27.06.2019
37. Filmfest München

Münchner Freiheit – Zwischen Fest und großen Plänen

Mariko Minoguchis Mein Ende. Dein Anfang.
Herausragendes Regie-Debüt: Mariko Minoguchis Mein Ende. Dein Anfang.

Heute Abend wird die 37. Ausgabe des Münchner Filmfests eröffnet: Ein Ausblick

Von Rüdiger Suchsland

»Ich will mich nicht verändern
Um dir zu impo­nieren
Nicht den ganzen Abend
Probleme disku­tieren.«

- Münchner Freiheit »Ohne Dich«

»Ohne Dich« – ein deutscher Hit aus den frühen 80ern; die Band, die hier singt, heißt »Münchner Freiheit« wie der Platz im Schwa­binger Norden, und offenbar erinnern sich nicht nur die Älteren an dieses Lied.
Das Lied untermalt eine zentrale Szene in dem Film Mein Ende. Dein Anfang., dem heraus­ra­genden Regie-Debüt der Münchner Film­stu­dentin Mariko Minoguchi, einer der besten Filme unter jenem guten Dutzend, das ab morgen im Münchner Wett­be­werb um den Förder­preis deutscher Film konkur­riert.

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Dieser Förder­preis ist ein wichtiger Nach­wuchs­preis und der Wett­be­werb um ihn bildet seit jeher das Zentrum des Münchner Filmfests.
1983 gegründet, legt man hier seit jeher großen Wert darauf, dass es sich um ein Fest handelt, nicht um eines von vielen Festivals.

Trotzdem geht es auch an der Isar um Preise und Sponsoren, es gibt VIP-Lounges und auch wenn die Chancen für Normal­men­schen, hier eine Karte zu bekommen, viel höher sind als bei der Berlinale, sind Premie­ren­karten knapp, Partys schon längst ausge­bucht und es gibt viel Gerangel um die letzten Plätze zur Eröffnung mit Smoking und Glitter.

Und es gibt die Politiker, die auch noch ihren Senf zu allem dazugeben müssen. Ein »Youtuber-Festival« solle es geben, verkün­dete Markus Söder, bayri­scher Minis­ter­prä­si­dent und Hobby-Cineast gestern in der Süddeut­schen Zeitung. »Einen Influ­encer-Preis« wolle er ausloben. Das sei »eine Form der Kommu­ni­ka­tion, die wir stärker beachten müssen.« Ein Narr, wer dabei nicht auch an Rezo und sein sehr spezi­elles Verhältnis zur Union denkt.

Statt Zensur lautet Söders Antwort also Umar­mungs­stra­tegie: »Die Kunst der Selbst­ver­tei­di­gung – als hätte er den Eröff­nungs­film The Art of Self-Defense schon gesehen. Youtuber seien häufig größere Stars als Film­schau­spieler.
Ob man das gern hört beim Filmfest?

Gern hören wird man beim Filmfest andere große Töne, die Söder gerade per Zeitungs­in­ter­view spuckt: In in einer Liga mit Cannes und Venedig solle München irgend­wann spielen.

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»Ich will nicht alles sagen
Nicht so viel erklären
Nicht mit so viel Worten
Den Augen­blick zerstören.«

- Münchner Freiheit »Ohne Dich«

180 Filme aus 62 Ländern an 9 Tagen, verteilt auf viele Kinos der Stadt. Das ist das Filmfest München. Unter diesen 180 Filmen sind 48? Welt- und 118 Deutsch­land-Premieren, darunter mehr als eine Handvoll Filme, die vor vier Wochen erst auf den Film­fest­spielen in Cannes zu sehen waren. Außerdem eigene Reihen für Fernseh-Produk­tionen und Serien.
Und viele Stars: Antonio Banderas, Ralph Fiennes, und Cannes-Sieger Bong Joon Ho werden mit vielen anderen erwartet.
Aber das alles reicht den Geld­ge­bern noch nicht: Fast eine Verdop­pe­lung des Etats wird jetzt ange­kün­digt: Von 3,5 Millionen auf 6,5 Millionen Euro

Mehr Unter­s­tüt­zung, sprich mehr Geld für das Filmfest München solle es vor allem vom Bund geben – es könne nicht sein, dass praktisch nur die Berlinale von der Film­för­de­rung des Bundes profi­tiert.
Das ist Popu­lismus pur. Als ob Söder nicht wüsste, dass ganz viele Film­fes­ti­vals vom Bundes­kul­tur­mi­nis­te­rium unter­s­tützt werden, aller­dings nur solche, die inter­na­tional bedeutend sind.
Und als ob Söder nicht bei jeder anderen Gele­gen­heit die Kultur­ho­heit der Länder betonen und sich Einmi­schung verbitten würde.
Die Gesamt­zahl seiner Zuschauer macht München immerhin zum dritt­größten Festival in Deutsch­land. Für manche ist es das zweit­wich­tigste. Für andere eher ein Provin­zer­eignis, das mit sehr viel Geld von Stadt und Freistaat Bayern hoch­ge­päp­pelt wird und vor allem Filme anderer Festivals nach­spielt – sie würden zum Beispiel darauf hinweisen, dass das ärmere und äußerlich viel unat­trak­ti­vere Saar­brü­cken die bedeu­ten­deren Preise hat und allemal für den deutschen Film zur Zeit das wich­tigste Nach­wuchs­fes­tival ist.

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»Ich will nichts garan­tieren
Was ich nicht halten kann
Will mit dir was erleben
Besser gleich als irgend­wann«

- Münchner Freiheit »Ohne Dich«

Die gute Stimmung werden solche un-infor­mierten Kommen­tare auch bei den vielen Berliner Fach-Besuchern in München nicht trüben.
Schließ­lich fährt man nie nur wegen der Filme hierher. Wozu gibt es Bier­gärten, die Isar und die Voral­pen­seen.

In diesem Jahr ist das Filmfest München auch sonst ein ziemlich musi­ka­li­sches Festival.

Neben einem Doku­men­tar­film über die »Spider Murphy Gang«, der auch so eine Art München-Kommentar ist, sollte man zum Beispiel Still­stehen nennen. Die deutsch-italie­ni­sche Kopro­duk­tion von der Regis­seurin Eliza Mishto erzählt vom Nichtstun und von zwei jungen Frauen, die versuchen ihren Weg zu finden, und läuft ebenfalls im Wett­be­werb um den Förder­preis.
Vor allem aber hat er mit Sascha Ring, Mitglied der welt­be­kannten Band »Moderat« und auch als Solo­künstler »Apparat« erfolg­reich, ein musi­ka­li­sches Schwer­ge­wicht der Elek­tropop-Szene aufzu­weisen.

Das Dilemma eines jeden Film­fes­ti­vals gilt auch für München: Wenn man Filme zeigt, die noch keinen Verleih haben, gibt es immer welche, die sagen: Die kommen ja gar nicht ins Kino. Und wenn man Filme zeigt, die einen Verleih haben, heißt es umgekehrt: die Filme kommen ja sowieso ins Kino.

Für normale Kinofans, und Menschen, die nicht beruflich mit Film zu tun haben, ist das alles, sind Jubel­zahlen und alljähr­lich steigende Zuschau­er­zahlen, die für die Bedürf­nisse der Film­för­derer zuge­schnitten sind, völlig egal.
Auch die Frage, ob es das Filmfest München geben soll, und ob es sympa­thisch ist, ist völlig neben­säch­lich.

Das Wesent­liche ist: Es gibt das Filmfest. Es wird ange­nommen. Es zeigt in der ganzen Program­masse deutsche Premieren und eine Menge sehr, sehr guter Filme in deutscher Erst­auf­füh­rung.

Das Wich­tigste sind am Ende immer noch die Filme – auf geht's: Zehn Tage Film­rausch. Der Kater kommt früh genug!

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