06.11.2014

Roaring Twenties

Subjektiv - Dokumentarfilm im 21. Jahrhundert
In bed with a donna – Für Margaret in The Foxy Merkins geht das nicht immer gut aus.

Stark, skurril, leise und nach­drück­lich – Zum 20. Jubiläum der BIMOVIE Frau­en­film­reihe wird von sprit­zigen Kurz­filmen und Komödien bis zu ausge­fal­lenen Doku-Themen nichts ausge­lassen

Von Natascha Gerold

»Die Geschichte des Films ist die von Jungs, die Mädchen filmen, und die von Männern, die die Sterb­lich­keit beun­ru­higt und von Frauen, die sie nicht beun­ru­higt.« Zum Glück ist das nur Jean-Luc Godards Wahrheit gewesen. Denn erstens ist das mit der Endlich­keit auch für Frauen so eine Sache und zweitens sind Jungs und Männer weiß Gott nicht die Einzigen: Einen inter­na­tio­nalen Überblick über die aktuellen Arbeiten film­schaf­fender Frauen bietet alljähr­lich die Bimovie Frau­en­film­reihe, und das bereits seit 20 Jahren. Auch diese Jubiläums­aus­gabe wurde sorgsam ausge­wählt und zusam­men­ge­stellt vom zehn­köp­figen Team der Geier­wallis, laut Selbst­de­fi­ni­tion »Frauen, die selbst im Film­be­reich tätig sind oder die sich für das Kino begeis­tern und dieses Festival ehren­amt­lich und in ihrer Freizeit orga­ni­sieren.«

Ein opti­mis­ti­scher, oft heiter-ermu­ti­gender Grundton zeichnet diese Jubiläums­film­reihe aus. Er zeigt sich unter anderem in der Produk­ti­ons­ge­schichte vieler Werke, die via Crowd­fun­ding gemäß den Vorstel­lungen der Mache­rinnen fertig­ge­stellt werden konnten – Stärke zeigt sich eben mitunter auch im Ruf nach Unter­s­tüt­zung. Auch der Eröff­nungs­film Alice Walker: Beauty in Truth (Sa., 8.11. 19 Uhr; Sa., 15.11. 19 Uhr) ist ein solches Werk. Partibha Parmar ermög­licht tiefe Einblicke in die bewegte Biogra­phie der Autorin und Menschen­rechts­ak­ti­vistin, die in den erbar­mungs­losen Baum­woll­fel­dern Georgias aufwuchs und 1983 als erste Farbige den Pulitzer-Preis für ihren Roman „Die Farbe Lila“ bekam. Mit ihren zahl­rei­chen Inter­views und eindrucks­vollem graphi­schen Material setzt sich aber auch jenen Frauen ein bild­rei­ches, plas­ti­sches Denkmal, die den Lite­ra­tur­kanon des 20. Jahr­hun­derts gepr ägt haben.

Sehnsucht nach Wissen und persön­liche Entwick­lung durch Lernen ist auch zentrales Thema des Spiel­films Le sac de farine (So., 9.11. 19 Uhr; Fr., 14.11. 19 Uhr), in dem Regis­seurin Kadija Leclere halb-auto­bio­gra­phisch von Sarahs Kindheit in einer belgi­schen Klos­ter­schule erzählt, die ihr Vater jäh unter­bricht und sie nach Marokko in sein Eltern­haus bringt, wo nicht mehr die geliebten Schreib­hefte, sondern Wolle und Strick­na­deln für lange Zeit ihren Alltag bestimmen. Mitten in den Hunger­re­volten der 1970er Jahre begehrt auch Teenager Sarah auf – gegen Zwangs­heirat, Frau­en­feind­lich­keit und bildungs­feind­liche Unterdr ückung.

Rebel­li­sche Musik, ein rücks­tän­diges Frau­en­bild – der Femi­nistin Kathleen Hanna stank diese Haltung vieler Männer in Punk-Kreisen ebenso gewaltig wie Degra­die­rung junger Frauen als Sex-Objekte in ihrem Umfeld. Text- und stimm­stark wurde sie eine der prägenden Figuren der Riot-Grrrl Bewegung Anfang der 1990er Jahre. In The Punk Singer – A Film About Kathleen Hanna (So., 9.11. 21 Uhr; Fr., 14.11. 23 Uhr) porträ­tiert Regis­seurin Sini Anderson die Punksinger/Song­wri­terin in sozio­po­li­tisch und für Hanna persön­lich aufwüh­lenden Zeiten. Unter anderem zeigt der folgen­schwere Kirchen-Gig der russi­schen Punk­gruppe Pussy Riot während der Dreh­ar­beiten, wie brisant Hannas Anliegen immer noch sind.

Rebellion klopft nicht nur im hämmernden Beat des mean dirty Rock’n’Roll gegen die Türen der Norm – sie tut es auch stark über­ge­wichtig, mit Blumen­kappe und Badeanzug im zarten Walz­er­takt. Aquaporko! (So., 9.11. 17 Uhr; Mi., 12.11. 21 Uhr) ist eine Gruppe dicker Frauen, die sich zur Synchron­schwim­me­rin­nen­gruppe in Melbourne zusam­men­ge­funden haben. Die lesbische Dicken-Akti­vistin und Filme­ma­cherin Kelli Jean Drink­water, Mitbe­grün­derin der ersten Aquaporko!-Gruppe in Sidney und beken­nender Fan alter Esther-Williams-Hollywood-Schw­im­mor­gien, hat die quirlige Gruppe bei ihren Proben bis zu ihrem ersten Auftritt mit der Kamera begleitet – keine Freakshow, sondern ein klares und dabei höchst vergnüg­li­ches Plädoyer für Selbst­ak­zep­tanz und Freude an der eigenen Körper­lich­keit. »A film how wonderful it is to be different«– dieser Unter­titel des nach dem Kurzfilm Aquaporko! gezeigten Doku­men­tar­films Kein Zickenfox (ebenda) über das weltweit größte Frau­en­blas­or­chester trifft auch hervor­ra­gend auf die austra­li­schen Supersize-Schwim­me­rinnen zu.

Nirgends sind dreckige Lacher wohl­tu­ender und anste­ckender als im Kino – vor allem, wenn Groß­stadt­neu­rosen, Liebes­nöte und Iden­ti­täts­krisen in vollster New Yorker Blüte stehen wie in den erfri­schenden Queer-Komödien The Foxy Merkins (Di., 11.11. 19 Uhr; Fr., 14.11. 21 Uhr) von Madeleine Olnek und Appro­priate Behavior (Di., 11.11 21 Uhr; Sa., 15.11. 21 Uhr) von Desiree Akhavan. Während Olneks selbst­be­wusster Subgenre-Mix zwischen Buddie- und Hustler-Movie die Über­le­bens­tak­tiken der glück­losen Hure Margaret und der listigen Trick­serin Jo mitten in Manhattan zeigt, wirkt Akhavan auch vor der Kamera in der Haupt­rolle als Shirin in Appro­priate Behavior, die, gerade von ihrer Freundin geschasst, alles für alle sein möchte: Hetero-Muster­tochter für die irani­schen Eltern, politisch korrekte Bise­xu­elle und hippe Brook­lyner Filme­ma­cherin. Das ist zu viel, um in einem Leben unter­zu­bringen – aber genug, um zu sich selbst zu finden.

Das ausführ­liche Programm und alle weiteren Infor­ma­tionen stehen im Internet unter http://www.bimovie.de. »Bimovie 20 – Eine Frau­en­film­reihe« findet vom 8. bis 15. November im Maxim Kino in München statt. Die Einz­el­karte kostet 6 Euro.

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