05.11.2020

75 ist die Antwort

Ulrike Ottinger
Eingeschlossen hinter einer unsichtbaren Glaswand. Ulrike Ottingers Bildnis einer Trinkerin beim Transit-Festival
(Foto: © Ulrike Ottinger, Bildnis einer Trinkerin)

Der Kulturwinter wird lang, dunkel und hart. Die zweite Season des Corona-Shutdown fängt gerade erst an

Von Dunja Bialas

»Wer das nicht gerecht findet, muss sagen: auch die Geschäfte müssen jetzt wieder schließen. Die Alter­na­tive, das offen zu lassen, gibt es nicht.« So oder so ähnlich lautet der Whata­bou­tism der Politik ange­sichts des Kultur-Opfers, mit dem Corona besänf­tigt werden soll. Corona, dieses fiese und gefräßige Monster, darf sich jetzt die Theater, die Kinos, die Künstler, die Kultur­schaf­fenden, die Pres­se­mit­ar­beiter, die Festi­val­ma­cher, die Mode­ra­toren, die tech­ni­schen Leiter, die Grafiker und das ganze andere Kultur­p­re­ka­riat einver­leiben. Wenn die Kinos, Theater und Museen schließen, bleiben mehr auf der Strecke als die sicht­baren Akteure. Der Verleih Grandfilm beispiels­weise, der diese Woche den Berlinale-Gewinner mit dem an einen Abwehr­zauber gemah­nenden Titel Doch das Böse gibt es nicht des Iraners Mohammad Rasoulof in die Kinos bringen wollte, schreibt in einer Rundmail: »Wir haben in den letzten drei Monaten auf den Start hinge­ar­beitet und fast eine Vier­tel­mil­lion Euro in den Film inves­tiert. Dass wir ihn jetzt nicht auswerten können, stellt für uns eine exis­ten­ti­elle Bedrohung dar. Die Politik muss praxis­nahe Mittel und Wege finden, die Kino­branche zu unter­stützen – mit einem Hilfs­paket, das die indi­vi­du­elle Situation der Betrof­fenen abbildet.«

Das Inter­na­tio­nale Film­fes­tival Mannheim-Heidel­berg hätte vom 12. bis 22. November erstmals unter der neuen Leitung von Sascha Keilholz statt­ge­funden – meine Reise war schon gebucht, groß war die Neugier. Selbst wenn die Reihe »Facing New Chal­lenges« von den Festi­val­ma­chern anders genannt worden wäre, wäre die neue Art der Heraus­for­de­rung, die Corona an die Kultur­schaf­fenden stellt, wohl auch nicht an ihnen vorü­ber­ge­gangen. Soviel Aber­glaube gibt es gar nicht. Dafür jetzt eine »expanded« Ausgabe im Netz. Die Duis­burger Filmwoche (2.-8.11.) hatte Festival-Satel­liten geplant, mit Stationen ihres Konzepts »Filme und Debatten« in ganz Deutsch­land. Statt­dessen wird jetzt der Relaunch der Website hoch­ge­halten mit den sehr lesens­werten Film­ge­sprächs­pro­to­kollen seit 1978 – immerhin eine Zeitreise: über Filme lesen statt Filme sehen, warum nicht? Das Regens­burger Film­fes­tival Transit preist »Lockdown-Trost­pflaster« an und streamt Ulrike Ottingers Bildnis einer Trinkerin (4.-8.11.). Noch am 27.10. kündigten die Mache­rinnen das Podium »Warum brauchen wir das Kino?« an und fragten: »Wie könnte ein möglichst fairer Transit in eine bessere (oder andere) (Kino-)Zukunft aussehen und warum lohnt es sich, dafür zu kämpfen?«

Corona sucks!

Es tut gut, Corona zu perso­ni­fi­zieren und es sich wie oben als Monster vorzu­stellen, auch wenn es eher wie ein blöder Kobold nervt und alles durch­ein­an­der­bringt. Das ist natürlich eine Verharm­lo­sungs- und damit Coping­stra­tegie gegenüber den weit­rei­chenden Einschnitten, die Covid-19 auf unser Leben hat. Mit anderen Worten: Corona sucks! Da wir keine Virologen sind und auch keine Gesund­heits­mi­nis­te­rinnen, können wir nur in unserem Sinne sprechen, im Sinne der Kultur, der Kinos, der Filme und aus dem Munde der Film­kritik. Wir müssen nicht an die anderen denken, wenn wir uns beschweren, wie Söder es fordert, und wir müssen auch nicht einsehen, dass Gerech­tig­keit nur dann statt­finden kann, wenn eben alle dicht­ma­chen müssen. Wir können und müssen lautstark darauf hinweisen, dass die Kultur trotz aufwen­diger Hygie­nekon­zepte und der in den letzten Monaten in Kauf genom­menen massiven Einschrän­kungen im Betrieb, trotz Erfüllung aller Vorgaben und Maßnahmen jetzt wieder dicht gemacht wird. Es hat nichts gebracht, sich an alle Regeln gehalten zu haben. Wir bekommen jetzt trotzdem Haus­ar­rest. Als seien wir Super­spreader, keine Super­streber.

Wir zeigen nicht mit dem Finger auf andere Bereiche, auch wenn wir jetzt dazu provo­ziert werden. Nicht auf die Einkaufs­zen­tren. Nicht auf die öffent­li­chen Verkehrs­mittel. Nicht auf die vollen ICEs. Wir sagen nicht, dass der Anstieg der Infek­tionen dem kälteren Wetter und den herbst­li­chen Infek­ti­ons­wellen geschuldet ist. Denn wir sind keine Virologen. Wir sind Menschen der Kultur, da kennen wir uns aus, hier argu­men­tieren wir, dafür brennen wir, und sie wird von uns auch vertei­digt.

Andere haben andere Leiden­schaften. Viola Prie­se­mann, Physi­kerin und Forscherin zu »Dynamik und Selbst­or­ga­ni­sa­tion« am Max-Planck-Institut zum Beispiel, gibt in der Talkshow »Anne Will« unum­wunden zu, sie hätte Angst davor, ins Kino zu gehen. Seit der Wiedereröff­nung sei sie in noch keinem gewesen, aus Angst vor Anste­ckung. Ein irra­tio­naler Offen­ba­rungseid der Wissen­schaft­lerin, die den umsich­tigen Kino­be­trei­bern die Faust ins Gesicht schlägt.

75: Warum wir jetzt alle zuhause bleiben müssen

Während die Wissen­schaft­lerin also öffent­lich leich­ter­dings von den Super­sprea­dern im Theater sprechen darf, ist kein Infek­ti­ons­fall in der Kultur bekannt, sagen die Kultur­schaf­fenden. Es gäbe kaum Infek­tionen in den öffent­li­chen Verkehrs­mit­teln, sagt das Robert-Koch-Institut, weil man da kaum verbal inter­agiere. Gleiches gilt für die Theater- und Kino­vor­stel­lungen, die Unter­hal­tungen übrigens nicht vorsehen. Die Gesund­heits­ämter aber sagen: Bei 75% der Infek­tionen sei nicht nach­voll­ziehbar, wo die Anste­ckung statt­ge­funden hat. Da ist das RKI mit seiner detail­lierten Grafik wohl dummer­weise vorge­prescht. 75 ist die Antwort auf die Frage, warum wir jetzt alle schön zuhause bleiben sollen.

Fakt ist: Es ist absolut will­kür­lich, die Kultur – und mit ihr den ganzen Frei­zeit­be­reich – zu schließen. Fakt ist: Es geht darum, etwas zu tun, egal was. Das ist hilfloser Aktio­nismus und das müssen wir jetzt nicht persön­lich nehmen. Es ist eben wieder die Kultur, die als erstes geschlossen wird, das kennen wir ja schon. Nur leider gewöhnen wir uns nicht daran.

Im Gesund­heits­be­reich wird seit Corona von den vulnerablen Gruppen gespro­chen, die es besonders zu schützen gilt. Seien wir mal ehrlich: im Kultur­be­reich sind die Kinos besonders vulnerabel. Oder haben etwa alle im Sommer, während sie auf den harten Bier­bänken ihr Sofa vergessen konnten, auch den Angriff der Strea­ming­dienste auf die Kinos vergessen? Den harten Imperativ von Disney+, Netflix und Co., die ewigen Verschie­bungen der als »Day-to-Day« gewollten globalen Film­starts von James Bond und anderen big sellern, die uns die erste Digi­ta­li­sie­rungs­welle einge­bracht haben. Keine Zeit zu sterben heißt der neue Bond. Jetzt ist der ikonische James-Bond-Darsteller Sean Connery gestorben, bevor der Film ins Kino kam.

75 ist jetzt die Antwort auf alles. So werden für November auf einmal 75% des Umsatzes vom Vorjah­res­monat als Ausgleichs­zah­lung bereit­ge­stellt, für alle Betriebe, kultu­relle oder gastro­no­mi­sche, die von der staatlich verord­neten Corona-Zwangs­schließung betroffen sind. Lassen wir uns kurz in die jüngere Vergan­gen­heit zurück­beamen: Während der »Öffnungs­dis­kus­si­ons­orgie« (Merkel) forderten die Kino­ver­bände gerechte Ausgleichs­zah­lungen auf der Basis des Umsatzes des Vorjah­res­mo­nats. Statt­dessen flat­terten den Kino­be­trei­bern umfang­reiche Formulare ins Haus, in denen das aktuelle operative Defizit nach­ge­wiesen werden musste, um eine Ausgleichs­zah­lung zu erhalten.

»Für unsere Kinos beginnt mit den letzten drei Monaten und den Feier­tagen zum Jahres­ende die wich­tigste Zeit des Jahres«, schrieben die Betreiber von 20 baye­ri­schen Kinos Ende September in einem Brief an Markus Söder. »In diesen Monaten machen wir die Haupt­um­sätze eines Gesamt­jahres – statis­tisch manchmal mehr als in den neun Monaten davor – und nur dieses Jahres-Schluss-Geschäft ermö­g­licht es uns und unseren Betrieben, überhaupt wirt­schaft­lich zu überleben.« Die Kino­be­treiber stellen ein juris­ti­sches »Norm­kon­troll­ver­fahren« in Aussicht, da die Politik nicht sach­ge­recht agiert.

Nicht also das momentane Defizit ist wichtig, soll keine Kino-Schließungs-Welle auf uns zurollen, der Gesamt­blick muss auf das ganze Jahr fallen. An anderer Stelle haben wir schon erklärt, wie wichtig außerdem die Kino­ab­gabe für den film­wirt­schaft­li­chen Kreislauf ist. Das wollen wir nicht wieder­holen. Wir sind es leid, uns zu wieder­holen, immer das Gleiche zu sagen, zu schreiben. Das Mantra ist auch in anderen kultu­rellen Bereichen zu hören. Auf der Demons­tra­tion »Aufstehen für Kultur«, die noch am 24.10., also vor gerade mal zehn Tagen in München statt­ge­funden hat, gab es einen einzigen großen Déjà-vu-Moment. Alle, wirklich alle Sparten formu­lierten Ähnliches, beklagten das Herun­ter­fahren ihrer Betriebe auf ein lächer­li­ches Minimum, mit hammer­harten Abstands­re­geln, die das Kultur­er­lebnis ad absurdum führen.

Ich persön­lich glaube, dass Wissen­schaft­lern wie Viola Prie­se­mann oder dem selbst­er­klärten Kinofan Markus Söder die Kultur eigent­lich ganz egal ist. Auch Bundes­kanz­lerin Merkel hat vermut­lich seit Jahren keine Zeit mehr für Konzert­be­suche. Woher kommen sonst nur so Äuße­rungen wie »leider müssen wir jetzt alles verbieten, was Spaß macht, aber glauben Sie uns, das macht uns auch keinen Spaß« (sinn­ge­mäßes Zitat)? Alles, was Spaß macht? Ja, macht denn Kultur nur Spaß?

In der letzten Woche habe ich tatsäch­lich in einer Art Torschluss­panik noch mal volle Fahrt aufge­nommen. War jeden Tag im Kino, bis auf einmal. Dieses eine Mal war ich in der Halle Schwere Reiter in München und habe mir das hoch­kon­zen­trierte Science-Fiction-Modern-Dance-Stück des Münchner Choreo­grafen Stephan Herwig angesehen. Eine Szene hat unendlich berührt: Die vier Tänze­rinnen und Tänzer lagen auf dem Boden und haben wie ein Kleeblatt die Köpfe inein­ander-, aufein­an­der­ge­legt. Ein rarer Moment der Nähe, eine Emblem für alles, was gerade nicht mehr unsere Mensch­lich­keit ausmachen darf.

Wir erhöhen unsere Forde­rungen

Wir neiden es nicht den anderen, weil sie offen haben dürfen, und wir schmollen nicht, weil die Kultur geschlossen wurde. Aber wir erhöhen unsere Forde­rungen:

1. Die Wiedereröff­nung der Kultur muss unter bessere Kondi­tionen und eine höhere Auslas­tungs­ka­pa­zität gestellt werden. Wir fordern: keine absolute Ober­grenze der Besucher, und Abstands­re­geln mit Augenmaß. Wenn ohnehin wieder zugemacht wird, kann man zwischen­durch auch weiter aufmachen. Nachweise für die Infek­tiö­sität von Kultur­ver­an­stal­tungen gibt es nicht, dafür aber viele Hinweise und Studien, die nahelegen oder sogar belegen, dass Kultur­ver­an­stal­tungen einen vergleichs­weise unge­fähr­li­chen Bereich des öffent­li­chen Lebens darstellen.
2. Es braucht eine deutlich bessere und gerech­tere Ausgleichs­zah­lung für die Kultur, auch rück­wir­kend, gemessen am Umsatz des Vorjah­res­mo­nats, wie von den Verbänden gefordert.
3. Es braucht eine Corona-Grund­si­che­rung für die Solo­selbstän­digen, nicht nur für die Künstler, sondern auch für die benach­barten Berufe.
4. Es braucht Planungs­si­cher­heit. Kultur lässt sich nicht herun­ter­fahren wie ein Computer am Feier­abend. Die Vorlaufs­zeiten und Inves­ti­tionen für kultu­relle Veran­stal­tungen sind beträcht­lich.

Eigent­lich ist auch noch eine Scha­dens­er­satz­zah­lung für den Image­schaden fällig, den die Politiker und manche Wissen­schaftler der Kultur zugefügt haben. Aber zum Glück ist das Publikum da vergleichs­weise immun. Es mag zwar zutreffen, dass Söder, Merkel und Co. nicht mehr ins Kino oder Theater gehen – die Kultur­in­ter­es­sierten tun das schon. Es ist höchste Zeit, dass sie von niemandem mehr wegge­schickt werden müssen, weil im halb­leeren Saal angeblich kein Platz mehr für sie ist – wenn die Kultur überhaupt mal wieder offen haben sollte.

Wo wir schon dabei sind: Wir glauben nicht an das November-Märchen. Der Kultur­winter wird lang, dunkel und hart.