08.04.2021

Anja Reschke und das reine Gewissen

Debatte Lovemobil
Die Gesprächsrunde bei Zapp: Susanne Binninger, Stefan Lamby, Anja Reschke (v.l.)
(Foto: NDR / Zapp)

Oder: Warum der Fall »Lovemobil« ein Fall »NDR« ist

Von Rüdiger Suchsland

»Der Rundfunk kann ja nicht alle Menschen, die sich entschieden haben, Doku­men­tar­filmer zu werden, finan­zieren.«
Anja Reschke, Leiterin Programm­be­reich Doku­men­ta­tion und Kultur beim NDR

Gute zwei Wochen nach Beginn der soge­nannten »Affäre« um den Doku­men­tar­film Lovemobil ist einiges klarer geworden, aber noch längst nicht alles klar. Im Gegenteil: Die unsä­g­liche Empö­rungs­be­reit­schaft des Publikums, auch unter den eigent­lich fachlich besser infor­mierten Doku­men­tar­fil­mern selbst, ist traurig und sollte in nächster Zeit noch genauer disku­tiert werden. Ebenso wie der inqui­si­to­ri­sche Ton, und der Jargon aus Zeiten der Hexenjagd, der in manchen Kreisen ange­schlagen wird. Ein lächer­li­ches, aber authen­ti­sches Zitat dazu: »Sie soll in der Hölle schmoren.«

Natürlich ist dies offenbar eine inzwi­schen in Deutsch­land allgemein verbrei­tete Einstel­lung: Wenn jemand etwas in den eigenen Augen falsch gemacht hat, dann drischt man auf ihn hinein. Man hält es im Zweifel gern mit der Obrigkeit und dem Stärkeren, nicht wie früher mit dem Underdog. Man freut sich, wenn man Täter dingfest machen kann, selbst wenn die Indizien noch gar nicht so klar zutage liegen. Es ist die Einstel­lung von Leuten, die Lynch-Prozesse mögen.
Dieser Ton ist ein Thema, aber nicht unseres heute. Besser sprechen wir von einem stärkeren Akteur. Viel­leicht auch einem Täter. Denn immer mehr rücken Rolle und Auftreten des betei­ligten Senders, des Nord­deut­schen Rundfunks (NDR), in den Fokus der Aufmerk­sam­keit.

Immerhin hat sich um den Film und die Fragen, die er berührt, jene veritable Debatte entsponnen, nach der sich der NDR angeblich so sehr gesehnt hat. In seiner Pres­se­mit­tei­lung, die am 22.03. veröf­fent­licht wurde, heißt es etwas gönner­haft: »Da sich die Autorin und ein paar mit der Autorin bekannte Doku­men­tar­filmer auf eine Defi­ni­tion von Doku­men­tar­film beziehen, die als 'künst­le­ri­sche' Form auch Insze­nie­rungen beinhalten dürfe, werden wir mit der Doku­men­tar­film­szene in eine Debatte über die Defi­ni­tion dieses Genres einsteigen.«
Und weiter: »Unserer Auffas­sung nach ist der Doku­men­tar­film in seiner Wahr­haf­tig­keit ein besonders wert­volles Genre. … Wir brauchen Offenheit und Trans­pa­renz, um dieses Genre pflegen zu können. Daher ist uns eine Debatte über Möglich­keiten und Grenzen des Doku­men­tar­films besonders wichtig.«

Diese Debatte hat der NDR jetzt.

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Ein mögliches Miss­ver­ständnis möchte ich gerne vorab vermeiden: die Filme­ma­cherin Elke Lehren­krauss hat sich aus meiner Sicht nicht korrekt verhalten. Man kann noch darüber streiten, wie sie den Insze­nie­rungs­cha­rakter mancher Szenen sowie die Tatsache, dass manche der Prot­ago­nisten, die im Film zu sehen sind, von anderen Laien gespielt werden, im Film hätte erkennbar machen sollen. Auch darüber, ob sie das überhaupt hätte tun müssen.
Es gibt Doku­men­tar­filme, die insze­nierte Szenen und nicht insze­nierte, Fiktion und Beob­ach­tung mitein­ander vermi­schen, und nicht kenntlich machen, wann es sich um insze­nierte Szenen handelt. Sie gehen aller­dings – in der Regel zurecht – davon aus, dass die Vermi­schung erkennbar ist. Nach meinem Geschmack wäre es das Beste gewesen, der Abspann von Lovemobil hätte entweder die Aussage enthalten, dass zwar alles, was der Film zeigt, auf lang­jäh­rige Recher­chen zurück­geht, dass aber einige im Film zu sehende Szenen nach­in­sze­niert wurden, viel­leicht mit der zusätz­li­chen Begrün­dung, dass dies zum Teil geschah, um Prot­ago­nis­tinnen zu schützen, und zum Teil, weil es nicht möglich ist, in bestimmte Milieus mit einer doku­men­ta­risch beob­ach­tenden Kamera vorzu­dringen.
Es wäre auch eine Lösung gewesen, im Abspann einfach Darsteller zu nennen und hinter den Rollen­namen den Klarnamen aufzu­führen.

Aber selbst wenn sie beides nicht getan hätte, hätte es einen korrekten Ausweg für Lehren­krauss gegeben. Sie hätte bei einer der ersten Auffüh­rungen des Films, spätes­tens als die erste auch nur vage in diese Richtung gehende Anfrage aus dem Publikum oder von Jour­na­listen kam, in ihrer Antwort klar­ma­chen können, wie sich die Dinge verhalten. Sie hat alles dies aber nicht getan. Im Gegenteil hat sie in einigen Inter­views, die ich gelesen habe, Antworten gegeben, die einen verschlei­ernden Effekt haben, und in denen sie sehr deutlich erkennbar die Antwort, die eigent­lich gegeben werden müsste, vermeidet.
Darum sollte man nicht herum­reden.
Die mora­li­sche Frage, die sich in diesem Zusam­men­hang stellt, ist aus meiner Sicht vor allem die: Ange­nommen, es wäre auch weiterhin zu keiner Recherche und zu keinen Nach­fragen von Sendern und Jour­na­listen zu ihrem Film gekommen – wann wäre denn für Lehren­krauss der Zeitpunkt gewesen, die Wahrheit zu sagen? Immerhin hat sie in mehreren Inter­views betont, sie habe sich mit der Lüge immer unwohl gefühlt. Weil ich ihr das glauben möchte, frage ich mich umso mehr: Wann und in welcher Weise hätte sie dazu beigetragen, sich wieder wohler zu fühlen?

Was ich Lehren­krauss aller­dings auch glaube: Dass sie sich während des ganzen Produk­ti­ons­pro­zesses und als ihr klar wurde, dass sie den gewünschten Beob­ach­tungs­film nicht machen konnte, dass sie Insze­nie­rungen braucht, um das Nicht-Filmbare doch noch filmbar zu machen, nicht getraut hat, der Redaktion gegenüber unver­blümt die Wahrheit zu sagen. Sie hat dies in ihrer Sicht in verblümter Form getan.
Entschei­dend hier ist aber das auch von vielen anderen erwähnte Macht­ver­hältnis. Die Tatsache, dass Filme­ma­cher, insbe­son­dere junge und Nachwuchs-Filme­ma­cher – und auch wenn sie heute 42 Jahre alt ist, ist Lehren­krauss in dem Sinn eine Nachwuchs-Filme­ma­cherin, als dies ihr erster langer Doku­men­tar­film war.

Und hier nun kommen wir wieder zum NDR.

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Die Sicht­weise des NDR inter­es­siert mich sehr. Weil das so ist, habe ich bereits in der Woche vor Ostern versucht, auch mit dem für den Film verant­wort­li­chen NDR-Redakteur Timo Groß­pietsch persön­lich Kontakt aufzu­nehmen. Zumal Groß­pietsch in der Branche einen hervor­ra­genden Ruf genießt, an dem zu zweifeln ich keinerlei Anlass habe, und weil ich davon persön­lich überzeugt bin, dass ihm die Art, wie sein Haus mit der Causa Lovemobil umgeht, auch nicht besonders gut gefällt, war es mir wichtig, seine eigene Sicht auf die Ange­le­gen­heit zu hören. Und zwar vorbe­haltlos, zu seinen Bedin­gungen. Das heißt: ich habe angeboten, ein Interview zu führen, aber auch angeboten, falls ihm dies lieber wäre, sich zu einem Hinter­grund­ge­spräch unter vier Augen zu verab­reden.

Anbieten konnte ich dies aller­dings nur einem mir nament­lich nicht bekannten jungen Mitar­beiter, der offenbar im Vorzimmer das Telefon mit der Direkt­durch­wahl von Timo Groß­pietsch betreut. Als ich meine Anfrage dargelegt hatte, wurde ich von jenem Vorzim­mer­mit­ar­beiter mehrfach auf die Pres­se­stelle verwiesen. Ich sagte dem Herrn, dass mir die Nummer der Pres­se­stelle sehr wohl bekannt sei, und ich dort angerufen hätte, wenn ich es gewollt hätte. Da ich ungern mit Menschen über Dritte kommu­ni­ziere, habe ich mich nicht an die Pres­se­stelle gewandt und dies Groß­pietsch auch wissen lassen, und ihm mit der Bitte um Kontakt­auf­nahme meine Kontakt­daten zurück­ge­lassen. Viel­leicht meldet er sich ja noch die nächsten Tage.

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Die Rolle, die der NDR in dieser Ange­le­gen­heit spielt, ist gelinde gesagt weniger eindeutig, als er sie darstellen möchte.
Und gerade durch die Art und Weise, wie der NDR diese Ange­le­gen­heit öffent­lich spielt, wird aus der Affäre Lovemobil auch eine Affäre NDR.

Vieles ist schein­heilig: Der Kommentar des NDR etwa, warum der Film nicht wieder – wie von vielen Zuschauern und der Fach­branche gewünscht – online gestellt wird. Der NDR behauptet, er habe ernsthaft erwogen, den Film der Öffent­lich­keit »mit einer Kenn­zeich­nung der insze­nierten Szenen zur Verfügung zu stellen, damit sich jeder ein eigenes Bild machen kann«. Doch, so behauptet der Sender, möchten »einige der Darsteller aus dem Film nicht mehr gezeigt werden. Wir möchten den Wunsch der Betrof­fenen entspre­chen und werden den Film daher momentan nicht mehr veröf­fent­li­chen.«
Schon daraus ergeben sich mehrere wichtige Fragen. Zunächst einmal diese: Was heißt »momentan«? Wann und unter welchen Voraus­set­zungen wird der NDR denn den Film wieder veröf­fent­li­chen? Vor allem aber: Hat der NDR überhaupt das Recht, über eine Veröf­fent­li­chung zu entscheiden? Die Rechte liegen bei der Produ­zentin und Regis­seurin. Der NDR hat eine Lizenz. Letzt­end­lich ist die Produ­zentin auch dafür verant­wort­lich, ob die Darsteller ihre Geneh­mi­gung gegeben haben, und sie muss es rechtlich verant­worten und auch moralisch, ob der Film gege­be­nen­falls auch ohne heutiges Einver­ständnis Betei­ligter der Öffent­lich­keit zugäng­lich gemacht wird.
Denn es ist ja gerade strittig, ob die Darsteller wussten, was für ein Film gemacht wird oder nicht. Und diese Unklar­heit wird nicht dadurch entschieden, dass sich der NDR auf die eine, ihm bequemere Seite schlägt.
Denn machen wir uns nichts vor: Würde der Film online zu sehen sein, könnten sich die Zuschauer auch darüber ein Bild machen, wie leicht­fertig der NDR offenbar mit dem Film umge­gangen ist. Denn um es noch einmal zu wieder­holen: Jeder, der diesen Film sieht und ein bisschen von Doku­men­tar­film versteht – also beispiels­weise die Doku­men­tar­film-Redaktion des NDR – kann sehen, dass dieser Film insze­nierte Szenen enthält.

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»Doku­men­tar­filmer beuten sich aus und leben im Prekariat – ich hätte nie gedacht dass ich diese Aussage in einem Beitrag des öffent­lich-recht­li­chen Rundfunks hören würde. Und ich freue mich darüber, dass diese Erkenntnis auch im öffent­lich-recht­li­chen Rundfunk ankommt.
Darum bin ich froh, dass ›Lovemobil‹ jetzt einen Anlass bietet, um über diese Arbeit­si­tua­tion und über die Produk­ti­ons­be­din­gungen zu sprechen.«
Stefan Lamby

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Schon durch die krawal­lige Strg_F-Reportage war klar, dass der NDR aus seinen eigenen Versäum­nissen Kapital schlagen will und diese auf seine sehr eigene Weise in den verschie­denen eigenen Medien bestritt. Also gab es auch etwas mehr als eine Woche nach Bekannt­werden der Ange­le­gen­heit eine Zapp-Sendung, die zur einen Hälfte aus dem Recyceln von schon früher gezeigtem Material bestand, zur anderen aus einer Diskus­sion von drei Teil­neh­mern: Susanne Binninger von der AG Dok, der fürs Fernsehen tätige Doku­men­tar­filmer Stephan Lamby und Anja Reschke, Leiterin des Programm­be­reichs Doku­men­ta­tion und Kultur beim NDR.

Vor allem der Auftritt von Anja Reschke war eine Frechheit. Aller­dings eine Frechheit, die unfrei­willig die Verhält­nisse bloßlegt, mit einer Offenheit, wie sie selten im Fernsehen zu sehen ist: Mit einer Paarung aus Arroganz und Ignoranz, aus Desin­ter­esse und Hochmut, aus Verach­tung gegenüber den Filme­ma­chern und für die Filmkunst, für Kunst überhaupt, die Verbin­dung aus Unkenntnis und Kultur­feind­lich­keit.

Auf die Frage, ob Lehren­kraus der Film wegge­nommen worden wäre: »Naja, also was heißt wegge­nommen? Das weiß ich sowieso nicht, was sie damit meint. Natürlich ist dieser Film für den Doku­men­tar­film-Platz. Und der Doku­men­tar­film Platz hat das Verspre­chen, dass er ein jour­na­lis­tisch oder ein wie soll ich sagen nach­prüf­bares recher­chiertes Produkt ist, das die Wirk­lich­keit darstellt – was immer die Wirk­lich­keit ist. Ich nehme an, man hätte schon eine Lösung gefunden.«

Auf die Frage nach dem Charakter des Films wird mit Rufschä­di­gung gespielt: »… zum Beispiel hat die nicht mal Recher­che­be­richte. Also ich weiß gar nicht, ob sie recher­chiert hat. ... Ist dann ›The Crown‹ auch etwas Doku­men­ta­ri­sches? ... Sie wollte keinen Produ­zenten. Sie wollte mit niemandem zusammen arbeiten. Sie wollte auch nicht mit STRG_F zusam­men­ar­beiten.«

Zur Finan­zie­rung: »Der Film ist unter­fi­nan­ziert, behauptet sie. Ich kann keine Summe nennen, weil das unter­liegt der Schwei­ge­pflicht. … es wird ein Budget mit der Autorin verhan­delt. Dieser Film findet statt bei ihr vor der Haustür, da hat sie also keine großen Reisen, in einem relativ kleinen Gebiet mit relativ wenigen Prot­ago­nisten. Dass sie fünf Jahre gebraucht hat, war ihr Problem, war ihr Ding.
Niemand hat gesagt, dass man für diesen Film fünf Jahre braucht.
Wir haben Geld hinterher geschossen. Mein Eindruck ist: Der Druck war der, dass sie ihren Film nicht fertig gekriegt hat. ...
Ich finde nicht, dass man diese Verant­wor­tung dem Sender übergeben kann. Der Film ist absolut in Ordnung bezahlt gewesen. …
Wenn ich höre, 85 Prozent aller Doku­men­tar­filmer arbeiten im Prekariat – der Rundfunk kann ja nicht alle Menschen, die sich entschieden haben Doku­men­tar­filmer zu werden, finan­zieren.«

Mit anderen Worten: Anja Reschke hat ein gutes Gewissen.

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So legte Anja Reschke die Haupt­pro­bleme des öffent­li­chen Fern­se­hens unfrei­willig bloß: Es sind allzu oft Banausen und Kultur­feinde, die hier an den Schalt­stellen sitzen.

Dies sind die Haupt­pro­bleme. Hier wird deutlich, warum das öffent­lich-recht­liche Fernsehen sich als Kultur­kraft selber abschafft. Und hier sieht man, warum das Kino dringend aus dem Klam­mer­griff dieser Sender befreit werden muss.