01.01.2010

Die Welt ist groß

Böse-Kinder-Horror:
Hanekes Das weiße Band

...und gute Filme lauern überall

Mit dem Jahr 2009 ging auch das erste Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts zu Ende, weshalb allerorten auf diese Dekade (die sog. Nuller-Jahre) zurückgeschaut wird. Vordergründig wird sich eine solche Rückschau immer auf einzelne Ereignisse, Stimmungen und Trends beziehen. Unterschwellig hofft man aber, durch die Aneinanderreihung dieser Einzelteile ein durchgängiges Muster zu erkennen, um auch diesem Jahrzehnt (wie seinen Vorgängern) ein bestimmtes Label anheften zu können.
Aus filmischer Sicht war eine solche pauschale Etikettierung immer schon sehr zweifelhaft. Einen einheitlichen 80er Jahre Touch oder ein typisches 60er Jahre Thema konnte man im Kino (sowohl im kommerziellen wie im künstlerischen) nur dann festmachen, wenn man große Teile des zu jeder Zeit weit gestreuten Filmschaffens nicht berücksichtigte.

Beim zurückliegenden Jahrzehnt dürfte nicht einmal mehr eine solche grobe Vereinfachung möglich sein. Denn wenn es seit dem Jahr 2000 eine wiederkehrende Tendenz gab, dann war das die permanente Verschiebung, Erweiterung und Auflösung von Grenzen. Etwa die Grenzen zwischen Kunst und Kommerz, zwischen Spiel- und Dokumentarfilm, zwischen Film und bildender Kunst, zwischen Stilen und Genres sowie zwischen den Kinokulturen unterschiedlicher Länder und Kontinente (in all dem gleicht das Kino – wie in so vielen anderen Aspekten auch – der Popmusik). In der sich daraus ergebenden Vielfalt lässt sich beim besten Willen kein einheitlicher Tenor der Nuller-Jahre finden, sofern man nicht »Alles war möglich, nichts war gewiss« als solchen deklarieren möchte.

Nicht jeder war mit dieser Entwicklung glücklich. Früher waren die Rollen klar verteilt, da gab es einige wenige verlässliche Filmkünstler, die sich in klaren Länder- und Genregrenzen bewegten, da war Kommerzkino eindeutig als solches erkennbar, da konnte man schon am Thema und der Herkunft eines Films ziemlich sicher abschätzen, was einen erwarten würde. Heute dagegen gilt es sich fast bei jedem Film neu zu orientieren (was aufgrund der schieren Quantität mit der man konfrontiert wird nicht einfach ist), muss man ständig entscheiden was einem gefallen könnte und was nicht und geht man bei jedem Kinobesuch das Risiko ein, die falsche Wahl zu treffen (naturgemäß brachte die neu gewonnene Vielfalt nicht nur Gutes, sondern auch viel – wenn nicht sogar überwiegend – Schlechtes und Belangloses hervor). Wer sich dieser Herausforderung aber stellte, wer offen für das Gute, Schöne und Wahre unabhängig von seinen (vielleicht fremdartigen) Äußerlichkeiten war, der konnte im vergangenen Jahrzehnt seinen cineastischen Horizont wie nie zuvor erweitern und zahlreiche wunderbare Kinomomente erleben.

Das Abschlussjahr 2009 spiegelt all das mustergültig wieder, weshalb ein (gewohnt subjektiver) Blick auf die erwähnenswerten Filme dieses Jahrgangs ein ziemlich typisches Bild von der wechselhaften Achterbahnfahrt der Gefühle, Stimmungen, Genres, Stile, Regionen, Kulturen und Qualitäten der Nuller-Jahre zeichnet.

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Beginnen sollte man mit The Wrestler, einem überwältigenden Meisterwerk, das inhaltliche und formale Brillanz vereint. Allein die Szene, in der Randy »The Ram« seinen miesen Job hinschmeißt und dabei in eine laufenden Wurstschneidemaschine schlägt, verfolgte mich noch Wochen. Die emotionelle Tiefe und Komplexität der Geschichte, die in dieser Szene zusammenfällt, lässt sich nicht besser beschreiben als mit den Textzeilen »I hurt myself today, to see if I still feel. I focus on the pain, the only thing that's real« aus Johnny Cashs altersweisem Song „Hurt“. Ohne die Leistung des Regisseurs Darran Aronofsky schmälern zu wollen, muss man feststellen, dass The Wrestler ohne die Darstellung (wobei »Verkörperung« eigentlich das treffendere Wort ist) von Mickey Rourke nicht solche Größe hätte erreichen können.

Apropos Körpereinsatz und Schmerzen: Welche bizarre Übereinstimmungen sich im Kino manchmal ergeben, zeigte Brüno, der auf den ersten Blick so überhaupt gar nichts mit The Wrestler gemein hat (hier die schrill-schwule Parodie, dort das tragisch-realistische Drama), der bei genauer Betrachtung aber doch einige überraschende Parallelen aufwies. Denn auch bei Brüno leidet man als Zuschauer durchaus körperlich mit und auch hier spielt jemand mit absolutem Körpereinsatz und auch hier geht es um die Grauzone zwischen Inszenierung und Realität. Da passt es ins Bild, dass eine zentrale Szene von Brüno bei einer Wrestling-Veranstaltung spielt. Bedeutend interessanter und aufschlussreicher als die vordergründige Entlarvung bestehender Homophobie ist übrigens die in Brüno enthaltene Mediensatire, die die Macher und die Konsumenten gleichermaßen trifft.

Apropos Entlarvung: Welche Rolle die Medien in der Kunstwelt spielen und wie der dortige „Betrieb“ funktioniert, zeigte äußerst aufschlußreich die Doku Super Art Market. Bei dieser Betrachtung des relativ überschaubaren (Kunst-)Marktes konnte man zudem mehr über Marktmechanismen und Finanzkrisen lernen, als bei manchem Werk, das demonstrativ das Thema der globalen Wirtschaftskrise vor sich her trug.

Apropos Wirtschaftskrise: In Steven Soderberghs amüsanter Farce Der Informant! wurde vorgeführt, dass Krisen üblicherweise nicht aus fehlerhaften „Systemen“, sondern aus den (schwer zu durchschauenden) Eigenheiten der Menschen resultieren.

Apropos menschliches Versagen: Für die Ursachen von Krieg werden ja auch gerne sehr abstrakte und komplexe Erklärungen (z.B. der Zusammenstoß von Kulturen) bemüht, während der Kern solcher Miseren meist ganz profan (fehlgeleitetes) menschliches Verhalten ist. Andere Menschen müssen das dann ausbaden, wie man im unglaublich packenden Tödliches Kommando (The Hurt Locker) von Kathryn Bigelow sehen konnte. Ob das jetzt ein Kriegs- oder ein Antikriegsfilm ist, soll jeder für sich entscheiden. Maßgeblich ist, dass er den Irrsinn der im Irak (stellvertretend für alle Kriegs- und Krisengebiete dieser Welt) herrschenden Zustände erfahrbar macht.

Apropos täglicher Wahnsinn: Krieg in einer kleinen (deshalb aber nicht weniger destruktiven) Art zeigte die Doku Kanun – Blut für die Ehre, durch die man einen Einblick in die scheinbar unüberwindbare Tragik der Blutrache bekommt.

Apropos unausweichliches Schicksal: Dass einem auch ohne die Last eines Blutrachegesetzes ein tragisches Ende vorherbestimmt sein kann, bewies das stille Drama Garage. Ein etwas einfältiger, zu gutmütiger Tankstellenangestellter will nicht so recht in seine Umwelt passen (selbst wenn diese das vermeintlich beschauliche Irland ist). So nimmt das Unheil unweigerlich seinen Lauf, das Ende ist entsprechend tragisch.

Apropos Außenseiter. Dass es für den kleinen Angestellten aus Irland vielleicht ganz anders gelaufen wäre, wenn er nur wo anders (z.B. in Uruguay) gelebt hätte, zeigte Gigante. Da gibt es auch einen dicklichen, schüchternen, gutmütigen Mann mit einem öden Job, der sich einfach nach Zuneigung sehnt. Jedoch ist das hier nicht die Voraussetzung für ein Drama, sondern für eine herzliche Komödie, der sogar ein dezentes Happy End vergönnt ist.

Apropos märchenhaftes Ende: Wie weit stilistisch Happy Ends (und ihre vorausgehenden Filme) auseinander liegen können, zeigt der Vergleich mit Slumdog Millionär, der ebenfalls eine Liebesgeschichte erzählt, nur ist hier nichts ruhig und zurückhaltend, sondern alles bunt, laut, schnell und groß. In der Popmusik ist es schon seit Jahren ein (künstlerisches wie finanzielles) Erfolgsrezept, sich aus den abgelegenen, „exotischen“ Gegenden dieser Welt neue Energien und Inspirationen zu holen. Mit Slumdog Millionär ist dieses Prinzip nun endlich auch im Kino voll angekommen (zum Vergleich: Missy Elliotts hat die Popwelt mit ihrem bhangra-lastigem „Get ur freak on“ schon vor acht Jahren beglückt).

Apropos kultureller Remix: Was der vierstündige Love Exposure aus Japan alles zusammenpackt, ohne konfus oder langwierig bzw. langweilig zu werden, ist ein schieres Wunder. Und dabei ist der Kern des ganzen doch „nur“ wieder einmal eine klassische Liebesgeschichte.

Apropos »boy meets girl«: (500) Days of Summer war eine sehr sympathische und schön gemachte Beziehungskomödie, die erfreulich viele Erwartungen an einen Film dieses Genres unterlief. Um so bedauerlicher, dass einem zum Schluss erst ein zartbitter melancholisches Ende angedeutet wird, um dann doch noch ein extra klebrig-süsses Happy End nachzuschieben.

Apropos »Ende gut, alles gut«: Away We Go von Sam Mendes ging das Thema Beziehungsprobleme nicht ganz so verspielt wie (500) Days of Summer an, war also „ernsthafter“ bei der Sache, was nichts daran änderte, dass er über weite Strecken ein äußerst amüsantes Portrait einer nach Orientierung und Halt suchenden Generation lieferte. Leider büßt der Film einen Teil seiner verzweifelt-lakonischen Stimmung ein, wenn die lange Reise des jungen Pärchens in einem superversöhnlichen Muster-Refugium mit Meerblick endet. Apropos unterwegs: Ein ganz anderes Pärchen, mit einer ganz anderen Zielsetzung war im stimmungsmäßig ganz anders gelagerten Eldorado unterwegs. So bizarre, so negative, so schmerzhafte, so abgründige und dabei doch so schöne Filme bringen (außer den Österreichern und Dänen) eben nur die Belgier hin.

Apropos abgründiges Dänemark: Sowohl Quentin Tarantino als auch Lars von Trier haben in den Nuller-Jahren Grenzüberschreitungen und permanente Veränderung für sich zum künstlerischen Prinzip erhoben. Auch in 2009 standen sich ihre (in vielerlei Hinsicht kontroversen und herausfordernden) Werke im Kino gegenüber und auch dieses Mal war mir von Triers Film der mit Abstand liebere. Ausreichend ist über Antichrist bereits gesagt und geschrieben worden, weshalb ich hier nur kurz ergänzen möchte, dass von Trier mit diesem Film auch die Ehrenrettung für den Horror betreibt, der lange Zeit (von Poe bis Cronenberg) ein selbstverständlicher Teil der anspruchsvollen Kultur war, der aber in den letzten Jahren immer mehr zum Vorwand für billige Schaulust verkam.

Apropos Horror: Es gibt kaum eine bessere Form der Würdigung als eine gut gemachte Parodie. Dementsprechend wurde in Zombieland das Genre der lebenden Toten auch nicht gnadenlos niedergemacht (oder sollte man sagen „ausgeschlachtet“), sondern mit viel Witz und Verstand um das richtige Maß überdreht. Einmal mehr großartig war dabei der Auftritt des Ghostbusters Bill Murray.

Apropos Geister: Üblicherweise schrillen bei mir alle Alarmglocken, wenn ich von (Nicht-Horror-)Filmen höre, in denen Geister vorkommen. Irgendwer muss da immer aus dem Grab heraus „gebessert“ werden, irgendwer muss eine ach so große Schuld begleichen oder ein Unheil verhindern. Wen die Geister lieben war nicht ganz frei von solch spiritueller Moral, bekam aber immer die Kurve, bevor es zu viel des Guten (sic!) wurde. Großen Anteil daran hatte Ricky Gervais als wunderbar zynischer Zahnarzt.

Apropos Zahnarzt: Vergleicht man Hangover mit großer Filmkunst, mag er tatsächlich ein wenig primitiv erscheinen. Vergleicht man ihn dagegen mit dem, was einem üblicherweise im Komödienbereich vorgesetzt wird, erkennt man, wie gut er tatsächlich ist. Eine gewisse Neigung zu überdrehtem Humor sollte man aber mitbringen, um diese Geschichte eines folgenschweren Junggesellenabschieds goutieren zu können.

Apropos Hochzeit: Mit Rachels Hochzeit hat Jonathan Demme einmal mehr bewiesen, dass er (immer noch) zu den interessantesten Regisseuren Amerikas gehört. Seine genaue Sichtweise als Dokumentarfilmer merkt man diesem Film ebenso an wie seine kritisch-liberale Haltung und seine inszenatorische Wandlungsfähigkeit. Ein mal lustiger, mal trauriger, mal melancholischer Film, mit einer überraschend glaubhaften Anne Hathaway als düsteres umwölktes Problemkind. Apropos unglückliches Mädchen: Coraline im gleichnamigen Animationsfilm ist mit ihrer familiären Situation nicht zufrieden. Ohne pädagogische Schwere, dafür mit sprudelnder Kreativität wird (Coraline und dem Zuschauer) gezeigt, dass das Leben nicht immer nach den eigenen Wünschen abläuft und dass gerade die verführerischen, scheinbar perfekten Optionen immer einen großen Haken haben.

Apropos Kinderträume: Auch in Wo die wilden Kerle wohnen fühlt sich ein Kind (hier ein Junge) unverstanden und sehnt sich nach einer weniger komplizierten und seinen Vorstellungen folgenden Welt. Als sein Wunsch wahr wird, muss er feststellen, dass selbst in von chaotisch freundlichen Monstern bewohnten Zauberländern typische (zwischen)menschliche Probleme lauern. Wie sehr diese Erfahrung zur „Läuterung“ des aufmüpfigen Jungens beiträgt, lässt der Film zum Glück weitgehend offen.

Apropos böse Kinder: Die thematisch ja immer ähnlichen Filme von Michael Haneke unterscheiden sich qualitativ vor allem durch den jeweiligen Rahmen der Umsetzung. Wer hätte gedacht, dass ausgerechnet ein pittoresker Schwarz-Weißfilm, der von den sonderbaren Vorfällen in einem norddeutschen Dorf am Vorabend des Ersten Weltkrieges erzählt, der kongeniale Hintergrund für Hanekes gewohnt bittere, schonungs- und illusionslose Weltsicht ist. Die Schilderung der elterlichen Kälte und Ungerechtigkeit in Das weiße Band ließ mich (erstaunlicherweise?) mehrmals an den Horrorklassiker Village of the Damned denken.

Apropos Orte des Unrechts: Horror- und SiFi-Filme waren immer schon gute Möglichkeiten, allgemeine Ängste und Missstände hinter dem Mantel des Fiktiven zu behandeln. Auch District 9 nutzt diese Methode, um sich auf technisch und gestalterisch hohem Niveau mit sperrigen Themen wie Fremdenangst und ?hass, sozialer Ungerechtigkeit und Armut zu beschäftigen. Obwohl District 9 zum Ende hin ein wenig pathetisch wird, bleibt er trotzdem die eindeutig bessere Wahl, als ein gewisses – zum Jahresende hin mit großem Gedöns gestartetes – SiFi-Spektakel, das thematisch ähnlich gelagert ist.

Apropos Kampf der Kulturen und Kreaturen: Für Terminator - Die Erlösung hegte ich große Hoffnungen, die leider nicht voll erfüllt wurden. Als reiner Actionfilm ist er (technisch wie ästhetisch) sehenswert, inhaltlich dagegen ist er zum einen zu geschwätzig (hoffentlich hört Hollywood bald auf, seine Filmklassiker zu entzaubern, indem es minutiös ? und meist ziemlich belanglos ? erklärt, wie alles begann), zum anderen konnte er die stringente, pessimistische und vielschichtige Gedankenwelt der ersten drei Teile nicht adäquat fortsetzen.

Apropos Vorkämpfer: Während Terminator - Die Erlösung an der Darstellung von Macht, Bedeutung und Ausstrahlung einer charismatischen, kämpferischen Identifikationsfigur scheitert, gelingt dies Steven Soderbergh in seinem monumentalen Che-Zweiteiler virtuos. Wer glaubt, an diesem Film (z.B. wegen historischer Ungenauigkeiten) rummäkeln zu müssen, der stelle sich bitte vor, was Oliver Stone aus dieser Geschichte gemacht hätte.

Apropos Vorkämpfer und Politiker: Die Schilderung von Leben und Kampf des Harvey Milk verlief in bedeutend konventionelleren Bahnen als bei Che. Trotzdem ein sehenswerter Film, weil er mit großartigen Darstellern weitgehend unsentimental eine spannende und lehrreiche (und zudem wahre) Geschichte erzählt.

Apropos Politiker: Was in Il Divo wahr und was nicht wahr ist, wird der Zuschauer genau so wenig klären können, wie es italienischen Gerichten gelang, alle Fakten im Leben des hier im Mittelpunkt stehenden Giulio Andreotti zu ergründen. Il Divo ist nicht nur die Beschreibung eines einzelnen Mannes, sondern auch das Sittenbild einer politischen bzw. gesellschaftlichen Kaste bzw. eines komplexen Systems der Macht.

Apropos Macht: Um unterschiedliche Machtverhältnisse geht es auch in Agnes Jaouis Erzähl mir was vom Regen, der in der für die Regisseurin typischen Art zwischen Satire, Gesellschaftskritik und Alltagsethnologie pendelt und in dem wieder einmal sehr geschickt hinter (mehr oder minder schöne) Fassaden geschaut wird, um menschliches und allzumenschliches Verhalten freizulegen.

Apropos Schein und Sein: Eine der zahlreichen (und eher ungewohnten) Seiten des „Antichristen“ Lars von Trier konnte man bei der verspäteten Auswertung der Komödie The Boss of It All kennen lernen. Ein Schelmenstück mit gestalterischen Extravaganzen, das von den zeitlosen Torheiten der modernen Geschäftswelt erzählt und das bereits 2006 das bahnbrechende Konzept eines fiktiven Chefs, dem die Schuld an alle unliebsamen und missglückten Entscheidungen gegeben werden kann, vorstellte.

Apropos Sündenbock: Michael Mann hat in Public Enemies ein gewohnt episches und differenziertes Portrait des Gangsters und Volkshelden John Dillinger sowie seines Umfeldes gezeichnet. Störend ist manchmal nur die (ebenfalls Michael-Mann-typische) arg unreflektierte Begeisterung bzw. Huldigung von Werten wie Männlichkeit, Ehre, Aufrichtigkeit, Mut und Gerechtigkeit.

Apropos amerikanische Werte: Dass sich auch Clint Eastwood gerne mit solch kernigen Eigenschaften (bis an den Rand zum Reaktionären) identifizieren kann, zeigte die ihm gewidmete Retrospektive im Filmmuseum. Zugleich konnte man dort aber auch sehen, dass Eastwood oft genug ein ebenso radikaler Zertrümmerer von (amerikanischen und filmischen) Mythen und Werten ist. Diese Ambivalenz prägte auch seinen Film Der fremde Sohn, der einerseits sehr konventionell (fast schon kitschig) vom aufrechten Kampf gegen Ungerechtigkeit und Ignoranz erzählt, um im nächsten Moment mit erschreckender Schonungslosigkeit die Abgründe Amerikas auszuloten.

Apropos Höhen und Tiefen: Der Dichter John Keats und seine angebetete Fanny Brawne erleben in Bright Star von Jane Campion das Auf und Ab einer bedingungslosen aber unmöglichen Liebe. Ein filmisches Loblied auf den Weltschmerz, die Poesie und das Glück der kleinen Dinge.

Apropos unglückliche Liebe: In Zeiten des Aufruhrs leidet das Paar nicht an der Unmöglichkeit ihrer Liebe, sondern am Übermaß der Möglichkeiten, die in der Praxis aber wegen Konventionen und persönlichen Befindlichkeiten nicht umgesetzt werden. Die erneute Kombination von Kate Winslet und Leonardo DiCaprio in diesem speziellen Rahmen war nicht ohne Risiko (z.B. wegen falschen Erwartungshaltungen), zahlte sich künstlerisch aber vollkommen aus.

Apropos »bis dass der Tod euch scheidet«: Dass es in computeranimierten Filmen für die Phantasie keine Grenzen gibt, bewies der detailverliebte und gefühlsbetonte Oben, in dem ein alter Witwer seinen Jugendtraum wahr werden lässt und samt Haus zu seinem Sehnsuchtsort reist (und dabei natürlich allerlei aberwitzige Abenteuer erlebt).

Apropos Traumhaus: Andere suchen die Orte ihrer Träume nicht in der Ferne, sondern wollen sie vor der eigenen Haustür entstehen lassen. In einem kleinen Ort in Hessen träumen einige Menschen (vor allem der Bürgermeister Henner Sattler) von einem gigantischen Ferienressort, welches Glück und Wohlstand für alle bringen soll. Wie Henners Traum letztlich scheiterte, führt der gleichnamige Dokumentarfilm vor Augen.

Apropos Bauvorhaben: Weltweit wird mit Ziegelsteinen gebaut, doch nicht überall werden diese nach der selben Methode hergestellt. Zum Vergleich heißt die Doku, die diese (technischen und kulturellen) Unterschiede deutlich macht und die zum Nachdenken über Begriffe wie Arbeit und Wohlstand anregt. Mit Harun Farocki als Regisseur beschränkt sich der Film naturgemäß aufs reine Beobachten und verweigert jeden (noch so subtilen) Kommentar.

Apropos ohne Kommentar: Die Filme von James Benning bewegen sich irgendwo zwischen Dokumentarfilm und Kunst-Installation. Auch in One Way Boogie Woogie/27 Years Later reihen sich starre, zeitlich genau begrenzte Aufnahmen von „ereignislosen“ Szenarien aneinander. Das mag der eine als Krönung der Langeweile empfinden. Wer sich aber auf dieses Prinzip einlässt (und die entsprechende Geduld mitbringt), kann in Bennings Filmen viel über die Mechanismen des (Film-)Sehens lernen.

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Macht man sich nun Gedanken darüber, wie das kommende Film-Jahr(-zehnt) werden wird, so kann man (scheinbar paradox) vermuten, dass es vollkommen anders sein wird als die erste Dekade, gerade weil es genau so wie diese sein wird. Veränderung und Vielfalt werden eben auch in Zukunft die bestimmenden Kräfte des Kinoprogramms bleiben.

Michael Haberlander

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