Rhein fließt ins Mittel­meer betreibt die Sisy­phus­ar­beit einer Verortung zwischen Philo- und Anti­se­miten, Bemühten und Gleich­gül­tigen, Erin­ne­rern und Ausblen­dern. Kein Bild, kein Satz, der nicht mannig­fal­tige Asso­zia­tionen auslöste. Der Teufel steckt im Detail – dafür öffnet dieser Film die Augen. Durch welche Traumata lebt der Holocaust fort, den der Filme­ma­cher, Sohn eines polni­schen Über­le­benden, in all den Jahren in Deutsch­land 'nie, auch nicht für einen einzigen Tag' vergessen konnte? Welche Mecha­nismen der Verdrän­gung wirken bei den Angehö­rigen der Täter, bei denen der Opfer? Wie ist die Wahr­neh­mung, das Bewusst­sein, die Erin­ne­rung des Einzelnen geprägt durch seine Zugehö­rig­keit zu einer Nation, einer Religion oder poli­ti­schen Grup­pie­rung? Offer Avnon gibt Antworten in frag­men­ta­ri­scher Form, und jede wirft weitere Fragen auf. Die Suche nach jenem 'Unheim­li­chen', auf die er sich mit seinem Film begeben hat, ist längst nicht abge­schlossen.«

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Weder beim Wort Rhein noch bei Mittel­meer denkt man auch nur entfernt an Leipzig. Auch darum, weil dieser Film vielen früheren Leipziger Eröff­nungs­filmen denkbar fern stand, war es eine ausge­zeich­nete, eine wunder­bare Wahl.

Der Film ist schwer zusam­men­zu­fassen. Also muss man erzählen und beschreiben, was er macht. Offer Avnon lebte zehn Jahre in Deutsch­land, dem Land, das seine Familie ermordete oder vertrieb. Er trifft in diesem Film Menschen aus Deutsch­land, aus Haifa, wo er wieder lebt, und aus Polen, wo seine Familie herstammt. In einer komplexen Montage hat alles einen doppelten Boden und eine mehrfache Bedeutung. Ein zutiefst pessi­mis­ti­scher Film.

Wir sehen einen Juden, der die Lieder, die er als Kind hörte, nicht aus dem Kopf bekommt, und vor der Kamera singt – »Die Straße frei den braunen Batal­lionen« – und kommen­tiert: »Powerful. Die Luft war voll von ihnen.«

Wir sehen den Sohn vertrie­bener Deutscher, der auf alten Schwarz­weiß-Foto­gra­fien seinen Vater als Kind betrachtet, wie der mit seinem Vater, dem Großvater, spielt. Der Großvater trägt eine Wehr­machts­uni­form. Und der Enkel erzählt, sein Vater habe den Großvater nie gefragt, was denn war im Krieg. Der Enkel spricht von Kollek­tiv­schuld, die nie anerkannt worden sei in der Familie. Zögernd sucht er um Worte. »Man hatte das Gefühl, selber sehr ungerecht behandelt worden zu sein.«

Wir sehen eine arrogante alte Polin, die ihre Abneigung gegen Juden formu­liert. Sie hätte Briefe aus dem Ghetto von Krakau geschmug­gelt. Sie hatte diese aber geöffnet, um zu wissen, ob sie sich nicht gefährdet. Darin hätten Jüdinnen ihre Freunde und Bekannten unter anderem um Make-up und Schminke gebeten, »um für die Deutschen schöner auszu­sehen«. Dafür habe sie sich geschämt, und danach die Briefe sämtlich wegge­worfen. In ihrem harten Blick sieht man die Härte der jungen Frau.

Wir sehen eine alte Israelin, die als Kind im Ghetto von Krakau lebte und fliehen konnte. Sie erzählt, wie schwer es ihr fiel zu fliehen, wie sie um ein Haar zu ihrer Familie ins Ghetto zurück gerannt wäre. Nur die Tante hielt sie davon ab, mit dem flehenden Satz: »Deine Mutter hier im Ghetto braucht etwas, worauf sie hoffen kann, um zu überleben.« Ob es ihr gelang, erfahren wir nicht. Wir ahnen nur.
Dann kam das Mädchen bei Polen unter und wurde versteckt. Drei Jahre lang durfte sie nicht ans Fenster gehen. »Aber vor wem wurden wir versteckt? Wer durfte uns nicht sehen? Nicht die Deutschen, die hätten hier gar nicht nach uns gesucht. Sondern aus Angst der Polen vor den Polen, vor der Denun­zia­tion durch Lands­leute.« Und später: »I never liked the Polish, but I love their culture, I love their poetry. But I truly dislike the Polish people. I never believe them.«

All das ist atem­be­rau­bend. Es sind atem­be­rau­bende scho­ckie­rende, in ihrer Ehrlich­keit. In allem stecken auch wunder­schöne Zeugnisse.

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Alles ist asso­ziativ, subjektiv. Israelis sagen: »We have no friends nowhere in the world.« Und: »The Holocaust cannot become a story with a certain moral. This would be a sacrileg.«

Dieser Film ist wie der Rhein: Er fängt langsam und unscheinbar an, ich musste mich erst zurecht­finden in ihm, hatte echte Probleme, nicht innerlich auszu­steigen, doch von Minute zu Minute wurde er besser, also zwin­gender, inter­es­santer, abgrün­diger, breiter, riss mich mit.

Manche reden sich um Kopf und Kragen.

Wie gesagt: Ein abgrün­diger toller Film!

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Ein alter italie­ni­scher Film, schwarz­weiß, aus den 1950er Jahren. Auch damals war die Welt nicht in Ordnung. Darauf folgen schöne, fast touris­ti­sche Bilder von der ligu­ri­schen Küste, genauer gesagt Porto Maurizio, dem kleinen Dorf am Meer, wo der Regisseur Fabrizio Polpet­tini aufge­wachsen ist. Von diesem Ausgangs­punkt ausgehend, umkreist sein Film A Custom of the Sea die Geschichte einer Region im Mittel­meer, mit der man heute oft nur noch Flucht und Menschen in Not verbindet, und grundiert sie kultur­his­to­risch. Scheinbar lose erzählte Anekdoten, Zufalls­be­geg­nungen und Refe­renzen aus Kino, Literatur, Malerei und Geschichte fügen sich zu einem zusam­men­hän­genden Ganzen. Sie bilden ein geopo­li­ti­sches Koor­di­na­ten­system rund um das Mittel­meer. Dieser Film, einer von einem guten Dutzend, die beim dies­jäh­rigen DOK Leipzig von Flucht und Flucht­be­we­gungen handelten, erzählt seinen Gegen­stand indirekt, durch das Entfalten einer Gegen­ge­schichte.

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Flucht – man glaubt darüber vieles zu wissen. Unmengen von Geschichten hat man zum Thema gehört, unzählige Bilder hat man dazu gesehen. Es ist die Heraus­for­de­rung für neue Doku­men­tar­filme, bekannte Bild­kli­schees nicht einfach zu repro­du­zieren, sie möglichst zu brechen, oder ihnen zumindest etwas Neues abzu­ringen.
Das ist gerade in diesem Fall nicht einfach. Viele Filme in Leipzig bleiben vor allem durch die Wege, die sie beschreiben, in Erin­ne­rung. Denn Flucht, das ist erst einmal ein Aufbruch ins Nirgendwo, ein Zurück­lassen des Vertrauten und eine lange Wegstrecke, die darauf folgt. Selten sind die Wege gradlinig; zumeist sind sie laby­rin­thisch verschlungen.

Etwa in dem Film Die Odyssee von der in Frank­reich lebenden Florence Miailhe, ein Anima­ti­ons­werk, in dem Fakten und Fiktion in strah­lenden, farb­kräf­tigen Bildern verschwimmen, die uns im Übrigen daran erinnern, dass DOK Leipzig auch (manchmal, dem Anspruch nach) ein Anima­ti­ons­film­fes­tival ist. Es beginnt alles an einem schönen Sommertag, als sich das Leben der Geschwister Kyona und Adriel für immer verändert. Ihr Dorf wird über­fallen, verwüstet und in Brand gesteckt. Die ganze Familie muss fliehen. Eine Reise über einen ganzen Kontinent, bei der sich viele reale und surreale Situa­tionen ereignen. Erst spät begreifen die Geschwister überhaupt, dass sie Flücht­linge sind. Ein rasantes Wech­sel­spiel zwischen Fantasie und Realität, das die Flucht, das Exil, das Sich-auf-den-Weg-Machen als univer­selle Erfahrung zeigt.

Eine andere Facette des Themas Flucht rückt ein deutsch-mexi­ka­ni­scher Film ins Zentrum. Lo que queda en el camino von Jakob Krese und Danilo Do Carmo erzählt von einer allein­er­zie­henden Mutter und ihren vier Kindern, die sich zusammen mit Tausenden aus Latein­ame­rika auf den Weg Richtung USA macht. Keine Reise des Geldes wegen, sondern eine Flucht vor Perspek­tiv­lo­sig­keit, Armut und Gewalt. 4.000 Kilometer per Anhalter oder auf Güter­zügen sind lebens­ge­fähr­lich. Dieser Film setzt der medialen Bericht­erstat­tung eine konkrete, auf eine Familie konzen­trierte Perspek­tive entgegen. Dabei mischt der Film eine Leich­tig­keit, die alles – zumindest manchmal – wie eine lange Aben­teu­er­reise wirken lässt, mit unfass­baren Härten. Am Ende ist die Angst einem neuen Selbst­be­wusst­sein gewichen.

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Blasse Grautöne, pastel­lige Farben, unscharfe schwie­rige Bilder – dies ist kein Fehler, sondern System. Denn Zuogui, eine der beiden Haupt­fi­guren des Doku­men­tar­films Father, der am letzten Samstag bei DOK Leipzig den Haupt­preis, die »Goldene Taube« gewann, ist seit seiner Kindheit blind. Sein Enkel, der Regisseur Wei Deng, hat zwischen­durch in seinem im Prinzip sehr nüchtern-natu­ra­lis­ti­schen Doku­men­tar­film Bilder gefunden, die uns Zuschauern eine Ahnung davon geben, was das heißt.
Zuogui ist fast 90 Jahre alt und von Beruf Wahrsager – denn in den Augen seiner Mitmen­schen sieht er mehr und tiefer als andere. Die zweite Haupt­figur des Films ist Donggu, ein Bauun­ter­nehmer, also durchaus ein Boomberuf in China von heute. Zugleich ist er der Sohn von Zuogui und der Vater des Regis­seurs.

Father ist in seinem Kern ein persön­li­ches Doppel­por­trait, das auch das Portrait zweier entschei­dender Genera­tionen des chine­si­schen 20. Jahr­hun­derts ist, und das einer dritten Genera­tion, die sich im Blick des Regis­seurs mani­fes­tiert, den er auf die beiden Älteren wirft.

Doch dieser Film ist zugleich ein Porträt der gesamten chine­si­schen Gegen­warts­ge­sell­schaft, in der jahr­hun­der­te­alte Tradition – in der Kunst des Wahr­sa­gens – und klas­si­sche Hoch­mo­derne aus Stahl und Beton – im Beruf des Bauun­ter­neh­mers – zusam­men­fallen. In der Gewalt und Entfrem­dung genauso einen Platz haben wie Liebe und Zärt­lich­keit. Wenn der blinde Großvater sich einer­seits in seiner unmit­tel­baren Nach­bar­schaft wie ein Sehender zurecht­findet und sich mit sicherer Hand an den Fassaden entlang tastet, dieses Sich-Orien­tieren aber zugleich immer schwerer wird, weil Bauun­ter­nehmer wie sein Sohn das alte China abreißen und kein Stein auf dem anderen bleibt, dann ist diese sinnliche Erfahrung zugleich ein Sinnbild für den Struk­tur­wandel und die neue Unüber­sicht­lich­keit im China von heute.
Ein verdienter Preis für einen hoch­in­ter­es­santen Film.

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Weitere Preise gingen dann an Filme aus Polen, Syrien, und Äthiopien – womit die Jury so ziemlich alle Problem­re­gionen der aktuellen Welt­po­litik bedacht hatte, und das Gesamt­t­a­bleau der Preise inhal­tis­ti­scher, eher an Themen orien­tiert ausfiel als der insgesamt stilis­tisch sehr inter­es­sante, formal extrem variable Wett­be­werb.
Da waren die Entschei­dungen der Jury im Deutschen Wett­be­werb zwin­gender, in dem Rebecca Zehrs A Sound of my Own, ein in Schwarz­weiß gehal­tener Musikfilm, den Haupt­preis bekam.

Mit diesen Preis­ver­lei­hungen am Sams­tag­abend ging das 64. DOK Leipzig zu Ende. Es war noch nicht ganz das Festival, das es vor Corona gewesen ist, aber doch in vieler Hinsicht schon wieder normal. Vor allem aber war es eine gelungene Festival-Ausgabe. In sehr kurzer Zeit und unter erschwerten Bedin­gungen ist es dem neuen Direktor Christoph Terhechte geglückt, das Festival neu aufzu­stellen. Unter seiner Vorgän­gerin hatte sich vieles zum Schlechten entwi­ckelt, und auch unab­hängig von Perso­na­lien hat es DOK Leipzig nicht leicht: Im inter­na­tio­nalen Vergleich gibt es nicht nur das nach wie vor führende Doku­men­tar­film­fes­tival IDFA in Amsterdam, sondern in der Festi­val­land­schaft machen auch andere starke Player von sich reden: Die Doku­men­tar­film­fes­ti­vals von Nyon und Kopen­hagen. Nicht nur gegenüber diesen Konkur­renten muss sich Leipzig behaupten, sondern auch innerhalb Deutsch­lands gegen die Konkur­renz aus Duisburg und München (das die Pandemie genutzt hat, um durch aktive Online- und Hybrid-Versionen aus der Not eine Tugend und Terrain gut zu machen).
Terhechte hat das Festival wieder auf das Wesent­liche konzen­triert, die Zahl der Filme ausge­rechnet in Zeiten der Bilder­in­fla­tion reduziert und zugleich die Perspek­tive ästhe­tisch und stilis­tisch erweitert.

Viel ging es um Flucht, aller­dings über­ra­schend wenig konkret um Politik. Vor allem die Abwe­sen­heit der aktuell bren­nendsten Debatten unserer west­li­chen demo­kra­ti­schen Wohl­stand­staaten, etwa um Rechts­ex­tre­mismus und Popu­lismus, um Corona und um den menschen­ge­machten Klima­wandel, fielen auf.

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Die stärksten und besten Filme in diesem Jahr waren essay­is­ti­sche, und zum Teil auch auch Arbeiten mit Archiv­ma­te­rial (wie der oben erwähnte A Custom of the Sea).
Wenn im nächsten Jahr die Coro­nabe­schrän­kungen fallen und man noch eine Jury findet, die die Vielfalt der Filme auch in ihren Preis­ver­lei­hungen berück­sich­tigt, statt Themen auszu­zeichnen, dann wäre Leipzig ein perfektes Doku­men­tar­film­fes­tival.