26.03.2020

Homo homini virus est

Mein Jahr in der Niemandsbucht
Die analoge Welt in Trümmern: Mein Jahr in der Niemandsbucht
(Foto: Dunja Bialas)

Wenn uns was an den Filmen liegt, sollten wir besser mit dem Streamen aufhören. Ein Plädoyer für die analoge Welt

Von Dunja Bialas

Seit Samstag Nacht, null Uhr, befinden wir uns in Bayern in der Coro­na­kratie. Wäre ich empfäng­lich für Verschwö­rungs­theo­rien, auch für meine eigenen, vermutete ich hinter dem ganzen Geschehen einen Angriff des Digitalen auf die analoge Welt. Selbst mein Freund von der »Süddeut­schen Zeitung«, der sich letzte Woche noch als Profiteur des Corona-Kriegs wähnte, wurde jetzt in den Heimat­ur­laub geschickt. Derweil schrumpft die »SZ« auf Notaus­ga­ben­format, mit den immer gleichen Corona-News. Besonders absurd war der Vorher-nachher-Vergleich, mit dem der »Münchner Teil« den Erfolg der Ausgangs­be­schrän­kungen – »Keine Ausgangs­sperre!« (Söder) – vermel­dete. Beide Fotos zeigten die Isar-Auen bei schönstem Sonnen­schein, einmal voller Menschen und eine Woche später, siehe da: menschen­leer. Ohne mit einem Wort zu erwähnen, dass sich über Nacht ein Tempe­ra­tur­sturz von über 15 Grad auf den arkti­schen Nullpunkt ereignet hatte.

Übrigens auch psycho­so­zial.

Das Medium im Zeitalter der niederen Bedürf­nisse

Noch vor der Still­le­gung des öffent­li­chen Lebens habe ich bei der Baye­ri­schen Staats­bi­blio­thek eine Reihe von Büchern bestellt, weil ich das Leben in müßig­gän­ge­ri­schem otium sinnvoll zu verbringen gedachte. Aber die Leih­stelle wurde geschlossen, noch bevor es zur Auslie­fe­rung kam, ebenso wie alle Buchläden des Frei­staats. Während­dessen rüsten sich die Super­märkte. Schrauben halten verzwei­felt-absurde Plexi­glas­scheiben vor den Kassie­re­rinnen hoch, die eben noch unbe­hand­schuht in der kalten Zugluft ihr Tagwerk verrichten mussten. Vermut­lich aus dem Nacht­leben entlas­sene Türsteher bauen sich vor den Läden auf, besonders aggressiv ist der vor dem Droge­rie­markt, dem jetzt ange­sag­testen Club der Stadt. Hier darf keiner rein, ohne seine Erlaubnis. Drinnen herrscht strenger Rechts­ver­kehr. Ich verzichte auf meinen Vitamin-D-Beutezug und gehe statt­dessen in den benach­barten Super­markt. Dort doch tatsäch­lich: Klopapier. Das Medium im Zeitalter der niederen Bedürf­nisse.

Auf der Straße meiden sich die Menschen. Alles wirkt unhöflich und ungalant, nicht wie im Pariser Alltag, wo man – wie es Peter Handke 1994 in »Mein Jahr in der Niemands­bucht« beschrieb – instinktiv und fast tänzelnd einander auswich. Jetzt kann jeder dem anderen zum Virus werden. Fast wird die Straßen­seite gewech­selt, wenn man jemandem entge­gen­kommt, als wäre man infektiös. Jeder verdäch­tigt jeden. Und wehe, der Sicher­heits­ab­stand wird nicht einge­halten, dann kommen die abge­stellten Security-Typen und sorgen für Ordnung. Statt otium jetzt odium, statt Muße Hass.

Muss das denn bitte sein?

Unter­dessen arbeitet die digitale Welt weiter daran, die analoge abzu­schaffen. Geschäfte müssen schließen, aber der Online-Versand geht weiter. Amazon meldet verlän­gerte Liefer­zeiten, während meine Buch­händ­lerin sich in ihrem Laden einschließt und darauf hofft, dass jemand an ihrer Tür stehen bleibt und den Zettel liest, den sie da ange­bracht hat. Auf ihm steht, dass man auch bei ihr online bestellen kann. Oder könnte.

Ich streame, also bin ich

Die einzige Fort­schritts­mel­dung kam dieser Tage aus dem Streaming-Bereich: Disney+ verspricht seit Dienstag »unbe­grenzte Unter­hal­tung« und »das Beste« von Disney, Pixar, Marvel, Star Wars – und National Geogra­phic. Never heard. Zunächst sieben Tage kostenlos, kann im Anschluss für den Taschen­geld-Gegenwert von 6,99 € gestreamt werden. Ziel­gruppe sind all jene, die in der viren­freien Zeit noch ab und an in die Multi­plexe gegangen sind. »Streame auf 4 Screens gleich­zeitig und jeder ist glücklich«, jubeln sie auf der Website. Schaun wir mal, ob wirklich jeder glücklich sein wird.

Es geht um die Rückkehr ins normale Leben, falls es so eins wieder geben wird. Nach all dem zwangs­ver­ord­neten Zuhau­se­bleiben und Zuhau­sestreamen werden alle hungrig nach draußen strömen, hoffent­lich noch einen Rest an Sommer genießen und an der Isar in lega­li­sierten Gruppen die Reso­zia­li­sie­rung feiern. Dann im Herbst sich langsam wieder daran erinnern, dass auch die Kultur etwas zu bieten hatte. Theater, Oper, Lesungen, alles, wo die Menschen zusam­men­kommen können, wird inter­es­sant sein.

Die Corona-Kunst

Während­dessen bleiben die Kinos dunkel und leer. Wer will nach Corona wohl noch frei­willig auf einen Screen starren, noch dazu mit anderen? Lieber wird man mitein­ander reden wollen, zusammen lachen, inter­agieren, nicht mehr schwei­gend konsu­mieren. Filme­gu­cken, ob auf dem Sofa oder im Kino­sessel, ist Kultur­konsum. Über­sät­tigt werden alle sein von den Bewegt­bil­dern, die sie sich bis zum Überdruss in der Corona-Zeit zugeführt haben.

So wird die Kunst des Bewegt­bilds noch eine Zeit lang als Corona-Kunst im Gedächtnis bleiben, als albtraum­hafte Erin­ne­rung an eine Zeit der Einschließung und des verord­neten Verzichts. Als anti­so­ziale Kunster­in­ne­rung.

Wir sollten besser mit dem Filme­gu­cken zuhause aufhören oder es zumindest ratio­nieren. Damit wir nicht vergessen, wie schön es sein kann, sich fürs Kino zu verab­reden, stumm neben­ein­ander im Dunkeln zu sitzen und gemeinsam auf die Leinwand zu starren, sich immersiv dem Geschehen hinzu­geben und die Welt um sich herum wirklich komplett zu vergessen. Kein griff­be­reites Handy, kein Gang zum Kühl­schrank, keine Pausen­taste, weil man niedere Bedürf­nisse hat. Endlich wieder die Angst, etwas zu verpassen, wenn man kurz mal die Augen schließt.

Bewahren wir uns die Liebe zum Film. Damit es auch später noch Kinos geben kann. Und vergessen wir bitte nicht, dorthin zurück­zu­kehren.