27.08.2020
Cinema Moralia – Folge 227

Some like it not

Some like it hot - Poster
Der Gegensatz zu Identität heißt nicht Diversität, sondern Universalität.
(Foto: Designed by Macario Gómez Quibus. Copyright 1959 / Public domain)

Auf dem Weg zum Teflon­fes­tival: Die Berlinale im Sumpf der Iden­ti­täts­po­litik und auch sonst auf falschen Pfaden – Cinema Moralia, Tagebuch eines Kino­ge­hers, 227. Folge

Von Rüdiger Suchsland

»Berlinale schafft Geschlechter ab«
BILD-Zeitung vom 25.08.2020

Es ist keine gute Idee. Genau genommen ist es sogar eine sehr schlechte Idee. Und man fragt sich, was denn bloß das immer noch neue Leitungsduo der Berlinale geritten haben mag, in der Pres­se­mit­tei­lung vom Montag gleich selten viele eklatante Fehler aufein­ander zu häufen?

Viel­leicht hat die haus­ei­gene Pres­se­ab­tei­lung ja die Chefs schlecht beraten.

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»Berlinale 2021: Festival findet physisch statt / Gender­neu­trale Schau­spiel­preise« war diese Meldung über­schrieben.

Im Werbe­deutsch wurde da ganz schön geschwur­belt: »Berlinale 2021 ist als physisch statt­fin­dendes Festival geplant. Für den European Film Market (EFM) ist ein hybrides Modell vorge­sehen. ...
Bereits beschlossen ist, dass die Sektion Genera­tion in den Wett­be­werben Genera­tion Kplus und Genera­tion 14plus 2021 ausschließ­lich Langfilme mit einer Spielzeit von mindes­tens 60 Minuten und keine Kurzfilme zeigen wird. ...
Erstmals werden die Schau­spiel­preise gender­neu­tral definiert. Statt der Auszeich­nungen für den Besten Darsteller und die Beste Darstel­lerin werden künftig gender­neu­tral ein „Silberner Bär für die Beste Schau­spie­le­ri­sche Leistung in einer Haupt­rolle“ und ein „Silberner Bär für die Beste Schau­spie­le­ri­sche Leistung in einer Neben­rolle“ vergeben.
Eine weitere Neuerung ist der „Silberne Bär Preis der Jury“.
Der ehemalige „Silberne Bär Alfred-Bauer-Preis“ wurde 2020 aufgrund neuer Erkennt­nisse zur Position des ersten Berlinale-Leiters, Alfred Bauer, im Natio­nal­so­zia­lismus ausge­setzt und wird in Zukunft nicht mehr vergeben. Die Auswer­tung einer externen fach­wis­sen­schaft­li­chen histo­ri­schen Unter­su­chung zu Alfred Bauer wird im Spät­sommer vorliegen und dann veröf­fent­licht. ...«
'Die Auszeich­nungen im Schau­spiel­fach nicht mehr nach Geschlech­tern zu trennen, ist ein Signal für ein gender­ge­rech­teres Bewusst­sein in der Film­branche', kommen­tiert das Leitungsduo der Berlinale.

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Das Letzte ist eine gute Nachricht für alle, die sich weder als Frau noch als Mann defi­nieren. Also für etwa 0,2 Prozent der Bevöl­ke­rung.
Für die gut 50 Prozent der Bevöl­ke­rung, die wir bis auf Weiteres als Frauen ansehen, ist die Nachricht fatal. Der einzige Preis, der explizit für diesen Teil der Menschen gedacht war, wird per Umde­fi­ni­tion abge­schafft.

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Ob es eine gute Entschei­dung ist, die Kurzfilme in der Kinder- und Jugend­sek­tion »Genera­tion« zu streichen, darüber kann man immerhin noch streiten. Zudem diese Entschei­dung zunächst einmal nur für das kommende Jahr gilt. Natürlich ist sie trotzdem begrün­dungs­be­dürftig, denn Kurzfilme sind gerade für Kinder und Jugend­liche, je jünger umso mehr, das geeig­netste Medium, um diese ans Kino heran­zu­führen. Warum also ausge­rechnet hier streichen?
Ande­rer­seits gehören wir auch zu denje­nigen, die seit Jahr und Tag fordern, dass die voll­kommen aufge­blähte, über­la­dene und ständig über­lau­fende Berlinale endlich ihr Programm verschlanken solle – also können wir jetzt – wo sie das mal wenigs­tens an einer Stelle tut – schlecht sagen, dass dies nun auch wieder falsch ist.
Außerdem hat die Berlinale ja eine eigene Kurz­film­sek­tion, insofern ist es viel­leicht tatsäch­lich die zweit­beste Idee, alle Kurzfilme aus allen Sektionen zu streichen und sie in dieser einen Sektion zusam­men­zu­führen, dort dann viel­leicht auch Kurzfilme für Kinder und Jugend­liche. Die aller­beste Idee wäre es natürlich, Kurzfilme so zu zeigen, wie es früher gemacht wurde, nämlich je einen Kurzfilm vor je einem langen Film, damit die normalen Menschen statt der üblichen Werbe­spots und Trailer und Spon­so­ren­logos dann mal etwas anderes sehen, für das sie auch nicht bezahlt haben – nämlich einen Kurzfilm, der viel­leicht sogar gut ist, viel­leicht sogar genial, und viel­leicht sogar von einem Regisseur stammt, der ein paar Jahre später dann mit seinem Langfilm den Goldenen Bär gewinnt oder besser noch die Goldene Palme in Cannes.

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Wir lassen jetzt auch mal den nahe­lie­genden Spott über »hybrid« und »physisch« – »physisch statt­finden« würde die Berlinale natürlich auch, wenn Festi­valak­kre­di­tierte und Karten­käufe die Filme auf dem Rechner zu Haus im Bett oder in der Wanne im Stream anschauen würden.
Was das Berlinale-Leitungsduo uns vermut­lich sagen möchte, ist, dass wir die Filme im Kino sehen sollen können. Das haben sie aber nicht gesagt.

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Das Wort »Kino« kommt in der 434 Worte umfas­senden Pres­se­mit­tei­lung des nach eigenem Anspruch bedeu­tendsten deutschen Film­fes­ti­vals aber nicht ein einziges Mal vor. Einmal ist von »analogen Erleb­nis­räumen« die Rede. Auch das Wort Kultur taucht nur einmal auf. Dafür gleich viermal »gender­neu­tral« bzw. »gender­ge­recht« und fünfmal die Begriffe Markt oder Branche. Und achtmal das Wort Festival. Das verrät die Prio­ri­täten.

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Wie kann man aber bloß auf den dusse­ligen Gedanken kommen, die eigenen Preise derart umzu­be­nennen, dass man sie in ihrer bishe­rigen Form de facto zerstört? Wieso schafft die Berlinale den einzigen Preis, der bislang explizit an eine Frau vergeben wird, womit die Jury gezwungen war, sich mit weib­li­chen Darstel­ler­leis­tungen zu befassen, ab, und ersetzt sie durch »geschlechts­neu­trale« Preise? Zudem minimiert man die Bedeutung des eigenen Preises auch dadurch, dass man statt zwei Haupt­rollen auszu­zeichnen, jetzt eine Neben­rolle auszeichnen lässt.
Der Grund ist klar: Man möchte es politisch jedem recht machen, und hat Angst vor den Protesten der Lobbys des »Dritten Geschlechts«, mögen diese auch noch so klein sein. Dass man damit alle möglichen anderen Seiten gegen sich aufbringen würde, war zu erwarten – nur bei der Berlinale hat man es offenbar nicht voraus­ge­sehen.

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Auch wenn einem der wieder mal über­schrille Ton der »Pro Quote Film«-Pres­se­mit­tei­lungen auf die Nerven geht, hat man dort den Nagel auf den Kopf getroffen mit der rheto­ri­schen Frage: »Spielt das Berlinale Leitungsduo mit einem gender­neu­tralen Schau­spiel­preis das Ringen um Gleich­stel­lung und Diver­sität gegen­ein­ander aus?«
Statt hier weiter zu argu­men­tieren, was mal eine uner­war­tete Leistung gewesen wäre, bläst Pro-Quote aber ins gleiche Horn, und spielt dann andersrum das poli­ti­sche Feld gegen das ästhe­ti­sche Feld aus und vermischt Berlinale-Statis­tiken mit »welt­weiten Erhe­bungen« und diese dann wieder mit sexis­ti­scher Verzer­rung, und dem Problem, dass Frauen ab 30 sukzes­sive von der Leinwand verschwinden.
Wohl nicht ganz ernst gemeint ist die hinter­her­ge­scho­bene Bemerkung, bei der Berlinale gebe es nicht mal gender­neu­trale Toiletten.

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Das, was die Berlinale Entschei­dung vor allem zeigt, ist, wie sich unsere Gesell­schaft selbst fesselt, wenn sie sich auf das Paradigma der Diver­sität bzw. der Reprä­sen­ta­tion überhaupt einlässt. Dann bleibt bald nur die Wahl zwischen falschen Alter­na­tiven. Dies sind die Dilemmata der Iden­ti­täts­po­litik. Wer sich auf das Denken in Gruppen-Iden­ti­täten einlässt, wird immer wieder solche Konflikte entfachen.

Der Gegensatz zu Identität heißt nicht Diver­sität, sondern Univer­sa­lität. Wir müssen es aushalten, dass eine Gesell­schaft nicht in Gruppen aufteilbar ist, nicht in kleine Gemein­schaften, sondern dass eine Gesell­schaft aus Indi­vi­duen besteht.

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Nicht klüger ist das Verhalten im Fall Alfred-Bauer-Preis. Lassen wir beiseite, ob Alfred Bauer sich in der NS-Zeit derart kompro­mit­tiert hat, dass man im Nach­hinein die damnatio memoriae prak­ti­zieren muss.

Ein selbst­be­wusster Umgang würde dem bishe­rigen Alfred-Bauer-Preis – wenn man diesen Namen nicht behalten will oder kann – selbst­be­wusst einen neuen, aussa­ge­kräf­tigen Namen geben. Es muss ja kein Dieter-Kosslick-Preis werden.
Ihm aber den Namen »Preis der Jury« zu geben, zeugt von Feigheit wie von Mangel an Geschichts­be­wusst­sein. Einen belie­bi­geren Namen hätte man nicht finden können. Aber hätte man ihn nicht dann »Kleiner Preis der Jury« nennen müssen, um ihn vom exis­tie­renden »Großen Preis der Jury« abzu­setzen. Und ist nicht jeder Preis ein Preis der Jury?
Mit dieser größt­mö­g­li­chen und -belie­bigen Unver­bind­lich­keit wird die neue Post-Kosslick-Berlinale zum Teflon­fes­tival: Haupt­sache man kann ihr politisch nichts anhängen.

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Mona­te­lang hatten sie geschwiegen. Mona­te­lang hatte man nichts Offi­zi­elles von den beiden neuen Leitern der Berlinale gehört.
Inof­fi­ziell dafür umso mehr. Denn aus der zweiten Reihe und den Kreisen der Mitar­beiter der Berlinale und aus, wie man so sagt, »gut infor­mierten Kreisen« konnte man doch einiges davon erfahren, worüber im Hinter­grund so gekämpft wurde bei der Berlinale.
Es wird ziemlich klar, dass es innerhalb der Berlinale verschie­dene Meinungen gibt, wie mit Corona umzugehen sei, und erst recht im Verhältnis zwischen Berlinale und BKM, also dem Bundes­kul­tur­mi­nis­te­rium. Das, was sich bereits bei der Ernennung von Carlo Chatrian und Mariette Rissen­beek vor zwei Jahren ange­deutet hatte, scheint inzwi­schen Tatsache zu werden: Die Verdop­pe­lung der Direk­toren-Spitze ist eigent­lich eine Teilung und damit auch effektiv eine bewusste Schwächung der Berlinale-Führung – und eine Stärkung der politisch verant­wort­li­chen und zustän­digen Kultur­staats­mi­nis­terin. Offen­sicht­lich will Monika Grütters den direkten Durch­griff auf die Berlinale haben und nutzt die jetzige Konstel­la­tion auch genau in diesem Sinn.

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Tatsäch­lich möchte die Kultur-Staats­mi­nis­terin Fakten schaffen für eine Berlinale, die in der üblichen Form im Februar statt­findet, während das Leitungsduo als dieje­nigen, die solche forsch-fröh­li­chen Pläne dann in die Tat umsetzen und ihre Köpfe dafür hinhalten müssen, den »point of no return« ihrer Entschei­dungen möglichst weit nach hinten schieben möchte. Bei der Berlinale arbeitet man derzeit mit mindes­tens fünf Szenarien für den kommenden Februar – von einem Festival, wie es jedes Jahr statt­findet, bis hin zu einem, das komplett ins Virtuelle verschoben ist, und mehreren Varianten dazwi­schen.

Warum Grütters sich darauf nicht einlässt, obwohl in ihrer Partei inzwi­schen über Karnevals-Verbote und Ähnliches nach­ge­dacht wird, und daran festhält, den jähr­li­chen Film-Karneval mit allem Drum und Dran inklusive Rosen­mon­tags­umzug und Ascher­mitt­woch statt­finden zu lassen, zumal die Minis­terin im Fall einer sehr späten und kosten­träch­tigen Absage oder gar eines Abbruchs auch persön­lich einen Schaden nehmen würde, ist nur auf den ersten Blick schwer zu verstehen.
Auf den zweiten Blick wird es klarer. Denn immer wieder gibt es Stimmen aus Berlinale-Kreisen, die mehr oder weniger unver­blümt darüber nach­denken, dass Corona eine hervor­ra­gende Gele­gen­heit wäre, um die Berlinale grund­sätz­lich neu aufzu­stellen, das heißt, um das weiterhin auf knapp 400 Filme und mehr als ein Dutzend Sektionen aufge­blähte Programm radikal zu entschla­cken auf nicht mehr als die Hälfte – was immer noch doppelt so viel wäre, wie Cannes oder Venedig. Eine solche Entschla­ckungskur würde die Berlinale konzen­trierter machen und ihr mittel­fristig viel mehr Manö­vrier­fähig­keit geben, die Möglich­keit, wieder eine ernst­hafte Konkur­renz zu Cannes und Venedig zu werden. Nebenbei könnte man auch im Perso­nal­be­reich manche Altein­ge­ses­senen loswerden und den einen oder anderen Kopf in den Leitungs­ebenen der Sektionen und andere Abtei­lungen rollen lassen. Entspre­chend stark sind die Wider­stände gegen solches Denken im Berlinale-Mittelbau, deren Angehö­rige nicht wie einige aus dem Kosslick-Leitungs­stab in Rente oder neue Berlinale-ferne Posi­tionen wechseln konnten. Entspre­chend stark ist auch die Spaltung des Berlinale-Personals in Alte und Neue, und das Miss­trauen der Alten, oft immer noch mit Kosslick verbun­denen Fraktion gegenüber den Neuen, den Auslän­dern, die von Außen kamen.
Hinzu kommt die besondere Lage des unab­hän­gigen Forums, da der Träger des Forums und Forums expanded, das »Arsenal Institut für Film und Video­kunst«, offenbar gerade sehr stark unter Corona und den Folgen leidet.

Ein weiteres grund­sätz­li­ches Problem: Die nach wie vor prekäre Raum­si­tua­tion. Der Berlinale fehlen Kinos und die räumliche Lage um den Potsdamer Platz ist grund­sätz­lich unan­ge­nehm. Viele Besucher waren in den letzten Jahren zunehmend genervt durch zu enge Räume, zu wenige Sitz­plätze und das Verschwinden fast aller Lokale. An dieser Situation dürfte sich in den nächsten Jahren nichts ändern, im Gegenteil wird sie sich noch verschärfen, wenn spätes­tens im Jahr 2025 die Miet­ver­träge auch im bislang viel genutzten Filmhaus auslaufen.

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Wer geht eigent­lich ins Kino, um eine Geschichte zu sehen? Wer guckt sich einen Film an, weil er nicht weiß, wie es ausgeht? Vor allem zeit­genös­si­sche Film­kri­tiker, ist mein Eindruck. Normale Menschen gehen in einen Film, weil sie einen Star sehen wollen oder weil sie die Filme des Regis­seurs bisher gut fanden, oder weil sie einfach über den Film gar nichts gelesen haben, und deswegen nichts erwarten. Oder auch, weil sie unab­hängig davon, ob sie die Geschichte nun kennen oder nicht, viel­leicht gerade sogar, wenn sie sie kennen, sie gerne sehen, und ein bisschen egal ist, ob das etwas komplett Neues ist, was ihnen da begegnet. Unsere Film­kri­tiker aber schreiben über Filme oft genug so, wie kein Mensch sonst, auch ein anderer Kunst­kri­tiker nicht über das Kunstwerk schreibt, das er zu beur­teilen hat.
Würde man einen diesen Film­kri­tiker in ein Shake­speare-Stück schicken, dann schriebe er: »Shake­speare kann seinen bishe­rigen Königs­dramen nichts wirklich Neues hinzu­fügen.« Und bei Ibsen: »Selbst wenn sich die lange Vorbe­rei­tung vor allem bei den einmal mehr hoch­klas­sigen Bildern auszahlt, fühlen sich andere Elemente doch etwas zu sehr wie eine Wieder­ho­lung von Themen der Vorgänger-Stücke an.«

(to be continued)

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Unter dem Titel »Cinema Moralia« sind hier in loser Folge Notizen zum Kino zu finden, aktuelle Beob­ach­tungen, Kurz­kri­tiken, Klatsch und Film­po­litik, sowie Hinweise. Eine Art Tagebuch eines Kino­ge­hers.