18.04.2019

Jenseits der Melancholie

Tale of Three Sisters
A Tale of Three Sisters von Emin Alper

Ein Streifzug durch das internationale Filmfestival von Istanbul

Von Rüdiger Suchsland

»Hüsün« – eine sehr spezielle Form der Melan­cholie, gehört zum Lebens­ge­fühl von Istanbul. Besonders in der Musik spiegelt sie sich, der Istan­buler Literatur-Nobel­preis­träger Orhan Pamuk hat sie in seinen Büchern bespro­chen. Aber auch in den türki­schen Filmen begegnet sie einem immer wieder.

So etwa in Siren’s Call, Ramin Matins Geschichte eines Archi­tekten, der sich in seinen eigenen Häusern und von ihm geplanten neuen Stadt­vier­teln verläuft – ein sati­ri­scher Blick auf den Immo­bi­li­en­boom in der gegen­wär­tigen Türkei.

A tale of three Sisters, die Geschichte dreier trauriger Schwes­tern, lief schon auf der Berlinale im Wett­be­werb. Sie stammt von Emin Alper, einem der inter­es­san­testen türki­schen Gegen­warts­re­gis­seure, von dem man sich nach seinen zwei ersten Filmen aber etwas mehr verspro­chen hätte.

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Als das inter­na­tio­nale Film­fes­tival von Istanbul 1982 zum ersten mal stattfand, herrschte in der Türkei eine Militär­junta. Kino als solches, und besonders ein Film­fes­tival mit auslän­di­schen Filmen war Wider­stand. Gerade einmal sechs Filme waren damals zu sehen – alle zum Thema »Die Künste und der Film«. Damals aber erar­bei­tete sich die noch kleine Veran­stal­tung den Ruf, ein Ort der Freiheit, der Unan­ge­passt­heit und der kulturell-poli­ti­schen Rebellion zu sein. Und eine große Leinwand für das lebendige türkische Kino, das spätes­tens seither auch inter­na­tional wahr­ge­nommen wurde.

Inzwi­schen dauert das Inter­na­tional Film Festival Istanbul zwei Wochen, in einem natio­nalen und einem inter­na­tio­nalen Wett­be­werb konkur­rieren Produk­tionen um die »Goldene Tulpe«, und es ist längst mehr als nur eine türkische Filmschau für auslän­di­sche Gäste, sondern auch umgekehrt fürs türkische Publikum ein Schau­fenster zur Welt.

Die Rahmen­be­din­gungen haben sich dabei in den letzten Jahren erneut verändert. Denn unter dem isla­mis­ti­schen Staats­prä­si­denten Erdogan wurde nicht nur die Freiheit der Presse, sondern auch die der Künste beschnitten: Das Festival ist dem Westen zugewandt, offen und liberal und insofern Teil der kultu­rellen Oppo­si­tion. Zur Zeit leidet es unter radikaler Kürzung der öffent­li­chen Zuschüsse, Einschrän­kungen bei der Außen­wer­bung und der Spon­so­ren­ak­quise.

Mit kaum öffent­li­cher Unter­s­tüt­zung, aber um so mehr Hilfe privater Kultur­stif­tungen, die es in der Türkei zuhauf gibt, und mit Unter­s­tüt­zung auslän­di­scher Kultur­in­sti­tute wie des Goethe-Instituts und des Institut Français schafft man hier ein Kino-Großer­eignis, bei dem über 200 Filme aus aller Welt zu sehen sind, darunter vor allem solche, die niemals ihren Weg in die türki­schen Kinos finden: Zum Teil aus rein ökono­mi­schen Gründen – die massive Wirt­schafts­krise schädigt auch die türki­schen Verleiher. Film­rechte zu kaufen, ist einfach zu teuer.
Aber natürlich auch wegen der strengen Zensur. Denn eine Reihe mit queerem, also schwul-lesbichem Kino, das ist in diesem Land nach wie vor etwas Beson­deres. Und wenn ein Film politisch ist, womöglich zum Wider­stand gegen auto­ritäre Verhält­nisse aufruft, dann steht er im Lande Erdogans fast schon am Rand des Terror­ver­dachts.

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Bilder der Gewalt und Erin­ne­rungen an den Schü­ler­wi­der­stand gegen die US-Waffen­ge­setze – sie leiten einen Film ein, der politisch so klare wie brisante Botschaften mit einer ästhe­tisch beson­deren Form verband, und so in der vergan­genen Woche zu einem regel­rechten Publi­kums­renner in Istanbul wurde. Es ist das fran­zö­si­sche Werk Ne travaille pas (1968-2018). Der erst zweite Film des 1967 geborenen Franzosen César Vayssié ist ein schwer zu beschrei­bender, hoch­span­nender Zwitter aus doku­men­ta­ri­schem Essay und Spielfilm, der auch schon beim Münchner UNDERDOX-Festival zu sehen war.

Wie im Stummfilm gibt es in dieser Geschichte eines jungen Künst­ler­paares, das in einem Jahr ihres Lebens durch Zeit und Raum begleitet wird, keine Dialoge, dafür Zwischen­titel. Und vor allem moderne elek­tro­ni­sche Musik, und den Bilder­rausch der globalen Nach­richten, die von Krieg, Ausbeu­tung, Auto­ri­ta­rismus und dem Wider­stand der Künstler erzählen – im Jahr vor den Gelb­westen. Man sieht einen soghaft berau­schenden unun­ter­bro­chenen Fluss aus Bildern – ein bisschen wie in einer Facebook-Timeline, aber gemacht für die große Leinwand, und nur auf ihr ange­messen wahr­nehmbar. Das Leben als Mosaik aus Eindrü­cken – und damit ein extrem zeit­ge­mäßes, mitreißendes Bild des modernen Lebens.

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Dies war das seltene Beispiel eines Films, der utopische Möglich­keiten des Mensch­li­chen und der Kinokunst aufscheinen lässt.
Darum passte er besonders gut hierher. Denn auch viele türkische Filme loten ein anderes Leben und andere Möglich­keiten aus. Noch exis­tieren diese Möglich­keiten nur in der Phantasie.

Dead Horse Nebula von Tank Aktas erzählt vom Leben auf dem Land aus der Sicht eines Bauern­jungen namens Hay. Als Sieben­jäh­riger sieht er eines Tages auf dem Acker ein totes Pferd, und dieses Bild wird ihn nicht mehr loslassen. Jahre später kommen die Erin­ne­rungen zurück, und haben eine andere Bedeutung – eine Geschichte über die Wieder­kehr des Verdrängten.

Kinder und ihr nicht immer unschul­diger, eher utopi­scher Blick auf die Welt spielen überhaupt eine wichtige Rolle in vielen türki­schen Filmen. Es können auch Kinder arme­ni­scher Migranten sein oder auch liba­ne­si­sche Flücht­linge.

Dass die Türkei ähnlich wie Deutsch­land seit Jahr­hun­derten ein Einwan­de­rungs­land ist, belegen auch Doku­men­tar­filme. Der span­nendste Doku­men­tar­film war Heroes von Köken Ergun. Der Regisseur begleitet mit seiner Kamera Besu­cher­gruppen in Galli­polli, dem blutigsten türki­schen Schacht­felds des ersten Welt­kriegs. Eine hervor­ra­gende Unter­su­chung über die Vielfalt der Perspek­tiven, die man auf ein histo­ri­sches Ereignis werfen kann.

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