13.05.2004
57. Filmfestspiele Cannes 2004

Zu schön, um wahr zu sein

Filmszene »La mala educación - Schlechte Erziehung«
Almodovars La mala educación

Notizen vom 57. Filmfestival in Cannes, 1. Folge

Von Rüdiger Suchsland

Sonne, Palmen, azur­blaues Meer, gelber Strand, und davor ein roter Teppich, auf dem Charlize Theron flaniert – alles in allem zu schön, um wahr zu sein. »Die große Illusion«, das ist nicht nur ein Film von Renoir, sondern das heimliche Thema in Cannes, alle Jahre wieder das Mekka des Kinos, zu dem Künstler, Stars und der Rest des Film­be­triebs in Scharen pilgern. Es stimmt ja einfach alles, was über Cannes gesagt wird, auch das Negative, aber eben das andere auch, und ein Blick aufs Programm genügt, und man weiß spätes­tens dann wieder, warum man hier ist.

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»Ich habe meinen Glauben längst verloren, aber ich liebe Zere­mo­nien.« meinte Pedro Almodovar, mit dessen Film La mala educación gestern eröffnet wurde, bei der Pres­se­kon­fe­renz. Schöner hätte man es gar nicht sagen können, denn mag man über den Sinn solcher Groß­ereig­nisse auch verschie­dener Meinung sein – wenn am Abend die Stars über den roten Teppich schreiten, begleitet von Fanschreien und dem Blitz­licht­ge­witter der Foto­grafen, sind solche Zweifel schnell vergessen: hier ist Kino wenigs­tens einmal große Schau, Insze­nie­rung pur. Das muss man nicht mögen, und es ist auch nicht die einzige Form von Kino – aber doch eine seiner Möglich­keiten, und ein Teil von ihm, das es erst zu dem macht, was es ist. Und wenn schon, dann bitte richtig. Wer die Insze­nie­rung von Cannes einmal erlebt, der weiß, dass dagegen auch die Berlinale einst­weilen nur ein müder Abklatsch ist.

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Das Wetter übrigens ist so grauschmierig, dass man sich in ein Ostsee­strandbad versetzt fühlt, oder an den Baggersee von Lünen.

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Trotzdem stellt sich ein Gefühl für die Aura des Ortes schon am Flughafen wieder ein: Dort hängen die alten Plakate früherer Festivals. Das erste, 1947, noch stark beein­flusst vom art deco der 30er, so als sei die Stil­ge­schichte mal eben für ein Jahrzehnt unter­bro­chen worden zeigt einen Nacht­himmel, verein­zelte Sterne, der hell erleuchtet wird von der Leinwand. Film als Licht in der Dunkel­heit, das waren noch Zeiten...

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Gelbe Wände, blaue Türen, rote Möbel – schon befindet man sich im von Primär­farben domi­nierten, kunter­bunten Reich von Pedro Almodovar. Der Spanier, mit dessen neuem Film Bad Education der der elftägige Wett­be­werb von Cannes gestern Abend eröffnet wurde, beherrscht das Spiel mit den Illu­sionen perfekt. Es beginnt wie ein Hitchcock-Film, wird dann schnell zu einem Melodram aus Sex, Katho­li­zismus, Rollen­spiel und Obsession. Eine sehr exakt gestrickte, stel­len­weise freilich hoch­kom­pli­zierte Geschichte, die auf drei Zeit­ebenen erzählt wird: Anfang der 80er trifft Enrique, ein schwuler Film­re­gis­seur – viel­leicht ein Selbst­por­trait des Künstlers als junger Mann? – Ignacio wieder, einen Freund aus Kinder­tagen. Der hat ein Drehbuch geschrieben, das für Enrique die alten Erin­ne­rungen lebendig macht. Beide waren einst, in den repres­siven 60ern der Franco-Ära, auf einem katho­li­schen Knaben­in­ternat. Dort entdeckten sie gemeinsam die Liebe und das Kino, litten aber auch unter den Nach­stel­lungen schmierig-geiler Priester. In den 70er trifft Ignacio einen von ihnen wieder, und erpresst ihn. Trotz seiner kompli­zierten Struktur – immer wieder wird zwischen den Ebenen hin und her gesprungen – entfaltet La mala educación oft einen eigen­ar­tigen Sog. Der Film ist eher ein Nebenwerk des Spaniers und mischt große Kino­au­gen­blicke mit gepflegter Lange­weile. Als Eröff­nungs­film gut genug – aber man versteht doch, warum er nicht im Wett­be­werb läuft.

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Dort zeigte man zum Auftakt Nobody Knows von Hirokazu Kore-eda. Der Japaner erzählt eine bewegende Fami­li­en­ge­schichte: Vier Kinder, zwei Zwil­lings­paare mit verschie­denen Vätern, wachsen allein mit ihrer Mutter auf, ohne je zur Schule zu gehen, abge­schlossen vor de Außenwelt. Man spürt, dass da ein dunkles Geheimnis ist, von dem sie selbst nichts wissen, dass aber ihre Existenz dominiert. Eines Tages ist die Mutter verschwunden, und die vier beginnen sie zu suchen – es beginnt eine magische Odyssee der Weltent­de­ckung, die in ihrer bezau­bernd poeti­schen Erzähl­weise gleich diesen ersten Wett­be­werbs­bei­trag zu einem Preis­an­wärter macht.

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In den folgenden Tagen wird vieles, was im Kino Rang und Namen hat, am »Palais du Festival« erwartet. Trotz des immensen Star­auf­ge­bots scheinen die Veran­stalter um den lang­jäh­rigen Leiter Gilles Jacob, der immer noch aus dem Hinter­grund die Fäden zieht, zugleich in diesem Jahr ihre Taktik verändert zu haben. 2003 gab es viel Kritik: Vom schwächsten Wett­be­werb aller Zeiten war da die Rede gewesen; erstarrt und verknöchert hätten die Filme gewirkt, kriti­sierte selbst die wohl­wol­lende fran­zö­si­sche Presse. Diesmal darauf darf man schon jetzt wetten, wird das anders sein: Sehr viele junge Regis­seure sind vertreten, einige alte Veteranen, die hier unge­achtet ihrer Werke einen sicheren Stamm­platz zu haben schienen, mussten das Feld räumen, und im Zwei­fels­fall kommt ein Star weniger, und ein Künstler mehr.
Trotzdem sieht man im Programm auch viele bekannte Namen, unter denen die Jury unter Vorsitz von US-Regisseur Quentin Tarantino dann ihre Entschei­dung zu treffen hat: Emir Kusturica und Walter Salles, die Coen-Brüder, Tony Gatlif und Michael Moore.

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Besonders das asia­ti­sche Kino ist sehr stark präsent: 2046, der neue Film des Hongkong-Regis­seurs Wong Kar-wai, der hier vor Jahren für »In the Mood for Love« den Regie­preis gewann, wird mit Spannung erwartet, Altmeister Zhang Yimous (»Rote Laterne«) neuer Film läuft außer Konkur­renz. Wichtiger aber die Werke der aufstre­benden Jung­re­gis­seure Kore-Eda und Park Chan-Wook (Korea), sowie »Tropical Malady« von Apichat­pong Weer­a­set­hakul, der erste thailän­di­sche Film aller Zeiten – ein Indiz für den aufstei­genden Stern dieser Kino­na­tion. Und »Innocence« von Mamoru Oshii ist der erste japa­ni­sche Anima­ti­ons­film im Wett­be­werb. Noch viele andere jüngere Regis­seure sind da vertreten: Aus Frank­reich, dem Mutter­land des Kinos kommt Olivier Assayas' Clean und Agnes Jaouis Comme une image, aus Öster­reich die hoch­be­gabte Jessica Hausner, aus Argen­ti­nien Lucretia Martel. Auch die Deutschen dürfen sich freuen: Nach über zehn Jahren Abwe­sen­heit konkur­riert mit Die fetten Jahre sind vorbei wieder ein deutscher Film um die Goldene Palme. Dazu brauchte es zwar den geborenen Öster­rei­cher Hans Wein­gartner, und natürlich den offenbar unver­meid­li­chen Daniel Brühl als Haupt­dar­steller – aber immerhin ist jetzt der böse Bann gebrochen, und das Verhältnis zwischen Cannes und dem deutschen Kino entspannt sich hoffent­lich. Ergänzt wird dies durch einstarkes Neben­pro­gramm, unter anderem mit Marseille, einem wunderbar-spröden Film der Berli­nerin Angela Schanelec.

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Noch bleibt Zeit, um ein bisschen herum­zu­stö­bern. Zum Beispiel auf dem großen Filmmarkt. Die Stuimmung sei besser, als in den letzten Jahren, mehr Leute da, 10 Prozent mehr Stände, sagen Vertreter von Verlei­hern. Viel­leicht liet das aber auch nur daran, dass hier nach drei Jahren Krise die Schränke leer sind. Jeden­falls findet man hier die Realität hinter dem Glamour, kann Filme sehen, die nie im Festi­val­pro­gramm auftau­chen, viel­leicht aber später im Kino. Das ist genauso mehr Cannes, wie der rote Teppich, Macht und Geld in reiner Form, das heißt böse, aber manchmal auch hübsch.

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Für knapp zwei Wochen liegt der Nabel der Filmwelt nun an der Cote d’Azur. Das eigent­liche Zentrum ist dabei nicht die Croisette, jene berühmten Flanier­meile, an der ein Luxus­hotel neben dem nächsten steht, sondern der rote Teppich vor dem Palais du Festival, in dem am Abend die großen Premieren statt­finden. Mag man über die Schönheit des vor einigen Jahren neu gebauten Palasts auch durchaus verschie­dener Ansicht sein – am roten Teppich davor kommt keiner vorbei.

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Denn nur hier ist der rote Teppich wirklich ein roter Teppich. Beim Festival von Venedig ist er seit einigen Jahren aus uner­find­li­chen Gründen blau. Viel­leicht wollte man sich krampf­haft von der Konkur­renz unter­scheiden, viel­leicht hat man ihn an den Sponsor verkauft; viel­leicht fürchtete Berlus­coni auch die Farbe der Revo­lu­tion. Dabei ist – und wer Sharon Stone oder Nicole Kidman einmal in Cannes erlebt hat, der weiß es längst – Rot natürlich zuerst mal die Farbe der Könige. Der Berlinale Teppich ist zwar rot, aber auch so lang wie breit und ähnelt damit eher einer roten Wüste. Vor allem aber geht er – bergab. Unmöglich. Hier in Cannes sind es genau 24 Stufen – ein Weg in den Himmel, der Stunden dauern kann. Natürlich gibt es dieje­nigen, die ihn entlang hetzen, mit Tunnel­blick, oder nur kurz schüch­tern nach links und rechts gucken. Die meisten aber, vor allem die fran­zö­si­schen Stars, die Ameri­kaner und die Asiaten, wissen ihn besser zu nutzen.

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Genau­ge­nommen verrät wenig sonst dem Außen­ste­henden soviel über einen Star, als wie der sich auf dem roten Teppich verhält. Wie schnell er oder sie geht, wie oft sich einer umdreht, wie viele Lächel-Varianten einer beherrscht. Wichtig ist auch, wer mit wem geht. Welchen Star führt der Regisseur am Arm? Wo geht der Produzent? Stellt sich das Team am oberen Trep­pen­ab­satz noch einmal zum gemein­samen Foto hin? Und was zieht man an? Und wie geht man eigent­lich?

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Emma­nu­elle Beart etwa, die fran­zö­si­sche Schau­spie­lerin, zeigte auch gestern Abend als Jury­mit­glied wieder die Kunst des Teppich-beschrei­tens. Langsam muss man sein, schließ­lich ist er nur knapp 50 Meter lang, da muss man jeden Meter nutzen. Beart kostet auch die acht Meter Breite voll aus, eiert fast von Seite zu Seite. Mal nach rechts, mal links, man gibt Auto­gramme grüßt einen Bekannten, oder behandelt die Foto­grafen wie Bekannte. Aber Vorsicht: Nur nicht gemein machen, Distanz wahren, Star sein. Catherine Deneuve kann das perfekt. Sie schwebt förmlich, gemes­senen, sehr gleich­mäßigen Schrittes, eine Königin. Auf der zweiten oder dritten Stufe dreht sie sich dann um: Stolz und souverän, Lächeln, ein Blick noch zurück, dann wieder eine Drehung und ohne einen weiteren Blick – das ist wichtig: nie zu deutlich zeigen, dass man gern foto­gra­fiert wird – hinein ins Dunkel des Palais. Die Ameri­kaner machen es mehr wie bei Sport­ver­an­stal­tungen: Lachen, Schreien, Fäuste hoch­re­cken, zwei Finger zum Victory-Zeichen. Und viel­leicht, wen sie sehr gut drauf sind, ein paar Auto­gramme. So wird man zum Darling der Massen.

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Es gibt nämlich noch die andere Seite des roten Teppichs. Die die nie drauf stehen. Schon am Morgen sieht man die ersten Fans. Mit Butter­broten und viel Wasser bewaffnet, sichern sie sich hier manchmal schon morgens um 7 die besten Plätze, harren aus bis zehn Uhr Abends, und sind glücklich. Sie sind die wahren Fans. Hätte man nur Zeit, sich einmal länger mit ihnen zu unter­halten, man könnte tolle Geschichten hören. Von irgend­wel­chen normalen Menschen, Ange­stellte oder Studenten, die nie im Leben an eine Akkre­di­tie­rung für eine Wett­be­werbs­pre­miere kommen (und Karten gibt es hier keine zu kaufen), sich aber seit Jahren zehn Tage im Mai frei nehmen, um »Cannes zu machen.« Zu jenen hinter auf der anderen Seite des Teppichs gehören auch die Foto­grafen. Dieje­nigen, die mehr Geld haben, können sich einen Assis­tenten leisten, der tagsüber den Platz freihält. Oder sie sind so berühmt, dass sie einige der wenigen reser­vierten Standorte vom Festival zuge­wiesen bekommen. Manche von ihnen sind schon seit Jahr­zehnten hier, können noch von den Zeiten erzählen, als aus Deutsch­land nur 20 Jour­na­listen kamen, und sich Truffaut oder Paul Newman mit einem zum Mittag­essen verab­re­dete, wenn er das Interview inter­es­sant fand. Doch die Zeiten sind unwi­der­ruf­lich vorbei, die Manager haben auch die Filmwelt in ihrem eisernen Griff, und heute ist der rote Teppich oft der einzige Ort, um überhaupt einen Blick auf einen Star zu erhaschen.

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Die dritte Seite des roten Teppichs erlebt man nachts. Irgend­wann nach Mitter­nacht wird der Teppich nämlich ausge­tauscht. Jeden Tag. Jeden Tag ein neuer Teppich, zwölf Tage lang. Denn in Cannes bekommt jeder nur das beste, und wie sähe es denn aus, wenn der Teppich am Schluss ganz ausge­treten und löchrig wäre. Also gibt es eigent­lich zwölf rote Teppiche. Und ein paar Ersatz­tep­piche auch noch. Alle aus Jute und Kunst­stoff, wetter- und rutsch­fest. Tagsüber wird ständig geflickt und gehämmert, werden kleine Wellen und Luft­löcher platt­ge­treten, denn was gäbe es Schlim­meres, als wenn sich ein Superstar ausge­rechnet hier ein Bein bräche?

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So weit ist es bisher noch nie gekommen. Der rote Teppich ist Ausdruck eines Triumphs. Wer hier entlang geht, der hat es geschafft, ist ange­kommen im Olymp des Kinos. Und darum ist es viel­leicht gar nicht so wichtig, wer hier am Ende die Goldene Palme gewinnt. Denn jeden Abend gibt es aufs Neue die vielen perfekt frisierten, blass geschminkten fleisch­ge­wor­denen Roko­ko­puppen auf dem roten Teppich. Zu schön, um wahr zu sein eben.