20.08.2019

Der Esel im Stall und der Elefant im Raum

Ich war zuhause, aber
Kritik hat den Sinn, Gründe aufzuführen, sie hat aber auch den Zweck, eine Haltung zu formulieren.

Über das Missbehagen am Behagen in Angela Schanelecs neuem Film Ich war zuhause, aber... – eine persönliche Intervention

Von Rüdiger Suchsland

Alles ist erlaubt. Dies mal vorweg: In der Kunst ist alles erlaubt, und in der Kritik, die ja Kunst ist, auch. Gerade in unseren Zeiten, in denen im Feuil­leton gerade Iden­ti­täts­de­batten geführt werden wie lange nicht mehr, sollte es um Hete­ro­ge­nität gehen, um Verun­si­che­rung, Irri­ta­tion, Bruch mit allzu gefäl­ligen Konven­tionen; es sollte um Streit gehen, auch persön­li­chen.

Ein zweiter Vorsatz: Ich liebe Gedichte. Auch von Frauen. Ilse Aichinger sowieso, aber zum Beispiel auch Sylvia Plath' »Lady Lazarus«. Ich schreibe das hier auf, weil ich inzwi­schen die Reak­tionen mancher Kolle­ginnen vorweg­nehme. Weil ich es anstren­gend finde, dass man in manchen Kreisen sofort für einen plumpen Tropf gehalten wird, einen unsen­si­blen Anti-Poeten, wenn man sein Miss­be­hagen an Angela Schan­elecs neuem Film zum Ausdruck bringt, und an der Reaktion auf ihn.
Was Ilse Aichinger wohl über Angela Schan­elecs Ich war zuhause, aber... gedacht und geschrieben hätte, würde mich inter­es­sieren. Vermut­lich hätte sie ihn inter­es­sant gefunden, viel­leicht sogar gemocht. Viel­leicht aber auch gar nicht, und abscheu­lich gefunden. Diese Unbe­re­chen­bar­keit habe ich immer für eine Tugend gehalten.

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Eigent­lich wollte ich über diesen Film nicht mehr schreiben. Zur Berlinale war alles gesagt, und so inter­es­sant ist Ich war zuhause, aber... gar nicht, dass ich große Lust hatte, es nochmal zu tun. Dass ich es doch tue, hat zwei Gründe. Zum einen, weil ich es etwas albern finde, dass es die eine oder andere Kollegin offenbar nicht schafft, über Schanelec zu schreiben, ohne Verweis auf mich, bzw. meine Einwände während der Berlinale und deren »Wider­le­gung«. Das leuchtet mir nicht ganz ein... Braucht dieser Film Wind­mühlen, gegen die ankämp­fend man ihn erst vertei­digen kann? Und sorry, aber ich weiß natürlich schon, dass man einen Film nicht mit seiner Autorin gleich­setzen »soll« – das habe ich übrigens auch nicht getan. Ande­rer­seits kann man einen Auto­ren­film, kann man persön­li­ches Kino nicht von der Person trennen, die ihn gemacht hat. Das geschieht tatsäch­lich auch in den wenigsten Kritiken.

Zum zweiten, und das ist wichtiger, schreibe ich, weil mir die Texte der letzten Woche über Schan­elecs Film zu denken geben. Dieser Denk­pro­zess ist nicht abge­schlossen. Insofern schreibe ich eigent­lich nicht über Ich war zuhause, aber... sondern über die Texte, die über ihn erschienen sind.

Unaus­ge­spro­chen im Raum steht: Wir müssen mehr streiten. Gerade auch um diesen Film. Weil er es wert ist, weil dieser Streit prin­zi­pi­elle Dinge zutage fördern könnte.

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Angela Schanelec macht sehr sinnliche Filme. Zugleich sind ihre Filme sehr intel­li­gent. Und sie sind sehr eigen­willig, eigen­willig bis zur Verschro­ben­heit. Das alles spricht sehr für sie.

Ihr neuer Film ist ein filmi­sches Selbst­ge­spräch. Es folgt keiner Geschichte im eigent­li­chen Sinn, sondern reiht Szenen und Bilder anein­ander. Ich will niemandem die Begeis­te­rung daran nehmen, oder abspre­chen. Aber ich verstehe sie nicht. Und weil sie so groß ist, habe ich den Verdacht, dass da etwas nicht stimmt. Ich will wissen, was dahinter steckt.

Was mir auffällt: Wie defensiv argu­men­tiert wird. Wenn argu­men­tiert wird.

Da wird aufge­listet, wer alles gegen den Film ist, welche Förde­rungen die Regis­seurin für diesen oder ihren nächsten Film nicht bekommen hat – wir haben die fehlende Verleih­för­de­rung für diesen Film an dieser Stelle auch kriti­siert. Aber der Film wird ja nicht deshalb besser.

Da wird Erstaunen behauptet, und behauptet »bei manchen Film­kri­ti­kern und auch immer wieder in der deutschen Film­branche« würden diese Filme Aggres­sionen auslösen. Sind Einwände, Zweifel, Kritik gleich Aggres­sionen? Oder sogar Majes­täts­be­lei­di­gung?

Der Vorwurf der Verwei­ge­rung, Sper­rig­keit, Verkopft­heit sei ein großes Miss­ver­s­tändnis. Gut, aber warum? Weil die Regis­seurin konse­quent ihrer Intuition nachgeht?
Ich bin nicht sicher, ob Schanelec mit der Schublade Intuition glücklich ist. Aber selbst wenn: Widerlegt das den Einwand der Sper­rig­keit und Verwei­ge­rung?

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Ansonsten: »Meis­ter­werk«. Glaube ich nicht, aber ok, warum?

Ich lese weiter: »Reine Form«, »Reinstes Kino«, »Reine Kino­poesie« – alles Fund­s­tücke aus dieser Woche.

»Was zu sehen ist, bedeutet nichts anderes als es selbst. Jenseits von Natür­lich­keit und Künst­lich­keit vertei­digt Schanelec die Kunst des reinen Kinos«, schreibt unsere artechock-Kollegin Dunja Bialas in ihrer Rezension im Tages­spiegel. Ok. Aber was heißt das: »Es bedeutet nichts anderes als es selbst«? Und warum soll das jemanden inter­es­sieren? Was ist daran besser, als Bilder, die etwas anderes bedeuten »als es selbst«. Oder was ist daran schöner?
Und was heißt eigent­lich hier »es«?
Außerdem gebe ich zu, dass mir im Zusam­men­hang mit diesem Film ein bisschen zu oft das Wort »rein« fällt. »Rein« ist für mich etwas Negatives. Da denke ich an Puri­ta­nismus und Sauber­keits­fe­ti­schismus und Klar­heits­wün­sche und Persil­scheine. »Nicht nur sauber, sondern rein.« Klar, dass die Kollegin vermut­lich etwas anderes meint. Aber sie schreibt es nicht. Und wenn es schon um Asso­zia­tionen geht: Dies sind meine Asso­zia­tionen bei solchen Worten.

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Warum ist es gut, dass eine über 20 Jahre das Gleiche tut?
Wenn es hier nicht um eine deutsche Regis­seurin ginge, wäre die Begeis­te­rung darüber geringer.

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Die Regis­seurin darf machen, was sie will, Film­kritik aber sollte versuchen, ihr Publikum mitzu­nehmen. Also etwaige Einwände verhan­deln. Dieser Film ist bedin­gungs­loses Kino. Er ist aber nur eine von sehr vielen sehr verschie­denen Möglich­keiten, die das Kino hat. Man sollte ihn nicht verab­so­lu­tieren, nicht so tun, als sei alles andere im Kino dieser Art Kino gegenüber sekundär. Einen Satz wie »Denn wer Schan­elecs Filme scheut, der scheut das Kino«, finde ich komplett unan­ge­messen. Das ist Ausdruck einer arro­ganten Haltung der Film­kritik.

Der erzie­he­ri­sche (protes­tan­ti­sche?) Grund­gestus von Schan­elecs Filmen, die immerzu ausdrü­cken und nahelegen, dass man es sich nicht zu leicht machen dürfe (warum eigent­lich nicht?), dass der Zuschauer sich jetzt etwas antun müsse, was er eigent­lich nicht will, wogegen er eigent­lich einen inneren Wider­stand empfindet – und die Regis­seurin unter­streicht diesen Gestus dann tatsäch­lich in ihren Inter­views und Pres­se­kon­fe­ren­zäuße­rungen –, diese Haltung scheint mir Teilen unserer Film­kritik sehr zu entspre­chen, und eine Iden­ti­fi­ka­tion nahe­zu­legen.

Was mir auch auffällt: Wie wenig argu­men­tiert wird. Eher geht es um Glau­bens­sätze. Um Bekennt­nisse. Mir scheint, dass die Filme Angela Schan­elecs sowas verlangen und hervor­rufen, wie Demut und wie Gefolg­schaft. Dass sie gewis­ser­maßen eine Art reli­giöses Verhältnis zwischen dem Geschehen auf der Leinwand und den Zuschauern aufbauen möchten. Die Zuschauer sind dann Jünger; das Geschehen auf der Leinwand ist dann eine Offen­ba­rung, ein Altar-Geschehen, das in gewisser Weise sakro­sankt sein soll.
Aber so kann es nicht gehen. Keine Kunst ist sakro­sankt. Keine Kunst ist heilig – von diesem ganzen kunst­re­li­giösen Quatsch müssen wir genauso wegkommen, wie von irgend­wel­chen Genie­ge­danken.
Natürlich gibt es das Geniale und viel­leicht gibt es auch so etwas wie das Heilige. Aber es muss da, wo es behauptet wird, immer unter Verdacht stehen.

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Es gab in der deutschen über­re­gio­nalen Presse nur einen einzigen Text, der den Film nicht lobte. Er stand im »Freitag«. Er stammte nicht von einem Film­kri­tiker, und nicht von einem Deutschen. Er stammte von einem Schweizer Regisseur.

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Exkurs zum Thema: Was ist Film­kritik?

Mein Text während der Berlinale war kein kühler, ratio­naler Text. Es war ein Gefühls­aus­bruch, die Äußerung eines Affekts. Und ich habe ungelogen noch nie auf einen Text in den letzten zwanzig Jahren so viele positive Reak­tionen bekommen. Zuschriften auch von namhaften Kollegen, von bekannten Film­kri­ti­kern – im Vertrauen, weil sie sich öffent­lich nicht äußern wollen. Und Zuschriften von Kino­be­trei­bern, von Menschen aus der Branche oder auch von »ganz normalen Zuschauern«. Es ist inter­es­sant, dass mehrere dieser Zuschriften mir Mut attes­tieren. Offen gesagt fühle ich mich nicht mutig, Angela Schanelec zu kriti­sieren. Aber es hat Menschen gegeben, die glauben, dass man diese Frau oder diesen Stil nicht kriti­sieren sollte, oder die glauben, dass sie starke Batail­lone hinter sich hat oder irgend so etwas. Offen gesagt inter­es­siert mich das ziemlich wenig.
Es geht ja auch gar nicht darum, dass ich in irgend­einer Form diese Art von Kino verhin­dern will, dass ich nicht wollen würde, dass sie diese Filme macht. Davon kann überhaupt keine Rede sein. Ich möchte nur, dass man seriös über sie schreibt und redet, dass man sie auch kriti­siert, dass es kein Tabu ist, zu sagen, dass man diese Filme nicht gern mag, sie sich nicht ansehen möchte oder nicht noch mal ansehen.

Das Tabui­sieren der Kritik ist das Übel. Und tatsäch­lich gibt es eine Art von „ästhe­ti­scher Correct­ness“, nach der nämlich Kritik an diesem Stil, wenn sie schon keine Majes­täts­be­lei­di­gung ist, dann aber doch so gehand­habt wird, als wäre sie ein Ausweis der Dummheit und Primi­ti­vität, die den Sprecher in seiner Beschränkt­heit und Kultur­lo­sig­keit bloß­stellt.

Kritik hat den Sinn, Gründe aufzu­führen, sie hat aber auch den Zweck, eine Haltung zu formu­lieren. Kritik ist nicht ein nur ratio­nales Geschäft, das den Film in Worte verwan­delt und in Argumente zerlegt und diese Argumente dann Stück für Stück widerlegt, also den Film widerlegt, und recht hat, wo der Film falsch liegt. Das alles wäre Unsinn, wenn man das glauben würde.

Ein Film ist Ausdruck einer Haltung; viel­leicht einer falschen, viel­leicht einer dummen, aber einer Haltung und so ist es auch mit einer Kritik. Es geht also nicht ums Recht haben. Worum es vielmehr geht, ist etwas zum Ausdruck zu bringen.
Es geht, wenn man so will, um Perfor­mance. Also das Aufführen einer Haltung.

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Es kann und darf nicht darum gehen, dass Publikum zu sekkieren und zu erziehen – man sollte es gewinnen. Eine Entfrem­dung vom Publikum wäre noch erträg­lich. Aber das ist ein Versagen vor der Vermitt­lungs­auf­gabe.

Ich habe den Verdacht, dass auch wegen dieses Versagens die Leute in die Streaming-Platt­formen fliehen. Dort werden sie nicht erzogen.

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Ich will mich von alldem, was ich hier an anderen kriti­siere, gar nicht ausschließen. Wahr­schein­lich bin ich ähnlich partei­isch und ungenau und glau­bens­an­hän­ger­haft, wenn es um andere Regis­seure geht. Und ganz bestimmt vermeide ich manchmal auch, offen zu schreiben, was ich wirklich über einen Film denke. Weil es mir zu anstren­gend ist, das dann zu vertei­digen.
Das ist aber keine gute Entwick­lung.

Wir müssen darüber weiter­reden.

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