25.10.2018

Leopardin im Reich der Bewe­gungs­kunst

Eva Sangiorgi
Eva Sangiorgi, die neue Direk­torin der Viennale (© Viennale / Roland Ferrigato)

Neustart in Wien: Heute eröffnet Eva Sangiorgi ihre erste Viennale

Von Rüdiger Suchsland

»Damit alles so bleibt wie es ist, muss sich alles verändern.«
Tommaso di Lampedusa, „Der Leopard“

»I am very touched for this oppor­tu­nity, for this chance, and I am sure I will do my best directing this festival...« – Anfang des Jahres wurde sie öffent­lich vorge­stellt, heute Abend beginnt ihre erste Viennale. Eva Sangiorgi, die neue Direk­torin des bedeu­tendsten öster­rei­chi­schen Film­fes­ti­vals, der Viennale in Wien, die in diesem Jahr zum 41. Mal statt­findet.

Die Entschei­dung, unter über 20 Bewerbern die 40-jährige Italie­nerin zur Nach­fol­gerin des berühmten Hans Hurch zu machen, der die Viennale 20 Jahre lang überaus erfolg­reich führte, ständig erwei­terte und Zuschau­er­zahlen wie Bedeutung steigerte, war keine ganz nahe­lie­gende Wahl.

Aber bei genauerem Hinsehen war es eine überaus über­zeu­gende Entschei­dung. Eine Hurch-Kopie wäre undenkbar, also entschied man sich in Wien für eine Art Neustart.
Für Verjün­gung, für Verweib­li­chung und vor allem für Inter­na­tio­na­lität. Schließ­lich kann man schon bei Sangiorgis Landsmann Tommaso di Lampedusa nachlesen: »Damit alles so bleibt, wie es ist, muss sich alles verändern.«

Sangiorgi ist sympa­thisch und charis­ma­tisch. Eine Italie­nerin, die perfekt Spanisch und Englisch spricht, und vor acht Jahren in Mexico-City mit dem FICUNAM ein eigenes Festival gründete, das schnell zu den inter­es­san­testen der Welt gehörte.
Dieser neue Blick von außen tut einem Film­fes­tival gut, gerade in den gegen­wär­tigen Zeiten eines neuen Chau­vi­nismus und eines verengten Vers­tänd­nisses von Kultur und Identität.

Sie werde die Tradition und den Geist der Viennale fort­setzen, erklärte Sangiorgi im Vorfeld. Die Viennale, die auf einen Wett­be­werb verzichtet, zeigt statt­dessen die besten, also unge­wöhn­lichsten Filme des Film­jahres und legt auf die gast­freund­liche Begegnung der Filme­ma­cher mitein­ander und das Zusam­men­treffen von Machern und Publikum beson­deren Wert. Damit wurde sie eines der besten, in seinem Geschmack anspruchs­vollsten Film­fes­ti­vals der Welt. Und zugleich eines der popu­lärsten: Rund Hundert­tau­send Zuschauer kommen hier jedes Jahr an 13 Tagen Ende Oktober in die Kinos. Davon können die meisten, auch die deutschen Festivals nur träumen.
Das soll alles so bleiben, trotzdem hat Sangiorgi einige Akzente sachte verschoben. Dazu gehört die Aufhebung der bishe­rigen Trennung zwischen Doku­men­tar­film und Spielfilm. Die klare Unter­schei­dung zwischen beidem mache keinen Sinn mehr.

Wirklich? Man wird sehen, ob gerade diese Entschei­dung nicht in Zeiten des post­fak­ti­schen Redens und der Fake-News schnell politisch überholt wird – besonders an einem Ort wie Wien, wo die rechts­po­pu­lis­ti­sche »türkis-blaue« Koali­ti­ons­re­gie­rung Fakten schafft.

Es gibt aber konkrete Filme, die für das produk­tive Zusam­men­spiel von Fiktion und Fakten, Poesie und prosai­scher Praxis sehr konkret stehen. Zum Beispiel der fran­zö­si­sche Essay-Film L‘empire de la perfec­tion von Julien Farault.
Ober­fläch­lich betrachtet geht es darin um Tennis, um die Sport­le­gende John McEnroe und um den tennis­spie­lenden Tennisfan Jean Luc Godard; das tatsäch­liche Thema aber ist die Kunst, und ihr immer wieder schei­terndes Streben nach Perfek­tion und die Bewe­gungs­kunst des Kinos in ihrem Bemühen, jene Augen­blicke einzu­fangen, in denen man der Kunst doch nahekommt.

Für ihre erste Viennale hat Sangiorgi ein Programm zusam­men­ge­stellt, das sich durch Vielfalt auszeichnet. Es reicht vom liba­ne­si­schen Gerichts­saal­drama Der Affront über David Gordon Mitchells laby­rin­thi­schen, von Popre­fe­renzen strot­zenden L.A.-Noir Under the Silver Lake, den hybriden Doku­men­tar­film  Island of the Hungry Ghosts, bis zum 14-stündigen argen­ti­ni­schen Epos La Flor, das schon in Locarno das Publikum in einen Begeis­te­rungssog zog – wenn es nicht durch seine Länge abschreckte.

Auch ansonsten gibt es kleine Verschie­bungen der Parameter: Ein neues Studen­tenti­cket fürs junge Publikum wurde einge­führt, viermal gibt es öffent­liche Abend­empfänge, bei denen alle kommen und dem Publikum begegnen können.

Und schließ­lich kann man ganz nebenbei noch ein inter­es­santes Phänomen bemerken: In gleich drei wichtigen Film­fes­ti­vals, neben der Viennale auch der »Quinzaine des Réali­sa­teurs in Cannes« und natürlich dem wich­tigsten deutschen Festival, der Berlinale, über­nehmen Italiener das Steuer.

Es ist eine neue, junge Gene­ra­tion der unter Fünf­zig­jäh­rigen aus dem großen Kinoland von Rossel­lini, Antonioni und Visconti, die hier sichtbar wird. In Italien selbst sind weiterhin die sehr alten Männer am Ruder. Mal abwarten, wie lange noch.

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