04.09.2020
77. Filmfestspiele Venedig

Venedig On Speed 02: GRETA

GRETA
GRETA von Nathan Grossman
(Foto: BIENNALE CINEMA 2020 Press Service)

Simul­ta­nis­ti­sche Film­kritik: GRETA von Nathan Grossman

Von Rüdiger Suchsland

Dieser Film war von Anfang an dabei. Schon an einem der ersten Tage im August 2018, als Greta Thunberg ihren Schul­streik fürs Klima begann – die Kamera zeigt sie von fern, aber ein Mikrophon lauscht ganz nahe mit, als Greta sich mit einer älteren Dame unterhält, die ihr rät, doch besser in der Schule zu lernen, als zu streiken.
Kurz darauf sieht man ein anderes, besonders schönes Bild: Sie sitzt da wirklich allein auf den Straßen Stock­holms, und winkt einem kleinen Mädchen zu, das sie anguckt.

Diese beiden Momente der frühen Greta zeigen die Ambi­va­lenz, die diesen guten, sehr inter­es­santen Doku­men­tar­film durch­zieht: Einer­seits lernt man hier eine Greta kennen, die man bisher nicht kannte: Nämlich ein fröh­li­ches Kind, wirklich ein Mädchen von gerade 15 Jahren, das ihre Hunde liebt, das in freien Minuten gern tanzt, das sehr viel lacht und ausge­lassen sein kann, und auch ihrer medialen Präsenz und der öffent­li­chen Greta gegenüber ironische Distanz wahrt.
Die andere Seite ist die des Medien­be­wusst­seins und der medialen Insze­nie­rung. Denn auch wenn die beschrie­bene Seite Gretas ganz authen­tisch sein mag, so sind diese »privaten« Momente eben nicht privat, sondern immer von einer Kamera begleitet, von Greta und ihren Eltern für die globale Öffent­lich­keit frei­ge­geben. Das mag ohne böse Absicht geschehen sein – aber bestimmt nicht zufällig. Wir lernen gerade in diesem Film, wie intel­li­gent Greta ist, wie wach und selbst­be­wusst. Sie selbst beschreibt ihre Auftritte in der UNO und den anderen Orten sehr schnell als Rollen­spiel, als »role-playing game« und als »fake«. Sie durch­schaut die Mecha­nismen der Öffent­lich­keit.

Und das offenbar von Anfang an. Denn das Mikrophon und die Kamera waren schon an den ersten Tagen dabei.

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