Der letzte Showman |
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| Die AIP-Produktion THE RAVEN | ||
Von Thomas Willmann
»Ah, dream too bright to last!
Ah, starry Hope! that didst arise
But to be overcast!
A voice from out the Future cries,
'On! on!' – but o'er the Past
(Dim gulf!) my spirit hovering lies
Mute, motionless, aghast!«
- E.A. Poe: To One in Paradise
Warum hat mich diese Nachricht so getroffen? »Samuel Z. Arkoff gestorben.« Warum dieser Moment des »Oh, nein!«, warum diese Trauer? Der Mann war 83 Jahre alt, hatte ein erfülltes Leben hinter sich. Ein Filmproduzent, von dem die wenigsten je bewusst gehört haben werden, auch wenn ebenso wenige nicht irgendwann, nachts, im Fernsehen, wenigstens einen seiner Hunderte Filme gesehen haben dürften. Einer, dessen Tod im Feuilleton keine großen Spuren hinterlassen wird. Einer, von dem nicht
zu erwarten war, dass er noch einmal aktiv ins Filmgeschehen eingreifen würde, einer, dessen letzten Werke aus der Mitte der 80er Jahre auch wenig rühmlichen Glanz mehr hatten. Ein Mann, von dem ich nicht einmal mit Sicherheit hätte sagen können, dass er überhaupt noch lebte.
Warum also jetzt solch starke Emotionen, als ob es keine wichtigeren Anlässe dafür gäbe? Warum so ein Gefühl, als sei wieder ein Stück Hoffnung dahingefahren, als sie die Welt noch ein kleines bißchen dunkler
geworden?
Weil eine Ära, mag sie schon lang auch zurückliegen, immer erst dann wirklich endet, wenn die letzten ihrer Protagonisten sterben. Weil solche Nachrichten das unwiderbringliche Vergehen einer Epoche besiegeln.
Samuel Z. Arkoff war ein Produzent der alten Garde, ein Showman, ein Impressario. In den 50ern hat er, zusammen mit James H. Nicholson, seine »American International Pictures« gegründet, die zu einer der wichtigsten (wenn nicht sogar der wichtigsten) von den großen Hollywood-Studios unabhängigen Produktionsfirmen wurden.
Er hat nie einen Hehl daraus gemacht, dass finanzieller Erfolg ganz oben auf der Liste steht der Gründe, einen Film zu machen. AIP hat sich von Anfang an an
so ziemlich jeden erfolgsversprechenden Trend angehängt, begann mit Teenager-Filmen, machte Horror, reüssierte in Blaxploitation. »Exploitation«, das stand groß auf den Fahnen: Das filmische Ausnutzen – einer Modeerscheinung, eines Star-Namens, vom Mainstream unbefriedigter Schaugelüste. Arkoffs Kino war kommerziell durch und durch; der Filmkunstverdacht kam bei Publikum und Kritikern während der Erstaufführungen so gut wie nie auf. Dass er dem amerikanischen Kino
besonders der 60'er und ‘70er einige seiner größten Momente beschert hat, dass haben die meisten, wenn überhaupt, nur mit Abstand gesehen.
Arkoffs Wirken fiel in eine Zeit, als die klassischen Hollywood-Studios marode wurden, als das Kino verstärkt gegen den Konkurrenten Fernsehen zu kämpfen hatte, als das Genre-Kino im Mainstream noch immer mit einem Ruch behaftet war. Es gab Platz für Billiges, Unabhängiges, Gewagtes. AIP hat nie auf den Geschmack aller, auf die ganz große Masse gezielt. Man suchte Nischen, die genug Bedarf versprachen, damit die Einnahmen über den (bescheidenen) Budgets der Filme liegen konnten. Es
sind bei weitem nicht nur Meisterwerke entstanden auf diese Weise, nicht einmal immer gute Filme. Aber Arkoff hatte eine Integrität, die in den AIP-Produktionen fast immer durchschien.
Es ist das alte, paradoxe Phänomen, das heute hin und wieder noch bei Hollywood-Blockbustern zum Tragen kommt: Wenn ein Titel, ein Thema, der Name eines Stars schon allein genügend Einnahmen garantiert, dann ist egal, was in dem Film selbst passiert. Dann kann, und das ist der Clou, der Film nicht nur
zusammengeschludert sein wie er will – nein, er kann ganz im Gegenteil auch Raum bieten für künstlerische Experimente, die den Horizont des Publikums eigentlich übersteigen.
So schuf AIP einen Freiraum, in dem manches möglich war, was in den konservativeren Groß-Studios nie eine Chance bekommen hätte. Ein Quentin Tarantino könnte heute nicht Pam Grier verehren, wenn die nicht bei AIP so reichlich Gelegenheit bekommen hätte, zu zeigen, was sie drauf hat. Ein Francis Ford
Coppola hat seine Karriere bei AIP begonnen, mit DEMENTIA 13; ein Nicolas Roeg war hier Kameramann. Die ganze wilde Explosion an Talenten, Ideen, Kräften im amerikanischen Kino der 70er hat ihre Wurzeln viel tiefer bei Arkoffs Filmschmiede als beim Hollywood-Establishment. Und auch in Sachen Zufuhr an Bildern und Konzepten von außen verdankt Amerika Arkoff viel – er gehörte zu den wenigen, die systematisch den cineastischen Isolationismus der USA durchbrachen, der
(hauptsächlich als kluger Geschäftsmann, nicht als Cinephile) importierte, die Godzilla-Filme aus Japan beispielsweise. Oder der als Co-Produzent die grandiose Welle italo-iberischen Horrors mit auf den Weg brachte – Mario Bavas offizielles Debut, der gigantische La maschera del demonio, ist auch ein Verdienst Arkoffs.
Vor allem aber mit einem Namen ist AIP verbunden wie mit
keinem zweiten: Roger Corman – in seiner Bedeutung noch immer unterschätzt. Kaum zu zählen, wie viele der AIP-Filme auf sein Konto gehen – ganz gewiss aber, dass es auch der Gutteil der schönsten sind. Wäre ich gezwungen, aus der unüberschaubaren Fülle von Arkoff-Produktionen nur eine spezifisch umgrenzte Teilmenge herauszupicken, für die Nachwelt, es müsste wohl der Zyklus von Roger Cormans (meist mit Vincent Price besetzten, Gott hab' auch ihn selig) E.A. Poe-Verfilmungen
sein. Wer einmal das Glück hatte, diese Filme in guten Kopien (oft ist von den gloriosen Farben nur noch ein blasser rot-weiß-Matsch übrig) im Kino zu sehen, wird nicht fragen müssen, warum.
Es ist vielleicht kein Zufall, dass Arkoffs Wirken seinen Höhepunkt ausgerechnet im Horror-Kino gefunden hat, ausgerechnet im Anknüpfen an die Tradition amerikanischer Schauer-Romantik. Arkoffs Kino ist eines, das die Wurzeln des Mediums in Rummelplatz und Schaustellergewerbe nie vergessen hat, in dem immer wieder auch die Anfänge durchschienen, als Kino etwas hatte von Geisterbeschwörung, als das Dunkel im Saal gefährlich wirkte und die mechanisch flackernden
Lebens-Schatten auf der Leinwand gruselig.
Wie jedes gute Exploitation-Kino spekulierten auch Arkoffs Produktionen gern mit dem Reiz des Verbotenem, lockten mit Bildern, die zu sehen Lust und Angst versprachen.
Es gibt fast keinen Platz mehr für solches Kino. Der Genre-Film ist fest in Beschlag genommen von den großen Major-Produktionen. Jene Art von Film, die früher AIP gemacht hätte, für eine Handvoll Dollar, wird nun mit hunderten Millionen Aufwand gedreht, schwört das Publikum
ein auf die Gewöhnung an einen technischen Standard, der für unabhängige Filmemacher kaum erschwinglich ist und treibt dabei nur zu oft allen Charme, alles Gewagte aus – das viele Geld muss wieder eingespielt werden, und da sucht man schnell nach dem kleinsten gemeinsamen Nenner. Und die Kinos selbst sind anders geworden: Sind sanitäre, durchgestylte Multiplexe (oft von den Betreibern her geschäftlich verflochten mit den Majors), Filmabfertigungsstätten mit
Popcorn-Mästung, in denen Grusel, in denen das Dreckige, Geheime, Verbotene nicht einmal durch den Zwangsspaß-Terror der Eingangsbereiche kommt.
Auf Video hat man die Art von Filmen verbannt, die Arkoff, die AIP machten. Wo sie weder eine Chance bekommen zu wirken, noch inzwischen in den Händen von Produzenten und Regisseuren sind, die jenes Maß an Anstand und Verstand aufbringen, das einen Arkoff, einen Corman auszeichnete. Bis vor einiger Zeit hatte sich in Hong Kong noch ein durch und durch kommerzielles, populäres Kino gehalten, das schnell, billig und ungeheuer innovativ produziert wurde – jetzt, zeigen jüngste
Zahlen, hält man auch dort Hollywood für das Maß aller Dinge. (Was einem an der Menschheit wirklich verzweifeln lassen kann – wie können Leute ernsthaft etwas vorziehen, was lockere 20 Jahre hinter dem herhinkt, was beispielsweise ein Tsui Hark mit TIME AND TIDE auf die Beine stellt?)
Wo Independent-Kino wirklich stattfindet (und nicht nur von Disney-Töchtern wie Miramax vorgetäuscht wird), da driftet es derzeit doch überwiegend auch in längst eingefahrenen Bahnen dahin, in
Richtung Bildungsbürger-Kunstfilm, Generationen-Nabelschau, Tarantino-Aufarbeitung. Wenn aber im Genre-Film (von dem aus in der Filmgeschichte – siehe zuletzt Tarantino – wieder und wieder die entscheidenden Impulse ausgingen) kein Platz mehr ist für einen Talente-Spielplatz wie AIP – wo sollen sie dann herkommen, die neuen Ideen, Visionen? Wo will der Mainstream sich dann bedienen, wenn er mal wieder in austrocknenden Seitenarmen versickert und neue Quellen
anzapfen muss? Wo sind die rauhen, kantigen, gefährlichen Steine, die er weitertragen und glattmachen kann?
Das Kino hat mit Samuel Z. Arkoff nun endgültig einen der letzten verloren, die es verstanden haben, mit höchster Kunst an nieder Instinkte zu appellieren, frisches Blut in geschmackvollen Strömen fließen zu lassen, Kino als untrennbare Gesamtheit von Showmanship, Geschäft, Kunst (ja, eigentlich die Untrennbarkeit dieser Begriffe voneinander) zu begreifen. Sein Tod ist das Zeichen für das Ende einer Ära, die ohnehin schon Geschichte ist.
Arkoffs Art von Kino, sie ist (noch
einmal Poe), »No more – no more – no more«.