03.11.2016

Bimovie – das Festival mit dem Star*

Ik ben Alice
Pst, nicht weitersagen: Bei The Duke of Burgundy kommen auch Männer ohne * auf ihre Kosten

Das 22. Frau­en­film­fest Bimovie ist ein auch ein Fest für Frauen*, wie ein Blick ins Programm zeigt

Von Felicitas Hübner

Keiner ahnte, dass es im November in München wieder ein Maxim-Kino geben würde. So haben die Mache­rinnne des Frau­en­film­fes­ti­vals Bimovie ihre tradi­tio­nellen Abspiel­stätte verlassen und sind ins Rio am Rosen­heimer Platz ausge­wi­chen, das vom 3. bis 9. November 2016 dem Bimovie eine neue Heimstatt bietet. Die Mache­rinnen, also all die, die das Filmfest kura­tieren und orga­ni­sieren, nennen sich »die Geier­wallis« und sind die elf Freun­dinnen Moana Bauer, Chris­tiane Böhm, Anne Daschkey, Dorothee Denzler, Sabine Eisen­hauer, Katrin Gebhardt-Seele, Ingrid Hackl, Harriet Hoefer, Karin Hofmann, Annette Müller und Julia Stiebert.

Von Anfang an widmete sich Bimovie nicht nur dem Frauen- oder Lesben­film, sondern setzte auch stark auf Filme, die eben diese (Geschlechts-) Iden­ti­täts- und Reprä­sen­ta­ti­ons­po­litik in Frage stellen. Es waren und sind Filme, in denen einst das Binnen-I fort­schritt­lich war. Mit dem Binnen-I wurden zum Beispiel die Kino­be­su­cherInnen ange­spro­chen, um die Zwei­ge­schlecht­lich­keit der Anzu­spre­chenden auszu­drü­cken.

Womit sich die Cis*-Community noch immer schwer tut, hat das dem Fort­schritt tradi­tio­nell weit voraus seiende Berliner Bezirksamt Fried­richs­hain-Kreuzberg offiziell ins Amts­deutsch einge­führt: das Gender-Sternchen. Dieser »Gender*Star« spricht Frauen und Männer als auch Menschen, die sich der Kate­go­ri­sie­rung in das binäre Geschlech­ter­system entziehen (wollen), als Bürger*innen oder Mitar­beiter*innen an. Alle sozialen Geschlechter und Geschlechts­iden­ti­täten können adres­siert werden. 
(*»CIS« bezeichnet die Geschlecht­lich­keit von Menschen, die in ihrem bei der Geburt zuge­wie­senen Geschlecht leben und sich damit iden­ti­fi­zieren.)

Auch wenn sich das Bimovie selbst als »Frau­en­film­fest« bezeichnet, gibt es natürlich auch Sternchen-Filme zu sehen.

So bereits im Film Nr. 1:

FtWTF – Female to What The Fuck geht der Frage nach, wie männlich* ein Transmann sein muss. Was bedeutet der Begriff männlich* überhaupt? Wie eng sind das bei der Geburt zuge­wie­sene Geschlecht und die gesell­schaft­li­chen Rollen­er­war­tungen mitein­ander verknüpft? Diese Fragen stellen sich im öster­rei­chi­schen Doku­men­tar­film sechs Frauen*, die sich aus unter­schied­li­chen Gründen mit ihrem bei der Geburt zuge­wie­senen Geschlecht nicht wohl­fühlen und sich deshalb auf den Weg einer Geschlechts­an­glei­chung machen. Der Titel des Films verweist auf eine Tran­si­tion, an deren Anfang ein weib­li­cher* Körper steht, deren Ende aber offen bleibt. Was auch immer – what the fuck.

Film Nr. 2:

In dem indischen Film Margarita with a Straw geht es um Laila, eine junge, kreative und begabte Studentin an der Uni in Delhi. Sie ist spastisch gelähmt und auf den Rollstuhl ange­wiesen. Und sie möchte tun und lassen, was sie will, sich (auch sexuell) auspro­bieren. Auf der Suche nach ihrer sexuellen Identität gesteht sie sich und später ihrer Mutter gegenüber ein, dass sie bisexuell ist. Die Schau­spie­lerin Kalki Koechlin, die Laila spielt, setzt sich in Indien öffent­lich für die Gleich­stel­lung der Geschlechter und gegen Prosti­tu­tion ein.

Film Nr. 3:

Der Frei­heits­kampf der Kurdinnen (Kurdistan: Girls at War) beschreibt die femi­nis­ti­sche kurdische Frau­en­armee. Mit eindrück­li­chen Bildern zeigt der Film zum einen das Geschehen der aktuellen Ausein­an­der­set­zungen in Syrien, er begleitet die Kurdinnen, befragt sie zu ihren gegen­wär­tigen Problemen, zu ihren Zielen und Idealen – und erzählt damit zum anderen die viel­sei­tige Geschichte der kurdi­schen Frau­en­be­we­gung. Die Kämp­fe­rinnen schildern ihre Beweg­gründe, ihren Alltag und ihre kollek­tiven Ideen für eine Zeit ohne Krieg,

Film Nr. 4:

Laura Bispuri versucht in ihrem visuell eindrucks­vollen Film Sworn Virgin die Welt der geschwo­renen Jung­frauen in Albanien zu ergründen. Die junge Hana wächst in einem alba­ni­schen Bergdorf bei Zieh­el­tern auf, einem Ort, an dem das Patri­ar­chat noch in seiner archaischsten Form regiert. Hana, die sich im Gegensatz zu ihrer Schwester Lila, nicht der starren weib­li­chen Geschlech­ter­rolle fügen will, wählt schließ­lich den Weg der geschwo­renen Jung­frauen und wird zu Mark. Fortan trägt sie Männer­klei­dung und einen Kurz­haar­schnitt, darf (endlich) rauchen und trinken.

Film Nr. 5:

Der südko­rea­ni­sche Doku­men­tar­film Troublers von Young Lee erzählt, dass Homo­se­xua­lität in Südkorea zwar legal ist. Doch gleich­ge­schlecht­liche Ehen und einge­tra­gene Part­ner­schaften sind es nicht. Ein gesetz­li­cher Diskri­mi­nie­rungs­schutz aufgrund sexueller Orien­tie­rung besteht nicht. Vom Militär­ge­richt kann und wird Homo­se­xua­lität mit Gefäng­nis­strafen bedroht. Auf der Straße beschimpft zu werden, gehörte während der Entste­hung des Films zum Lebens­alltag der Filme­ma­cherin. Lesben, Schwule, Bise­xu­elle, Trans*menschen und andere queere Personen werden als »pro-nord­ko­rea­ni­sche Kommu­nisten« gebrand­markt und damit ausge­grenzt.

Film Nr. 6:

The Duke of Burgundy von Peter Strick­land ist einge­bettet in male­ri­sche Natur­auf­nahmen, Herbst­licht und 70er-Jahre-Musik. Der Regisseur versteht es, Schicht für Schicht die komplexen Ebenen eines sinn­li­chen Psycho-SM-Spiels frei­zu­legen und enthüllt so die darunter verbor­genen Probleme in der Beziehung der beiden Frauen. Am Ende bleibt die Frage: Wie weit geht frau, um ihre Partnerin glücklich zu machen. Der Film ist eine Liebes­er­klä­rung an die Erotik­filme der Siebziger von Jess Franco und Luis Buñuel und inspi­riert von Filmen wie Belle de Jour und Die bitteren Tränen der Petra von Kant.

Film Nr. 7

Auch für die im Iran lebende Sonita soll die Kindheit früh enden. Es heißt: Hochzeit statt Schule und Karriere. Sonita ist einem Mann verspro­chen. Sie ist 18, er viele Jahre älter und bereit, einen guten Preis für seine junge Braut zu zahlen. Das Brautgeld für Sonita soll es einem ihrer Brüder ermög­li­chen, selbst zu heiraten. Doch die junge Frau Sonita Alizadeh träumt von der Flucht in ein freies, selbst­be­stimmtes Leben als Rapperin. Die Filme­ma­cherin Rokhsareh Ghaem Maghami aus Teheran hat sie auf diesem Weg drei Jahre lang begleitet und zeigt, wie die Schülerin gegen die Probleme ansingt: »Wie alle Mädchen bin auch ich gefangen, ein Schaf, für den Käufer gezüchtet. Sie sagen, es sei Zeit, mich zu verkaufen. Seht meine Augen, Ohren, ich bin ein Mensch!«

Sieben Filme an sieben Tagen. Jeder Film wird zwei Mal gezeigt.

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BIMOVIE 22 – Eine Frau­en­film­reihe ist eine Veran­stal­tung der Filmstadt München. 
3.-9.11.2016, 
Rio Film­pa­last, 
Rosen­heimer Str. 46, 81669 München. Karten­re­ser­vie­rung
: 089 / 48 69 79
www.bimovie.de

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