04.06.2020

Das Straucheln der Giganten

Colosseum Berlin
Corona-Aus für das Colosseum in Berlin
(Foto: Bundesarchiv, Bild 183-46321-0001 / CC-BY-SA 3.0)

Erste Multiplexe melden in Deutschland Insolvenz an. Beim näheren Hinsehen zeigen sich Vorerkrankungen und Systemfehler: zu groß, zu global, gefangen im ewigen Verdrängungskampf. Die Politik tut ihr übriges hinzu

Von Dunja Bialas

Kaum haben die ersten Kinos wieder geöffnet, schon machen die ersten wieder dicht. Insolvenz. Wegen der Corona-Schließung. Oder sollte man lieber von Corona-Öffnung sprechen? Zwei Monate lang hielten sich die Licht­spiel­häuser über Wasser – kaum sollen sie den opera­tiven Betrieb wieder aufnehmen, ist es dahin. Dass die Schließung zum Ende des Corona-Shutdowns kommt, macht das Kino-Aus als Corona-Tod vermit­telbar und ruft soli­da­ri­sche Sympathie hervor.

Schlag­zeilen dieser Art machte soeben der große Ufa-Palast in Stuttgart. Man werde den Betrieb des Kinos nicht mehr aufnehmen, verkün­dete am 29. Mai Familie Riech, zwei Tage vor der offi­zi­ellen Wiedereröff­nung der Kinos in Baden-Würt­tem­berg. Ihr Kino mit 13 Sälen und über 4000 Plätzen, eines der größten inha­ber­ge­führten Multi­plexe Deutsch­lands, mache wegen der Corona-Pandemie dicht, erklärten sie. Auch wenn jetzt wieder geöffnet werden könne, erwar­teten sie eine »schwie­rige Wieder­an­lauf­phase, da die Film­ver­leiher leider alle ange­kün­digten Film­starts auf unbe­stimmte Zeit verschoben haben«. Dies führe zu einer wirt­schaft­li­chen Situation, »die uns keine Alter­na­tive gelassen hat«.

Das lässt ein paar Fragen offen. Kein Kino wird gezwungen, zum vorge­ge­benen Zeitpunkt wieder zu eröffnen. Der Ufa-Palast hätte also noch einen Monat warten können und dann im Juli mit Berlin und München in die neue Film­saison starten können. Das hätte zumindest die Inbe­trieb­nahme solider gemacht. Einer­seits. Ande­rer­seits findet sich, forscht man etwas tiefer nach, dass der Ufa-Palast schon seit längerer Zeit mit roten Zahlen zu kämpfen hatte, 2018 wurde laut North Data ein Verlust von über 500.000 Euro verbucht. Dem 1996 eröff­neten Kino ging es also bereits seit längerem schlecht. Eine unat­trak­tive Innen­stadt-Randlage, die Groß­bau­stelle von Stuttgart 21 und andere, neuere Multi­plexe, die dem Kino Konkur­renz machten, haben ihm zugesetzt.

Vergessen bei den Corona-Hilfen: die Multi­plexe

Die Ufa-Schließung offenbart dennoch, wie fragil und vulnerabel die Bestands­lage der großen, inha­ber­ge­führten Kinos ist, die keinen multi­na­tio­nalen Konzern als Rücken­de­ckung haben. Die Corona-Sofort­hilfen der Bundes­länder greifen meist nur für kleinere Arthouse-Kinos, im Vorteil sind all jene, die in der A-Liga der Kino­pro­gramm­preise spielen. Der Sonder­preis der BKM (Bundes­be­auf­tragte für Kultur und Medien) schüttete zum 50. Jubiläum fünf Millionen Euro an die Kinos aus, die in den vergan­genen drei Jahren einen Preis erhalten haben, pro Leinwand sind das 10.000 Euro. Die hoch­ge­tunten wirt­schaft­li­chen Betriebe der Multi­plexe sind von den BKM-Preisen ausge­schlossen.

Bei den finan­zi­ellen Hilfen für die Kinos hat sich eine Lücke aufgetan, die jetzt die großen Multi­plexe, die für das Gros der Einnahmen sorgen, hart trifft. Hier ist viel Geld im Spiel, das am Ende der Film­för­de­rung fehlt. Wenn nun gerade die großen Häusern ins Strau­cheln kommen, reißt das, unge­achtet der Vorer­kran­kungen, relevante Löcher ins System. Das darf den Verant­wort­li­chen nicht egal sein.

Auch das Colosseum in Berlin ist so ein Fall. Am 22. Mai meldete das seit 1924 als Kino exis­tie­rende und unter Denk­mal­schutz stehende Haus Insolvenz an. Mit zehn Sälen und über 2500 Plätzen ist es ebenfalls ein Big Player im Kino­ge­schäft, seit 2006 im Betrieb durch die UCI-Kinowelt-Gruppe, die Teil einer kompli­zierten mulit­na­tio­nalen Eigen­tü­mer­kas­kade ist. Auch dieses Kino ist inha­ber­ge­führt. Sammy Brauner übernahm es von seinem Vater, dem legen­dären Film­pro­du­zenten Artur Brauner.

Aller­dings meldete auch das Colosseum bereits seit Beginn des neuen Jahr­tau­sends schlechte Zahlen, trennte sich nach einem Streit von der Cinemaxx-Kette um Hans-Joachim Flebbe und ging zu Odeon/UCI. Auch hier machte sich das Geschäfts­mo­dell der Multi­plexe selbst den Garaus: nur einen knappen Kilometer vom Colosseum entfernt hatte 2000 in der Kultur­brauerei ein Cinestar-Multiplex mit acht Sälen und über 1500 Plätzen eröffnet.

Das Problem dieser großen Kino­pan­zer­kreuzer ist, dass sie irrsin­nige Kosten produ­zieren. 750.000 Besucher pro Jahr hätte es gebraucht, errech­nete Flebbe im Jahr 2005, um schwarze Zahlen zu schreiben. 2019 machte wiederum Cinestar Schlag­zeilen, als die als Berlinale-Kinos bekannten Säle am Potsdamer Platz schließen mussten. Too big to fail: das gilt heute nicht mehr, die Mega-Multi­plexe sind sogar für das Popcorn-Segment eindeutig zu groß.

Kinos dürfen jetzt nicht dicht­ma­chen

In Anbe­tracht von Ufa und Colosseum zeigt sich jedoch auch, dass die deutschen Kino­wie­dereröff­nungen ohne Strategie und geradezu sachfremd und kopflos durch­ge­führt werden. Die Vorgaben der Politik haben zu einem verhee­renden Image­schaden der Licht­spiel­häuser geführt. Warum beispiels­weise wird die maximale Besu­cher­zahl pro Saal in Baden-Würt­tem­berg auf 100 Leute begrenzt? In Bayern, wo das letzte Wort noch nicht gespro­chen ist, sollen es gar nur 50 Leute sein – für die Gastro­nomie, Flugzeuge oder Reise­busse gilt derglei­chen nicht. Die eigent­lich rigidere Schweiz erlaubt eine Ober­grenze von 300 Kino­be­su­chern. Offen­sicht­li­cher kann die Willkür nicht sein, mit der ein Kino­be­such in Deutsch­land als gefähr­li­cher als anderes einge­stuft wird.

Ähnlich wie die Dehoga, der Gast­stätten- und Hotel­le­rie­ver­band, sollten jetzt die Kino­ver­bände und selbst­or­ga­ni­sierten Kino-Gemein­schaften, wie sie sich für München und das Umland gebildet haben, täglich auf der Matte der Politiker stehen. Kinos dürfen, sofern es um Corona geht, jetzt nicht dicht­ma­chen. Statt­dessen sollten sie deutlich vernehmbar die absurden Rege­lungen hinter­fragen, sich mit anderen Kinos zusam­mentun und mit ihrer Fach­kom­pe­tenz der Politik zusetzen. Und nicht umgekehrt!