30.09.2004

The Immoral Mr. Meyer

Faster, Pussycat! Kill! Kill!
Faster, Pussycat! Kill! Kill!
(Foto: Constantin Film)

Er war ein Pionier, ein Business-Tycoon und, ja, ein Künstler.

Von Thomas Willmann

Amerika hat einen seiner besten Söhne verloren, aber man muss befürchten, dass die USA derzeit nicht ange­messen stolz sind auf Leute wie Russ Meyer. Er war ein Pionier, ein Business-Tycoon und, ja, ein Künstler. Er hat im Zweiten Weltkrieg für sein Land gekämpft, wobei er als Soldat zugleich seine Ausbil­dung und Feuer­taufe als Kame­ra­mann erlebte – und wo er sein Weltbild prägte, Erfah­rungen mit der Gewalt sammelte, die später in seinen Werken immer wieder ausbricht. Wäre es nur die Gewalt, die Meyers Filme prägt, dann hätte er bestimmt auch einen promi­nen­teren Platz in ameri­ka­ni­schen Ruhmes­hallen. Aber berühmt geworden ist er durch etwas anderes, im Land der Puritaner Verpön­teres: Durch Sex. »King Leer«, den König des lüsternen Grinsens, hat man ihn genannt. Und er wird unver­gessen bleiben als Regisseur nicht irgend­wel­cher Titten­filme. Sondern er war der, bei dem die Titten am aller­größten waren – und die Filme am aller­besten.

Dem Spiel­film­debut des einstigen Playboy-Foto­grafen, THE IMMORAL MR. TEAS von 1959, haftete noch der Herren­witz-Geist der ‘50er an, das, was man so »frivol« nannte und wie es heute noch auf dem Level von »Neue Revue«-Cartoons weiter­west. Doch der Film – der erste »Nudie«, der über $ 1 Mio. einspielte – hat längst nicht die Verklemmt­heit vergleich­barer Zeit­pro­dukte; schon in ihm macht sich Meyer über Doppel­moral mehr lustig, als dass er sie bedient.
Einer seiner Schwarz­weiß-Filme (ich habe vergessen, welcher) wird später damit beginnen, dass die Kamera eine Land­straße entlang­fährt – und von einem Priester gestoppt wird, der uns warnt, dass wir uns auf dem Weg der Sünde befinden. Schöner kann man kaum die Beden­ken­träger und Moral­schreier zufrie­den­stellen und zugleich der Lächer­lich­keit preis­geben. Das wahre Motto lautet hier für Meyer natürlich: Drive on, baby!

Russ Meyer hat lustvoll und (im besten, direk­testen Wortsinn) un-verschämt zele­briert, dass Kino zual­ler­erst ein Ort der Wunsch­er­fül­lung ist. Er hat nicht groß verbrämt oder entschul­digt, dass er dort seine Obses­sionen auslebte; hat nie einen Hehl daraus gemacht, dass unser Blick auf die Leinwand übli­cher­weise ein lust­voller ist.
Er liebte Frauen mit Brüsten ab Melo­nen­größe aufwärts, und die gab’s dann auch reichlich zu sehen. Der narrative Überbau und das, was er mit den Filmen nebenher über die Gesell­schaft sagen konnte (Meyer war stets auch Satiriker) waren ihm dabei nie egal – aber er hat sie nicht als Entschul­di­gung gebraucht für das, was er vor allem zeigen und sehen wollte.
Meyer war zudem einer der wenigen, dessen Werke man trotzdem auch dann mit Vergnügen genießen konnte, wenn man deren zentralen Fetisch nicht teilte. (Selbst ‘70er-Jahre Femi­nis­tinnen, allem »Porno­gra­phi­schen« oft aus Prinzip abhold, fanden nicht selten an Meyers Werk Gefallen – weil bei ihm fast immer die Frauen die Zügel in der Hand hielten, die Power und Tatkraft hatten, während Männer meist eher armselige Wichte waren, den üppigen Damen verfallen und (buchs­täb­lich) unter­legen.) Seine Freude an hyper­tro­phen Milch­drüsen vermit­telte Meyer so schwung­voll, dass man sich mitfreuen konnte, auch wenn man es selbst etliche BH-Größen kleiner deutlich sexier gefunden hätte – und seine Filme hatten in genug anderen Belangen XXXXL-Format, um allerlei sonstige Unter­hal­tung zu bieten.

Gerade das Quartett seiner wohl stärksten Werke, 1964/65 entstan­denen Werke – LORNA; MUDHONEY; MOTORPSYCHO und FASTER, PUSSYCAT, KILL, KILL!, dessen Titel allein genialer ist als das Gesamt­werk manch anderer Regis­seure – würde man heute ohnehin nur schwer­lich als primär »erotische« Filme ansehen. Wobei sie GEILER sind als fast alles, was Hollywood je an vermeint­li­chen Sex-Szenen zustande gebracht hat.
Meyer gehört zu den knal­ligsten Regis­seuren, die dem ameri­ka­ni­sche Kino je gegönnt waren. Er war ein Meister des Schnitts ebenso wie der wuchtigen, holz­schnitt­klaren Einstel­lungen. Er hat das Medium Film geliebt und mit ihm gespielt, wo er nur konnte. Es ist, mit ganz wenigen Ausnahmen, fast unmöglich, sich in einem Russ Meyer-Film zu lang­weilen.

Russ Meyers Werk ist das Produkt seiner privaten Fantasien im Zusam­men­wirken mit einer histo­ri­schen Konstel­la­tion von Produk­tions- und Vertriebs­wegen, von Zensur­be­stim­mungen und tech­ni­schen Gege­ben­heiten. Sein Wirken fällt in jene Zeit, als die großen Studios die direkte Kontrolle über die Kinos verloren, sich der Film mit der Konkur­renz des Fern­se­hens ausein­an­der­zu­setzen hatten, die ameri­ka­ni­sche Main­stream-Kultur nicht mehr so tun konnte, als sei sie mono­li­thisch – als sich also plötzlich überall Lücken auftaten, die findigen Produ­zenten und Verlei­hern Chancen eröff­neten. Meyer gehört zu jener Riege, die durch Autokinos, Double Features, Provinz­kinos groß wurden und nicht durch die strah­lenden Premieren-Paläste. »Exploita­tion« nennt man seine Art Film – ein Kino, dass mit Verspre­chungen an die »niederen Instinkte« lockt; das sein Geschäft allein durch den Titel oder ein Gimmick, durch (nicht selten falsche) Verfüh­rungen macht und bei dem die Qualität des Films selbst letztlich egal ist: Und zwar auch im Positiven – Leute wie Meyer konnten, sofern sie nur genug nackte Haut zeigten, auch immer einem unvor­be­rei­teten Publikum allerhand Uner­war­tetes, Verrücktes, Subver­sives unter­mo­geln.
Das hatte erst dann ein Ende, als zunächst Sexfilm-Kinos sich zu spezia­li­sieren begannen und ihnen bloße prickelnde Erotik nicht mehr genügte als Attrak­tion – und später das Aufkommen von Heimvideo ganz dazu führte, dass der Sexfilm-Konsument lieber in häus­li­cher Abge­schie­den­heit selbst Hand anlegte.

Echten Hardcore hat Meyer immer abgelehnt, aber in den ‘70ern haben seine Filme auf ihre Weise einiges von ihrer Unschuld eingebüßt. Sie wurden expli­ziter, die Brüste der Haupt­dar­stel­le­rinnen nahmen immer grotes­kere Ausmaße an, die Gewalt wurde häufiger und härter. Was als muntere Knal­lig­keit begonnen hatte, steigerte sich immer mehr zum uner­bitt­li­chen Willen zum Exzess, und die Resultate waren noch immer einzig­artig, aber oft mit unan­ge­neh­meren Beige­schmä­cken behaftet. Es waren wohl nicht NUR die äußeren Gege­ben­heiten, die Meyer dazu brachten, als Kino­re­gis­seur aufzu­hören. Seine künst­le­ri­sche Entwick­lung war in dieser Hinsicht auch an einem Kulmi­na­ti­ons­punkt ange­kommen. Was, bitte­schön, hätte nach dem atem­be­rau­benden BENEATH THE VALLEY OF THE ULTRA-VIXENS von 1979 noch kommen sollen?
Außerdem kann man sich Meyer schwer vorstellen in der Ästhetik der 1980er und in der Ära Reagan. Sein Werk war stets – weil Meyer ein gutes Gespür für Zeit­s­trö­mungen hatte und weil »Porno­gra­phie« das sowieso immer ist – ein Spiegel der kollek­tiven ameri­ka­ni­schen Geis­tes­ver­fas­sung. Gerade auch darin, dass es in den ‘70ern düsterer, para­no­ider wurde. Dass Meyer nicht in die'80er passte, hatte mehr als geschäft­liche Gründe. Wäre das nicht zu zynisch, wäre man versucht, es auch als Zeichen zu sehen, dass er gerade jetzt verstorben ist.

Der Tod von Russ Meyer macht traurig als Symbol des defi­nitven Endes einer Ära – sein eigent­li­ches Wirken als Künstler hatte ja schon länger weit­ge­hend seinen Abschluss gefunden. Die IMDB verzeichnet nach BENEATH THE VALLEY OF THE ULTRA-VIXENS nur noch eine Direct-to-Video-Produk­tion von 2001, PANDORA’S PEAKS, von der allgemein aber offenbar kaum Notiz genommen wurde. (Nur in Deutsch­land konnte man Mitte der ‘80er nochmal einen »neuen« Russ Meyer entdecken: UP!, eigent­lich 1976 gedreht, kam bei uns mit zehn Jahren Verspä­tung auf die Leinwand – und hätte eigent­lich im Zuge der derzei­tigen Führer­bunker-Film-Begeis­te­rung dringend eine Wieder­auf­füh­rung verdient.) Haupt­säch­lich kümmerte sich Meyer als Geschäfts­mann um die Auswer­tung seiner Filme auf Video und jüngst DVD, außerdem arbeitete er an auto­bio­gra­phi­schen Projekten. Ab und zu hörte man munkeln von einem letzten magnum opus, an dem er bastle, aber das scheint Mythos geblieben zu sein – wobei wir uns vom Nachlass gerne bald eines Besseren belehren ließen.

Wenn es denn ein Paradies geben sollte, dann hat Russ Meyer jeden­falls zum einen verdient, jetzt dort zu sitzen. Und zum anderen, dass dort nicht irgend­wel­chen doofen 20 Jung­frauen auf ihn warten, ihm die Füße zu salben oder so – sondern jede Menge echte, geile, starke Weiber mit wunder­prallen Mons­ter­titten.