15.11.2018

Junge Doku­men­tar­filme

Subjektiv - Dokumentarfilm im 21. Jahrhundert
Die »Große Klappe«-Auszeich­nung gab es für Obon, einen in jeder Hinsicht bemer­kens­werten Festi­val­bei­trag

Bericht vom 17. doxs!, der Kinder- und Jugend­schiene der Duis­burger Filmwoche

Von Christel Strobel

Am Anfang des 2001 ins Leben gerufene doxs! stand der Kinder­do­ku­men­tar­film aus den Nieder­landen. Während Anfang der 2000er Jahre das Angebot für Kinder hier­zu­lande ausnahmslos aus mehr oder weniger anspruchs­vollen Spiel­filmen bestand, expe­ri­men­tierten die hollän­di­schen Filme­ma­cher bereits mit dem doku­men­ta­ri­schen Erzählen für ein junges Publikum und wurden mit ihrem Kids & Docs Workshop vor 17 Jahren zum Impuls­geber für doxs! – doku­men­tar­filme für kinder und jugend­liche, eine eigene Reihe der Duis­burger Filmwoche.

Die gut vorbe­rei­teten, inten­siven Publi­kums­ge­spräche nach jedem Film gehören zur festen Einrich­tung in Duisburg von Anfang an. Auch für Gudrun Sommer, inno­va­tive Mitgrün­derin und aktive Leiterin der kleinen feinen Reihe im Rahmen der Filmwoche, war und ist es wichtig, jedem Film eine besondere Aufmerk­sam­keit zu geben und deshalb nach dem Film direkt das Gespräch zu führen, unab­hängig von der Filmlänge. Die Film­ver­mitt­lung auf allen Ebenen ist somit ein Merkmal von doxs! doku­men­tar­filme für kinder und jugend­liche – weil, wie Gudrun Sommer betont, »gerade in den letzten Jahren, wo sich medial so viel verändert und sich die Sphären zwischen Fiktion und Realität verwi­schen, Kinder ein Gespür dafür bekommen müssen, wie sie das, was sie sehen, einzu­ordnen haben.«

Auch dieses Jahr waren bei doxs! wieder besondere Filme aus dem Nach­bar­land zu sehen, die Einblick geben in die oft harte Realität. Wie im 16-minütigen Beitrag Mirunas Mission (Meisje Met Een Missie) von Heleen D’Haens und Eva van Barneveld, über ein 14-jähriges Mädchen rumä­ni­scher Herkunft. Miruna lebt mit Eltern und mehreren Geschwis­tern in einer unwirt­li­chen Gegend inmitten eines lärmigen Stadt­teils. Als Älteste fallen ihr Aufgaben im Haushalt und in der Familie zu, die ihr wenig Raum lassen, doch immer wieder träumt sie sich aus der Enge und der Unordnung fort. Nicht so zu werden, wie die Leute hier, das hat Miruna für sich beschlossen und sieht in ihrem Wunsch, Poli­zistin zu werden, eine konkrete Alter­na­tive.

Während Miruna auf dem Weg zu ihrem Berufs­ziel vermut­lich noch so manche Hürde zu über­winden hat, ist der 13-jährige Wessel schon ange­kommen: Er soll einmal die Metzgerei über­nehmen, ein gut gehendes Fami­li­en­ge­schäft. Wir sehen im nieder­län­di­schen Kurzfilm Des Schlach­ters Herz (Slagers­hart) von Marijn Frank, wie selbst­ver­s­tänd­lich und auch ein bisschen stolz der Junge hinter der Laden­theke hantiert, wie der Großvater ihm ruhig und geduldig die Arbeit mit Fleisch und Wurst zeigt, weshalb der Junge auch lieber mit dem Großvater als mit dem Vater arbeitet. Aber Wessel erzählt auch von den Mitschü­lern, die ihn als »Tier­mörder« beschimpfen. Dabei gefällt ihm die Arbeit in der Metzgerei eigent­lich gut. Leise Bedenken kommen ihm aller­dings nach einem Praktikum in der Land­wirt­schaft, wo er mit lebenden Kälbern und Schweinen zu tun hatte.
So unter­schied­lich wie die Lebens­welt von Wessel und Miruna auch ist – das Interesse am weiteren Weg der beiden haben die kurzen Doku­men­tar­filme geweckt, und man würde ihnen gerne nach einiger Zeit wieder begegnen.

Stark vertreten waren in diesem Jahr auch deutsche Doku­men­tar­film­pro­duk­tionen, wobei die meisten der zehn ausge­wählten Filme von Lebens­welten in fernen Ländern erzählen.

Ein schönes Beispiel dafür ist Zozooloi aus der Mongolei von Sigrid Klausmann-Sittler, ein neuer Kurzfilm aus dem globalen Seri­en­pro­jekt »199 kleine Helden« des Stutt­garter Matthias-Film, das sich zum Ziel gesetzt hat, »Kinder auf dem Weg in ihre Schule zu begleiten und ihnen eine Stimme zu geben, weltweit«. Die 12-jährige Zozooloi pendelt zwischen zwei Welten: In den Schul­fe­rien lebt sie gern bei ihren Eltern, die sind Nomaden im Altai-Gebirge und wohnen dort tradi­tio­nell in der Jurte. Sie hilft bei der Tier­hal­tung, beob­achtet aber auch Anzeichen einer Klima­ver­än­de­rung. Zu Schul­be­ginn kehrt sie in die Stadt zurück – das ist ein langer Weg, erst auf dem Rücken eines Pferdes und dann mit dem Jeep, in dem zuweilen fünfzehn Kinder befördert werden. Doch Zozooloi lebt schon gern in der Stadt Tsengel, freut sich wieder auf die Schule: »Mein Traum ist, Lehrerin zu werden, dafür muss ich viel lernen. Ich werde in Tsengel leben, kann nicht wie Mama und Papa Nomade werden.« Und so, wie sie in sich ruht und Zuver­sicht ausstrahlt, wird sie das auch schaffen. Zozooloi aus der Mongolei zeigt einen kleinen Ausschnitt eines weiten Landes, nahe­ge­bracht durch die Offenheit und Sympathie der Regis­seurin für die Menschen und deren andere Lebens­weise.

Anja und Serjoscha von Ivette Löcker sind schon aufgrund ihres Wohnortes mit ganz anderen Lebens­be­din­gungen konfron­tiert. Anja und Serjoscha, beide neunzehn, leben in der Hafen­stadt Mariupol am Asowschen Meer in der Ost-Ukraine, zwanzig Kilometer von der Front zwischen russi­schen Kämpfern und ukrai­ni­schem Militär entfernt. Und so, wie die Welt um sie herum unsicher ist, fühlen auch sie sich verun­si­chert. Diesem Zustand begegnen sie mit demons­tra­tiven Aktionen – gegen Geschlech­ter­kli­schees, für hekti­sches Vergnügen. Ein Highlight in dieser Zeit ist »Donbass«, ein spek­ta­ku­läres Konzert der »Dark Sisters«, sechs Musi­ke­rinnen, die im April 2018 anläss­lich des Gogol-Festes in Mariupol gastieren. Die aktuelle Perspek­tiv­lo­sig­keit der jungen Leute am Beispiel von Anja und Serjoscha aber bleibt in dieser Umgebung.

In Marvin Hesses 58-minütigem Abschluss­film an der Hamburger Hoch­schule für bildende Künste mit dem Titel Everyone In Hawaii Has A Sixpack Already geht es um Jugend­liche, die nur mit Unbehagen an den notwendig werdenden Orts­wechsel denken. Noch genießen sie den Sommer auf der Insel La Gomera, wo sie zu Hause sind, vertreiben sich die Zeit mit Skate­boarden, mit Schwimmen im Meer, an den Abenden in einer der Strand­bars (im Rucksack die preis­wer­teren mitge­brachten Getränke), sind immer in der Clique unterwegs. Doch für die Weiter­bil­dung bzw. ein Studium müssen sie aufs Festland wechseln – diese Perspek­tive wird erst mal verdrängt. So sympa­thisch die Jungen und Mädchen sind, so unbe­schwert der Augen­blick, wo nichts anderes wichtig ist, ein paar Skate­board-Szenen weniger hätten dem Film gut getan. Die empa­thi­sche Schil­de­rung des jungen Regis­seurs, selbst aktiver Skate­boarder, von seiner Begegnung mit dieser lässigen Jugend-Clique, womit er das Thema für seinen Abschluss­film gefunden hatte, bewirkte im Verlauf des Gesprächs nach der Film­vor­füh­rung eine mildere Betrach­tungs­weise.

Die harte Realität eines nige­ria­ni­schen Geflüch­teten zeigt der in Brasilien geborene und in Berlin lebende Regisseur und Dreh­buch­autor Leandreo Goddinho in dem zehn­minü­tigen Film mit dem sperrigen Titel The World Is Round So That Nobody Can Hide In The Corners – Part I: Refuge in kurzen, visuell abstra­hierten, dennoch beklem­menden Szenen. Seine trau­ma­ti­schen Erleb­nisse auf der Flucht, auf der er den Freund verlor, und seine Eindrücke von dem ihm fremden, dennoch – auch für homo­se­xu­elle Paare – sicher erschei­nenden Land, in knappen Worten erzählt, wirken nach. Der Geflüch­tete bleibt in der Anony­mität, aber sein Schicksal geht einem nahe.

Zwei der deutschen Beiträge befassten sich mit psychi­schen Störungen: Schau in meine Welt! – Phil und das Trau­rig­sein von Marco Giaco­puzzi handelt von der Depres­sion eines elfjäh­rigen Jungen, dem durch eine Therapie soweit geholfen werden kann, dass er einen Weg aus seiner perma­nenten Trau­rig­keit findet. Absolut beein­dru­ckend ist dabei, wie reflek­tiert und »erwachsen« Phil über seine Krankheit spricht. Der zweite Film, Carlottas Gesicht von Valentin Riedl und Frédric Schuld, hat die sehr seltene Krankheit Proso­pa­gnosie (Gesichts­blind­heit), eine Fehl­funk­tion des Gehirns, zum Thema. Die davon betrof­fene junge Frau kann sich keine Gesichter merken, auch ihr eigenes nicht. Mit klaren Worten beschreibt sie ihr Leben, auch wie sie in der Schule gemobbt wurde, bevor ihre Krankheit erkannt wurde, und dazu erscheinen Bilder, die sie von Gesich­tern im Laufe der Jahre gemalt hat, denn in der Kunst hat sie sozusagen einen Spiegel gefunden. Für die Zuschauer ist es ein Blick in eine bis dahin unbe­kannte Welt.

Die Preis­träger

Für den seit 2011 verge­benen Europäi­schen Filmpreis für den poli­ti­schen Kinder- und Jugend­do­ku­men­tar­film »Große Klappe« waren neun Filme aus dem doxs!-Programm nominiert. Die Auszeich­nung wird gestiftet von der Bundes­zen­trale für poli­ti­sche Bildung und ist mit 5.000 Euro für die Regie­leis­tung dotiert. Die elfköp­fige Jugend­jury entschied sich für den deutschen Festi­val­bei­trag Obon von André Hörmann und Anna »Samo« Bergmann, eine in jeder Weise besondere Produk­tion.

Dem Film über den ameri­ka­ni­schen Atom­bom­ben­an­griff am 6. August 1945 gingen zahl­reiche Gespräche der Filme­ma­cher in Hiroshima voraus, selbst­ge­malte Bilder von Über­le­benden wurden in die Animation einbe­zogen und die Stimme der mitt­ler­weile 93-jährigen Akiko Takakura, eine der letzten Über­le­benden, die über ihre Familie und das alles verän­dernde Ereignis erzählt, machen Obon zu einem eindring­li­chen künst­le­ri­schen Dokument. Akiko erinnert sich am buddhis­ti­schen Aller­see­len­fest, japanisch »Obon« genannt, an ihren strengen, oft auch jähzor­nigen Vater, unter dem sie und ihre Mutter litten. Sie erzählt von ihrer Arbeit in einer Bank, wo sie sich mit einer ebenfalls neuen Ange­stellten anfreundet. Unver­mit­telt bricht in diese Welt das Inferno herein. Ein vernich­tender Feuer­sturm wälzt sich durch die Stadt. Akiko kann entkommen und trifft zu Hause auf ihren Vater, der durch dieses furcht­bare Ereignis ein anderer Mensch geworden ist, der sanft und liebevoll versucht, ihre vom Brand gezeich­neten Hände zu waschen.

Aus der Begrün­dung der Jugend­jury: »Die animierte Bildebene und sein realis­ti­sches Sound­de­sign erzeugen eine emotional berüh­rende Wirkung. Die Jury hat beein­druckt, wie über die Erzählung einer Zeit­zeugin ein bekanntes histo­ri­sches Ereignis mit einer Fami­li­en­ge­schichte verwoben wird. (…) Anders als viele konven­tio­nelle Produk­tionen vermit­telt das ausge­zeich­nete Werk die Grau­sam­keit des Ereig­nisses emotional – mit einer manchmal vers­tö­renden Wirkung auf den Zuschauer.«
Eine Lobende Erwähnung sprach die Jugend­jury dem ebenfalls visuell außer­ge­wöhn­li­chen Film Operation Jane Walk (Öster­reich 2018) von Leonhard Müllner und Robin Klengel aus. Im Stil eines Compu­ter­spiels führen zwei virtuelle Stadt­führer durch die Straßen von New York und machen an zentralen Punkten der Archi­tektur und der Stadt­ge­schichte Halt. Eine Spielart von »Anders reisen« in einem posta­po­ka­lyp­ti­schen Szenario.

Seit 2016 verleiht die in Brüssel ansässige European Children’s Film Asso­cia­tion den ECFA Docu­men­tary Award an einen Film aus dem doxs!-Wett­be­werb, diesmal waren zehn inter­na­tio­nale Beiträge nominiert. Die drei Juroren, Felix Vang­in­der­huysen (Belgien), Stefan Huber (Öster­reich) und Joya Thome, die in Berlin lebende Regis­seurin von Königin von Niendorf, wählten den geor­gi­schen Film Apollo Javakheti von Bakar Cher­ke­zish­vili als ihren Preis­träger.
Der junge Bandura (»ich habe einen großen Kopf und einen kleinen Buckel«) lebt mit seiner Mutter in einer abge­schie­denen Gegend irgendwo in Georgien, versorgt die Schafe und ist ein großer Träumer. Er will zum Mond fliegen und deshalb nach Amerika zur Astro­nau­ten­aus­bil­dung. Für das Reisegeld verrichtet er hier und dort bezahlte Aushilfs­ar­beiten, so in der Käserei oder auf dem Feld. Man sieht ihn zuweilen an großen Kartons werkeln, die er sich über­s­tülpt. Bandura lässt sich durch die triste Wirk­lich­keit nicht entmu­tigen – wie das letzte Bild zeigt, hat er in der Scheune mit seiner über­bor­denden Fantasie und aus zusam­men­ge­tra­genen Mate­ria­lien eine »Mondra­kete« gebastelt, in der er glücklich ist.
Aus der Begrün­dung der ECFA-Jury: »Mit den Füßen auf der Erde, mit dem Kopf in den Wolken – der Film, den wir prämieren, erzählt in gleichem Maße von der Lebens­rea­lität wie auch dem Lebens­traum seines Prot­ago­nisten. Wir waren tief beein­druckt von der ehrlichen und authen­ti­schen Art und Weise, mit der der Filme­ma­cher seine Haupt­figur zeichnet. (…) Der Film nähert sich so einem Gefühl des Staunens, das Kino in seinen besten Momenten ausmacht und bei Kinder­vor­füh­rungen sogar hörbar wird.«

Koope­ra­tionen

Insgesamt umfasste doxs! in diesem Jahr 19 Filme, die vom Filmforum Duisburg, dem Festi­val­kino, unter dem Label »doxs! ruhr« auch auf Festi­val­tournee (Bochum, Bottrop, Dinslaken, Dortmund, Essen, Gelsen­kir­chen und Moers) unterwegs waren. Das Rahmen­pro­gramm bot u.a. drei Minifilme (»Dokus für Kitas«) und vier Kurzfilme mit wenig Sprache für Inte­gra­ti­ons­klassen (»Wir zeigen es allen«).

Seit vier Jahren besteht eine beispiel­hafte Koope­ra­tion mit dem Film­fes­tival in Arras / Nord­frank­reich, dem Goethe-Institut Lille (Dorothee Ulrich) und dem Deutsch-Fran­zö­si­schen Kultur­zen­trum Essen in Form eines vier­tägigen Film­kritik-Workshops während der Duis­burger Filmwoche. Fachlich begleitet von Film­kri­tiker Frédéric Jaeger (VdFk) sichtet und disku­tiert die deutsch-fran­zö­si­sche Schü­ler­gruppe ausge­wählte Filme des doxs!-Programms, verfasst eigene Film­kri­tiken und lernt dabei die verbale und schrift­liche Beur­tei­lung von Filmen. Über die Ergeb­nisse infor­miert eine anspre­chend gestal­tete Broschüre, die das Goethe-Institut Lille heraus­bringt.

doxs!-Preis­träger und ihre Erfolge

Eine Anmerkung zum Schluss: Joe Boots, der Kurzfilm von Florian Baron (siehe »artechock« vom 16.11.2017) und vorjäh­riger Preis­träger der doxs!-Jugend­jury, erhält den Deutschen Menschen­rechts-Preis in der Kategorie Kurzfilm; die Verlei­hung findet am 8. Dezember 2018 in der Tafel­halle Nürnberg statt.
Aus der Begrün­dung (von Katja Maurer, medico inter­na­tional):
»Das Menschen­recht auf den 'höchsten erreich­baren Stand an körper­li­cher und geistiger Gesund­heit' gehört seit 1966 zu den wirt­schaft­li­chen, sozialen und kultu­rellen Menschen­rechten, wie sie von der großen Mehrheit der Staaten in den Vereinten Nationen verab­schiedet wurden. Ob sich Florian Baron beim Drehen seines 2017 produ­zierten Doku­men­tar­films Joe Boots dieser sperrigen, aber sehr durch­dachten Defi­ni­tion von Gesund­heit bewusst war? Die Jury des Deutschen Menschen­rechts-Film­preises für Kurz- und Langfilme hat sich bei ihrer Entschei­dung von diesem Menschen­recht leiten lassen, gerade weil der Film und sein Prot­ago­nist, der US-Irak-Kriegs­ve­teran Joe Boots, nicht ein Menschen­recht bebildern, sondern sich mit filmi­schen Mitteln und sprach­li­cher Reflek­tion einer zentraler Frage heutiger Debatten nähert: Ist das Menschen­recht auf Gesund­heit durch die Vertei­lung von Pillen verwirk­licht und erledigt? (…) Joe Boots weigert sich, die Pillen zu nehmen, weil sie ihn noch weiter von seiner Umwelt isolieren, wofür die Kamera von Johannes Walter­mann über­zeu­gende Bilder findet. Die Norma­lität eines Alltags, der die dunkle Seite der Wirk­lich­keit nicht kennt oder nicht kennen will, kommt in Slow Motion wie abge­spalten von der Welt des Prot­ago­nisten daher. Viele US-Kriegs­ve­te­ranen sind an dieser Kluft zerbro­chen. Die Selbst­mord­raten sind unge­heu­er­lich. Wie sich Joe Boots rettet, macht trotzdem Hoffnung. Seine Fähigkeit zu kriti­schem Denken und Selbst­re­flek­tion tragen den Film und inspi­riert zum Weiter­denken.«

Florian Baron hat mit seinem anschließend fertig gestellten Langfilm Stress (Deutsch­land / USA 2018) bei DOK Leipzig den mit 4.000 € dotierten DEFA-Förder­preis erhalten. Stress ist ein Film über Kriegs­heim­kehrer, dem der Kurzfilm Joe Boots voraus­ging. Aus der Begrün­dung: »Sie heißen Joe und Torrie, Mike, James und Justin. …In Stress berichten sie von ihren Erfah­rungen, ihren Traumata. Der perma­nenten Anspan­nung, die nicht weichen will. Auch zu Hause, im vermeint­li­chen Frieden, bleiben Körper und Geist im Kriegs­zu­stand. Kamera und Ton begleiten die Erzäh­lungen mit Bildern aus dem Alltag. Das gewöhn­liche Penn­syl­vania, die Frauen, Eltern, Kinder. Entschleu­nigte Gegenwart, in der die aufge­wühlte Seele dennoch niemals Ruhe findet.«

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