06.09.2001

Tagebuchnotizen, 3. Folge

Ulrich Seidels HUNDSTAGE

Tagebuchnotizen, 3. Folge

Wanderungen zwischen Traum und Wirklichkeit

Von Rüdiger Suchsland

Nicht nur der Eröff­nungs­film des Wett­be­werbs um den »Goldenen Löwen«, DUST vom Maze­do­nier Milcho Manchevski sorgte für Kontro­versen. 1994 gewann Manchevski hier mit BEFORE THE RAIN über­ra­schend den Wett­be­werb. Dann ging er nach Hollywood, DUST ist der erste Film, den er seitdem, nach zwei Projekten, die ihm vom Studio aus der Hand genommen wurden, vollenden konnte, und nun endlich die Hoff­nungen, die er mit seinem Erstling weckte, einlösen möchte.

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Das Resultat ist ein viel­schich­tiges, mythisch ange­hauchtes und sich biblisch gebendes Drama über zwei verfein­dete Brüder, Ameri­kaner, die es nach Europa verschlägt. Gespielt werden sie von dem über­zeu­genden Newcomer David Wenham und Joseph Fiennes. Im Maze­do­nien des Jahres 1912 kämpfen beide während der Befrei­ungs­kriege gegen die osma­ni­sche Besatzung, auf verschie­denen Fronten.

»Dust« ist ein düsteres, blut­rüns­tiges, zugleich in Stil und Erzähl­struktur betont »post­mo­dern« verschach­teltes Epos – voller halbgarer Refe­renzen an die Film­ge­schichte, und mit deut­li­chen Anleihen vor allem an die »Spaghetti-Western« der 60er-Jahre. Denn für den erklärten Western-Fan Manchevski befindet sich im Balkan der »wilde Osten«, die Region, in der, wie es im Film heißt, »die Jahr­hun­derte nicht aufein­ander folgen, sondern parallel exis­tieren«. »In mir lebt noch der Zwölf­jäh­rige, der ich einst war«, meinte Manchevski in der Pres­se­kon­fe­renz zum Film, »darum habe ich diesen Film gemacht. Aber weil ich inzwi­schen älter bin, ist er so geworden, wie er jetzt aussieht.«

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Der poli­ti­schen Realität und unserer Gegenwart verwei­gert sich »Dust«, der nach Wunsch des Regis­seurs lieber als Reflexion über das »Geschich­ten­er­zählen« und die Rela­ti­vität histo­ri­scher Wahrheit verstanden werden will – gerade das macht ihn aber wieder zu einem auch poli­ti­schen Statement der anderen Art.
Und angreifbar.
Teile des Publikums reagierten mit heftigen Buhrufen auf diese Eröffnung. Für Streit sorgte bei dem nicht zuletzt mit deutschen und briti­schen Geldern finan­zierten Film, weniger die mitunter über­trie­benen Blut­or­gien als vor allem die mehr als einsei­tige Darstel­lung der türki­schen Besatzer – es war schwer denen zu wider­spre­chen, die hier von »Rassismus« sprachen. Hinzu kam das poli­ti­sche Pathos des Regis­seurs, der in seinem Film dieje­nigen verdammt, die »nur für Geld« töten, aber dieje­nigen feiert, die es »für die Freiheit« tun – solche Worte werden dann von hübschen jungen Frauen in knackiger Tracht gespro­chen, ihre Zuhörer sind junge Männer, die kurz darauf wieder frohgemut zur Flinte greifen. Die Form, in der Manchevski sich zudem den Fragen nach seiner »poli­ti­schen Agenda« entzog, tat ein Übriges: mit Schweigen reagierte er kurzer­hand auf entspre­chende Neugierde.

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Sex, Gewalt, Sozi­al­kritik prägten auch viele andere Filme der ersten Wett­be­werbs­tage. Stilis­tisch sehr Unter­schied­li­ches, Werke, deren – bei allem Streit­baren – grund­sätz­lich hoher Anspruch den Streit lohnens­wert macht.
Etwa BULLY von Larry Clark, der seit KIDS auf die realis­ti­sche Darstel­lung der Lebens­welten ameri­ka­ni­scher Groß­stadt­kids abonniert scheint. Diesmal geht es um die Chronik eines angekün­digten Mordes im Sünden­pfuhl einer Gruppe weißer Mittel­stands­kinder in Florida. Zwingend und eindring­lich kam BULLY, der mit einer ganzen Palette von Young­stars – Brad Renfro oder Bijou Philipps – aufwarten kann, gut an. Viel disku­tiert blieb aber, ob Sex und Gewalt wirklich in derart offener, bewusst mit den Voyeu­rismen eines Jeden spie­lender Form gezeigt werden muss – keine Frage: Larry Clark ist ein Moralist, der an die Über­zeu­gungs­kraft dras­ti­scher Bilder glaubt.

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Damit ist er nicht allein in Venedig: ADDRESS UNKNOWN, der Wett­be­werbs­bei­trag des Koreaners Kim Ki-Duk, ist eine groteske Parabel auf die desil­lu­sio­nierte südko­rea­ni­sche Gesell­schaft der späten 70er und ihr prekäres Verhältnis zu den USA. Brutal, ohne allzuviel tatsäch­lich zu zeigen, zugleich auf einer symbo­li­schen Ebene als Traktat über Sehen und Blindheit mündet der Film in eine univer­sale Tragödie – vier, fünf verschie­dene Episoden und ihre Charak­tere, deren Schicksal in irgend­einer Form mitein­ander verbunden ist, metzeln sich selbst oder de anderen hin – ein vers­tö­render Film, den die einen als
sadis­ti­sches Machwerk kriti­sierten, die anderen als authen­ti­schen Ausdruck einer sozialen Krise ernst­nahmen.

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Fast etwas verdächtig viel Einigkeit herrschte dagegen über die Qualität von Y TU MADRE TAMBIEN vom
Mexikaner Alfonso Cuaron. Eine so bewegende wie komische Mischung aus Road-Movie und kluger Gesell­schafts­sa­tire, die ein modernes Mexiko jenseits der Klischees zeigt, ein Land, im Wandel, das – wie seine beiden puber­tie­renden Haupt­fi­guren -lernt, erwachsen zu werden.

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Am Wochen­ende kamen die Stars auf den Lido: Nicole Kidman, Charlize Theron, Martin Scorsese, Denzel Washington – sie alle gaben sich die Klinke in Venedig in die Hand. Mit viel Routine und kaum weniger Disziplin wechseln die Pres­se­kon­fe­renzen im Halbstun­den­rythmus -ein Film­fes­tival erlebt seine ersten Höhe­punkte.

Besonders der Auftritt von Nicole Kidman zog dabei alle in Bann. »Film ist vor allem die Kunst der Regis­seure« brach die Schau­spie­lerin mit Charme und Intel­li­genz vor der versam­melten inter­na­tio­nalen Presse eine Lanze fürs Autoren­kino, und erklärte dass sie in Zukunft vor allem mit europäi­schen Regis­seuren zusam­men­ar­beiten wolle – so etwa dreht sie bald mit dem Dänen Lars von
Trier.

Diesmal war sie mit OTHERS zu Gast, einer klas­si­schen »Gothic«-Schau­er­ge­schichte mit Anklängen an THE SIXTH SENSE. Im Stil erinnert der über weite Strecken gelungene Wett­be­werbs­film des Spaniers Alejandro Amenabar aber noch eher Hitch­cocks REBECCA und andere Filme der 40er Jahre. In deren Atmo­sp­h­aehre
spielt die Geschichte einer Mutter zweier Kinder, die allein in einem über­di­men­sio­nierten Haus im briti­schen Nebel lebt. Merk­wür­dige Ereig­nisse nehmen zu, ein düsteres Geheimnis ist zu entdecken, und die von Kidman großartig gespielte Haupt­figur zweifelt zunehmend in der Realität ihrer Wahr­neh­mungen.

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Über Balan­ce­akte auf der Grenze zwischen Traum und Wirk­lich­keit geht es in vielen Filmen. In seiner unnach­ahm­li­chen Art spielt Woody Allens THE CURSE OF THE JADE SCORPION mit dem Thema. Auch er lässt seinen neuen Film wieder einmal in seiner Lieb­lings­epoche, den 40er-Jahren spielen: Eine Detek­tiv­ge­schichte mit ironi­schen Anklängen an Motive des »Film Noir«. Allen selbst spielt einen »Private Eye«, der von einem Hypt­no­ti­seur ohne sein Wissen zu einem erfolg­rei­chen Einbre­cher gemacht wird – per Codewort »Konstan­ti­nopel«. Im Wach­zu­stand ist er dann im Auftrag der Versi­che­rung sich selber auf der Spur – eine intel­li­gente, zugleich sehr alberne Komödie um Schi­zo­phrenie und die Rela­ti­vität aller Fakten. Persön­lich ließ sich Vene­dig­lieb­haber Allen nach dem Film von seinen Haupt­dar­stel­lern Helen Hunt und der funken­sprühenden Holly­wood­new­co­merin Charlize Theron vertreten – da sein Film diesmal außer Konkur­renz läuft, hielt er wohl persön­liche Anwe­sen­heit für unnötig.

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Der Wett­be­werb bleibt bislang auf hohem Niveau verhalten. Zwar sieht man kaum schlechte Filme, doch umgekehrt fehlen auch bisher die klaren Favoriten. Die Beiträge unbe­stritten guter Regis­seure verliefen dabei eher enttäu­schend. Von André Téchiné hatte man zum Beispiel viel erwartet: Wie zuvor in Fruit Chans
miss­glücktem HOLLYWOOD HONGKONG geht es in LOIN um das, durch ökono­mi­sche Globa­li­sie­rung zusätz­lich aktuelle Thema Gren­zü­ber­schrei­tung. Ein fran­zö­si­scher Fern­fahrer liebt eine Frau in der marok­ka­ni­schen Hafen­stadt Tanger. Sie wiederum spielt mit der Hoffnung, durch Emigra­tion nach Kanada ein besseres Leben zu führen, und dem Wunsch, in der schwie­rigen Heimat zu bleiben. Trotz seines guten Themas lässt der Film merk­würdig kalt, im Gegensatz zu Téchinés Meis­ter­werken der 90er – MEINE LIEBSTE JAHRESZEIT und WILDE HERZEN – wirkt LOIN beliebig. Viel­leicht war Téchiné mit der Doppel­rolle als Regisseur und Autor einfach über­for­dert, viel­leicht war die Story zu kopf­lastig, um in den
Bann zu ziehen – immerhin bleibt einem der Film nach­drueck­li­cher im Gedaechtnis, als andere, und der Franzose dürfte ingesamt durchaus Preis­chancen haben.

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Am Anfang ist jede Leinwand schwarz. Doch diesmal bleibt es so. Ganz einfach, 70 Minuten lang. Nur unter­bo­chen vom gele­gent­li­chen kurzen Aufblitzen eines reinen Weiss. Zunächst begrüsst das der Zuschauer noch wie einen Schimmer der Hoffnung, dass es nun mit den Capricen des Regis­seurs ein Ende habe, dass der Film endlich anfängt. Später sind die Unter­bre­chungen nur noch lästig, kleine sadis­ti­sche Exkurse in medi­ta­tiver Dunkel­heit. »Hurlement en faveur de Sade« stammt von 1952 und ist ganz und gar geprägt vom Avant­gar­dismus seiner Enste­hungs­zeit. Gedreht hat ihn der zu spät gekommene Surrea­list Guy Debord, dem beim Film­fes­tival von Venedig die Retro­spek­tive gewidmet ist.
Die meisten von Debords Filmen sind sehr persön­liche Doku­men­ta­tionen, filmische Illus­tra­tion und Erwei­te­rung seiner in Buchform entwi­ckelten These von einer univer­salen Diktatur der Bilder, »Der Gesell­schaft des Spek­ta­kels«. Die macht Debord attraktiv und aktuell in einem Moment, in dem seine Theorien Realität zu werden scheinen. Denn dass einmal alle Bild­schirme schwarz sein koennten, das ist die wahre Utopie im Reich Berlus­conis, und in einem Moment, in dem aus dessen Regierung massive Angriffe gegen Mostra-Direktor Alberto Barbera lanciert werden, fast schon wieder ein Hoff­nungs­schimmer. Das italie­ni­sche Publikum jeden­falls pilgert in Scharen zu diesem Toten, hält dessen Zumu­tungen gerne aus.

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Über­ra­schen­der­weise bildet Debord auch zu vielen Filmen der beiden Wett­be­werbe im Festival einen produk­tiven Kontrast. Es erinnert daran, dass Kino einmal ein Reich der Inten­sität war, die sich nicht durch Spezi­al­ef­fekte herstellen liess. Natürlich war auch zu Debords Zeiten nicht alles besser, aber damals war zumindest das Verlangen vieler Filme­ma­cher spürbar, authen­ti­scher Ausdruck von wider­sprüch­li­chen Lebens­ge­fühlen und nicht nur deren beru­hi­gende Ablenkung zu sein. Wo im zeit­genöss­si­schen Kino verbirgt sich dieser konse­quente Wille, Kino über das Amüsement hinaus als Kunstwerk zu begreifen, der radikle Mut, mit der einst das europäi­sche Autoren­kino um neue Bilder und andere Wahr­heiten gerungen hat, der hier in Doku­men­ta­tionen zu Pasolini und Antonioni immerhin nost­al­gisch beschworen wird?

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Jeden­falls nicht bei Ken Loach. Mit »Navi­ga­tors« ist der Brite seinem Stil treu geblieben und erzählt von einer Gruppe von Bahn­ar­bei­tern, die 1995 ein Opfer der Priva­ti­sie­rung wird. Unauf­haltsam nimmt der Sozi­al­abbau seinen Lauf zu einem Ende hin, das schon in den ersten Bildern ange­deutet wird, und bei dem einer aus der Gruppe sein Leben verliert. Aber da, wo die Geschichte als persön­liche inter­es­sant wird, bei der Frage, wie es mit den Dreien weiter­geht, die den durch Sicher­heits­mängel verschul­deten Unfalltod ihres Kollegen decken, um ihren eigenen Job zu behalten, hört der Film auf. Nie findet Loach zu jener Inten­sität des Gefühls, die »Land & Freedom« oder »My Name is Joe« prägte. Und auch als poli­ti­sches Manifest funk­tio­niert »Navi­ga­tors« nicht. Denn Loach bietet längst bekannte Befunde, beschreibt Vertrautes; bei der Frage nach Konse­quenzen lässt er den Betrachter allein. Man mag das als weise Zurück­hal­tung, als kluge Vermei­dung zu einfacher Lösungen loben. Aber im persön­li­chen Gespräch verweist Loach dann durchaus darauf, man müsse eben »wieder die Klassiker lesen, analy­sieren, was 1917 und 1936 falsch gelaufen ist«, und im Übrigen daruaf warten, dass die Selbst­wi­der­sprüche des modernen Kapi­ta­lismus diesen endlich zerstört haben. Ein bisschen feige wirkt da der Verzicht, solchen Thesen auch filmische Gestalt zu geben, und wie etwa Debord oder Pasolini oder zumindest in Ansätzen André Techinés Grenz­gän­ger­drama »Loin« das ganz Andere einzu­for­dern.

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Die Türsteher wecken tagsüber bei vielen die niedrigen Instinkte. Nach einer Woche hat man immerhin gelernt, nicht wegzu­gehen, wenn es heisst: »The Film ist sold out.« Das ist dann nur eine Floskel für: »Die Dummen gehen jetzt.« Denn irgend­wann kommt man dann doch rein. Man muss nur hart­nae­ckig bleiben, schimpfen, disku­tieren, nerven. Die Italiener sprechen nur vom »cazzo da porta«. Aber das wollen wir lieber nicht über­setzen.

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Richard Linklater kann man mangelnden Mut nicht nachsagen. Mit zwei sehr unter­schied­li­chen, doch glei­cher­massen künst­le­risch gewagten Filmen ist der US-Inde­pen­dent in Venedig vertreten. »Waking Life« ist stilis­tisch ein Trickfilm. Inhalt­lich variiert dieser philo­so­phi­sche Essay ein unter­grün­diges Leitmotiv des Wett­be­werbs, das Verhältnis von Traum und Wirk­lich­keit – um das ja neben Amenabars »Others« oder Woody Allens »The Curse of the Jade Scorpion« selbst Loachs Film gewis­ser­massen kreisst. Mit der Zeit nehmen die spre­chenden Köpfe hier zwar stark überhand, und viele der Debatten über den Sinn des Lebens erinnern stark an »Sofies Welt«, doch trotzdem bemüht sich Linklater darum, die Konven­tion zu verlassen, den Zuschauern eine persön­liche Reflexion über die Welt zuzumuten ohne dabei völlig unzu­gang­lich zu sein. »Tua res agitur« könnte auch das Motto von »Tape« sein, Link­la­ters zweitem Beitrag (in der Reihe Nuovo Territori). Ein digitales Kammer­spiel für drei Personen, nach Stephen Belbers Thea­ter­s­tück. Uma Thurman, Ethan Hawke und Robert Sean Leonard sind allesamt gross­artig, und zeigen einen der schau­spie­le­risch anspruch­vollsten Auftritte, die bisher zu sehen waren. Sie spielen drei Schul­freunde, die sich nach Jahren in einem Motel wieder treffen. Ihre mitein­ander verwo­benen Bezie­hungen und ein unge­klärtes Ereignis der Vergan­gen­heit, von dem drei verschie­dene Versionen exis­tieren, bieten Stoff für ein dicht gefilmtes Drama ibsen­scher Dimension.

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Irri­ta­tion und Beun­ru­hi­gung domi­nieren erst recht in »Hundstage«, so oder so einem der Höhe­punkte im bishe­rigen Wett­be­werb. Ulrich Seidel, bisher durch Doku­men­ta­tionen (»Tierische Liebe«, »Models«) auf Festivals bekannt geworden, bewegt sich in seinem ersten Spielfilm in den Abgründen des privaten Öster­reich. Wenn Loachs Film beweist, wo der Huma­nismus des 19.Jahr­hun­derts an seine Grenze stößt, zeigt »Hundstage« wo der anti­hu­ma­nis­ti­sche Blick eines Michel Houel­le­becq produktiv werden kann. Über­wie­gend mit Laien­dar­stel­lern zeigt Seidel wie ein Ethnologe des europäi­schen Suburbia Menschen eines namen­losen Vororts, die sich lieben und sich schlagen, die zuviel und zuwenig reden, im Super­markt und im Swin­ger­club – Ficken und Shoppen als Essenz des modernen Lebens. Seidels auf Anklagen verzich­tende Vivi­sek­tionen der Spies­ser­seele bewegen sich an der Grenze zur Zumutung. Hart und kompro­misslos sind sie zugleich dort am stärksten, wo sie sich auf Alltäg­lich­keit ganz einlassen, diese mit der Kühle eines Struk­tu­ra­listen offen­legen, ohne sie bloss­zu­stellen oder zu denun­zieren. Da kann sich dann auch der Betrachter nicht mehr wohl­ge­fällig ausschliessen. Wo es hingegen ins Extrem abgleitet, auf der Frot­tee­couch gefoltert wird, wo eine Figur mit anal einge­führter bren­nender Kerze die öster­rei­chi­sche Natio­nal­hymne zu singen hat, nähert sich »Hundstage« dem zynischen Blick und einer Effekt­ha­scherei, die der Film im Übrigen vermeidet, und die seine Wirkung eher verwäs­sert. Ansonsten belegt »Hundstage«, dass Objek­ti­vie­rung nicht notwendig zur Teil­nahms­lo­sig­keit führen muss. Liebe freilich trifft man hier nur in frat­zen­hafter Verzer­rung – eine ferne Erin­ne­rung, dass da noch etwas war.

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So geht es also weiter in Venedig. Die Suche der Filme­ma­cher nach Inten­sität kommt kaum ohne Sex und Gewalt aus, mündet manchmal in billige Provo­ka­tion, doch öfter noch ist das Bemühen spürbar, der Realität nicht auszu­wei­chen, jeden­falls genau hinzu­sehen. Immerhin etwas.

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Attacken auf ein Festival
Von der Wert­schaet­zung der Kultur – Notizen aus Venedig, 2.Folge

Wenn Ordner mit Ellen­bogen und geballten Fäusten auf Film­kri­tiker losgehen, dann ist das auch für ein großes Film­fes­tival bei dem natur­gemäß alle Seiten ein wenig über­ar­beitet sind, und sich viel­leicht auch noch etwas wichtiger nehmen, als sonst, unge­wöhn­lich. Erst recht wenn man sich gerade im italie­ni­schen Venedig befindet, also unter Menschen, denen man nachsagt, dass sie das »dolce vita«, das süss-lockere »leben und leben lassen« geradezu erfunden haben.

Aber zur Zeit liegen in Venedig, bei aller südlän­di­schen Gelas­sen­heit, die Nerven blank. Zum 58. Mal findet zwischen den noblen Hotels am Strand des Lido die renom­mierte »Mostra« statt, und noch nie, noch nicht einmal in den Grün­dungs­jahren, als noch in Rom der »Duce« regierte, war das Film­fes­tival, eines der ältesten der Welt, ähnlichen poli­ti­schen Attacken ausge­setzt wie jetzt. Denn in Rom regiert seit Mai der Medi­en­ty­coon Silvio Berlus­coni, in dessen Koali­ti­ons­re­gie­rung bekannt­lich unter anderem die rechts­extreme – sie selbst nennen sich gerne »post­fa­schis­ti­sche« – »Alleanza Nationale« sitzt und in dieser Partei gibt es offenbar einige Leute, die in Venedig gern einmal so richtig aufräumen würden. Zum Beispiel Vittorio Sgarbi, Staats­se­kretär im Innen­mi­nis­te­rium. Vom in allen Demo­kra­tien gültigen Grundsatz der Kunst­frei­heit hat Sgarbi offenbar noch nichts gehört. Kurz nach Festi­val­be­ginn erzählte er einigen Jour­na­listen, die Mostra sei ein »Festival der linken Rüpel«, und das Programm ein Zeichen von »Dekadenz«. Aus Sgarbis Sicht mag das sogar stimmen, denn tatsäch­lich sind die Filme, die Festi­val­leiter Antonio Barbera ausge­wählt hat, von großer Toleranz geprägt, also bestimmt nicht von dem, was ein post­fa­schis­ti­scher Staats­se­kretär für prin­zi­pi­en­fest hält. Einige von ihnen, zum Beispiel die ange­se­henen Filme­ma­cher André Techiné und Ken Loach setzen sich mit den Folgen der wirt­schaft­li­chen Globa­li­sie­rung ausein­ander und sparen nicht mit Kritik an ihren jewei­ligen Regie­rungen, die in ihren jewei­ligen Heimat­län­dern Frank­reich und England übrigens derzeit von den Sozi­al­de­mo­kraten gestellt werden.

Nun gibt es in Rom auch noch einen Kultur­mi­nister, der eigent­lich im Gegensatz zu Sgarbi für derartige Fragen zuständig wäre. Er heisst Guiliani Urbani und hatte sich bereits zur Eröff­nungs­gala des Festi­val­auf­takt entschul­digen und nicht vertreten lassen, was als offener Affront gegen das filmische Aushän­ge­schild Italiens empfunden wurde. Trotzdem gilt Urbani, ein Mitglied der Partei Berlus­conis als verhält­nis­mässig liberal, und hielt nach Sgarbis Attacken, viel­leicht um diese Libe­ra­lität zu demons­trieren, erst einmal zwei Tage den Mund, um dann am dritten Tag seine eigene Zustän­dig­keit zu erklären. Er wies Sgarbi Äusse­rungen zurück, erklärte aber doch gleich­zeitig, in Venedig müsse sich »einiges ändern«. Nun ist das etwa so aussa­ge­kräftig, wie Berlus­conis Wahl­kampf­slogan, er werde für die Renten »eine ange­mes­sene Lösung« finden. Trotzdem verstand jeder Urbanis Bemerkung als offene Drohung gegen den Festi­val­leiter, dessen Vertrag Ende nächsten Jahres ausläuft, und bald zur Verlän­ge­rung ansteht.

Wirklich gefähr­lich für Barbera ist dabei die Tatsache, dass er nicht nur aus einer Ecke ange­griffen wird. Vielmehr gibt es durchaus ein paar Leute, die zwar, wie Barbera, kulturell und politisch eher dem links­li­be­ralen Lager zuzu­rechnen sind, die aber persön­lich nur gar zu gerne selbst auf seinem Posten sässen. Und bei genauem Hinschauen wird die Lage noch kompli­zierter. So ist einer der Haupt­spon­soren des angeblich so »linken« und »deka­denten« Festivals in Fern­seh­sender, der zu 100 Prozent dem Regie­rungs­chef Berlus­coni gehört, in täglichen und wie es heisst sehr erfolg­rei­chen Live­sen­dungen wird vom Lido berichtet.

Einst­weilen erregen sich in Venedig alle über die uner­zo­gene Regierung und die Grob­heiten der Ordner. Manche Kollegen konstru­ieren gar zwischen beidem einen Zusam­men­hang, und vermuten, viel­leicht wolle Berlus­coni einen Skandal provo­zieren. Aber das scheint dann doch etwas weit hergeholt.

Fest­zu­halten leibt, dass selbst so eine zwilich­tige Figur wie Vittorio Sgarbi die Kultur und die Bedeutung des Films offenbar wichtig genug nimmt, um einen hand­festen Kultur­kampf zu provo­zieren. Und das ist, trotz allem anderen, ein gutes Zeichen.