04.10.2018

Servus, alter Albtraum!

ONE CUT OF THE DEAD
Beglückt und versöhnt mit dem Kino: One Cut of the Dead

Das Fantasy Filmfest 2018 ist zu Ende und am ergie­bigsten waren – im Rahmen der dies­jäh­rigen gene­rellen Schere zwischen wahrer, großer Kunst und ziem­li­chem Schrott ohne soliden Mittelbau – noch jene Filme, die bewusst umgehen mit der Präsenz des Vergan­genen

Von Anna Edelmann & Thomas Willmann

Don’t judge a book by its cover heißt es im Engli­schen: Man soll sein Urteil nicht mit dem ersten Eindruck fällen. Nach dem dies­jäh­rigen Fantasy Filmfest sagen wir: Do judge a movie by its Grußbot­schaft.
Mit erstaun­li­cher – bei unserer Programm­aus­wahl sogar 98,7% – Treff­si­cher­heit ließ sich anhand der kurzen Video­ein­lei­tung der Regis­seure eine zuver­läs­sige Prognose abgeben, was für eine Art Werk einem danach geboten würde.
Vor Heavy Trip zeigten die zwei urlieben finni­schen Metaller von nebenan gleich, dass ihr Herz weniger am visuellen, virtuosen Aspekt des Kinos hängt, aber dafür umso stärker schlägt für das grup­pen­ku­sche­lige Gemein­schafts­ge­fühl unter Außen­sei­tern, das einem die Zugehö­rig­keit zum Stamm der Heavy-Metal-Fans geben kann.
Man hätte schon vor dem Film Wetten darauf abschließen können, dass diese Black-Metal-Komödie damit exakt auf der Reso­nanz­fre­quenz des Publikums sein würde. Und so – keine Über­ra­schung – hat es ihm auch, keines­wegs unver­dient, den »Fresh Blood« Award verliehen.
Ähnliche Sympa­thie­werte konnte Demián Rugna von Aterrados (Terrified) für sich und seinen Film verbuchen. Sichtlich auch ein Fan; in seinem Fall des Horror­genres allgemein: Er posi­tio­nierte sich für sein Video­selfie vor einem Regal­schrank, in und auf und neben dem sich Film­bücher, Stephen-King-Romane, DVDs, Figuren und sonstige Horror-Para­pher­na­lien stapeln, dass sich die Böden biegen und mehr der Inhalt das Regal stützt als anders herum.
Siehe da: Genauso voll­ge­stopft mit Einflüssen, Enthu­si­asmus und Leiden­schaft, aber eben auch struk­tu­rell sehr wacklig und amüsant chaotisch entpuppte sich der Film.
Ganz anders als Chris­to­pher Caldwell und Zeek Earl, das Regieduo hinter Prospect – mehr Hipster als Geeks. Die einen nicht ins Innere ihres Heims ließen, sondern aus dem Garten grüßten. Was profes­sio­neller die Licht­stim­mung bedachte, aber auch auf Distanz hielt. In ihrem Science Fiction Inde­pen­dent-Drama täuscht dann auch die sehr eigene und stili­sierte Ästhetik, das retro-futu­ris­ti­sche World­buil­ding darüber hinweg, dass der Film sich sehr schwertut damit einen glaub­haften Zugang zu mensch­li­cher Emotion, mensch­li­chem Verhalten zu finden.
Wer aber bereits in zwei Minuten Grußbot­schaft so völlig versagt, irgend­etwas Inter­es­santes, Anspre­chendes, Unter­halt­sames rüber­zu­bringen und einen nicht zu lang­weilen wie Sonny Laguna (nicht im Bild: Co-Regisseur Tommy Wiklund), der lässt einen Schlimmes ahnen für die folgenden, erstaun­lich endlosen 78 Film­mi­nuten. Alles, was ihm nach einem knappen Hallo einfiel, war ein Schwenk auf den Rechner im Büroeck.
Puppet Master: The Littlest Reich hangelt sich gänzlich rhyth­mus­be­freit von Szene zu zusam­men­hangs­loser Szene. Die beliebige Anein­an­der­rei­hung von Splat­ter­szenen ab der Mitte des Films wäre unin­spi­riert und ärgerlich genug – aber dann erdreistet er sich auch noch, so zu tun, als hätte er etwas zu sagen über Faschismus und Völker­mord. Hat als Resultat dann aber unab­sicht­lich nichts zu bieten als Morde von Nazi­puppen an hoch­schwan­geren Afro-Ameri­ka­ne­rinnen und ihren heraus­ge­ris­senen Föten, Juden oder Schwulen, die vom reflex­artig reagie­renden Gaudi-Publikum begrölt und gefeiert werden.

Dass so ein billiger Anlass wie ein paar kontext­lose Kunst­blut­fon­tänen im 90er Jahre Direct-to-Video-Stil das Publikum zu solch einem Jubel verführen konnte, zeigt viel­leicht aber einfach nur, wie groß die Sehnsucht war nach etwas Gemein­schafts­ge­fühl, etwas Festi­val­stim­mung.
Zu sehr hatte sonst der Tages­ab­lauf bei der Münchner Station des FFF etwas von bloßer Routine, Pflich­ter­fül­lung fast: Wieder und wieder hinab­steigen aus dem Spät­sommer in den dumpfen Bauch des CinemaxX – wo die Zeit stehen geblieben ist und zwar ihre Spuren hinter­lassen hat, aber keine char­manten. Wo sich einem das Gefühl aufdrängt, dass die wenigen Mitar­beiter neben dem Festi­val­pu­blikum quasi jeden regulären Kinogast, der sich noch dorthin verirrt, persön­lich betreuen können. Was nicht den Umkehr­schluss nahelegen soll, dass besagtes Festi­val­pu­blikum besonders zahlreich vertreten gewesen wäre. In vielen Vorstel­lungen waren im größten Saal des Kinos lediglich die zwei Dauer­kar­ten­reihen besetzt.
Es ist schön, dass dieser harte Kern zumindest dem Fantasy Filmfest die Treue hält. Und es ist prin­zi­piell erfreu­lich, dass man diesem Stamm­pu­blikum ein möglichst umfang­rei­ches Programm bieten möchte. Aber die dichte Taktung des Zeitplans ließ nach nötiger Geträn­ke­be­sor­gung und -rückgabe selten mehr als zehn Minuten zum Austausch über gerade gemeinsam Gesehenes und Aufbau der Vorfreude auf sich gleich Abspie­lendes.
Und wenn von Festi­val­seite selber kaum Interesse daran zu bestehen scheint, ein Rahmen­pro­gramm zu bieten – nur zu einem Film überhaupt war ein Filme­ma­cher als Gast anwesend –, dann muss man sich die noch so kleinen Krümel von »One of us«-Gefühl halt zusam­men­klauben, wo man sie nur finden kann.
Das bekommen kleinere Genre­fes­ti­vals mit deutlich gerin­gerer finan­zi­eller Ausstat­tung wie das /slash in Wien oder das Regens­burger Hard:Line um einiges über­zeu­gender und enga­gierter hin.

Man dachte ja Ende 2016, dass dem Horror­genre eine neue Blütezeit bevor­stehen müsste. Aber was das Reflek­tieren des realen Grauens in der Welt angeht, fällt die Ernte 2018 über­ra­schend enttäu­schend und g’schissert aus. Man konnte sich mitunter des Eindrucks nicht erwehren, dass viele Filme­ma­cher die Umwäl­zungen nicht mit Entsetzen beob­achten, sondern die Rolle rückwärts sogar mitmachen. Weite Strecken des Programms wirkten, als hätte sich seit der Reagan-Ära nichts mehr vorwärts bewegt.
War das Festival letztes Jahr noch zu Recht ganz stolz auf den Beweis, dass Frauen nicht nur Horror­filme schauen, sondern auch drehen und es andere weibliche Rollen als Folter­opfer und Final Girl gibt, schien das alles ausge­rechnet dieses Jahr völlig vom Tisch. Im Gegenteil: Am Ende von Murder Me, Monster stand als ulti­ma­tives Schre­ckens­bild die expli­zi­teste, eindeu­tigste Vagina Dentata nicht nur der Film-, sondern mögli­cher­weise der Kultur­ge­schichte.
Jene Filme, die sich das Poli­ti­sche ausdrück­lich auf die Fahne schrieben, waren so seltsam abstrakt wie Gaspar Noés Climax, ungewollt reak­ti­onär wie Buy Bust, uner­träg­lich alle­go­risch, plump und schein­heilig wie Kim Ki-Duks Human Space Time and Human (alias Human Rape Space Rape Time Rape and Spam) oder, nach wirklich inten­siven und intel­li­genten rund 70 Minuten, plötzlich frus­trie­rend und über­flüssig deutlich (und dabei schief) wie Cutter­head.
Am ergie­bigsten waren – im Rahmen der dies­jäh­rigen gene­rellen Schere zwischen wahrer, großer Kunst und ziem­li­chem Schrott ohne soliden Mittelbau – noch jene Filme, die bewusst umgehen mit dieser Präsenz des Vergan­genen: Der Eröff­nungs­film MANDY, der einen einmummt in das Gefühl, im Vali­um­dämmer beim 80er Jahre VHS-Marathon immer mal wieder benommen zwischen den halb­of­fenen Lidern durch­zu­lugen. Ein Ritual mehr als eine Erzählung; eine Beschwö­rung, aber kein Exor­zismus; ein Requiem irgendwie auch von Regisseur Panos Cosmatos für seinen Vater George P. Cosmatos, der die 80er Jahre prägte mit Rambo II et al.
Und unser persön­li­cher, inof­fi­zi­eller Abschluss­film Under the Silver Lake: Der – anders als David Robert Mitchells Vorgäng­er­werk It Follows – sich zeitlich zwar durchaus verorten lässt, aber dennoch Los Angeles insze­niert als Stätte der inein­ander diffun­die­renden histo­ri­schen Sedimente, der sich immer wieder­ho­lenden, immer anders gleich­blei­benden Fantasien und Obses­sionen. Eine popkul­tu­relle Schutt­halde der Zeichen, wo Nostalgie nahtlos übergeht in Paranoia.
Aber egal ob MANDY die Entschul­di­gung vorweisen kann, dass er ja nur die altvor­deren Götzen aus den Tiefen der Zeit zu sich ruft, oder ob Under the Silver Lake sehr bewusst vorführt, wie das System Frau­en­körper sieht und die Unter­hal­tungs­in­dus­trie im spezi­ellen mit ihnen umgeht: letztlich repli­ziert Mandy, repro­du­ziert Under the Silver Lake diese Bilder nur, ohne eine Alter­na­tive entge­gen­zu­setzen.

Und was beide Filme auch eint: Das Monster, mit dem unsere Zeit anschei­nend am tref­fendsten zu beschreiben ist – unsere Popkultur derzeit generell plötzlich wieder sehr seltsam durch­spu­kend – ist ein halb über­höhendes, halb bilder­s­tür­mendes Zerrbild von Charles Manson.

Aber in all dem gibt es dann doch immer die eine, voll­kommen von links kommende Entde­ckung, die einen unge­achtet aller Trends und Zeiten beglückt und mit dem Kino versöhnt.
Dieses Jahr geht der Wander­pokal an One Cut of the Dead. 37 Minuten lang lässt Shini­chiro Uedas Film einen im Glauben, immerhin aber lediglich einen mit minimalem Budget, doch maximalem Enthu­si­asmus geseg­neten Amateur­film zu sehen, der die Ambition hat, den Ausbruch der Zombie-Apoka­lypse in nur einer unge­schnit­tenen Einstel­lung zu erzählen. Und der dabei stets enorm sympa­thisch, aber mitunter leicht ungelenk wirkt. Aber dann weitet er sich – ohne selbst Verrat zu begehen an seinem holprigen Anfang, und ohne dass wir zuviel verraten von dem Rest – zu einer wunder­schönen, erstaun­lich cleveren, raffi­niert ausge­tüf­telten und über­ra­schend berüh­renden Hommage an den Irrsinn, die chao­ti­sche, verzwei­felte Impro­vi­sa­ti­ons­kunst des Filme­ma­chens.
Und der demons­triert – siehe oben, Grußbot­schaften – wie sehr sich in jeder Minute Film, die jemand hervor­bringt, sich letztlich irgendwo eine ganze Persön­lich­keit offenbart.

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