12.09.2020
77. Filmfestspiele von Venedig

In der Stunde der Raubtiere

Nuevo Orden
Die Moral von der Geschichte: Trau keinem
(Foto: BIENNALE CINEMA 2020 Press Service)

Coole Destruk­tion: Dass er keinen Trost spendet, ist das Kapital von Michel Francos Nuevo Orden im Wett­be­werb – Notizen aus Venedig, Folge 12

Von Rüdiger Suchsland

»Mag schon sein, daß Hollywood überall sonst auf der Welt den Eindruck vermit­telt, es gebe den Ton an – auf einem Festival wie in Venedig wirkt es eher eintönig. Der ganze Glanz, den es anderswo entfalten mag, verblaßt hier leicht zu einer matten Demons­tra­tion von Macht. ... man hat hier mehr denn je den Eindruck, daß es im Kino auch noch um etwas anderes geht, daß hier ein anderes Glück zu haben ist, das von Hollywood weiß, aber mit seinen Regeln ein eigenes Spiel treibt.«
Michael Althen, FAZ 03.09.2002

Manchmal kam bei mir während der letzten Woche der Gedanke auf, ob ich mir eigent­lich wünschen würde, dass das Festival immer so wäre, wie jetzt. So leer, so über­sicht­lich, so wohl­or­ga­ni­siert, nur ohne Masken? Aber dann wird mir klar, dass ich mir hier eigent­lich wünschen würde, dass die Mostra nicht die Mostra ist – nämlich ein bisschen chaotisch, ziemlich voll und lebendig, mit flachen Hier­ar­chien, im besten Sinne schön italie­nisch. Die Masken und die Leere die bedingen einander, die Seuche und die Leere und die Orga­ni­siert­heit bedingen einander. Da bin ich doch lieber dafür, dass die Seuche verschwindet und das Chaos wieder­kommt.

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Noch einmal, jetzt etwas präziser zu Nuevo Orden von Michel Franco. Wie gesagt: Ein Film über unan­ge­nehme Menschen und über das Unan­ge­nehme im Menschen. Es gibt kaum sympa­thi­sche Charak­tere.
Am ehesten sympa­thisch und auch sonst zur Iden­ti­fi­ka­ti­ons­figur taugt Marianne (gespielt von der Newco­merin Naian Gonzalez Norvind, die aus einer inter­es­santen Familie stammt, aber das muss man jetzt selber nachlesen). Sie ist eine Art Haupt­figur, ein Mädchen aus stink­rei­chem Haus, wohl­erzogen und gutmütig, gar nicht so weltfremd, aber eben auch verdorben von Eltern, die eiskalt und reak­ti­onär sind und sich trotzdem noch Illu­sionen machen.

Die ersten Bilder sind frag­men­ta­risch, eher ein phan­tas­ti­scher Vorschein des Kommenden, als ein Geschehen: Ein Mädchen, fast nackt, mit grüner Farbe über­gossen. Chaos im Kran­ken­haus. Viele Tote über­ein­an­der­ge­sta­pelt. Die Farbe Grün dominiert.

Chaos herrscht von Anfang an. Paranoia. Was genau los ist, ahnt man nicht. Aber auch an unsere Pandemie kann man bald denken.

Das Mädchen der ersten Bilder, wir werden sie als Marianne kennen­lernen, ist auf ihrer eigenen Hoch­zeits­feier. Aber was ist das für eine Hochzeit? Eine jüdische Hochzeit? Sie hat zumindest kein weißes Braut­kleid an, sondern ein rotes.
Grünes Wasser läuft aus der Leitung. Nur kurz. Irgend­etwas ist passiert.

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»Ist das ein Prozent der Bestechungs­gelder, die er von Papa bekommen hat« – so kommen­tiert die Tochter das Hoch­zeits­ge­schenk eines Geschäfts­part­ners des Vaters.

Wir lernen eine dekadente Familie kennen und ihre Freunde, es gibt viele Dienst­boten. Der Film zeigt ganz gut, wie diese Leute sind, wie sie sich benehmen. Da ist in den kleinen Gesten ähnlich viel Wissen, wie in Julia von Heinz' Porträt der Landadels-Verhält­nisse ihrer Haupt­figur.

Ein Klas­sen­system. Ein Dienst­bote bittet ausge­rechnet jetzt um 200.000 Pesos, die er für eine Operation seiner Frau braucht. Das bekommt er nicht. Marianne versucht es, ihm zu geben, aber sie kommt nicht so schnell an Bargeld. Alle anderen sind unver­ant­wort­lich, der Bruder, der Ehemann, ihre Eltern sowieso.
Also fährt sie dem Diener hinterher, um ihre Kredit­karte einzu­setzen.
Konstru­iert, aber warum nicht?

Bald danach wird die Villa über­fallen, auch einzelne Dienst­boten schließen sich den Eindring­lingen an. Man raubt, plündert, zerstört, verwundet, demütigt, tötet – ein Hauch der Manson-Family, der voll­kommen sans­cu­lot­ti­schen destruk­tiven Willkür kommt spätes­tens dann auf, als sie »Putos Ricos« und »Vera tu Dios« an die Wände schmieren.

Großartig ist, wie explizit hier viele Dinge sind – zwar nicht im Vergleich zu B-Movies und klas­si­schem Horror­film, aber sehr wohl im Vergleich zum protes­tan­ti­schen Hollywood-Kino. Dieser Film ist nicht sauber, sondern schmutzig.

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Was dieser Nacht der Abrech­nung folgt, ist eine Gesell­schaft der Angst. Marianne wird von Soldaten entführt, mit vielen anderen in irgend­einer abge­le­genen Kaserne gefan­gen­ge­halten, um Lösegeld zu erpressen.

Das alles ist natürlich auch präzises Beob­ach­tungs­kino, wenn wir an das Mexiko der Drogen­kar­telle denken, die selbst­ver­ständ­lich Bündnisse und Still­stands­ab­kommen mit Politik, Polizei und Militär geschlossen haben.
Korrup­tion und Verrat auch unter den Eliten gibt es nicht nur in diesem Film.

»Nuevo Orden« heißt dann nicht nur die ober­fläch­lich wieder­ge­won­nene Stabi­lität, sondern eine neue Form des Arbeitens, eine neue Form der Über­wa­chung. Das System zieht das eiserne Gehäuse über den Exis­tenzen der Menschen noch enger zu. Und hinter der Rede von der »neuen Ordnung« hört und sieht unsereins heute auch: »neue Norma­lität«

Ein univer­sales Miss­trauen macht sich Platz. Da muss man sich einfach nur verste­cken vor den Insti­tu­tionen und ihren Vertre­tern von Polizei und Armee. Man darf ihnen nicht trauen, man kann ihnen nicht trauen. Das Mindeste, was sie tun, ist ihrer Willkür freien Lauf zu lassen – unnötig zu sagen, dass das mit unseren Verhält­nissen in Europa natürlich ganz und gar nichts zu tun hat.

Wenn man das Genre beschreiben will, dann wohl am ehesten: Paranoia-Polit-Thriller. Franco zeigt Mexiko als die Klas­sen­ge­sell­schaft, die es ist. Ein Land, das einen Schritt über den Abgrund hinaus ist. Moral: Traue keinem.

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Das wird nicht allen gefallen. Mir gefällt, wie herrlich destruktiv dieser Film ist. Dass er keinen Trost spendet, ist sein Kapital. Dass man allen zu miss­trauen lernt.

Dies ist wenigs­tens ein Film. Kein bebil­dertes Manifest. Keine Wohlfühl-Fabrik. Kein Film, in dem sich die Bildungs­bürger zurück­lehnen und an den Leiden in anderen Konti­nenten und den anderen Schichten ergötzen können und daran, dass sie selbst über all das erhaben sind. Kein Film, in dem man es sich mit der eigenen Amoral bequem machen kann.

Das ist sehr gut gemacht. Aller­dings ohne Poesie, ohne Lust. Der Exzess ist ein negativer, ein depres­siver, ein nihi­lis­ti­scher. Franco genießt es auch, Faschismus zu insze­nieren – aber er insze­niert ihn ohne die Ästhetik des Faschismus, ohne die Ästhe­ti­sie­rung der Macht – sondern eher als Inferno, als De Sade'sche Phantasie totaler Willkür.

Das Ganze ist selbst­ver­ständ­lich auch eine bürger­liche Paranoia, ein Szenario, das unbe­wusste Ängste ins Bild setzt. Man könnte durchaus argu­men­tieren, dass der Film politisch rechts steht. Denn die Geschichte ließe sich so erzählen: das kommt dabei raus, wenn man den Armen helfen möchte? Aber das stimmt ja nicht, das ist ja eine sehr ober­fläch­liche Lesart. Denn tatsäch­lich überlebt Marianne den Überfall auf die Eltern genau dadurch, dass sie den Armen helfen wollte und deswegen das Haus verließ.

Die Härte und die Kälte und die Coolness dieses Filme­ma­chens kann man mit Haneke verglei­chen. Aber bei Franco ist – zum Guten wie zum Schlechten – mehr Enga­ge­ment spürbar.
Es gefällt ihm, scheint mir, weniger als Haneke, zu zeigen, was er zeigt.

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Kurz, hart, zynisch – ohne alle Hoffnung. Ohne Über­ra­schungen, ohne Deus ex Machina, aber in einer seltsamen Schönheit, die in der Unver­fro­ren­heit und hand­werk­li­chen Souver­änität des Regis­seurs liegt: Ohne Frage ist dies »a film to be seen« und »a director to be watched«. Ich glaube, er müsste einen Preis gewinnen, viel­leicht für Beste Regie, aber bei dieser Jury ist damit eher nicht zu rechnen. Obwohl Venedig in den letzten Jahren ein gutes Pflaster für Latein­ame­ri­kaner war.

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»La Terrazza« heißt die weiße, mit kasten­för­migen Buden bebaute Fläche gegenüber vom Festival-Palast. Viele gehen da zwischen den Filmen hin, ich nicht, denn ich mag den Ort nicht so, weil er über­laufen ist und er den ganzen Tag von ziemlich praller Bunga-Bunga-Musik dominiert wird.

Aber ich erinnere mich noch daran, wie ich dort bei meinem ersten Venedig-Besuch mit Rainer Gansera, als der noch zum Lido gefahren ist, öfter dort hinging, über­teu­erte Salzchips aß, und wir beide einmal mit Susanne Marian, der Produ­zentin von Ulrich Seidls Film, eine heftige Debatte hatten, ob das Ganze moralisch zulässig ist oder nicht. Auf welcher Seite ich damals stand, weiß ich nicht mehr.

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Irgend­wann ist mir aufge­fallen, dass wir sehr, sehr viele Mütter sehen. Ich weiß nicht genau, woran das liegt. Es sind nicht immer glück­liche Mütter, es gibt z.b. eine Mutter, die ihre Kinder im Massaker von Srebre­nica verliert, es gibt eine Mutter, die ihr Kind bei der Geburt verliert, eine andere, die ihr Kind verliert, als es vier Jahre alt ist. Es gibt aber natürlich auch Mütter, die sehr glücklich mit ihren Kindern aufwachsen und entweder über ihre Mutter­rolle hinaus­gehen und sich dann im Beruf oder in der Politik bewähren oder ganz andere Dinge machen.
In Michel Francos Film gibt es nur drei Mütter. Die eine wird gleich erschossen. Die zweite gehängt. Die dritte rät ihrem Sohn, als dessen Braut nach vier Wochen Verschwinden noch nicht wieder aufge­taucht ist, sie doch langsam zu vergessen. Dass diese Mutter damit sogar rich­ti­gliegt, macht das alles nicht besser.

(to be continued)

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