15.04.2021

Worüber sprechen wir eigentlich?

Lovemobil
52 von 100: Film als Fenster in eine »andere« Welt.
(Foto: Lehrenkrauss / NDR)

Kommentar einer verwirrten Leserin zur Lovemobil-Debatte

Von Anne Küper

Die Lovemobil-Debatte habe ich in den letzten Wochen ausschließ­lich als Leserin verfolgt, und das ist gleich schon die erste Behaup­tung in diesem Text. Denn ich bin nie nur Leserin, kann ich ja gar nicht sein, sondern immer zugleich Film­kri­ti­kerin, Kultur­wis­sen­schaft­lerin, frei­schaf­fende Thea­ter­ma­cherin und damit selbst Künst­lerin (die Aufzäh­lung könnte noch weiter­gehen, doch ich will hier stoppen). Aus den genannten Perspek­tiven habe ich also aufmerksam herum­ge­lesen, und zunehmend den Eindruck gewonnen, dass bei aller Freude, wieder über etwas disku­tieren zu können, das nicht mit einfäl­tigen Begriffen wie »Brücken-Lockdown« zu tun hat, doch allmäh­lich in der Causa Lovemobil die Punkte verschwimmen, über die gerade gespro­chen und geschrieben werden.
Mit anderen Worten: Ich bin verwirrt. Komplett. Und ein bisschen genervt auch.

Um diesen Gefühlen der Ratlo­sig­keit entge­gen­zu­treten, probiere ich mich jetzt an einer Liste. Die Liste ist ein auto­ri­täres Format des Schrei­bens, das die Welt brutal in ein Nach­ein­ander oder Unter­ein­ander überführt. Ich will mich dieses Formats dennoch bedienen und eine subjek­tive Ordnung der Dinge entwerfen, die Ange­le­gen­heiten sortieren, über die nach meiner Wahr­neh­mung in Bezug auf den Film von Elke Lehren­krauss geredet wird; teils zu viel (Punkt 1), teils zu wenig (Punkt 3). Womöglich werde ich im Folgenden auch Themen behaupten, von denen ich mir wünschen würde, dass sie eine größere Aufmerk­sam­keit bekämen. So ist meine Liste Fabu­la­tion wie Bestands­auf­nahme, ohne Anspruch auf Voll­s­tän­dig­keit. Vielmehr will sie in ihrer Zusam­men­stel­lung genau auf das verweisen, was fehlt, und Gesprächs­an­gebot sein. Für weitere Verwirrte und weitere Verwir­rung.

Worüber eigent­lich gespro­chen wird:

1. Elke Lehren­krauss als Privat­person.
2. Elke Lehren­krauss als freie und prekär beschäf­tigte Filme­ma­cherin.
3. Ab wann prekäre Beschäf­ti­gung anfängt, ganz konkret, mit Zahlen, und wie sie sich verhin­dern lässt.
4. Wer sich prekäres Filme­ma­chen leisten kann.
5. Wie viel eigent­lich so ein Doku­men­tar­film kostet.
6. Ob ich als fest­an­ge­stellte Redak­teurin, sagen wir mal beim NDR, wissen würde, wie freies und prekäres Filme­ma­chen aussieht.
7. Inno­va­ti­ons­druck.
8. Selbst­aus­beu­tung.
9. Selbst­er­mäch­ti­gung.
10. Selbst­be­wusst­sein.
11. Ob 90.000 Euro Etat für einen Debütfilm jetzt viel sind oder wenig.
12. Die Fliege an der Wand.
13. Wie Sexarbeit in Lovemobil gezeigt wird, und was daran proble­ma­tisch ist.
14. Verträge für Sende­mi­nuten. Anzahl variiert.
15. Den Unter­schied von Wirk­lich­keit und Realität, und ob es den überhaupt gibt.
16. Darstell­bar­keit.
17. Natürlich Godard.
18. Klaus Wilden­hahn.
19. Direct Cinema.
20. Wer die bescheu­erte Wort-Kombi »Direct Cinema Polizei« erfunden hat, und ob sie wirklich auf Grit Lemke zurück­zu­führen ist.
21. Den Umgang mit Zitaten.
22. Warum es einen Beitrag von STRG_F braucht, damit Stra­te­gien des zeit­genös­si­schen Doku­men­tar­films öffent­lich disku­tiert werden.
23. Wen dieser Beitrag von STRG_F erreicht und der zeit­genös­si­sche Doku­men­tar­film nicht.
24. Moral.
25. Geilheit.
26. Falsche Erwar­tungen.
27. Dass die Beschrei­bungs­floskel »nah dran« mehr als eine Einstel­lungs­größe ist.
28. Was in abge­le­genen Wohn­mo­bilen passiert.
29. Was es heißt, auf der Straße für einen Zuhälter gehalten zu werden, wenn du eigent­lich als Schau­spieler und Haus­meister arbeitest.
30. Was es heißt, Filme­ma­cherin und Mutter zu sein.
31. Was es heißt, dass ein Reportage-Format des NDR wiederum über die Struk­turen der NDR-Doku­men­tar­film­re­dak­tion berichtet.
32. Was es heißt, dass über einen Film gespro­chen wird, den viele gar nicht oder nur ausschnitt­haft gesehen haben.
33. Was Realität im künst­le­ri­schen Doku­men­tar­film zu suchen hat.
34. Doku­men­tar­filme.
35. Doku­men­ta­tionen.
36. Dokus.
37. Repor­tagen.
38. Scripted Reality.
39. Fern­seh­jour­na­lismus, und der Unter­schied zum künst­le­ri­schen Doku­men­tar­film.
40. Claas Relotius.
41. Authen­ti­zität, und dass sie immer nur der Effekt von einer Insze­nie­rung ist. Etwas kann authen­tisch wirken – authen­tisch sein aber eben nicht.
42. Wie »Insze­nie­rungs­ver­bote« aussehen, und wer sie dann durch­setzen will.
43. Freud und Leid beim Schreiben von Projekt­an­trägen.
44. Kontrolle.
45. Ambition.
46. Scheitern.
47. Wie sich Scheitern anfühlt.
48. Was für eine Art von (Doku­mentar-)Filmen häufig Preise gewinnt.
49. Wie Jurys besetzt sind.
50. Wer einen Film über Sex Worker drehen will, und schon am Anfang davon ausgeht, dass die Kamera an diesem Arbeitsort nicht zum Problem werden könnte.
51. Die Faszi­na­tion am Fremden.
52. Film als Fenster in eine »andere« Welt.
53. Nieder­sachsen.
54. Voyeu­rismus.
55. Die Art und Weise, wie Timo Groß­pietsch, der für Lovemobil zustän­dige Redakteur beim NDR, im Beitrag von STRG_F über die Verpflich­tung zur Wahrheit und Realität spricht.
56. Die lange Pause, die Groß­pietsch macht, als ihm die Repor­terin im Beitrag von STRG_F die Frage stellt: »Also hat die Redaktion alles richtig gemacht?«.
57. Wann ich was hätte merken können und müssen.
58. Wo es den Anfangs­ver­dacht hätte geben müssen.
59. Wo eigent­lich das Problem dabei gewesen wäre, die Darstel­lenden einfach im Abspann als Darstel­lende anzugeben.
60. Weitere Stra­te­gien, mit denen Lehren­krauss ihre Anwei­sungen beim Dreh im Schnitt hätte kenntlich machen können.
61. Verab­re­dungen auf Vertrau­ens­basis, und was es heißt, nicht­pro­fes­sio­nelle Darstel­lende ernst zu nehmen.
62. Wie Sex-Worker während einer Pandemie vom Staat unter­stützt werden.
63. Wie wir aufhören können, den Produk­ti­ons­ap­parat zu beliefern.
64. Netflix, Netflix, Netflix.
65. Wie sich Vorstel­lungen von dem, was doku­men­ta­risch ist, ausdif­fe­ren­ziert haben.
66. Echtheit.
67. Realness.
68. Verant­wor­tung, und dass sie im Fall von Lovemobil niemand so recht über­nehmen will.
69. Dass es keinen objek­tiven Blick gibt.
70. Die Liebe zur Lüge.
71. Was es bedeutet, auf der Straße für einen Rassisten gehalten zu werden, wenn du eigent­lich als Schau­spieler und Haus­meister arbeitest.
72. Dass über Personen in Doku­men­tar­filmen als »Helden« und »Heldinnen« gespro­chen wird.
73. Dass Personen für Doku­men­tar­filme als »Helden« und »Heldinnen« gecastet werden.
74. Dass Förder­insti­tu­tionen und Sende­an­stalten im Exposé wissen wollen, wie die Reise der »Helden« und »Heldinnen« in einem Doku­men­tar­film endet, bevor der offene Recher­che­pro­zess begonnen hat.
75. Dass Redak­tionen Doku­men­tar­filme mögen, die nach­voll­zieh­bare Spielfilm-Drama­tur­gien verfolgen.
76. Dass Doku­men­tar­filme nice aussehen müssen (Stichwort: schönes Licht).
77. Dass die einen »rüber­kommen«, um die anderen »abzuholen«.
78. Reenact­ment als Konven­tion des Doku­men­ta­ri­schen.
79. Wissen um die Geschichte des deutsch­spra­chigen Doku­men­tar­films.
80. Wer weiß, was Wilden­hahn eigent­lich außer »Emden geht nach USA« gedreht hat.
81. Aktuelle Debat­ten­kultur, und welche Personen daran teilhaben können.
82. Aktuelle Debat­ten­kultur, die in erster Linie digital statt­findet, und welche Personen daran teilhaben können.
83. Höflich­keit.
84. Anstand.
85. Die Moral von der Geschicht'.
86. Cancel Culture, und dass es sie in Deutsch­land gar nicht in der Form gibt, wie sie zurzeit medial bespro­chen wird.
87. Wieso ein Doku­men­tar­film, der eine breite Öffent­lich­keit erreicht und eine Debatte ange­stoßen hat über das, was wir von ihm erwarten, nicht mehr in der NDR-Mediathek verfügbar ist.
88. Was es eben bedeutet, dass über einen Film gespro­chen wird, den viele gar nicht oder nur ausschnitt­haft gesehen haben.
89. Wie eine Gesell­schaft einen Film im Sprechen darüber selbst herstellt.
90. Wie eine Gesell­schaft sich selbst im Sprechen herstellt.
91. Worin die Offen­sicht­lich­keit einer Insze­nie­rung besteht.
92. Ab wann eine Insze­nie­rung als solche erkennbar wird.
93. Wie ich als fest­an­ge­stellte Redak­teurin, zum Beispiel beim NDR, eine vertrau­ens­volle, inhalt­liche, tolle Betreuung von Filme­ma­chenden garan­tieren kann.
94. Die Virtuo­sität im Faking.
95. Wann jene »Abbildung von Realität« erfolgen soll, die das Doku­men­tar­film-Verständnis des NDR dem Beitrag von STRG_F zufolge immer noch prägt.
96. Wie eigent­lich der Beitrag von STRG_F drama­tur­gisch aufgebaut ist, und wer die ganz mysteriös rein­dröh­nende Musik gemacht hat. Hey, das würde mich inter­es­sieren!
97. Was STRG_F da enthüllt.
98. Wie in dem Beitrag von STRG_F eine Frau für eine andere Frau Partei ergreift.
99. Die Konstruk­ti­vität von Reue.
100. Wie schwer es sein kann, sich zu entschul­digen.