07.09.2020
77. Filmfestspiele von Venedig

When? Why? Wow!

The World to Come
Dieser starke Film der leisen Stimmungen, des Wartens, der Zwischentöne, dieser wunderschön photographierte Film könnte die Jury überzeugen: Mona Fastvolds The World to Come
(Foto: BIENNALE CINEMA 2020 Press Service)

Die Kulti­vie­rung der Phantasie: Schmeißt Eure Handys weg, denn Klima­wandel ist nicht sexy. Filme von Mona Fastvold, Gia Coppola, Malgorzata Szumowska und über Greta Thunberg – Notizen aus Venedig, Folge 6

Von Rüdiger Suchsland

»Jedes Jahr im September hier zehn Tage ins Kino gehen und darüber schreiben – das kann man ja fast nicht Arbeit nennen. Sagt sie. Ich würde das viel­leicht doch Arbeit nennen, aber auch mit niemandem tauschen wollen.«
Michael Althen, FAS 12.09.2009

»It's a good thing, to remember, that our imagi­na­tion can always be culti­vated.«
aus: »The World to Come«

28 Grad und ziemlich luft­feucht ist es am Lido, und auch am späten Abend noch kann man im offenen Hemd über den Lido radeln. Fahrräder mieten hier viele, um sich auf dem Festival schnell und geschmeidig bewegen zu können.
Morgen soll der Regen kommen. Mal sehn...

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Es geht los wie ein Wannabe-Malick: Aus dem Off erzählt eine Frau in ameri­ka­ni­schem Englisch, das man gut verstehen können muss, um diesen Film überhaupt ganz zu würdigen, von harter Arbeit und routi­nierter Ehe, die Natur ist groß, der Mensch klein in diesem Amerika des Jahres 1856.
Das wird schnell anders und entfaltet einen guten Sog, ohne dass man das, was die Norwe­gerin (und Brady-Corbet-Dreh­buch­au­torin/Ehefrau) Mona Fassvold zeigt, nicht schon gesehen hätte. So aber eben nicht.

Abigail, eine Farmerin, erzählt in Form von Tage­buch­ein­trägen. Sie lebt mit Mann und kleiner Tochter ein hartes einsames Leben. Dann stirbt die Tochter. »I have become my grief.«
Als eine neue Familie in die Gegend zieht, freundet sie sich schnell mit der neuen Nachbarin Tallie an: »You made my day.« – »How pleasant and uncommon it is to make someone's day.« Es gibt Winter­stürme und viel zu tun, aber die beiden verbringen immer mehr Zeit mitein­ander und bald ist klar: Es ist mehr als Freund­schaft.

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Fern von Herbst­milch und Schim­mel­reiter-Bildern des Bauern­le­bens zeigt Fassvold Routinen und die Kompli­zen­schaft der Frauen gegen die herge­brachte Welt. Doch dann schlägt diese zurück. Sogar ein Mord steht im Raum. Dann mündet alles in das wunsch­lose Unglück eines verpassten Lebens.

Katherine Waterston als Abigail hat mich vor allem über­rascht; dass Vanessa Kirby als Tellie erschüt­ternd gut war, und wenn sie im Bild ist, allen die Schau stiehlt, ist zwar gar nicht mehr über­ra­schend, aber immer wieder flam­boyant anzusehen.
Der dritte Star des Films ist Casey Affleck als Abigails verschro­bener, duldsam liebender und rührend tole­ranter Ehemann.

Dies ist ein starker Film der leisen Stim­mungen, des Wartens, der Zwischen­töne, wunder­schön photo­gra­phiert, auch präzise und mit viel Sinn für Natur und Sinnes­ein­drücke – dabei fern von allem Natu­ra­lismus.

Man kann solche Filme auch darin unter­scheiden, dass es den Typus gibt, in denen den verwöhnten Schau­spie­lern von den Masken­bild­nern immer Dreck unter die mani­kürten Fingernägel geschmiert wird, damit alles »lebens­echt« aussieht – und andere, wo die Hände sauber bleiben, weil die große Illusion des Kinos nichts mit Nachäffen zu tun hat, sondern mit »bigger than life«.
The World to Come ist so ein Film.

Erstmals in diesem Jahr habe ich den Eindruck: Dieser Film könnte eine Jury mit Menschen wie Cate Blanchett, Veronika Franz, Christian Petzold über­zeugen – eben weil er mehr ist als nur das über­fäl­lige Gegen­s­tück zu Brokeback Mountain als inhal­tis­ti­sches Statement für sexuelle Toleranz, und von einer Frau gedreht, was zumindest letzteres eine conditio sine qua non des dies­jäh­rigen Goldenen Löwen sein wird. Wetten dass?

Aber auch hier gilt der schöne – und letzte – Satz dieses Films: »It's a good thing, to remember, that our imagi­na­tion can always be culti­vated.«

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Vor zehn Jahren gewann hier schon mal eine Frau den Goldenen Löwen. Sofia Coppola. Das hat dann auch wieder nicht allen gepasst, weil ihre Filme nicht so unmit­telbar herz­er­wär­mend sind, wie es die Mehr­heiten gerne hätten, und weil Coppola einen großen Namen trägt. Neid spielte also auch eine Rolle.
Jetzt ist eine andere Coppola am Lido, Gia, Sofias Nichte. Main­stream heißt ihr zweiter Film nach Palo Alto vor 7 Jahren. Schon der war erstaun­lich gut – durch­zogen vom Inde­pen­dent-Flair eines 90er Jahre »Genera­tion X«-Films.

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Wenn Abel Ferrara »Old School« ist, wie er selbst sagt, dann ist Gia Coppola »Young School«. Denn Main­stream gelingt die Unmö­g­lich­keit, gleich­zeitig ziemlich hip zu sein und aus der Netzwelt allerlei Gimmicks für die große Leinwand anzu­schauen, und zugleich angenehm schwe­relos und altmo­disch zu sein.

Die Story kreist um ein junges einsames Mädchen namens Frankie, sie arbeitet in einer 08/15-Bar und hat eine ihr keines­wegs schlecht stehende Narbe auf der linken Gesichts­seite, von dem Auto­un­fall, bei dem ihr Vater starb. In der ersten Szene lernt sie einen hoch­be­gabten Außen­seiter kennen und hat, nachdem die beiden sich zusam­mentun mit einem gemein­samen Social-Media-Projekt, auch Erfolg – bevor sie sich auf die wahren Werte besinnt.

Neben der bitter­süßen Melan­cholie und dem präzis einge­fan­genen Lebens­ge­fühl einer Jugend, der es an nichts mangelt, außer einem Sinn im Leben, ist die zweite Säule des Films seine über­ra­schend explizite Medi­en­kritik: Sehr direkt und viel­leicht manchmal etwas plump sagt der Film: »Schmeißt Eure Handys weg, löscht die Social-Media-Accounts, die digitalen Medien machen euch zu Zombies« – Es liegt in der Natur dieser Botschaften, dass diese nur sehr direkt vermit­telt werden können und subtil überhaupt nicht trans­por­tierbar sind, auch nicht durch Bilder in einem Kinofilm. Hätte man – was es übrigens gibt – Instagram- und Facebook-süchtige junge Menschen als Zombies gezeigt, wäre das auch nicht weiter subtil gewesen.

Gebrochen ist die Entschie­den­heit durch viele gute Witze: Zum Beispiel über »Make-up Tutorials for Chris­tians: Look fresh for Jesus«. Dies ist auch eine ätzende Talk-Show-Satire.

Main­stream ist ein formal sehr einfalls­rei­cher, unge­wöhn­li­cher, mit digitalen Elementen virtuos spie­lender, einfacher und direkter Film, der hervor­ra­gend gespielt ist und vor allem in seiner Atmo­s­phäre und kleinen Momenten gefällt.
Die Haupt­rolle spielt Maya Hawke, die Tochter von Uma Thurman und Ethan Hawke. Neben Link, dem von Alex Garfield gespielten verzo­genen Genie, spielt Nat Wolff, der schon bei Palo Alto dabei war, Frankies besten Freund. Man hofft die ganze Zeit, dass diese beiden ein Paar werden – und wenn sie am Ende den Kopf auf seine Schultern lehnt, dann ist es viel­leicht auch so.

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»Climate change is not sexy«, sagt eine zynische Figur in Coppolas Film – da sind wir schon beim nächsten Thema: Die Medien und das Klima. Das hat Greta Thunberg zu ihrem Lebens­pro­jekt gemacht. In Venedig zeigt man jetzt den ersten Doku­men­tar­film über den schwe­di­schen Klima-Star.

Dieser Film war von Anfang an dabei. Schon an einem der ersten Tage im August 2018, als Greta Thunberg ihren Schul­streik fürs Klima begann – die Kamera zeigt sie von fern, aber ein Mikrophon lauscht ganz nahe mit, als Greta sich mit einer älteren Dame unterhält, die ihr rät, doch besser in der Schule zu lernen, als zu streiken.
Kurz darauf sieht man ein anderes, besonders schönes Bild: Sie sitzt da wirklich allein auf den Straßen Stock­holms, und winkt einem kleinen Mädchen zu, das sie anguckt.

Diese beiden Momente der frühen Greta zeigen die Ambi­va­lenz, die diesen guten, sehr inter­es­santen Doku­men­tar­film durch­zieht: Einer­seits lernt man hier eine Greta kennen, die man bisher nicht kannte: Nämlich ein fröh­li­ches Kind, wirklich ein Mädchen von gerade 15 Jahren, das ihre Hunde liebt, das in freien Minuten gern tanzt, das sehr viel lacht und ausge­lassen sein kann, und auch ihrer medialen Präsenz und der öffent­li­chen Greta gegenüber ironische Distanz wahrt.
Die andere Seite ist die des Medien­be­wusst­seins und der medialen Insze­nie­rung. Denn auch wenn die beschrie­bene Seite Gretas ganz authen­tisch sein mag, so sind diese »privaten« Momente eben nicht privat, sondern immer von einer Kamera begleitet, von Greta und ihren Eltern für die globale Öffent­lich­keit frei­ge­geben. Das mag ohne böse Absicht geschehen sein – aber bestimmt nicht zufällig. Wir lernen gerade in diesem Film, wie intel­li­gent Greta ist, wie wach und selbst­be­wusst. Sie selbst beschreibt ihre Auftritte in der UNO und den anderen Orten sehr schnell als Rollen­spiel, als »role-playing game« und als »fake«. Sie durch­schaut die Mecha­nismen der Öffent­lich­keit. Und das offenbar von Anfang an. Denn das Mikrophon und die Kamera waren schon an den ersten Tagen dabei.

Der Film macht von Anfang an klar, wo er steht. Deshalb kann man sich hier auch selber plat­zieren: Denn über die Grund­hal­tung von Greta der Welt gegenüber kann man durchaus streiten: Es ist ein bisschen einfach, wenn sich eine 15-jährige hinstellt und behauptet, dass alle anderen von nichts eine Ahnung haben, nur sie: Die Politiker zum Beispiel: »they don't have a single clue.« Niemand versteht irgendwas. Später sagt sie: »Menschen sind Herden­tiere und ich muss die Herde führen, ich muss die Herde warnen.« Da merkt man schon, dass sie mit Demo­kratie auch nicht viel am Hut hat.

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Manchmal fragt man sich in dem Film, ob das ganze Klima-Ding nicht auch eine Form der Rache Greta Thunbergs an der Welt ist, die sie als Außen­sei­terin gemobbt hat. Oder eine Form der Therapie.

»It's time to rebel« steht auf einem Plakat und dazu sieht man ein Bild mit ihr und einer Krone – das genau zeigt auch die Ambi­va­lenz des Themas.

Es gibt diesen einen Moment, an dem dann die Bösen oder die soge­nannten Bösen der Welt aufmar­schieren Trump, Bolsonaro, Putin und andere der üblichen Verdäch­tigen. Wie gesagt: dieser Film weiß immer ein bisschen zu genau, wo er steht, und was gut und richtig ist – das macht ihn nicht besser, sondern schlechter.
Auch schmieren die Filme­ma­cher – oder waren es die Fernseh-Redak­teure? – oft zu viel Kitsch­musik unter die Bilder, die diese Bilder nicht nur nicht nötig haben, sondern die ihnen schaden.

In jedem Fall wusste hier jemand von Anfang an: Das wird ein ganz großes Ding – und begann den Film. So gesehen ist die ganze Greta-Sache viel­leicht doch wieder nicht ganz so unschuldig, wie man es gerne hätte.

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Bisher habe ich die polnische Regis­seurin Malgorzata Szumowska gemocht. Man möchte wissen, was in sie gefahren ist, dass sie Never Gonna Snow Again gedreht hat, den polni­schen Film im Wett­be­werb.
Einen Film, der schon mit jenem Walzer von Schosta­ko­witsch losgeht, den wir alle, die wir keine Musik­ex­perten sind, vor 21 Jahren kennen­ge­lernt haben, als Kubricks Eyes Wide Shut in Venedig Premiere hatte, dem kann man in den seltensten Fällen vertrauen. Hier haut jemand auf die Zwölf fürs Arthouse-Publikum.
Im Film arbeitet ein Ukrainer als Masseur in einer Gated Community in den Suburbs von Warschau. Täglich geht er von Haus zu Haus, nimmt Massa­ge­ter­mine wahr, lächelt viel und redet wenig. Er hypno­ti­siert auch und tröstet die neuro­ti­schen Kunden durch Gespräche. Einmal tanzt er durch das Haus einer Kundin und da sieht man dann, dass der Haupt­dar­steller ein ausge­bil­deter Tänzer ist.
Das alles ist irgendwie auch eine schräge Komödie, in der es um die Absur­di­täten des mensch­li­chen Lebens an sich und der polni­schen Gesell­schaft im Beson­deren geht. Auch ein Film der versteckten, unter­drückten Leiden­schaften, der Kurio­si­täten, der allerlei kaputten und nerdigen Typen. Das kann man aber nicht Kritik an den Reichen nennen, die Chabrol-Schärfe fehlt.
Sehr gleich­mäßig plät­schert der Film vor sich hin, entwi­ckelt überhaupt keinen Rhythmus – das Ganze führt auch nicht auf etwas zu, sondern wird zunehmend öder und lang­wei­liger. Insgesamt eine bizarre und reichlich asep­ti­sche Atmo­s­phäre. Irgendwas mit Tscher­nobyl und einer gestor­benen Mutter, gesell­schafts­kri­tisch gemeint viel­leicht. Aber in diesem Film geht nichts voran, und man soll darüber lachen, dass die Klingeln der Häuser in absurden Klin­gel­tönen verschie­dene Klassiker variieren, von Mozarts »Kleiner Nacht­musik« bis zu Wagners »Ritt der Nibe­lungen«.

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Der italie­ni­sche Kritik­er­freund Ugo Brusa­prorco sagte es am Abend klarer und kürzer: »incredible shit.«

(to be continued)

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