5.11.2015

Bimovie, die 21ste

Stories of our Lives
Geist ist geil – in Regarding Susan Sontag

Die Frau­en­film­reihe für alle Geschlechter

Von Felicitas Hübner

Was 1988 als mobiles Kino an verschie­denen Plätzen in München begann, führte 1991 zum aller­ersten Bimovie. Das Bimovie 1 fand 1991 im KulturLaden Westend in der Ligsalz­straße statt. Das zweite 1993 im FIDIO, einem cine­philen Münchner Wohn­pro­jekt. Seit Bimovie Nummer 3 im Jahr 1995 steht das MAXIM in Lands­huter Allee 33 als feste Vorfüh­rungs­stätte zur Verfügung. Anfäng­lich unre­gel­mäßig findet die Frau­en­film­reihe Bimovie der Geier­wallis seit 1999 jedes Jahr statt.

Im Jahr 1873 erschien der Roman „Geier-Wally“ von Wilhel­mine von Hillern. Verfilmt wurde die Geschichte um die renitente Wally diverse Male. 1921 war es ein Stummfilm von E. A. Dupont mit Henny Porten in der Rolle der Wally. 1940 kam Hans Stein­hoffs Version der Geier­wally in die sehr deutschen Kinos. In der Bundes­re­pu­blik Deutsch­land des Jahres 1956 verfilmte Franz Cap den Stoff, in Öster­reich war es 1967 Gretl Löwinger. 1988 warf sich der Kölner Walter Bockmayer auf die Geschichte der Geier­wally und model­lierte eine heitere Trash-Komödie als Parodie auf tradi­tio­nelle Heimat­filme. Sehr bizarr mutet die damals back­fi­schige Veronica Ferres als Magd-Darstel­lerin und Regie­as­sis­tentin an. Die auch sehr fesche Christine Neubauer durfte in der „Geier­wally“ des Jahres 2005 unter der Regie von Peter Sämann die Titel­rolle spielen. Dann gibt es auch noch eine Oper „La Wally“, die Wally als Sopran meistert. Ein stei­ri­sches Musical vervoll­kommnet das Reper­toire.

Für die Frauen, die das Bimovie orga­ni­sieren, steht GEIERWALLI für starke Frauen. So war es unver­meidbar, sich diesen Namen zu geben. Die GEIERWALLIS sind eine Gruppe von Frauen, die selbst im Film­be­reich tätig sind, die sich für das Kino begeis­tern und die wissen „wie geil es ist, eine Frau zu sein“. Ihre Moti­va­tion ist, heraus­ra­gende Filme von Frauen vorzu­führen, die ansonsten ungezeigt blieben. Es sind quali­tativ hoch­wer­tige und radikale Filme, die sich mit Geschlech­ter­fragen ausein­an­der­setzen. Von Anfang an widmete sich Bimovie nicht nur dem Frauen- oder Lesben­film, sondern setzte auch stark auf Filme, die eben diese Iden­ti­täts- und Reprä­sen­ta­ti­ons­po­litik in Frage stellen.

So hoch motiviert und begeis­tert die zehn Geier­wallis eben sind, ist ihnen auch in diesem Jahr ein sehr schönes Programm gelungen:

Susan Sontag war war die kämp­fe­rischste Intel­lek­tu­elle New Yorks, die scharf­sin­nigste Analy­ti­kerin von Pop-, Sub- und Hoch­kultur, Themen­er­schließerin und Femi­nistin. Wie leiden­schaft­lich die Autorin von „Anmer­kungen über Camp“ kluge und für das Ihre brennende Frauen liebte, zeigt Nancy Kates Filmessay Regarding Susan Sontag, der das private und beruf­liche Umfeld um die 2004 Verstor­bene versam­melt. Foto­gra­fien, Mitschnitte von Inter­views und Film­auf­nahmen hat Kates zu histo­ri­schen Bilder­welten montiert. Diese versetzen das Publikum in das jeweilige Zeit­ge­schehen von Susan Sontags Essays über Photo­gra­phie, Krankheit als Metapher oder ihrer Thea­ter­ar­beit im bela­gerten Sarajevo. Geist ist geil. Susan Sontag. (Do. 12.11. 21 Uhr und Sa. 14.11. 19 Uhr)

Shola Lynch porträ­tiert in ihrem Film Angela Davis, der Kampf geht weiter die afro­ame­ri­ka­ni­sche Kommu­nistin. Wegen ihres Einsatzes bei den Black Panthers wurde Davis vom FBI verfolgt und verhaftet. Ihr drohte wegen des Vorwurfs der »Unter­s­tüt­zung des Terro­rismus« die Todes­strafe. Schließ­lich wurde sie 1972 in allen Punkten der Anklage frei­ge­spro­chen. Auch heute geht ihr Kampf weiter: Schwer­punkt ihrer viel­be­ach­teten Arbeit ist die Unter­su­chung des „Gefäng­nis­in­dus­tri­ellen Komplexes“, das heißt der Gesetz­mäßig­keiten, die der Unter­drü­ckung aufgrund des Geschlechts, der Rasse und der Klasse in den USA und weltweit zugrunde liegen. (Sa. 7. 11. 19 Uhr und Die. 10.11. 21 Uhr)

Der lesbische Trashfilm Dings beweist, dass Frauen längst nicht mehr kontrol­liert und humorfrei der bösen, patri­ar­chalen Welt etwas beweisen müssen. Nathalie Percil­lier lässt in ihrem Film die Schweizer Frau­en­band Les Reines Prochaines als Kommis­sa­rinnen einen Mord aufklären. Sie verfolgen ein verdäch­tiges Wurstbrot und eine abge­tauchte Witwe. Die Knarre fest an die Wade geschnallt und mit einer Kroko­dil­le­der­ta­sche als treuer Beglei­terin nehmen sie sich dieses komplexen Falls an. Der Film setzt sich aus insze­nierten Spielfilm-Passagen und Inter­views mit Les Reines Prochaines zusammen. Die Handlung ist die eines klas­si­schen Krimis, welche aber eher als Gerüst für die Lyrik und Musik der Perfor­mance dient. Die Lieder und Kommen­tare drehen sich nur vorder­gründig um die Aufklä­rung eines Mordes. Auf einer Metaebene werfen sie philo­so­phi­sche Fragen zu Identität, Liebe, Geld und Arbeit auf. (Sa. 7.11. 21 Uhr und Do. 12.11. 19 Uhr)

Der Film lief zwar in den Kinos, aber nicht sehr lange. Noch ein Grund mehr ihn auf dem Bimovie zu präsen­tieren: Was passiert, wenn Frauen nachts allein nach Hause gehen, zeigt die iranisch-US-ameri­ka­ni­sche Regis­seurin und Dreh­buch­au­torin Ana Lily Amirpour in ihrem Film A Girl Walks Home Alone At Night. Eine geheim­nis­volle, in einen Tschador gehüllte Frau fährt mit einem Skate­board auf den nächt­li­chen Straßen herum. Sie ist femi­nis­ti­sche Rächerin und Bestie. Mit ihrem Ringel­pulli und den Jeans unter dem Tschador ist sie noch dazu sehr cool. Und bissig! (Mo. 9.11. 19 Uhr und Sa. 14.11. 21 Uhr)

Von einer Neuer­fin­dung nach der Diagnose von Multipler Sklerose erzählt der Film Das Blaue Wunder von Uschi Bökesch. Es ist ihre eigene Geschichte. Ihrem Traum von ihrer Musik leben zu können, stellt sich die Krankheit in den Weg. Der Film zeigt Uschi Bökesch als eine humor­volle und starke Frau, die versucht, sich nicht vom Schicksal einschüch­tern zu lassen und trotz allem das Leben bei den Hörnern zu packen. Der Film rangiert zwischen Tagebuch und Doku­men­tar­film, zwischen Selbst­ge­spräch und Dialog. So entstand eine ganz eigene Film­sprache, die einen inten­siven und direkten Zugang ermög­licht. (So. 8.11. 19 Uhr und Mi. 11.11. 21 Uhr)

Der zweite Film zum Thema Selbst­ver­tei­di­gung und Black Power in die USA ist der Film Out in the Night von Blair Dorosh-Walther. (Sa. 7.11. 19 Uhr und Die. 10.11. 21 Uhr) Hart und fetzig geht es zu in dem kana­di­schen Roller­derby-Film Derby Crazy Love von Maya Gallus und Justine Pimlott zu. (So. 8.11. 21 Uhr und Fr. 13.11. 19 Uhr) Im unter die Haut gehenden Film Dólares de arena („Sand Dollars“) von Laura Amelie Guzman und Israel Cárdenas geht es um Geld und Liebe. (Mo. 9.11. 21 Uhr und Mi. 11.11. 19 Uhr) While You Weren't Looking von Catherine Stewart gibt einen Einblick in das queere Leben Kapstadts. (Die. 10.11. 19 Uhr und Fr. 13.11. 21 Uhr)

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Das ausführ­liche Programm und alle weiteren Infor­ma­tionen stehen im Internet. »Bimovie 21 – Eine Frau­en­film­reihe« findet vom 7. bis 14. November 2015 im Maxim Kino in München statt. Die Einzel­karte kostet 6 Euro.

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