24.10.2002

Expedition ins ruthenische Bermuda-Dreieck

Filmszene »Absolut Warhola«
Warhols Tante
(Foto: Pegasos)

Dokutipp: Absolut Warhola

Von Nani Fux

Irgendwo in der slowa­ki­schen Provinz findet man Europas einziges Pop-Art-Museum. Mitten im Raum stehen diverse Plas­tik­eimer und Blech­näpfe umher. Bei dem Sammel­su­rium handelt es sich keines­wegs um eine arti­fi­zi­elle Instal­la­tion. Die Erklärung ist profan: Das Dach des Gebäudes leckt schon seit Jahren. Und so tropft es bei schlechtem Wetter auf die Werke von Andy Warhol, dem dieses Museum gewidmet ist.

Mukowa ist ein kleiner Ort irgendwo im »Ruthe­ni­schen Bermuda-Dreieck« wie Filme­ma­cher Regisseur Stanislaw Mucha die Region zwischen Slowakei, Polen und der Ukraine getauft hat, Heimat der Familie Warhola. Früher hat man mit dem berühmten Exil­ver­wandten wenig anfangen können. »Wir wussten zwar, dass er Maler ist, aber ob er nun Hauser anstreicht oder Bilder malt, da waren wir nicht sicher«; berichtet Vetter Michal. Die bunten Stöckel­schuhe, die Warhol aus den USA schickte waren sehr will­kommen. Mit den Zeich­nungen konnte man hingegen wenig anfangen. »Woher hätten wir wissen sollen, dass die mal soviel wert sein würden«, bekennt Cousine Helena Bezekowá. Und so ist so manches Meis­ter­werk der Kunst­ge­schichte zur Kinder­trom­pete verbas­telt worden. Inzwi­schen weiß man aller­dings, was der Bursche wert ist. Und so schielt man ein bisschen neidisch in den Nach­barort, wo die Leute schneller waren im Verein­nahmen des berühmten Landes­sohnes und den Muko­wi­nern die Idee mit dem Warhol-Museum vor der Nase wegge­schnappt haben. Stolz präsen­tiert der Muse­ums­ku­rator allerlei Kurioses, darunter ein original Taufkleid hinter Glas, oder eine Schall­platte, auf der Warhols Mutter mit brüchiger Stimme heimat­liche Weisen schmet­tert.

Mucha und sein Team haben sich auf Spuren­suche begeben. Die Menschen hier sind gast­freund­lich und hilfs­be­reit. Letzteres in solchem Maße, dass man den Fremden den Weg zum Museum weist, auch wenn man ihn selbst nicht kennt. Und so wird die Fahrt zur Odyssee durch die ländliche Region. Im Mittel­punkt des Films steht nicht Warhol, sondern die Menschen, die hier leben. Arm sind sie, aber sie wursch­teln sich so durch mit Humor und Chuzpe und dem ein oder anderen Slibowitz. Zum Beispiel Warhols Vetter Janko, der sich aus Ersatz­teilen diverser Herkunft einen multi­eu­ropäi­schen Traktor gebastelt hat. Fahren tut das Ungetüm jeden­falls wie der Teufel.

Eva Prextowá, Warhols Tante, ist 91 Jahre alt – eine Babuschka wie aus dem Bilder­buch und nach eigenem Bekunden »hässlich wie ein alter Frosch«. Sie nimmt es Warhol etwas krumm, dass er nie gehei­ratet hat. Wäre er in Mukowa aufge­taucht hätte man ihn mit Sicher­heit ruckzuck unter der Haube gehabt, verkündet sie, notfalls auch gegen seinen Willen. »Unter der Erde nützt er niemandem mehr.« Außerdem hätte er mit Sicher­heit das ein oder andere Fläsch­chen Wodka mitge­bracht.

Statt­dessen haben die Filme­ma­cher einen berufs­mäßigen Warho­li­mi­tator auf die Land­be­völ­ke­rung losge­lassen. Wer der seltsame Kauz mit der Strub­bel­perücke sein soll, durch­schaut aller­dings niemand. »Warhola – die gibt’s hier jede Menge«, sagt die Wodka­ver­käu­ferin unwirsch und jagt ihn mitsamt des Kame­ra­teams vom Hof.

Das Original ist indes für seinen Clan zur mysti­schen Gestalt geworden, um die jeder seine persön­liche Legende gewoben hat. Insofern ist das mit ihm so ähnlich wie mit den Ölquellen, die einst munter gespru­delt haben sollen, bis im Krieg die Polen kamen und sie verstopft haben. »Wenn ich den Film sehe, bin ich fest davon überzeugt, dass es Andy Warhol nie gegeben hat, sondern dass sich diese Menschen ihn ausge­dacht haben, damit sie einen Hoff­nungs­schimmer auf ein besseres Leben haben«, sagt Mucha selbst über seinen Film. Zu etwas gut ist er also immer noch, der alte Andy.

Anläss­lich der Duis­burger Filmwoche zeigt 3sat in den kommenden Wochen acht Doku­men­tar­film­high­lights der Wett­be­werbe von 2001 und 2002. Den Anfang macht Absolut Warhola, der preis­ge­krönte Publi­kums­renner des letzten Jahres. (Sonntag, 27. Oktober, 21:45, 3sat)