25.07.2002

Kino ohne Scheuklappen

FULLTIME KILLER
Fulltime Killer von Johnnie To

Zum 16. Mal startet das Fantasy-Filmfest

Von Rüdiger Suchsland

Ein Wettkampf, lachend, und doch auf Leben und Tod. Ein Japaner und ein Chinese wollen fest­stellen, wer der beste ist in ihrem Beruf. Sie sind Profi-Killer, und zwischen ihnen steht eine schöne Frau. Johnnie To ist der Genre-König des Hongkong-Kino, und sein neuester Streich, Fulltime Killer ist große Film-Oper: Elegisch und leiden­schaft­lich, voller ausla­dender Gesten und grund­sätz­li­cher Verspielt­heit, kein Hauch von Realität, aber alles Pathos dieser Welt – pure Phantasie eben. Keine Frage: Fulltime Killer ist der ideale Film für das am 24.7.02 in München mit dem US-Film Frailty startende Fantasy-Filmfest. Zum 16. Mal findet es statt, längst zu einer Insti­tu­tion geworden, wie das soeben zuende gegangene »große« Filmfest, das zwar noch immerhin doppelt so viele Filme hat, an Qualität von seinem kleinen privaten, mit öffent­li­chem Geld leider kaum geför­derten Bruder aber schon längst eingeholt wurde. Und da das Fantasy-Filmfest in den nächsten Wochen mit seinen 61 Filmen noch in fünf anderen deutschen Städten gastieren wird, dürfte es auf weniger Zuschau­er­zahlen kommen.

Unter »Fantasy« versteht man längst alles Mögliche zwischen Thriller und Science Fiction, Horror und Mystical. Ein paar Zombies schlürfen immer noch durch die Leinwände, aber die Regel ist das nicht mehr. Eher begegnet man Normal­men­schen in der Krise, wie zum Beispiel Sy, dem von Robin Williams gespielten Durch­schnittler, der in One Hour Photo als eine Mischung aus Kafkas K, Melvilles Bartleby und Woody Allens Zelig sein unsichtbar-belang­loses Dasein als devoter Foto­la­bor­chef in einem Super­markt führt. Dort philo­so­phiert er nicht nur über die Bilder als Chance, »die Zeit anzu­halten«, sieht er nicht nur alle kleinen Geheim­nisse seiner Kunden. Für eine Familie inter­es­siert er sich besonders, und eines Tages sieht sich Sy genötigt, in ihr Schicksal einzu­greifen.

Einen immer breiteren Raum nimmt in den letzten Jahren die Sektion »Focus Asia« ein, die sich ganz dem Fernost-Kino verschrieben hat. Hier laufen diesmal unter anderem Andrew Laus roman­ti­sche Ballade The Avenging First und Jang Kyu-Sungs Satire Funny Movie – Koreas Antwort auf Scary Movie. Oder Kim Sung-Hongs Alptraum­kino Say yes, dass in seiner Konse­quenz allemal reprä­sen­ta­tiver ist für den immer noch unbe­kannten ostasia­ti­schen Kinoraum als die zärt­li­chen, für westliche Augen designten Kunst­filme eines Zhang Yimou. Zu den besten Filmen und inten­sivsten Erleb­nissen, zugleich einmal mehr auch zu den größten Zumu­tungen des Festivals dürfte wieder der neue Film des berühmten Takeshi Miike gehören: Ichi The Killer ist ein über­drehter Thriller, der von einem Teufel in Menschen­ge­stalt handelt, und wenig auslässt – ohne dabei je plumpen Voyeu­rismus zu befrie­digen.

So wie im letzten Jahr besonders viele Filme aus Spanien stammen, gilt ein dies­jäh­riger Schwer­punkt dem fran­zö­si­schen Kino: Darunter findet sich Belphégor – Phantome Of The Louvre von Jean-Paul Salomé, auf den man schon deshalb gespannt sein darf, weil Sophie Marceau nach langer Zeit hier wieder einmal in einer Haupt­rolle zu sehen ist – an der Seite von Michael Serrault. Und Demon­lover von Truffaut-Zögling Olivier Assayas, ein cooler Thriller über die Welt der Reichen und Schönen. Der umstrit­tenste Film dürfte ebenfalls bereits fest­stehen: Irrever­sible von Gaspar Noe, der Skan­dal­film beim dies­jäh­rigen Festival von Cannes – eine radikale Antwort auf Kubricks Eyes Wide Shut. Auch in diesem Jahr garan­tiert das Fantasy-Filmfest also: Kino ohne Scheu­klappen.