06.04.2000
Der Filmfreund rät:

Weil wir gerade bei Kunst sind

Cremaster

Der Filmfreund rät: Atom Egoyan, Matthew Barney, Paul Schrader, David Cronenberg

Von artechock-Redaktion

Man soll seine LeserInnen ja pfleglich behandeln, und das sollten Sie von uns auch gewohnt sein. Aber diesmal müssen wir Sie doch ein klein wenig schelten: Unlängst haben wir an dieser Stelle gemutmaßt, Felicia’s Journey (zu Deutsch Felicia, mein Engel), den neuesten Film von Atom Egoyan, müssten wir Ihnen wohl nicht noch ausdrück­lich empfehlen, da gingen Sie gewiss sowieso hinein. Nun, danach zu schließen, wie kurz der in München nur lief, haben Sie uns da schwer enttäuscht.
Aber es ist ja noch nicht aller Tage Abend, es gibt ja noch das liebe, gute Werk­statt­kino. Als seien seine Verdienste nicht ohnehin schon zahlreich genug, bietet es Ihnen, verehrte LeserInnen, die Gele­gen­heit, alles wieder gut zu machen. Noch einmal haben Sie eine Woche Gele­gen­heit, sich von Meister Egoyan mal wieder aufs wunder­schönste ein wenig depri­mieren zu lassen. Doch, doch, keine Widerrede, das muss immer mal wieder sein. Also, hurtig hinein, damit unsere Hochach­tung vor Ihnen dann wieder in unge­bro­chener Gänze erstrahlen kann.
(Und wenn Sie schon dabei sind, beim Aufar­beiten von Vernach­läs­sigtem, dann können Sie im Neuen Arena am Wochen­ende auch gleich noch nach­prüfen, ob denn Meister Polanski in The Ninth Gate nicht doch bisher unent­deckte Tiefen versteckt hat – wir haben da so unsere starken Vermu­tungen...)
(FELICIA’S JOURNEY (OmU): Werk­statt­kino, Fr.-Di. 22:30
THE NINTH GATE (OF): Neues Arena, Do.-Sa. 22:45)

Film ist Kunst. Das steht für uns außer Frage. Und zwar bei weitem nicht nur da, wo »Filmkunst« drauf­steht. Verein­zelt soll sich’s aber noch nicht ganz rumge­spro­chen haben, und so ist’s löblich, dass das Film­mu­seum immer wieder mal die Brücke schlägt zu dem, was im Münchner Kultur­be­trieb offiziell unter Kunst mit großem K sortiert ist. Diesmal werden (um uns jetzt mal ein bisserl in Kultur­be­triebs-Sprech zu üben) Synergien genutzt mit dem Ausstel­lungs­pro­jekt »Die verletzte Diva«. Wenn Sie zu dem etwas wissen wollen, dann verweisen wir Sie ganz furchtbar syner­ge­tisch an die sach­kun­digen Menschen von artechock-kunst, die da bestimmt liebend gerne Auskunft geben. Wir führen hier nur ein wenig etwas aus zu den Filmen, die beglei­tend zur Ausstel­lung im Film­mu­seum laufen.
Da ist so richtige Kunst mit dabei wie Matthew Barneys am selben Ort bereits mehrmals ausver­kaufter Cremaster 4. (Wobei wir persön­lich da ja am Vorfilm, Scorpio Rising vom berühmt-berüch­tigten »Hollywood Babylon«-Autoren und Vorzeige-Sata­nisten Kenneth Anger, ungleich mehr inter­es­siert sind.) Oder Romuald Karmakars Abfilmung der Flatz-Perfor­mance Demontage IX Kunst­filme gibt’s auch, Diva Dolorosa zum B., oder Freak Orlando. Wenn wir aber zur Auswahl raten sollten an diesem voll­ge­packten Wochen­ende, dann würden wir doch mehr jene Sachen empfehlen, die sich des Kinos weniger schämen. Die allen­falls Filmkunst sind, wie Paul Schraders Mishima (hinter dem wir selbst geraume Zeit schon her sind), oder David Cronen­bergs großartig vers­tö­render Crash. Oder die im Kontext des klas­si­schen Hollywood-Unter­hal­tungs­kinos ihre Kunst ohne großen Trara einfach einge­schmug­gelt haben: Flesh and the Devil und The Scarlet Empress, mit der Garbo und der Dietrich, respek­tive. Denn es kann nie schaden, sich solch große Diven erst auch mal unver­letzt anzu­schauen.
(Die verletzte Diva – Körper/Kult: Film­mu­seum, Fr.-Mo., Titel und Zeiten siehe Programm)

Weil wir gerade bei Kunst sind: Das kommt, wie alle Sachsen wissen, von Gönnen. Und kaum einer beherrscht die Kunst, sich was zu Gönnen, so sehr als wie der Herr Oehmann. Doch, glauben Sie’s uns, der kann das. Erst neulich z. Beispiel, da hat er sich... aber lassen wir das, Sie müssen unserer Auskunft da einfach so vertrauen. Wenn Sie das Gönnen noch nicht so recht drauf haben, dann nehmen Sie sich ein Vorbild an diesem Meister. Tun Sie’s ihm gleich, und folgen Sie einfach diese Woche seinem klas­si­schen Rat:
»Samstags Fußball, Sonntag Linden­straße.«