28.04.2004

Die kanadische Erfahrung

Waydowntown

Die kanadische Erfahrung

Gegenkultur zum Hollywood-Triumphalismus

Von Rüdiger Suchsland

Der nord­ame­ri­ka­ni­sche Staat verfügt seit Jahren über eine besonders blühende Film­in­dus­trie. Inter­na­tional bekannte Namen wie David Cronen­berg, Atom Egoyan und Dennis Arcand markieren die Leben­dig­keit dieser Kino­kultur, die sich seit den – erstaun­lich späten – Anfängen in den 70-er Jahren (vorher gab es überhaupt kein kana­di­sches Kino) längst aus dem Schatten des über­mäch­tigen Nachbarn USA gelöst und zu einer eigen­s­tän­digen, selbst­be­wussten Film­sprache gefunden hat. Viele dieser Filme finden auf Festivals, auch in Deutsch­land, begeis­terte Aufnahme, bekommen aber trotzdem nie einen Verleih.

Weitab von Hollywood-Üblich­keiten werden in Kanada Inde­pen­dent-Filme produ­ziert, die einer europäi­schen Perspek­tive auf die Dinge in vielem näher stehen, als US-Geschmä­ckern. Kanada ist mit seinen liberalen Einwan­de­rungs­ge­setzen ein Land tatsäch­li­cher Multi­kul­tu­ra­lität. Die Filme, die hier entstehen, sind sowohl von europäi­schen Film­spra­chen, vom Erbe der india­ni­schen Urein­wohner, als auch von den vielen asia­ti­schen Einwan­de­rern der letzten Jahr­zehnte beein­flusst. Denn jeder zehnte Kanadier stammt heute bereits aus China oder Indien, in der pazi­fi­schen Metropole Vancouver sind es sogar über 30 Prozent. Und viele kana­di­sche Filme­ma­cher inter­es­sieren sich für Copro­duk­tionen mit Europa. Einer der Gründe: Die Film­för­de­rungs­ge­setze ähneln denen in Europa: Eine eigen­s­tän­dige Film­kultur ist politisch gewollt. Zudem verbes­serte sich das Marketing des kana­di­schen Kinos durch die Regierung.

Gegen­kultur zum Hollywood-Trium­pha­lismus

Gab es, von Außen betrachtet, lange Zeit nur Cronen­berg und Atom Egoyan, so gibt es heute gibt es eine ganze Reihe junger begabter kana­di­scher Film­au­toren. Gibt es einen typischen kana­di­schen Filmstil? Das kana­di­sche Kino zeichnet sich vor allem durch einen Verzicht auf gängige Erzähl­muster aus. Viele kana­di­sche Filme werden mit weitaus gerin­geren Budgets reali­siert, wobei vor allem die staat­li­chen Förder­pro­gramme der »Telefilm Canada«, des »National Film Board« und der vielen weiteren lokalen und natio­nalen Kultur­in­sti­tu­tionen die Infra­struktur für eine diverse Film­pro­duk­tion geschaffen haben. In und um die großen kultu­rellen Zentren Montreal, Vancouver oder auch Toronto ist ein dezidiert kana­di­sches Kino entstanden, dass sich im Gegensatz zum gängigen US-Kino traut, die Schwächen seiner Figuren als Stärken zu begreifen, mensch­liche Probleme nicht als Makel zu sehen, und eine grund­sätz­liche Sympathie für brüchige Biogra­fien aufzu­bringen. Die Prot­ago­nisten im kana­di­schen Kino über­winden nicht alle Hinder­nisse wie ihre US-Pendants; sie müssen vielmehr lernen, mit inneren und äußeren Wider­sprüchen zu leben.

Diese in den Filmen immer wieder­keh­renden Darstel­lungen von Zerris­sen­heit, von der Suche nach einem Platz in der Welt und die Sehnsucht nach einer wenn auch fragilen Identität, spiegelt, so könnte man sagen zum Teil sicher auch die Geschichte einer noch sehr jungen Nation.

»Eine der Stärken des kana­di­schen Kinos«, sagte ande­rer­seits der in Toronto lebende André Bennett, einer der wichtigen Inde­pen­dent-Produ­zenten des Landes, im artechock-Gespräch, »ist die Sensi­bi­lität für Regionen. Einige der inter­es­san­testen kana­di­schen Filme kommen gerade von Regis­seuren, die keine irgendwie 'nationale Identität' reprä­sen­tieren.« Kana­di­sche Identität, das wird damit klar, ist die Idee einer multi­kul­tu­rellen ethni­schen Identität. »Toronto ist eine der multi­kul­tu­rellsten Städte der Welt.« ergänzt Bennett.

Auch David Cronen­berg meinte im Gespräch mit artechock: »Ich fühle mich unbedingt als ›kana­di­scher‹ Regisseur! Alle meine Filme habe ich dort gedreht. Auch mein letzter Film Spider (ab Juni auch im deutschen Kino) wurde drei Wochen in London und immerhin fünf Wochen in Kanada gedreht. Die ›kana­di­sche Erfahrung‹ unter­scheidet sich stark von derje­nigen der US-Ameri­kaner. Wir sind stark europäisch und asiatisch geprägt, stärker, als die USA. Bei uns nennen wir es Multi­kul­tu­ra­lismus, die US-Ameri­kaner sprechen dagegen von Schmelz­tiegel... Aber der natio­nalen Basis steht das Phänomen gegenüber, das man als Globa­li­sie­rung bezeichnet. Sowohl mein Land, als auch mein Filme­ma­chen ist natürlich sehr stark davon geprägt – sie ist gar nicht wegzu­denken. Und wenn Grenzen fallen, ist das ja im Prinzip etwas sehr Positives.«

Recht typisch kanadisch wirkt auch biogra­phi­sche Mixtur, die Person wie Werk von Atom Egoyan prägt. Mit Filmen wie Exotica (1994), Das süße Jenseits (1997) und Felicia’s Journey (1999) wurde Egoyan zum nach David Cronen­berg wich­tigsten kana­di­schen Regisseur. Immer wieder geht er in ihnen auch den eigenen Herkünften nach, und macht seine »post­ko­lo­niale Identität« (Egoyan), die Wanderung über kultu­relle Grenzen und die Vermi­schung der Einflüsse zu seinem Haupt­thema.
Zu jener von Cronen­berg beschwo­renen »kana­di­schen Erfahrung« gehört auch neben den neuen multi­kul­tu­rellen Varianten, die tradi­tio­nelle Teilung des Landes in einen fran­zö­si­schen und einen anglo­phonen Kultur­kreis. Jahr­zehn­te­lang war das poli­ti­sche Selbst­ver­s­tändnis Kanada von den Ausein­an­der­set­zungen zwischen Sepa­ra­tisten und Föde­ra­listen bestimmt. Und dass etwa Dennis Arcand, aber auch Léa Pool aus Quebec stammen, ist alles andere, als ein Zufall.

»Das kana­di­sche Kino hat eine ganz bestimmte Nische im gegen­wär­tigen Weltkino besetzt.« meint der Film­wis­sen­schaftler Tom McScorley vom »Canadian Film Institute«, »Das kana­di­sche Kino bietet ruhige, kräftige Visionen der zeit­genös­si­schen Erfahrung ... eine Gegen­kultur zum Hollywood-Trium­pha­lismus, eine beschei­dene Stimme aus dem nörd­li­chen Nordame­rika, die darlegt, dass es ander Vorstel­lungs­mög­lich­keiten gibt, andere Arten zu träumen, andere Weisen, uns zu erleuchten jenseits der blen­denden Lichter unseres ganz nahen südlichen Nachbarn.«

Der Blick in drei Rich­tungen

Und wo wird das kana­di­sche Kino in 20 Jahren stehen? Andrew Bennett meint: »Es wird noch dezen­tra­li­sierter sein. Und für europäi­sche Filme­ma­cher und Produ­zenten noch attrak­tiver.« Der Blick der Kanadier geht gleich­zeitig in drei Rich­tungen. Neben dem Blick nach Osten, nach Europa und nach Westen zum pazi­fi­schen Raum und den großen Kino­na­tionen Ostasiens, reicht er neuer­dings auch nach Süden, zu der neuen Blüte des latein­ame­ri­ka­ni­schen Filme­ma­cher. Bennett verweist auch darauf, was Europäer mögli­cher­weise von seiner Heimat lernen können. In Kanada ist es nämlich längst üblich, dass TV-Sender einen gewissen Anteil am Programm für heimische Produk­tionen reser­vieren, dass US-Filme durch kana­di­sche Verleiher vertrieben werden: »Wir Europäer und Kanadier müssen zusam­men­halten. Wir müssen Kriterien etablieren, die es möglich machen, dass der Inde­pen­dent-Film gedeihen kann. Quoten wären nicht die schlech­teste Möglich­keit.«

Das erste und wich­tigste Kriterium bleibt aber, dass man überhaupt die Filme kennt und er-kennt. Denn gerade anglo-kana­di­sche Filme werden aufgrund der Sprache und Schau­plätze oft als US-ameri­ka­ni­sche Produk­tionen wahr­ge­nommen – was kana­di­sche Film­ma­cher häufig und zu Recht ärgert. Inhalt­lich und stilis­tisch unter­scheiden sich die meisten kana­di­schen Filme nämlich deutlich vom Gros der US-Produk­tion. Die Auswahl setzt zudem vor allem auf eher wenig bekannte Film­au­toren und eröffnet auf diese Weise wirklich neue Einblicke in die äußerst vitale Film­pro­duk­tion Kanadas.

Hierfür bieten die nächsten zwei Wochen beste Gele­gen­heit: 15 Filme von 13 Regis­seu­rinnen und Regis­seuren – mehr Vielfalt kann man sich nicht wünschen. Sie stammen aus den Jahren 1994 bis 2002, mit einer Ausnahme: Shivers von David Cronen­berg ist sein erster abend­fül­lender Spielfilm und der Beginn von dessen »Body Horror«: Er zeigt die Invasion eines Hoch­hauses durch künstlich herge­stellte Parasiten, die in den mensch­li­chen Körper eindringen und jede Hemmung, die Sex und Gewalt betrifft, zum Verschwinden bringen.

Lynne Stop­ke­vich, geboren 1964 und in Montreal aufge­wachsen, ist mit zwei Filmen vertreten. Beide liefen bereits früher auf dem Filmfest München: Kissed erzählt von der Todes­be­ses­sen­heit eines jungen Mädchens. Als Kind entwi­ckelt Sandra bizarre Rituale, um tote Tiere im Wald zu begraben. Später arbeitet sie in einem Beer­di­gungs­in­stitut und kann viel Zeit mit toten Körpern verbringen. Dabei lernt sie den Medi­zin­stu­denten Matt kennen. Doch ihre Gefühle für den Tod sind stärker, als jene für ihn. Eine Liebes­ge­schichte für Nekro­phile. Suspi­cious River erzählt von einer sexsüch­tigen Frau, die in einem Motel Männer aufsucht. Irgend­wann lernt sie einen kennen, mit dem sie die Grenzen ihres Willens austesten kann. Gegenwart und Vergan­gen­heit crashen mit dem Schicksal.

Léa Pools Biogra­phie ist völlig anders. 1950 in der Schweiz geboren, wanderte sie erst 1975 nach Kanada aus. Emporte-moi erzählt von einer 13jährigen in den 60er Jahren. Langsam entdeckt sie ihre Sexua­lität, wird erwachsen. Der Film besticht durch Genau­ig­keit und Origi­na­lität – zudem eine Hommage an die »Nouvelle Vague«.

Soweit eine erste Anregung, um weitere Filme kennen­zu­lernen, muss man schon selber hingehen!