20.04.2000
Der Filmfreund rät:

Film Diseases

High Anxiety

Der Filmfreund rät: Obsession, Vertigo, High Anxiety

Von artechock-Redaktion

Mit den bemer­kens­werten Filmen ist’s im Kino­pro­gramm gele­gent­lich wie mit den Oster­eiern im Garten: Sie sind versteckt. Beweise für diese phäno­me­nale These? Bitte­schön:
Alle, die Oster­sonntag-Vormittag nicht in der Kirche verbringen oder beim Oster­frühs­tück (- oder deren Kirche das Kino ist) können beispiels­weise wesent­lich dümmere Dinge tun als sich daran zu erinnern, dass es im Gloria allwöchent­lich just Sonntags diese haupt­säch­lich von Rentnern frequen­tierten Matineen gibt. Da läuft nämlich mal wieder ein deutscher Film von 1944 – soweit nichts unge­wöhn­li­ches. Aber diesmal hat man (womöglich als Oster­ge­schenk?) einen heraus­ge­sucht – DEN einen, kann man fast sagen –, der nicht nur für bräun­liche Kameraden und Distanz bewah­rende Film­his­to­riker beden­kenlos genießbar ist: Helmut Käutners Große Freiheit Nr. 7. Ein kleines Wunder, dass dieser Film damals gedreht werden konnte – kein Wunder, dass er in Deutsch­land erst mal nicht gezeigt werden durfte. Also auf, ihr Freun­dInnen des Blonden Hans und seines Schif­fer­kla­viers, oder Käuthners, oder einfach guten Kinos – schöner als auf großer Leinwand kann man dieses Agfacolor-Oeuvre nicht gucken.
(GROßE FREIHEIT NR. 7: Gloria, So. 11:00)

Und noch was, was
a beim Studium des dies­wöchigen Film­pro­gramms nicht allzu leicht ins Auge sticht, und
b allen Nicht- und Un- und lediglich nomi­nellen Christen zur Fest­ver­mei­dung gereichen mag.
Am aller­hei­ligsten Karfreitag nämlich bietet das Rottmann wieder was für Hindus und solche, die es werden wollen. Sowie für alle, die einfach gerne quietsch­bunte, saft- und kraft­volle, hyper­kom­mer­zi­elle indische Musicals sehen. Taal heißt’s, einen schönen Sound­track mit vielen Gesangs- und Tanz­num­mern hat’s. Und seit wir neulich endlich einmal selbst den Weg in’s Rottmann gefunden haben, um ein Bollywood-Musical zu gucken, können wir auch halbwegs dafür bürgen, dass bei denen Origi­nal­fas­sung OHNE Unter­titel auch für Leute, die keines Wortes Hindi mächtig sind, keine unüber­wind­bare Vers­tänd­nis­bar­riere darstellt. Das läuft großteils nach so wohl­be­kannten Genre-Mustern ab, dass man ziemlich problemlos mitkommt, wer da was von wem will u.ä.
(TAAL (OF): Neues Rottmann, Fr. 16:00, 19:30)

Jetzt müssen wir etwas mogeln – aber auch beim Ostereier-Verste­cken gibt’s ja immer ein oder zwei, die ganz leicht zu finden sind. Und insofern erwähnen wir hier auch noch mal die Hitchcock-Retro des Film­mu­seums. Okay, okay, haben wir schon reichlich oft getan. Aber diesmal ist’s erneut nötig und legitim, weil da nicht nur Filme von Hitchcock laufen. Sondern ein Wochen­ende angesetzt ist mit Filmen um des Meisters größtem Meis­ter­werk Vertigo herum. (Aktuelle Kurz­war­nung: Freilich sollte man sich keine Chance entgehen lassen, Vertigo mal wieder im Kino zu sehen. Aller­dings läuft die »restau­rierte« Fassung, die zwar optisch eine erfreu­liche Lösung darstellt, bei der aber die Tonspur in Grund und Boden verschlimm­bes­sert wurde. Klang­mischungen von Bernard Herrmanns Musik sind haufen­weise dahin, weil im Stereo­pan­orama ausein­an­der­ge­rissen, Geräusche sind viel zu laut und aufdring­lich, und Räume – eines der Haupt­themen des Films überhaupt – entstehen jetzt im Kopf teilweise ganz andere. Pfui bäh – wie wir bereits einmal ausführ­li­cher erör­terten.) Jeden­falls gibt’s schöne Sachen von Chris Marker (Sans soleil – aller­dings in der deutschen Fassung!?), Douglas Gordon, Mel Brooks (dessen High Anxiety zwar mit den Jahren immer mehr verliert, aber doch zumindest einmal Pflicht für alle Hitchcock-Fans sein sollte). Und vor allem – unser spezi­eller Tip – Brian De Palmas Obsession. Ein schwel­ge­ri­sches, üppiges, sympho­ni­sches Riff auf Vertigo mit einer bombas­ti­schen Filmmusik von Bernard Herrmann.
(FILMMUSEUM: Thema: Hitch­cocks VERTIGO, Fr.-So., Titel und Zeiten siehe Programm)

Der Grund, warum wir nun die abschließenden Empfeh­lungen unseres Herrn Oehmann nicht verste­cken, ist ein ganz einfacher: Der braucht sich damit nicht zu verste­cken. Sind doch pfen­nig­gute und völlig respek­table, pfeil­grade und ganz schön was herma­chende Empfeh­lungen. Mit denen wir Sie in eine hoffent­lich freudens- und segens­reiche Woche entlassen. Oder?:
»Samstags Fußball, Sonntag Linden­straße.«