23.10.2020
Cinema Moralia – Folge 231

Strategie des Risikos

Zombie Child
Wenn schon nicht De La Guerre, dann doch wenigstens Zombi Child ansehen, denn der läuft auch außerhalb Berlins noch in den Kinos
(Foto: Grandiflm)

Erfüllung oder ausruhen: Von Bertrand Bonello kann das deutsche Kino nichts lernen. Es müsste schon ein anderes Kino sein – Cinema Moralia, Tagebuch eines Kino­ge­hers, 231. Folge

Von Rüdiger Suchsland

»Are we going to get Europe, or is it Europe that will get us? Cinema could have served Europe, but we did not want it. We preferred tons of images, but not cinema.«
Godard

»Was die Terro­risten gewinnen, verlieren die Schrift­steller. Was sie an Einfluss auf das Bewusst­sein der Massen hinzu­ge­winnen, verlieren wir als Gestalter von Sensi­bi­lität und Gedanken. Die Gefahr, die sie darstellen, entspricht unserem Versagen, gefähr­lich zu sein.«
Don De Lillo, »Mao II«

»Wollen wir den Gegner nieder­werfen, so müssen wir unsere Anstren­gung nach seiner Wider­stands­kraft abmessen; diese drückt sich durch ein Produkt aus, dessen Faktoren sich nicht trennen lassen, nämlich: die Größe der vorhan­denen Mittel und die Stärke der Willens­kraft.«
Clau­se­witz, »Vom Kriege«, 1. Buch, 1. Kapitel

Bevor wir anfangen: Jedem, der es irgendwie schafft, möchte ich dringend empfehlen, am kommenden Samstag ins Kino zu gehen! Genau gesagt ins Berliner Arsenal-Kino. An diesem Samstag, 24.Oktober, läuft dort als vorletzter Beitrag der noch ein paar Tage laufenden wunder­schönen Retro­spek­tive zu Bertrand Bonello ein vorletztes Mal ein Film von ihm – und ein letztes Mal De La Guerre. Dies ist ein Film, den man gesehen haben muss, und zwar im Kino.

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Diesen Film würde es in Deutsch­land nicht geben. Es würde ihn in Deutsch­land nicht geben können. Es würde ihn in Deutsch­land auch nicht geben dürfen. Weil man so etwas nicht will. Weil De la Guerre alles das verkör­pert, was die deutsche Film­för­de­rung seit Jahren syste­ma­tisch zu verhin­dern, zu ersticken, abzutöten versucht. Weil dieser Film Regis­seurs-Kino par excel­lence ist und nicht Produ­zenten-Kino. Und auch wenn es natürlich großar­tige, kreative und cinephile Produ­zenten in Deutsch­land gibt, und ziemlich stulle Regis­seure, dann ist, zuge­spitzt gesagt, dieser Gegensatz zwischen Produ­zenten-Kino und Regis­seurs-Kino – altmo­di­scher formu­liert zwischen Autoren­film und Studio-Film –, genau der, um den es am Ende geht, mit dem man die Spreu vom Weizen trennen kann und Kino von Relevanz von dem unter­scheidet, was irrele­vant ist.
Das deutsche Kino ist heute weit­ge­hend irrele­vant, weil Regis­seure hier nichts zu sagen haben, weil Filme wie De la Guerre aus Deutsch­land undenkbar sind. Man muss mir das gar nicht glauben – man kann sich dafür mit einem x-belie­bigen Kurator oder Festi­val­pro­grammer oder auch Welt­ver­trieb aus dem Ausland unter­halten.

In Deutsch­land können Regis­seure besten­falls mitmachen, wenn sie selbst produ­zieren, oder wenn sie sich anpassen oder wenn sie sowieso das wollen, was Produ­zenten und Förderung auch wollen – und wenn sie dazu auch noch »Erfolge« vorzu­zeigen haben. Und »Erfolge« heißt entweder richtig viel Publikum oder die Teilnahme an einem A-Festival-Wett­be­werb. Schon die Teilnahme in einer noch so renom­mierten Neben-Reihe eines A-Festivals, also etwa die Teilnahme in der Quinzaine oder Un Certrain Regard, beides Reihen beim Festival von Cannes, in denen man jedes Jahr einige der wich­tigsten Filme des Jahres zu sehen bekommt, schon diese Teil­nahmen inter­es­sieren in Deutsch­land keine S.... Man schmückt sich mit der Teilnahme, auch als Förder­chefin, aber es gibt dafür keinen Cent Förder-Geld.

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Man will so etwas aber auch deswegen nicht, weil man es hier nicht versteht. Nicht mehr versteht. Denn es gab natürlich eine Zeit – sie dauerte bis Ende der 1970er Jahre –, in der man sehr viele Filme noch verstanden hat, denen gegenüber das Publikum von heute ein Haufen von Analpha­beten ist. Visueller Analpha­beten. Ich meine uns alle: uns Kritiker, mich auch, aber immer auch die Förderer, immer auch die Lehrer in den Film­hoch­schulen. Alle, die für diesen gotter­bärm­li­chen Film-Zustand bei uns verant­wort­lich sind – ohne Ausnahme. Ein Film wie De la Guerre von Bonello wäre bei uns nicht möglich, weil er gar nicht verstanden würde: Er ist zu erratisch, zu wenig natu­ra­lis­tisch, zu wenig eine Erzählung von A nach B nach C nach D – weil er nicht durch­schnitt­lich ist. Weil er sich gegenüber seiner Zeit, also unserer Gegenwart genauso verhält, wie die Novellen von Kleist, die Romane von Stendhal, die Philo­so­phie von Hegel, die Musik von Beethoven, die Politik Napoleons und eben die Strategie von Clau­se­witz sich zu ihrer Zeit verhalten hat: Weil er diese Zeit in Frage stellt. Weil er über sie hinaus geht, oder viel­leicht doch hinter ihr zurück­bleibt, weil er jeden­falls mit ihr nichts gemein hat, und auch nichts gemein haben will. Darin genau liegt die Faszi­na­tion dieses Films – der ohne Frage sperrig und erratisch ist, und viel­leicht nicht mal gut.

Ich habe ihn im Kino aller­dings geliebt, als ich ihn vor ein paar Tagen gesehen habe.

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Von Bertrand Bonello kann das deutsche Kino nichts lernen. Weil es alles von ihm lernen müsste – und dafür müsste es ein anderes Kino sein.

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In diesem Jahr hat man Fass­bin­ders 75. Geburtstag gefeiert – museal, genau wie Schlin­gen­siefs Todestag. Bei Provo­ka­teuren und Infra­ge­stel­lern feiert man sowieso am liebsten die Todestage.

Als ich De la Guerre gesehen habe, wurde mir klar, dass Fass­binder ein starker Einfluss auf Bonello sein muss.
Es fällt sowieso so manches auf: Bonellos Vorliebe für Masken. Sein Interesse an geschlos­senen autarken Gemein­schaften und ihrem Grup­pen­dy­na­miken: Das Bordell in Appol­lo­nide, die Terror­gruppe in Nocturama, das Internat und darin wieder die Girls-Gang in Zombi Child. Erkennbar sind neben den offenen Anspie­lungen auf Apoca­lypse Now, auch Verweise auf Franju und den unver­meid­li­chen Godard.

Argument genug für alles an diesem Film müsste schon sein, dass Mathieu Amalric die Haupt­rolle spielt, dass der unver­gleich­liche, unver­ges­sene Guillaume Depardieu mitspielt, genau wie Asia Argento, Lea Seydoux und Elina Löwensohn; dass Amalric einen Regisseur spielt, der Bertrand heißt, im Fernsehen Cronen­bergs eXistenZ ansieht, und sich in einer zuneh­menden exis­ten­zi­ellen Krise hinreißen lässt, zwei Wochen in einer Art Therapie-Center zu verbringen.
Dort lehrt Argento als eine Art athe­is­ti­sche Hohe­pries­terin eine Technik der Selbst­be­herr­schung, die außer von der Absage an Konsum von Clau­se­witz’ Klassiker »Vom Kriege« inspi­riert ist. Man müsse »Krieg gegen sich selber führen« heißt es. »You are going to win wars.« Bald prak­ti­ziert Bertrand den Grundsatz »Fulfill­l­ment or rest« und gewinnt viele Schlachten.
Wir lernen auch: »Sauvage doesn't mean solitaire. It means sauvage.«

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Die eigent­liche Philo­so­phie des Films, so es denn eine gibt, kommt aber aus dem Mund von Lea Seydoux: »Wir gehen keine Risiken mehr ein. Denn das heißt Position ergreifen, und das tun wir nicht gern.«

Das könnte man sich zu Herzen nehmen.

Bonellos Schachzug der Hinwen­dung zu Clau­se­witz, der Erin­ne­rung an diesen Verges­senen ist jeden­falls großartig.

Dies ist ein spiri­tu­eller Film. Aber bitte nicht miss­ver­stehen: Es ist eine Spiri­tua­lität des Dies­sei­tigen. So wie es auch eine Strategie des Risikos gibt; und hierin liegt viel­leicht eine Schnitt­menge zwischen Clau­se­witz und Hegel.
Clau­se­witz schreibt: »Es gibt Fälle, wo das höchste Wagen die höchste Weisheit ist.« (Vom Kriege; II. 5.). Und weiter: »Es ist alles im Kriege sehr einfach, aber das Einfachste ist schwierig.« (Vom Kriege; I.7.)

Versteht man, was ich sagen will?

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Wir müssen wieder lernen, Risiken einzu­gehen. Ästhe­ti­sche zumal, poli­ti­sche und mora­li­sche aber auch. Nur: Wie soll man Risiken eingehen, wenn man sie gar nicht denken, geschweige denn erkennen kann? Wenn man vor ihnen zurück­tau­melt, erschreckt, anstatt sich zumindest einen Augen­blick verführen zu lassen, so wie Poe es für den Anblick des Mael­stroms beschreibt: »...to reflect how magni­ficent a thing it was to die in such a manner.«

Ein aktuelles wenn auch vergleichs­weise banales Beispiel: Von »Corona als Chance« schwafeln gerade viele daher. Aber kaum einer ergreift sie.

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Wie krass engstirnig die Zustände hier­zu­lande sind, zeigt sich etwa auch daran, dass selbst ein kluger und geschätzter Kollege für Bonellos Nocturama komplett erblindet war. Man muss den Film ja gar nicht gut finden, aber die Borniert­heit wie seiner­zeit in der FAZ, das Mora­li­sieren als Reaktion auf Ästhetik, ärgert dann doch: »Medien­ef­fekt ... ein Außen kann Bonello sich zu seiner nihi­lis­ti­schen Phantasie nicht leisten, es würde seinen Film als leere Pose entlarven. ... In Frank­reich liegt sicher so Einiges im Argen, aber eine so klein­geis­tige Toten­messe muss man dem Land nicht lesen.«

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Noch einmal hier auch die Empfeh­lung, sich auch Zombi Child anzusehen, Bonellos neuesten Film, der seit vorver­gan­gener Woche in den deutschen Kinos läuft.
Ein Film, der sehr sehr viel zu sagen hat, und der das am besten im Kino sagen kann. Und ein wirklich schöner, wunder­schöner Film. Lustig, weise, anregend. Verfüh­re­risch.
Glaubt mir bitte. Ich meine es gut mit Euch, liebe Leser!

(to be continued)

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Unter dem Titel »Cinema Moralia« sind hier in loser Folge Notizen zum Kino zu finden, aktuelle Beob­ach­tungen, Kurz­kri­tiken, Klatsch und Film­po­litik, sowie Hinweise. Eine Art Tagebuch eines Kino­ge­hers.