03.09.2020
77. Filmfestspiele von Venedig

Hoffnungen und Geheimnisse

Lacci
Die Stärke von Luchettis Film liegt ganz in seiner Story
(Foto: BIENNALE CINEMA 2020 Press Service)

Die Familie als Büchse der Pandora: Die Film­fest­spiele von Venedig eröffnen mit dem italie­ni­schen Film »Lacci« – Notizen aus Venedig, Folge 2

Von Rüdiger Suchsland

»Das ganze Leben ist Verrat.«
Cesare Pavese

»Es heißt, Eastwood sei schon einen Tag früher angereist, 'um seine Freiheit zu haben'. Und es kann gut sein, dass er in der Accademia sitzt und Gemälde von Carpaccio bewundert – so wie er es am Anfang von seinem vorletzten Film 'Absolute Power' getan hat. Ein Mann mit einem Hut in einem Museum. Und nur im Kino kann es passieren, dass dieser Mann hinterher Zeuge wird, wie der Präsident der USA eine Frau verge­wal­tigt und ermordet.«
Michael Althen, SZ 31.08.2000

Space Cowboys von Clint Eastwood – das war vor genau 20 Jahren der Eröff­nungs­film der Mostra. Und Eastwood war da erst gerade mal schlappe 70 Jahre alt.

Diese Erin­ne­rung mag den Abgrund andeuten, der das dies­jäh­rige Festival von einer normalen Mostra trennt, und uns alle vom Kino, wie es vor zwanzig Jahren noch Normal­zu­stand war – als man Telefone nur zum Tele­fo­nieren benutzte und bei »Netflix« viel­leicht an einen neuen Inter­net­browser gedacht hätte.

Aber heute sind wir alle froh, dass es überhaupt wieder losgeht, und wer erstmal einen Schreck bekommen hatte, bei der Ankün­di­gung, dass diesmal in Venedig statt mit dem nächsten Oscar­fa­vo­riten mit einem italie­ni­schen Film eröffnet wird, den kann man hier schon mal beruhigen.

»Lacci« (»Schnür­senkel«) vom sech­zig­jäh­rigen italie­ni­schen Regisseur Daniele Luchetti, der erste italie­ni­sche Eröff­nungs­film seit vielen Jahren, ist ein guter Film, und für den Auftakt dieses Film­fes­ti­vals mehr als in Ordnung.

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Eine einfache Geschichte über die kompli­zier­teste Sache der Welt. Alles spielt in Neapel in den frühen 80er Jahren. Mit einem Grup­pen­tanz Erwach­sener geht es los, ein Paar wirft sich bedeu­tungs­volle Blicke zu. Im Hinter­grund amüsieren sich die Kinder. Dann geht es nach Haus, das Paar bringt seine Kinder ins Bett; der Vater ist zärtlich, er liest Märchen vor, schon im Schlaf­anzug sieht man gemeinsam fern: Eine Sendung über Tiere. Der Sprecher erzählt von den Löwen­kin­dern, bei denen »die Fami­li­en­bande« angeblich für immer halten, wenn sie einmal geknüpft sind. Spätes­tens da ahnen wir, dass das mit den Fami­li­en­banden für diese Menschen­kinder nicht so einfach gelten wird. Es wird dies nämlich der letzte ganz unbe­schwert glück­liche Abend ihrer Kindheit sein. Denn ein paar Minuten später gesteht Aldo, der Vater, der beim Radio arbeitet, dass er eine Affäre mit einer Arbeits­kol­legin hat. Vanda, die Mutter, gespielt von Alba Rohr­wa­cher (und als alte Frau dann von Laura Morante), stellt zunächst ein paar sehr gute Fragen. Zum Beispiel: »Warum hast du es mir gesagt? Wer ist sie? Wie lange geht das schon?«. Dann stellt sie fest: »Wenn es unwichtig wäre, hättest du es mir nicht sagen sollen«, und gerät zunehmend außer sich. Schließ­lich schmeißt sie Aldo aus der Wohnung.

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Was lernen wir daraus? Besser nichts sagen? Viel­leicht. Es hätte Aldo aber nicht viel gebracht, denn das mit der Kollegin wird ernster.

Später spricht Vanda nicht nur über Liebe, sondern über Liebe hinaus von Loyalität. »Wir haben einen Pakt geschlossen, ich hätte auch noch etwas Besseres haben können.«
»Lacci« verfolgt die Beziehung über 40 Jahre – man weiß bald, dass die beiden irgendwie wieder zusam­men­finden, obwohl das so gar nicht verständ­lich scheint. Am Anfang steht der Film ganz auf Seiten von Vanda und der gemein­samen Kinder, die leiden und vom Vater wenig wissen wollen. Es wird über die Naivität der Männer geredet, darüber, wie wichtig ihnen Prestige ist. Und wie man sich mit Leuten umgibt, die für das eigene Prestige hilfreich sind. Das Leben der Männer sei nicht nur leer, es sei geprägt durch Angst vor der Leere. Harte Diagnose, aber nicht falsch.

Doch je länger der Film dauert, wird alles zunehmend kompli­zierter. Wir lernen die anderen Seiten kennen, auch Aldos Geliebte. Und lernen, wie die Beziehung zwischen Vanda und Aldo sich langsam wieder aufwärmt, wie aus Vertraut­heit neue Liebe wird.
Oder ist dies nur ein perverser Zusam­men­halt in gegen­sei­tiger Selbst­ver­ach­tung. Wunsch­loses Unglück?

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In der Jetztzeit, als beide alt sind, über­la­gern Frus­tra­tion, Enttäu­schung und Kälte die Vertraut­heit. »No life without betrayal – kein Leben ohne Verrat.« heißt es einmal, ohne dass klar wird, wie genau der Satz gemeint ist. Als Einsicht in prag­ma­ti­sche Notwen­dig­keit, als Essenz unseres Daseins? Bei Cesare Pavese ist das konse­quenter, auch exis­ten­ti­eller formu­liert: »Das ganze Leben ist Verrat.« Aber auch hier bleibt offen, wie hoch der Anteil des Selbst­ver­rats liegt.

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Der inter­es­san­teste Aspekt dieses Schluss­teils ist, wie sich unser Blick auf die Kinder wandelt, mit denen man so lange mitfühlte.

Diese nied­li­chen Kinder werden als Erwach­sene nämlich zu sozialen Terro­risten. Man kann das natürlich so abtun, dass man sagt, hier sieht man mal wieder, was Tren­nungen und was die Capricen der egois­ti­schen Erwach­senen den Kindern antun. Aber der Film zeigt, dass auch Kinder schon früh Egoisten sind. Inter­es­sant ist es, die Szenen, die man schon einmal gesehen hat, aus Kinder­per­spek­tive dann noch mal zu sehen. Also etwa zu erkennen, wie die Tochter, die sich keines­wegs, wie man glaubte, mit der sitzen­ge­las­senen Mutter soli­da­ri­siert, sondern sie eigent­lich fürch­ter­lich findet und Angst vor ihr hat, wie sie zugleich aber nicht zugeben will, dass sie eigent­lich lieber bei der Geliebten des Vaters leben würde. Das ist ein hoch­in­ter­es­santer, auch bewe­gender Moment.
Im Nach­hinein versteht man auch den Albtraum der Tochter, sie sei tot gewesen, nicht mehr als Reaktion auf Eltern­tren­nung, sondern als frühes Zeichen einer psychisch Labilen.
So oder so sind die Kinder als Erwach­sene drei Klassen unin­ter­es­santer als die Eltern: Die Tochter dick, hässlich, krank, der Sohn ein Prick. Aber die Kinder verachten die Eltern auch noch voll­kommen unge­recht­fer­tigt, deren Leben und Inter­essen sie nicht zu schätzen wissen: Der Vater sei »ordinary clever«, aber ein Dante sei er nicht.
Familie als Terror­zu­sam­men­hang, mal wieder. Aber auch als Büchse der Pandora. Das größte Unglück ist die Hoffnung.

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Man merkt, dass die Stärke des Films ganz in seiner Story liegt. Die Machart ist konven­tio­nell, aller­dings doch eine Konven­tio­na­lität, wie sie fran­zö­si­sche Filme haben, und zu der deutsche Filme eigent­lich nie hinfinden: Hier zeigt man etwas, guckt inter­es­siert zu, hat Sinn für Bilder und Rhythmus, und quatscht nicht jede Szene mit Erklär­dia­logen zu.

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Noch eine andere Erfahrung hatte ich im Kino: Die Leinwand zeigt Menschen, die sich nahe sind, sich berühren, mitein­ander sind, ohne Abstand, ohne Masken.
Die Wirk­lich­keit auf der Leinwand ist reicher und wirk­li­cher als die, die wir leben. Die Filme zeigen uns, was uns fehlt, wie pervers der Zustand ist, in dem wir uns befinden, auch wenn wir alle uns längst an ihn gewöhnt haben und manche von uns sich viel­leicht sogar gut mit ihm arran­gieren.

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Über Clint Eastwood, der hier vor 20 Jahren eine Master­class gab, schrieb Michael Althen damals noch ein paar Dinge, die heute so zeitgemäß klingen wie damals: »Ein Mann, der begriff, dass der Western und der Jazz die urei­gensten Kunst­formen seines Landes sind – und der das auch reflek­tieren konnte. Dass Gewalt und Show in Amerika untrennbar verbunden sind. Und dass die Freiheit des Westens von Anfang an eine Sache kapi­ta­lis­ti­scher Ausbeu­tung war. Was Buffalo Bill mit seinen Wildwest-Shows war, das hat Eastwood nicht nur mit Bronco Billy reali­siert, sondern in gewisser Weise auch mit seinem Star-Status, der den Geschmack von Freiheit und Abenteuer vermarktet hat.«

(to be continued)

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