30.08.2001

Tagebuchnotizen

DUST von Milcho Manchevski

Tagebuchnotizen

Venedig kann sehr heiß sein

Von Rüdiger Suchsland

Sommer­hitze, Luft­feuch­tig­keit wie in Indien. Der Dunst, der über der Lagune hoch­steigt, sieht trotzdem aus wie Nebel. »Die Leute wollen keine Gondel­bilder mehr, keine Brücken, schon gar keinen Markus­platz, nur immer Namen« klagt eine schon ange­graute Kollegin vom Fernsehen über die Gepflo­gen­heiten der neuen Redak­teurs­ge­ne­ra­tion. »Früher, da wohnten die Stars am Lido, und saßen hier auf den Treppen, man konnte einfach mit ihnen reden. Heute wohnen sie drüben in der Stadt, fahren nur mal kurz mit dem Boot rüber, und haben zig Body­guards dabei.« Andere sind sauer, dass Joseph Fiennes abgesagt hat, und man jetzt am Ende gar Milcho Manchevski, den Regisseur des Eröff­nungs­films inter­viewen muss. »Wer kennt denn den? Das nimmt mir doch kein Mensch ab.« Mag ja sein, dass früher wirklich alles besser war, jeden­falls auf den Film­fes­ti­vals. Aber was nutzt’s? Wir sind heute da, zum ersten Mal, und also in der glück­li­chen Situation, nichts mit früher verglei­chen zu müssen. Zum 58. Mal findet sie statt, die »Mostra« von Venedig, die noch älter ist als Cannes, sozusagen die Mutter aller Festivals. Heute wird eröffnet.

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In letzter Zeit nimmt derar­tiges Gemotze unter den älteren Kollegen zu. Verschleiß­er­schei­nung? Viel­leicht muss man sich hüten, dass man nicht 20, 30 Jahre lang den Festi­val­zirkus mitmacht; dass man sich nicht selbst irgend­wann in der Situation findet, in der alles – der Eröff­nungs­film, die Promi­menge, die Inter­views, das Wetter, die Preise – schon mal besser war. Hüten muss man sich in jedem Fall davor, Teil eines Betriebes zu werden und das Denken all jener zu über­nehmen, die die Dinge nur in Verkaufs­zahlen betrachten. Egal ob in Zeitungs­auf­lagen, Einschalt­quoten, oder Besu­cher­zahlen. Schließ­lich sollte doch der Haupt­zweck der Sache sein, Filme zu sehen und inter­es­sante Leute zu treffen, nicht Inter­views »mitzu­nehmen«. Darum ist auch ein klein wenig Scha­den­freude darüber, dass Joseph Fiennes abgesagt hat, viel­leicht gar nicht so verkehrt. Denn es kommen genug andere, und mancher rückt plötzlich ins Zentrum der Aufmerk­sam­keit, der sonst durch das strenge Raster des Star­fak­tors gefallen wäre. Hongkong-Regisseur Fruit Chan zum Beispiel, immerhin im Wett­be­werb.

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Obwohl das alles schon hundert­tau­sendmal beschrieben wurde: um den Eindruck dieses Ortes kommt man einfach nicht herum. Und ertappt sich schon auf der Anfahrt bei der Wunsch­vor­stel­lung, es möge doch zumindest einen Film geben, der den Schau­platz des Festivals selbst zum Thema macht. Ein zwie­lich­tiger düsterer Thriller viel­leicht, oder ein Kostüm­film, der die Dekadenz von Viscontis Thomas Mann-Verfil­mung erreicht. Oder Roegs WENN DIE GONDELN TRAUER TRAGEN. Hatten die eigent­lich damals in Venedig Premiere?

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Ein Hauch von 70er-Jahre Kino weht auch durch den Eröff­nungs­film, DUST von Milcho Manchevski. Ein wildes Panorama, ein Western, der in Maze­do­nien spielt, 1912 im Kampf gegen die Türken. Kein bisschen Realismus, das ist jedem klar. Um so schärfer klingt dann die nur freund­lich formu­lierte Frage des briti­schen Kollegen Alexander Walker durch den Raum: »What is the political agenda behind your movie? And did the Producers in my country, the united kingdom and in germany know about that agenda before?«

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Stille. Nur das Rattern der Klima­an­lage. Manchevski antwortet dann nur mit einem »Thank you for that statement.« Auch ansonsten ärgert er die Kollegen vor allem durch seine stink­stie­fe­lige Art, durch die Verwei­ge­rung der Debatte. Wenn einer überhaupt auf eine Pres­se­kon­fe­renz geht, sollte er auch das Spiel ein bisschen mitspielen. Und auch wenn ihm Walkers Frage nicht passte, war sie doch nicht unver­ant­wort­lich, sondern eine Vorlage für den Regisseur, seine eigene Lesart der Dinge zu erläutern. Aber viel­leicht ist der Film wirklich, wie Manchevski sagt, »ein Film, den sich der 12jährige in mir gewünscht hat.«

(to be continued)