19.11.2020

Wenn du dir vorstellst…

Nicolás Pereda
Durchbricht die verschlossenen Türen zum Imaginären: Fauna von Nicolás Pereda

Das 69. internationale Filmfestival zeichnet unter neuer Leitung die Umrisse einer kinematographischen Utopie

Von Dunja Bialas

Mit wenigen Namen lässt sich das neue Festival auf die Leinwand skiz­zieren. Fünfzehn Filme haben Sascha Keilholz, der neue Leiter des tradi­ti­ons­rei­chen Festivals Mannheim Heidel­berg, und Film­kri­tiker Frédéric Jaeger (Programmor­ga­ni­sa­tion) in den inter­na­tio­nalen Wett­be­werb geschickt. »On the Rise« haben sie ihn genannt. Das sind aufstre­bende Namen, finden sie, viel­leicht verheißungs­volle, die auf eine mögliche Zukunft des Kinos hindeuten (siehe unser Interview). Die Verdich­tung auf wenige Werke ist wesent­lich, noch letztes Jahr zeigte Mannheim unter der alten Leitung über dreißig Filme im (damals noch undo­tierten) Wett­be­werb, das ergab eine lange Liste Unbe­kannter. Denn den Filmen von Mannheim-Heidel­berg kam stets der Nimbus des unbe­schrie­benen Blattes zu, es sind soge­nannte »Newcomer«, die hier seit 69 Jahren gezeigt werden. Keilholz sagt heute, dass es schwierig sei, ange­sichts der Vielzahl der Festivals weltweit noch originäre Entde­ckungen zu machen. Aber das ist auch gar nicht sein Anspruch. Ihn inter­es­sieren neue, inter­es­sante Film­spra­chen an den Rändern der Kine­ma­to­gra­phien, die womöglich die der next genera­tion sein werden.

»On the Rise«: die Newcomer sind jetzt auch Autorinnen und Autoren, die mit ihren Filmen schon Preise, sogar etliche, bekommen haben. Wie zum Beispiel die Geor­gierin Dea Kulum­be­gash­vili. Sie hat mit ihrem strengen, auch verstö­renden Debüt Dasa­ts­kisi (Beginning) über eine Frau in den repres­siven patriachalen Struk­turen Georgiens (das erinnert auch an Scary Mother [Regie: Ana Urushadze] und andere geor­gi­sche Filme mit Sezier­messer-Szenario) die wichtigen Preise des Festivals San Sebastian abgeräumt, ein Debüt mit 34 Jahren. Sie ist wie andere auch aber keine frisch Diplo­mierte, Mannheim ist kein Hoch­schul­film­fes­tival.

Die fünfzehn Filme des Wett­be­werbs könnte man relativ leicht in den Gesamt­blick nehmen, wäre man nur im Home­of­fice nicht immer von den Stör­geräu­schen des Alltags empfind­lich abgelenkt, von den Mails und Tele­fo­naten, sogar von der Novem­ber­sonne, die ins Zimmer herein­bricht und das Filme­sehen unmöglich machen. Wo bleibt nur der Hochnebel? Und, mitt­ler­weile rheto­ri­sche Frage: Warum nur sind die Kinos zu?

De l’or pour les chiens (Gold For Dogs) der Französin Anna Cazenave Cambet lässt sich unter der Novem­ber­somme gut an. Der Film premierte (virtuell) in der »Semaine de la Critique« von Cannes und ist eine Coming-of-Age-Geschichte über die erste (enttäuschte, aber nicht aufge­ge­bene) Liebe am Strand. Oder Lorelei der in den USA lebenden Britin Sabrina Doyle, ein vage an Andrea Arnolds American Honey erin­nerndes Lehrstück über das White Trash America. Das märchen­hafte Happy End ist reinster Eska­pismus ange­sichts Trumps Amerika, sozi­al­rea­lis­ti­sches Kino, das an den guten Ausgang glaubt, warum nicht? Ergrei­fend und wunderbar kitschig ist das.

Zum Wett­be­werb der Newcomer kommen die Spuren derer, die mit ihrer Stimme und Hand­schrift das Weltkino abseits der Märkte schon länger verändern und behutsam in andere Gefilde navi­gieren. Der älteste unter ihnen (viel­leicht der älteste aller heute noch aktiven Filme­ma­cher überhaupt?) ist Frederick Wiseman. Der 90-jährige US-Ameri­kaner passt vermut­lich nicht ganz in das Konzept der narra­tiven Filme von Mannheim-Heidel­berg. Aber natürlich gilt: sein direct cinema sind starke Erzäh­lungen mit den Mitteln des Doku­men­tar­films, die filmisch-meditativ über das Funk­tio­nieren von Sozial-Systemen westlich-demo­kra­ti­scher Prägung nach­denken. Wiseman begreift die Systeme der abstrakten Gesell­schaft wie einen leben­digen Orga­nismus, den er in seine einzelnen Funk­tionen zerlegt. Es kommen heraus: dichte, analy­ti­sche, situative Innen­blicke. So auch City Hall, eine Bestands­auf­nahme der Arbeit von Marty Walsh, demo­kra­ti­scher Bürger­meister von Boston. Der Film ist ein Fanal gegen den Nieder­gang der Demo­kratie unter Donald Trump und eine Liebes­er­klä­rung an die Einwohner, wie es zuvor schon Monrovia, Indiana (2018) (nur anders) war. Vier­ein­halb Stunden dauert Wisemans neuer Film, oder: zwei ausge­dehnte Sich­tungs­fenster im Alltag. So viel Zeit muss sein.

»Pushing the Bounda­ries« hat Keilholz diese neue Reihe mit den nicht mehr neuen Namen genannt, um auch den Werdegang der Newcomer begleiten zu können. Filme­ma­cher wie Wiseman oder der Phil­ip­pine Lav Diaz, der schon seit längerem fest im Programm der mutigeren Festivals verankert ist, zeigen, dass es Keilholz bei den »Newcomern« v.a. auch um ästhe­ti­sche Neue­rungen geht, um kine­ma­to­gra­phi­sche Linien, die aus der öden Sackgasse heraus­führen, in die sich das Kino mit Konfek­ti­ons­ware oder folk­lo­ris­tisch-ethno­lo­gi­schem Welt- und Themen­kino hinein­manö­vriert hat. Nicolás Pereda kann man noch beispiel­haft hinzu­fügen, vor wenigen Jahren war er noch einer der jungen Regis­seure, die das Herz erstmals hoch­schlagen ließen. Jetzt auch wieder und immer noch: über­wäl­ti­gendes Under­state­ment. In Fauna möchte man sich direkt hinein­be­geben, eine der Türen aufmachen, die die verschach­telte Erzählung schon offenhält (für alle, die an Erzähl­theorie Spaß haben: von der Diegesis zur Meta-Diegesis zur Meta-Meta-Diegesis). Ausgangs­punkt ist ein »Narcos«-Darsteller, der in einem einsamen Bled in Mexiko Ziga­retten kaufen möchte, und ein Lite­ra­tur­ver­ses­sener, der von einem Reclam-Bändchen ausgehend die narra­tiven Grenzen öffnet: Pushing the bounda­ries.

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Weder für den Eröff­nungs­film noch den Abschluss­film ist jetzt noch Zeit. Wer mehr dazu wissen will, kann am Freitag die Festi­val­web­site im Live-Format aufsuchen: Um 19 Uhr sind Film­kri­tiker Nino Klingler und ich im Gespräch über u.a. den israe­li­schen Eröff­nungs­film The Death of Cinema and My Father von Dani Rosenberg und auch den fran­zö­si­schen Abschluss­film A l’abordage von Guillaume Brac. Davor versuche ich noch mindes­tens aus der Retro­spek­tive »Le deuxième souffle« zu sehen: La fiancée du pirate (1969) der soeben verstor­benen Nelly Kaplan.

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Si tu t'imagines
si tu t'imagines
fillette fillette
si tu t'imagines
xa va xa va xa
va durer toujours
la saison des za
la saison des za
saison des amours
ce que tu te goures
fillette fillette
ce que tu te goures

(Raymond Queneau, Si tu t’imagines)