02.04.2020

Zeit der Schurken, Zeit der Schwätzer

Stadtneurotiker
Der Stadtneurotiker: Der intellektuelle Schwätzer
(Foto: United Artists)

Ein zweiter Blick auf Woody Allens Autobiographie »A propos of Nothing« (»Ganz nebenbei«) und ein unveröffentlicht gebliebener offener Brief für die Verteidigung uneingeschränkter Publikationsfreiheit

Von Rüdiger Suchsland

»Mal ange­nommen, Allen habe in jeder Hinsicht recht; er sei nicht nur falsch beschul­digt, sondern von den Medien fahr­lässig und ohne Skrupel an den Pranger gestellt worden, dann ist es verständ­lich, dass er nachtritt. Es ist auch brutal, wenn ein renom­mierter Kritiker wie Richard Brody im ›New Yorker‹ anläss­lich von Allens Film Wonder Wheel 2017 auf Dylan Farrows offenen Brief zu sprechen kommt und ohne jeden Beleg schreibt: ›Ich glaube Dylan Farrow‹, um dann ältere Filme von Allen erken­nungs­dienst­lich daraufhin zu unter­su­chen, inwieweit sie mögli­cher­weise belas­tendes Material enthalten. Die Verbit­te­rung, der Ärger, der Sarkasmus über die Schau­spieler, die sich im Nach­hinein davon distan­zierten, mit ihm gear­beitet zu haben – alles nach­voll­ziehbar. Die Frage ist bloß, ob man es wissen will, wenn der spätere Suizid zweier Adop­tiv­kinder von Mia Farrow mit unter­schwel­liger Schuld­zu­wei­sung geschil­dert und eine Art Patho­logie der Farrow-Familie geliefert wird.«
Peter Körte, FAS; 29.03.2020

Letzte Woche hatte ich erste Eindrücke geschil­dert und viel zitiert. Inzwi­schen habe ich das Buch komplett gelesen. Es ist kein grund­sätz­lich verän­derter Eindruck, aber über das Achsel­zu­cken des ersten Quer­le­sens legt sich der Ärger über eine verschenkte Chance, und die Enttäu­schung, dass sich der Verdacht bestätigt, dass dieser Regisseur unin­ter­es­santer ist, als man hoffte.

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»Ein Landei aus Orange County, das sich schon dafür entschul­digt, morgens aufzu­stehen, und voll auf Floh­märkte und Thunfisch-Käse-Sand­wi­ches abfährt. Sie begrüßte uns, bemüht, alles richtig zu machen, erzählte von ihrer Oma und von Unter­mieter George, der von der Gewerk­schaft zu Weih­nachten immer einen Truthahn geschenkt kriegt, und beant­wor­tete Kompli­mente mit 'Echt jetzt? India­ner­eh­ren­wort?'. Aber was soll ich sagen, sie war spitze. In jeder Hinsicht.« – Wenn ein ziemlich lustiger, geistig noch ziemlich wacher Mitt-Achtziger Geschichten wie diese (über seine erste Begegnung mit Diane Keaton) erzählt, dann hört man gerne zu.

Man sieht ihm auch nach, dass er manchmal ein bisschen geschwätzig ist, dass er sich ein paar Mal wieder­holt, dass er es nötig hat, etwas zu viel über die Leute zu lästern, die er nicht mag, und umgekehrt seine neue, viel jüngere Frau ein bisschen zu oft zu loben, noch dazu mit eher frag­wür­digen Kompli­menten – »Preußi­sche Tüch­tig­keit. Ihr fehlt eigent­lich nur noch der Schmiss im Gesicht.« –, und dass er, wenn er von seinen Krän­kungen erzählt, ein bisschen zu sehr betont, dass ihm das alles ja eigent­lich gar nichts ausmache … Es ist, wie mit dem Großvater an Chanukka am Tisch zu sitzen und sich Geschichten anzuhören, von denen man die eine oder andere schon ein dutzend Mal gehört hat, und sich trotzdem freut.

So in etwa hätte es werden können mit der Auto­bio­gra­phie von Woody Allen.

Nur kam leider etwas dazwi­schen.

Und jetzt kann man »Ganz nebenbei« (im ameri­ka­ni­schen Original: »A propos of nothing«) nicht mehr lesen, ohne eine perverse Form eines »Doub­le­bind«-Blicks, also ohne eine gewisse Reserve und ohne von Anfang an mit einem Auge sehr genau danach zu schauen, wo und wann der Autor denn seine ehemalige Lebens­ge­fährtin, die Schau­spie­lerin Mia Farrow zum ersten Mal erwähnt, was er über ihre gemein­same, immerhin 13 Jahre andau­ernde Beziehung schreibt, und wie er mit der Trennung von Farrow und dem folgenden schmut­zigen Streit ums Sorge­recht für die drei gemein­samen Kinder umgeht. Denn – das ist bekannt und seit Jahren hinläng­lich mit Für und Wider in allen Medien ausge­breitet worden – Allen verliebte sich in seine 21-jährige Adop­tiv­tochter Soon-Yi, mit der er bis heute verhei­ratet ist, Farrow ging damit an die Öffent­lich­keit, und erhob im Zuge dieses Tren­nungs­kriegs verschie­dene Miss­brauchs­vor­würfe, die sich seitdem, seit über einem Vier­tel­jahr­hun­dert, in verschie­dener Inten­sität als düsterer Schatten über Allens Leben und Werk legen, aber auch über das Farrows: Zunächst verbrei­tete sie, Soon-Yi wäre minder­jährig. Das war schnell zu wider­legen. Dann behaup­tete sie, Allen hätte seine Adop­tiv­tochter Dylan im Alter von sieben Jahren miss­braucht. Ermitt­lungen ergaben für all das keinerlei Beweise, doch den Gegen­be­weis anzu­treten ist unmöglich. So steht alles im Raum, Aussage steht gegen Aussage, und so wie Farrow von ihrem Sohn Ronan unter­stützt wird, werfen andere Adop­tiv­kinder Farrow »Miss­brauch« vor und nennen sich selbst »Opfer« – der Mutter. Man kann und muss das von außen nicht entscheiden, die Schlamm­schlacht aber hinter­ließ untilg­bare Spuren, erst recht seit »#MeToo«, bei dessen Beginn Ronan Farrow, der als Kind noch Satchel hieß, sich dann umbe­nannte, inzwi­schen selbst eine in manchen Hipster- und LGTBQ-Kreisen gefeierte jour­na­lis­ti­sche Celebrity, eine Schlüs­sel­rolle spielte: Manche glauben gar, der Haupt­an­trieb hinter der ganzen »#MeToo«-Kampagne läge sowieso vor allem in Ronans skla­vi­scher Mutter­liebe und seinem unstill­baren Hass auf den leib­li­chen (?) Vater – laut Mia Farrow ist Ronan aber der Spross eines Seiten­sprungs mit Frank Sinatra.

Es ist so oder so alles eine Tragödie. Tatsäch­lich käme einem die Familien-Selbst­zer­flei­schung der Atriden in den Sinn, wäre nicht alles dann doch allzu banal. Und man hätte dies in einer Buch­be­spre­chung nicht derart ausbreiten müssen, würde Allen nicht selbst immer wieder auf diese »Metzelei napo­leo­ni­schen Ausmaßes« und ihre Folgen zu sprechen kommen, würde er nicht in der zweiten Hälfte des Buches jedes Stück dreckige Wäsche waschen, das ihm in die Finger kommt.

»Hitchcock ist großartig, aber Vertigo?«

Dabei hätte der als Stuart Allen Koenigs­berg geborene Filme­ma­cher durchaus eine Menge inter­es­santer Dinge zu erzählen. Zum Beispiel über seine Eltern. Der Vater »Billard-Hai, Buch­ma­cher, ein kleiner, aber tougher Jude in schnieken Hemden und mit zurück­ge­gelter Lack­frisur wie in einem klas­si­schen Gangs­ter­film. Ein preis­ge­krönter Schütze, der den Finger immer gern am Abzug hatte und eine Waffe trug, bis er im Alter von hundert Jahren starb, mit einem vollen Silber­schopf und Augen wie ein Adler.«
Oder die Mutter Nettie: »Die beiden passten zusammen wie Hannah Arendt und ein Gangs­ter­boss. Sie waren uneins über alles außer Hitler und meine Schul­zeug­nisse. Aber trotz aller Wort­ge­metzel blieben sie siebzig Jahre lang verhei­ratet – um den anderen zu ärgern, vermute ich.« Der Großvater hatte zwar Geld mit einer Taxi­flotte und Kinos gemacht, verlor aber alles in der Welt­wirt­schafts­krise. So war die Kindheit des 1935 geborenen Allen in Brooklyn ziemlich karg. Die Mutter hielt die Familie mit einem Büro-Job über Wasser, der Vater kellnerte und gab sein Geld für illegale Lotterien und Geschenke aus. Trost fand der begabte Junge in Coney Island und im Kino. Gelesen habe er in seiner Kindheit nur Hefte und Pulp-Romane, mit Kier­ke­gaard und Ionesco begann er erst, »um die Mädchen zu beein­dru­cken«. Auch sonst koket­tiert Allen gern mit seinen Bildungs­lü­cken: »Hamlet habe ich noch nie live auf der Bühne gesehen und 'Unsere kleine Stadt' überhaupt noch nicht, weder im Theater noch sonst wo. Ich habe weder Ulysses gelesen noch Don Quijote, nicht Lolita, nicht Catch-22, nicht 1984, keinen Roman von Virginia Woolf, E. M. Forster, D. H. Lawrence. Nichts von Dickens oder den Brontës. Ande­rer­seits bin ich einer der wenigen aus meinen Kreisen, der Joseph Goebbels' Roman gelesen hat.« Er koket­tiert auch mit der Unab­hän­gig­keit seines Geschmacks: »Ich mag Chaplin lieber als Keaton. Ich war nie ein Fan von Katherine Hepburn; 'Manche mögen’s heiß' oder 'Leoparden küsst man nicht' fand ich überhaupt nicht witzig. Hitchcock ist großartig, aber Vertigo? Lubitsch ist genial, aber Sein oder Nichtsein überhaupt nicht lustig.«

Und so geht es weiter: Unter­haltsam, anek­do­ten­reich, mit einem gewissen Hang zur Aufzäh­lung und zu Witzen, deren Selbst­ironie manchmal etwas aufge­setzt wirkt. Soll man ihm glauben, dass er wirklich vor seinem 20. Geburtstag weder Kafka noch Shake­speare gelesen hat, oder klingt das nur gut?
Das jüdische Milieu seiner Kindheit, das Leben im Viertel Flatbush und die jüdische High­school haben auch in der Auto­bio­gra­phie wenig Spuren hinter­lassen, außer dass Allen gern betont, dass er nicht an Gott glaubt.

Über seine Arbeit erfährt man ebenfalls viel zu wenig. Immerhin: Als Filme­ma­cher sei er kein Perfek­tio­nist, er lasse die Schau­spieler machen und hasse endlose Diskus­sionen über das Rollen­ver­ständnis. »Ich mache gerne Filme, aber mir fehlt die Hingabe von Spielberg oder Scorsese.« Das haben wir schon gemerkt. Außerdem komme er vom Schreiben, ein gelun­genes Drehbuch sei das Wich­tigste. Auch was ganz Neues. »Aus einem miesen Skript kann kein guter Film werden.« So, so.
Alles, was man ansonsten über Allens Arbeits­weise weiß, spricht aller­dings dafür, dass der Regisseur hier die Unwahr­heit sagt. Und jetzt könnte man folgern: Wenn er hier die Unwahr­heit sagt, dann viel­leicht auch … »Aber dazu später« – wie Woody Allen selbst nicht weniger als 15 Mal in seinen Buch formu­liert.

Außer zu frühen Erfolgen wie Der Stadt­neu­ro­tiker oder Manhattan hat der Filme­ma­cher im Grunde gar nichts zu sagen: Seine Erin­ne­rungen hasten chro­no­lo­gisch von Film zu Film, und häufeln Bana­li­täten anein­ander: Dass er Jack Nicholson ursprüng­lich für Hannah und ihre Schwes­tern wollte, ist noch bemer­kens­wert, aber wen inter­es­siert, dass er mit Dianne Wiest immer noch befreundet ist? Nichts dagegen liest man über Ästhe­ti­sches, fast nichts über die Motive, die man als Kritiker Allen gern andichtet: Psycho­ana­lyse, Mytho­logie, Spiele mit film­his­to­ri­schen Refe­renzen. Dafür erfahren wir, wer sich bei Dreh­ar­beiten den Magen verdorben hat.

Hier will sich einer ungern in die Karten blicken lassen. So ist die Lektüre vor allem für Allen-Fans enttäu­schend. Dieser Künstler ist viel lang­wei­liger als gedacht. Woody Allen stili­siert sich als Menschen­hasser und Frau­en­held. Und da sind wir wieder beim Thema, das unter­gründig diese Auto­bio­gra­phie dominiert: »Von den vielen Frauen, mit denen ich in meinem Leben was hatte, war kaum eine viel jünger als ich.« Will sagen: An den Farrow-Vorwürfen ist nichts dran. Stimmt aber nur halb, denn Ehefrau Soon-Yi ist 35 Jahre jünger. Wenn du geschwiegen hättest …

Es ist natürlich über­flüssig, und auch etwas sinnlos, sich darüber, wie manche jetzt, zu mokieren, dass ein fast 85-jähriger eine altmo­di­sche Sprache hat: statt von Geld von »Kröten« redet, und von »spachteln« statt essen schreibt.

Das ist auch einfach eine Klas­sen­frage, und Allen entpuppt sich hier als Abkömm­ling eine Klein­bür­ger­schicht, der von seiner Sprache und seiner Menta­lität, dem Niveau seines Denkens diese Schicht nie verlassen hat – mag er auch eine Weile als »Intel­lek­tu­eller« gegolten haben (»wegen der Horn­brille«, sagt Allen selber), und der Lieb­lings­re­gis­seur der cine­philen Hipster der 70er und viel­leicht noch 80er Jahre gewesen sein.
Peter Körte hat das sehr gut in der FAS gut zusam­men­ge­fasst:
»Es gab ja mal eine Zeit, in der Woody Allen in studen­ti­schen und bildungs­bür­ger­li­chen Kreisen ein Idol war. Der Stadt­neu­ro­tiker wurde zum Bild des Mannes, der kein Macho und kein Drauf­gänger mehr war, sondern offen von seinen Phobien und Macken sprach und damit die Frauen herum­kriegen wollte. Allen war mit seinen Filmen der Spezia­list für die Abgründe in Paar­be­zie­hungen und die Ängste der intel­lek­tuell Ambi­tio­nier­teren. Ein Meister der Ostküsten-Sophisti­ca­tion, der intel­li­genten Komödie, dem man dann vorhielt, dass er nicht immer lustig sein wollte und sich an Filmen im Geiste Ingmar Bergmans versuchte.«

Mehr war es viel­leicht nie mit Allen, und um sich wirklich die alten Filme noch einmal vorzu­nehmen und nicht auf Sexismus, aber auf ästhe­ti­sche Substanz zu unter­su­chen, fehlt mir gerade die Lust.

Zum Fremd­schämen ist Allens Sprache aber auch wieder kein Grund, und auf Englisch klingt das alles auch nur halb so ranzig – den gleich vier Über­set­zern, die in den letzten Wochen offenbar Sonder­schichten und schlaf­lose Nächte im Home-Office eingelegt hatten, hätte nur in jedem Fall ein bisschen Zeit für Koor­di­na­tion und Fein­schliff gut getan.

Ungerecht wird es, wenn selbst nicht gerade junge Kriti­ke­rinnen in ihren Rezen­sionen Allen sein Alter vorhalten, und »altba­ckene Vokabeln«. Klar: Viele seiner Sprüche sind aus der Zeit gefallen. Aber wenn einer um den eigenen Anachro­nismus weiß, dann er, der immer wieder betont hat, und in seinen Filmen zeigt, dass er die Gesell­schaft histo­ri­scher Filmstars der großen Studio-Ära jeder Gegenwart vorzieht, und dass er lieber in den zwanziger und dreißiger Jahren leben würde als heute.

Wer dann auch noch Allen vorwirft, er habe von den Farrow-Vorwürfen bis heute nichts verstanden, der hat selber offenbar nicht verstanden, dass Allen ein Opfer der neuesten gesell­schaft­li­chen Mode ist: Der Mode, im Zweifel gegen den Ange­klagten zu entscheiden, vor allem, wenn dieser ein alter, weißer, jüdischer Mann ist, ein Opfer der neuen Neigung, juris­ti­sche Ausein­an­der­set­zungen in der Öffent­lich­keit zu führen, medial vorzu­ent­scheiden, oder gleich den Medien-Pranger zu ersetzen.
Und ein Opfer des Oppor­tu­nismus einer Industrie, die wie immer bereit ist, für den Profit über Leichen zu gehen.

Allen sieht sich als Opfer einer Hexenjagd. Er zitiert Alan Dersho­witz' Formel »Schuldig bei Verdacht« und die ansonsten sehr faire Rezension von Petra Kohse (»Berliner Zeitung«) muss ausge­rechnet an dieser Stelle dann nach­setzen, Allen hole »sich damit ausge­rechnet einen Anwalt Donald Trumps zur Seite«. Das war Derhowitz ja auch, die Pointe aber verschweigt die Rezen­sentin: Alan Dersho­witz war nämlich vor allem der Anwalt von Mia Farrow im Sorge­rechts­streit.

So spalten sich auch die Jour­na­listen in Pro/Contra-Lager. Schade.

Allen zitiert noch aus Lillian Hellmans »Zeit der Schurken« und rechnet den Lesern vor, was er alles als Regisseur für Frauen getan habe. Und er habe ihnen immer exakt das Gleiche gezahlt wie Männern. Dass er all das überhaupt erwähnen muss, ist traurig genug. Wie gesagt – eine Tragödie.

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Eine ganz andere Frage ist nun aber die, ob irgend­etwas an diesem Buch Anlass geben könnte, seine Veröf­fent­li­chung zu verhin­dern.

Es war pervers, wie mit dem Argument, Allen habe sich »nie über­zeu­gend mit den Vorwürfen seiner Tochter ausein­an­der­ge­setzt«, genau diese Ausein­an­der­set­zung verhin­dert werden sollte. Dies ist die Gesinnung von Hexen­jagden und stali­nis­ti­schen Schau­pro­zessen: Die einzig akzep­table Reaktion des Ange­klagten auf eine Anklage bleibt ein Schuld­ein­ge­ständnis, alles andere wirkte straf­ver­schär­fend und verstockt.

Ein paar Autoren haben hierzu intern einen offenen Brief an den Rowohlt-Verlag formu­liert und Unter­schriften für ihn gesammelt.

Der Text musste nicht mehr veröf­fent­licht werden, weil der Verlag dankens­wer­ter­weise schon vorher diesem Angriff auf Grund­rechte und Vernunft eine klare Absage erteilt hatte.

Er soll hier trotzdem veröf­fent­licht werden, denn sein Inhalt ist zeitlos.

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»Literatur ist frei und muss es bleiben. Zensur findet nicht statt!
Soli­da­rität mit dem Rowohlt-Verlag – ein offener Brief für die Vertei­di­gung unein­ge­schränkter Publi­ka­ti­ons­frei­heit«

Wir, die Unter­zeich­nenden, verwahren uns gegen jede Form der Einschrän­kung, auch indi­rekter Art, der Publi­ka­ti­ons­frei­heit in der Bundes­re­pu­blik Deutsch­land.

Mit Sorge sehen wir den Versuch einer öffent­li­chen Kampagne Einzelner gegen den Rowohlt-Verlag mit dem Ziel, die Veröf­fent­li­chung der Auto­bio­gra­phie von Woody Allen zu verhin­dern. Dies ist grund­sätz­lich falsch. Zusätz­lich geschmacklos wirkt dieser Versuch, weil er mit Rowohlt ein Verlags­haus trifft, das in seiner Geschichte bereits mehrfach – nicht nur während der NS-Diktatur – Opfer von Zensur und Zens­ur­kam­pa­gnen wurde.

Der Rowohlt-Verlag soll und darf die Auto­bio­gra­phie von Woody Allen veröf­fent­li­chen, wenn er dies publi­zis­tisch für ange­messen hält. Diese unein­ge­schränkte Publi­ka­ti­ons­frei­heit ist allgemein und ein hohes Gut, höher, als der Wert jedes einzelnen Buches.

Die deutsche Öffent­lich­keit hat ein Anrecht darauf, dass Verlage ohne Beein­flus­sung von außen, durch mora­li­sie­rende und emotio­nale Kampagnen, oder durch »Bürger­wehren« welcher Art auch immer, ihre Bücher veröf­fent­li­chen können.
Gerade in Zeiten rechts­ex­tre­mis­ti­scher Hetze und Kampagnen von »Wutbür­gern« gegen öffent­lich-recht­liche Medien und der Propa­ganda gegen angeb­liche »Lügen­presse« ist diese Freiheit zu vertei­digen. Der Artikel 5 des Grund­ge­setz' sagt unmiss­ver­ständ­lich: »Zensur findet nicht statt«. Das gilt nicht allein für staat­liche Behörden, sondern für alle Bürger, für gesell­schaft­liche Insti­tu­tionen und alle Bereiche unser Gesell­schaft.
Schon dem Verdacht von Zensur gilt es vorzu­beugen. Darum treten wir ein für die unein­ge­schränkte Publi­ka­ti­ons­frei­heit an den Rändern unserer Gesell­schaft, wie in ihrer Mitte.

Bücher sind immer wieder anstößig gewesen. Sie werden nicht geschrieben, um jedem zu gefallen. Gerade darin liegt ihr Wert.

Das gilt auch für die Auto­bio­gra­phie von Woody Allen, die wir nicht kennen, und daher inhalt­lich gar nicht bewerten können.

Selbst­er­nannte Wächter gesell­schaft­li­cher Tugend und Rein­heits­bri­gaden exqui­siter Milieus können den kontro­versen Austausch einer breiten Öffent­lich­keit nicht ersetzen. Sie allein, und auch sie niemals abschließend, kann beur­teilen, wie ein Buch zu bewerten ist.