14.11.2002

Dokutipp: »Black Box BRD«

Filmszene »Black Box BRD«
Der Anschlag auf Herrhausen

Der Kampf ist vorbei, aber die Wunden sind offen

Von Nani Fux

Die Black Box ist ein Konstrukt. Ein fiktiver Kasten, von dem man lediglich weiß, welchen Input er erhält und was anschließend als Ergebnis ausge­spuckt wird. Was im Inneren des Systems passiert, bleibt im dunklen.

Vieles bleibt auch im dunklen im Film Black Box BRD von Andres Veiel. War der RAF-Terrorist Wolfgang Grams an dem Anschlag auf Alfred Herr­hausen, den Sprecher der Deutschen Bank, beteiligt? Was passierte während Grams Zeit im Unter­grund? Beging er, als er 1993 in eine Poli­zei­falle geriet, tatsäch­lich Selbst­mord?

Statt detek­ti­vi­sche Spuren­suche zu betreiben hat Veiel sich daran gemacht, die Porträts zweier Männer zu zeichnen, die für gegen­sätz­liche Pole der Gesell­schaft standen. Im Koor­di­na­ten­kreuz ihrer Lebens­li­nien entsteht nach und nach ein Bild der Bundes­re­pu­blik jener Tage.

Da ist Alfred Herr­hausen, Jahrgang 1930, der in einer NSDAP-Elite­schule gedrillt wurde, »Der Herr des Geldes«, wie der Spiegel titelte, einer der mäch­tigsten Männer des Landes. Für die RAF ist er eine Symbol­figur des Schwei­ne­sys­tems. Auf der anderen Seite der zwanzig Jahre jüngere Wolfgang Grams, der zum letzten Aufgebot der Roten Armee Fraktion gehört, ein Mann, der forderte, man müsse genug hassen können, um einen Feind mit bloßer Hand zu erwürgen.

In Gesprächen mit Herr­hau­sens Witwe Traudel, den Eltern Grams und Wegge­fährten der beiden Toten bricht Veiel die Fronten auf. Hinter den Scha­blonen werden nach und nach die Menschen sichtbar.

Grams ist nicht nur der radikale Verfechter einer erbar­mungs­losen Ideologie, er ist zugleich einer, der den Wehr­dienst verwei­gerte, weil er sich nicht vorstellen konnte, sich zu bewaffnen. Ein noch immer geliebter Sohn, der seinen klein­bür­ger­li­chen Eltern aus dem Unter­grund ein selbst­ge­sticktes Bild mit Tieridyll schickt.

Herr­hausen wiederum ist nicht nur kühler Karrie­rist, sondern auch ein char­manter Lebemann, der mit Juchhe im Bonanz­a­stil reitet. Ein Visionär, der die Unab­wend­bar­keit der Globa­li­sie­rung erkennt und vehement für eine unge­heu­er­liche Forderung eintritt: die Entschul­dung der Dritten Welt. Der radikale Umstruk­tu­rie­rungen fordert und mit seinen Ideen auf heftigsten Wider­stand stößt.

Die Brüche in den Persön­lich­ak­tien enthüllen frap­pie­rende Berüh­rungs­punkte zwischen den beiden Männern. Währe nicht der immer noch gängige Klei­der­code,der Anzug­trä­gern und Strick­pul­li­genossen separiert, könnte man aus dem Blick verlieren, von wem gerade die Rede ist. Herr­hausen und Grams – zwei ideo­lo­gi­sche Auto­kraten, denen nach und nach die Wegge­fährten abhanden kamen. Grams Gesin­nungs­ge­nossen werfen sich noch heute vor, nicht genügend Konse­quenz gehabt zu haben, um ihm zu folgen. Und auch Herr­hausen bleibt allein, weil seine Kollegen nicht Schritt halten können. Und so sterben beide ideo­lo­gi­schen Kontra­henten in Momenten großer Einsam­keit. »Er hat Menschen vermisst, die mit ihm mitge­zogen sind«, sagt Traudel Herr­hausen über ihren Mann. »Die Beden­ken­träger hat er gehasst.« Nach seiner letzten Sitzung sagt Herr­hausen zu seiner Frau, »Ich weiß nicht, ob ich das überlebe« – und meint es beruflich. Tags darauf ist er tot, eine Tragödie, auf die neben Entsetzen auch sicher auch geheime Erleich­te­rung folgte.

Deutsch­land hat offenbar noch lange nicht abge­schlossen mit diesem Kapitel der Nach­kriegs­ge­schichte. Mit den Zeiten, in der heutige Amts­träger in Straßen­schlachten mit der Polizei verwi­ckelt waren, in denen ein Funk­ti­ons­träger wie Herr­hausen stets einen Brief in der Nacht­tisch­schub­lade aufbe­wahrte, in dem er schreibt, man möge im Falle seiner Entfüh­rung nicht auf erpres­se­ri­sche Forde­rungen eingehen. Heute reicht die Distanz, um sich an eine Aufar­bei­tung zu wagen. Der Film hat den Nerv des Publikums getroffen: Mehr als 100.000 Menschen sahen ihn bislang im Kino – für einen Doku­men­tar­film ein gran­dioses Ergebnis. Der Erfolg dieser Doku­men­ta­tion, wie auch der von Spiel­filmen wie Die Stille nach dem Schuss oder die Innere Sicher­heit sprechen für sich. Der Kampf ist vorbei, aber die Wunden sind noch nicht vernarbt.

Black Box, so heißt auch der Flug­schreiber, der nach einem Absturz Aufschluss über die Ursachen der Kata­strophe gibt. Im Falle des Deutschen Herbstes hat man sie bis heute nicht gefunden.

Black Box BRD · Deutsch­land 2001 · Regie: Andres Veiel
Montag, 18.11.2002, 22.50 Uhr bei arte