04.06.1998
Kinos in München – Werkstattkino 1998

Billige Sessel setzen sich durch

Moderne Kinosessel
Moderne Kinosessel

Münchner Kinos im Test 1: Das Werkstattkino

Von Thomas Willmann

Unsere treuen Leser wissen es: Wenn es darum geht, Sie mit inves­ti­ga­tivem Kino-Jour­na­lismus von Weltrang zu versorgen, scheut Artechock keine Kosten und Mühen (und erst recht keine scham- und grundlose Selbst­be­weih­räu­che­rung).
Wer denkt nicht mit Begeis­te­rung zurück an unseren großen Coup, als es uns gelungen war, durch unter Lebens­ge­fahr bei der Produk­tion einge­schleuste Spione das streng­ge­heime Drehbuch von Titanic in die Hände zu bekommen? Und wir Ihnen als aller­erste und exklusiv die über­ra­schendste Plot­wen­dung vorab verraten konnten – daß nämlich das Schiff untergeht!
Und wer bekommt nicht heute noch ein feuchtes Glänzen in den Augen bei der Erin­ne­rung an jene Story, als wir – famos und tabulos wie immer – enthüllten, daß Harrison Ford, anders als in Air Force One behauptet, in Wirk­lich­keit gar nicht Präsident der Verei­nigten Staaten von Amerika ist!

Nun – in Fort­set­zung dieser ehren­werten Tradition haben wir uns entschlossen, unsere rastlosen Mitar­beiter under­cover in diverse Münchner Kinos zu schicken, um sie daraufhin in loser Folge ihre Eindrücke schildern zu lassen. Um unseren ratlosen Leser­scharen Halt und Orien­tie­rung zu geben in diesen verwir­renden Zeiten, ihnen ein leuch­tendes Lichtlein zu sein im Dunkel dieses schweren Lebens. Scho­nungslos anpran­gernd alles Nieder­träch­tige, Böse und Gemeine; im ewigen Kampf für das Reine, Wahre, Gute, Schöne und Benut­zer­freund­liche. Den Scham­losen und Hämischen zur ewigen Anklage, und denen Kennern zur Gemüth­ser­get­zung. Und da wir gerne positiv denken, heben wir unsere junge Reihe gleich mit einem Bericht über eines unserer Lieb­lings­kinos aus der Taufe: das Werk­statt­kino.

Under­ground – das ist für das Werk­statt­kino auch im ganz direkten Wortsinn das Leitmotiv: hinab in die Tiefen eines Hinter­hof­kel­lers muß man steigen, um zu seiner Pforte zu gelangen. »Bizarr! Grotesk! Unvor­stellbar!« ist auf selbiger zu lesen, so sie denn geschlossen ist (ein Anblick, mit dem das Leben übrigens uner­bitt­lich all jene bestraft, die zur Vorstel­lung zu spät kommen). Sonst gibt sie den Weg frei ins Foyer, wo man sich bei schum­me­riger Beleuch­tung schon mal mit der leicht moderigen Luft akkli­ma­ti­sieren und sich seelisch auf die „Coming Attrac­tions“ einstellen kann. Hier trifft man mit ziem­li­cher Sicher­heit auf einige Mitglieder des altbe­kannten Stamm­pu­bli­kums – und manchmal auch auf die kleine, graue Hinter­hof­katze, die aber eigent­lich gar nicht reindarf.

Ungefähr zehn Minuten vor Film­be­ginn dann das lieb­ge­won­nene Ritual: Aus dem Kino ist das Zuschlagen zweier Metall­türen zu vernehmen, dann ein lauter werdendes Klappern und Scheppern, als sich jemand aus der Werk­statt­kino-Crew nähert – die kleine Vereins­wart-Kasse in der einen, den Kasten Bier in der anderen Hand – und hinter einem klap­pe­rigen Holztisch Position bezieht. Jetzt darf man seine DM 10,- Obolus entrichten (8 Mark für den Eintritt, 2 für’s obli­ga­to­ri­sche Bier) und die gehei­ligten Hallen betreten, um sich einen der etwas mehr als 40 Sitze zu ergattern und dort im Halb­dunkel (bei ebenso eklek­ti­scher wie hinreißend obskurer Musik­un­ter­ma­lung) der atem­be­rau­benden Dinge zu harren, die da kommen werden.
Die Sitze: zuge­ge­be­ner­maßen auch für den Fan der größte Schwach­punkt des Werk­statt­kinos. Denn die Sessel, die sich in engen, unre­gel­mäßigen Reihen hier drängen, waren wohl zu ihren besten Zeiten schon kein Ausbund an Bequem­lich­keit – nun aber, da sie so zerschlissen sind, daß man ständig fürchten müßte, es könnten sich einem die Metall­fe­dern in die Gesäß­ba­cken bohren, hätten diese Federn nicht schon vor Jahren jegliche Sprung­kraft für immer eingebüßt: nun stellen sie das Sitz­fleisch auf harte Proben, sobald die Filmlänge 80 Minuten über­schreitet.

Ehrli­cher­weise sollte man auch einge­stehen, daß die etwas licht­schwache Projek­tion auf geweißelte Wand und die selbst­ge­zim­merte „Sound­an­lage“ (Mono, versteht sich) nicht wirklich dem Ideal für Film­prä­sen­ta­tion entspre­chen. Aber das gehört zum Werk­statt­kino nun einmal dazu, und es ist so, wie wenn man erstmal einen Menschen lieben gelernt hat: die störenden Dinge, über die man zunächst großzügig hinweg­sehen mußte – die schiefe Nase, das unan­sehn­liche Muttermal, der kleine Tick – sind schließ­lich auch Dinge, wegen deren man liebt.
Und wenn die Kasse erst einmal geschlossen, der schwere, schwarze Vorhang zum Foyer zugezogen; wenn das schwache Licht ganz ausgelöscht und der knat­ternde Projektor in Gang gesetzt ist: Dann gibt es nichts anderes, als dieses Film­theater zu lieben. Dann können einem häuser­block­große Leinwände und voll­di­gi­taler Surround-Ton gestohlen bleiben. Denn dann gibt es Kino – wahrstes Kino, wie man es sonst kaum noch findet: Dreckig und billig und pöbelhaft; versponnen und visionär; rausch­haft, teuflisch, göttlich; gemein­ge­fähr­lich und vers­tö­rend; elegisch und fremd und wahn­sinnig schön.
Dann gilt es, neue Kino-Konti­nente zu erobern, verkannte Genies und verges­sene Schätze zu entdecken, verlorene Perlen aus den Untiefen des Exploita­tion-Films zu bergen oder uner­wartet zugäng­liche Türen zum Olymp der Avant­garde zu durch­schreiten; im Niedersten das Höchste zu finden, Kino zu erfahren, das mal großartig, mal grot­ten­schlecht ist, aber immer lebendig und unan­ge­paßt.

Dieser kleine, muffige, dunkle Keller in der Fraun­hofer Straße ist eine der letzten Bastionen einer Kino-Kultur der Viel­fäl­tig­keit: Wo Film noch alles sein kann und darf, vom impro­vi­sierten Super8-Streifen bis zum Hollywood-Schinken; wo seine prole­ta­ri­schen Wurzeln noch ebenso lebendig sind wie sein künst­le­risch radikales Potential. Und wo, vor allem, der entschei­dende Antrieb weder Profit­streben noch elitäre Selbst­in­sze­nie­rung ist, sondern persön­liche Begeis­te­rung und immer­wache Neugier.
Ein Kino, in dem es noch wahre Über­ra­schungen zu erleben gibt, in dem einem immer wieder die Augen neu geöffnet werden. Und deswegen nicht nur eines der – hat man es erst einmal lieben gelernt – schönsten Kinos Münchens, sondern auch eines der wich­tigsten.