15.08.2002

Kurzschluss

Filmszene »Let's Get lost«
Der wunderbare Let’s Get Lost

oder: Wie uns das Fernsehen Filme ohne Ende (bei)bringt. Michael Haberlander hat ein einschneidendes Erlebnis im Neuen Arena, dass ihn über Abspänne sinnieren lässt

Von Michael Haberlander

Zu den Schat­ten­seiten eines Cineasten-Lebens zählen unter anderem die uner­freu­li­chen Diskus­sionen darüber, wozu der Abspann eines Films gut sei. Eisern sitzt der echte Film­freund in seinem Stuhl und betrachtet endlose Namens- und Funk­ti­ons­listen die auf der Leinwand vorüber ziehen, während die anderen Zuschauer bereits den Kinosaal verlassen. Wozu tut man sich das an? Will man wirklich wissen, wer der Stand-In für George Clooney war, wer die Kabel getragen hat oder wer dafür gesorgt hat, dass am Set keine Tiere verletzt wurden?

Nein, niemand will das ernsthaft wissen und von wirk­li­chem Interesse sind bei einem Abspann eigent­lich nur die Darstel­ler­liste und die Aufstel­lung der verwen­deten Musik­stücke (die meist, ganz geschickt, am Ende des Abspanns plaziert ist), wobei die wich­tigsten Angaben zum Stab (Regie, Kamera, usw.) bereits dem Vorspann zu entnehmen waren. Aber ist es nicht einfacher und vor allem aufschluß­rei­cher, sich solche Infor­ma­tionen aus dem Internet, z.B. unter www.imdb.de zu holen?

Das schon, aber wer so gegen das Betrachten eines Abspanns argu­men­tiert, versteht nicht, dass es hierbei nicht um eine Frage der Infor­ma­tionen, sondern um eine der Drama­turgie geht.
Die wirklich wichtige Funktion des Abspanns ist die eines Puffers. Man sitzt da, der Film läuft zwar noch, aber man muss ihm keine Beachtung mehr schenken, man betrachtet die langsam vorbei­zie­henden Namen, hörte das letzte Musik­stück und kann sich das eben Gesehene noch einmal in Ruhe durch den Kopf gehen und die Bilder und Eindrücke nach­wirken lassen.
Dement­spre­chend unter­schied­lich sind auch meine Abspann-Sehge­wohn­heiten. Bei einer flotten Action­komödie verlasse ich bereits nach wenigen Namen das Kino (was gibt es hier schon zu »verdauen«), während ich bei groß­ar­tigen, erschüt­ternden und faszi­nie­renden Filmen bis zum Copyright Vermerk am Schluß sitzen bleibe.

In grauer Vorzeit, als es noch Vinyl-Schall­platten gab, hatten diese am Ende jeder Seite die soge­nannte Auslauf­rille, die mit ihren wenigen Sekunden leisen Rauschens die selbe Funktion wie der Film­ab­spann erfüllte. Drei, vier Sekunden Knacken und Knistern, in denen man dem gerade Gehörten kurz nachhing und im Geiste nach einer passenden Anschluss­platte suchte. Was einem ohne Auslauf­rille fehlen würde, merkte man erst mit Einfüh­rung der CD, die einfach zu Ende war, ohne Rauschen, ohne Knistern, ohne Vorwar­nung. Mancher Musikfan tut sich damit bis heute schwer.

Ähnlich ärgerlich ist nun die Unsitte mancher Fern­seh­sender, den ausge­strahlten Spiel­filmen volls­tändig den Abspann zu rauben. Besonders freund­lich sind die Sender auch bisher nicht mit den Abspännen umge­gangen, wenn sie diese etwa beschleu­nigten, verkürzten, an den Bildrand quetschten usw. Doch was man jetzt auf einigen (nicht nur privaten!) Sendern beob­achten kann, setzt dem ganzen die Krone auf.
Um nur ja nicht aus versehen eine Sekunde des Abspanns zu zeigen, hackt man den Film einfach ab. Der letzte Dialog­satz ist noch nicht richtig verklungen, die letzte Kame­ra­fahrt noch nicht zu Ende – Zapp! – Aus! – Vorbei! und schon brüllt einem der Trailer für das nächste „Film­erlebnis“ entgegen. Unsanft wird am so aus dem Film regel­recht hinaus­ge­schmissen.

Wozu diese Praktik schlußend­lich führt, erlebte ich bei Let’s Get Lost, der wunder­baren Doku über Chet Baker, die im Rahmen der Film­kunst­wo­chen im Neuen Arena zu sehen war. Es war die Nach­mit­tags­vor­stel­lung (in diesem Zusam­men­hang sei darauf hinge­wiesen, dass das große, rote, offi­zi­elle Programm der Film­kunst­wo­chen vor allem beim Neuen Arena einige Lücken aufweist, weshalb ein Blick auf unsere gewohnt volls­tän­digen Programm­seiten empfohlen sei), das Wetter war mau, entspre­chend gering war die Besu­cher­zahl (aus den selben Gründen hatte ich übrigens einige Tage vorher das seltene und exquisite Vergnügen, bei Payback voll­kommen allein im Kino zu sein). Als nach ca. 90 Minuten, mitten in einer Szene, während eines Satzes, der Film riss und die Saal­lichter etwas hoch­ge­dimmt wurden, begann unter den Zuschauern, die bis dahin keinen unzu­frie­denen Eindruck gemacht hatten, ein munteres Aufbre­chen. Glaubte ich anfangs noch, die unfrei­wil­lige Pause würde nur für einen Gang zur Toilette oder dem Geträn­ke­stand genutzt, so war nach wenigen Minuten, in denen keiner wiederkam, klar, dass beinahe das gesamte Publikum, im Glauben der Film sei hier zu Ende, einfach gegangen war.

Abgesehen davon, dass der Vorhang vor der Leinwand nicht geschlossen wurde, dass die Saal­lichter nicht ganz angingen, dass die Ausgangs­türen nicht geöffnet wurden, dass kein Kino­mit­ar­beiter zwischen den Stuhl­reihen nach leeren Flaschen zu suchen begann; wie kann man nur auf die Idee kommen, ein Film, der zudem keines­wegs expe­ri­men­tell ist, könne einfach so abrupt, mitten in einer Szene abbrechen, ohne Ende, ohne Abspann?

Dass die Zuschauer, die hier das Kino verließen, so etwas für möglich, ja viel­leicht sogar für üblich hielten, darf man guten Gewissens den Fern­seh­sen­dern, aber auch einigen Kinos, die gar nicht schnell genug nach Ende eines Films das Licht anmachen und den Vorhang schließen können, anlasten.
Wenn es im allge­meinen Umgang mit Filmen (ob im Kino oder im Fernsehen) üblich wäre, den Abspann ganz zu zeigen, dann würde niemand in die Verle­gen­heit kommen, einen Filmriss mit dem Filmende zu verwech­seln.

Viel­leicht sollte man aber auch zu einem Mittel zurück­kehren, das man früher, als die bedeutend kürzeren Stab­an­gaben noch im Vorspann zu finden waren, zur Kenn­zeich­nung des Film­schlusses verwen­dete und das heute nur noch mit einem ironi­schen Unterton einge­setzt wird.
Damals wußte jeder unmiss­ver­s­tänd­lich wo der Film angelangt war, wenn es schlicht, aber alles sagend hieß:
The End. Ende. Fin.