13.02.2019
Berlinale 2019

Ich war im Kino, aber...

Angela Schanelecs »Ich war zuhaus, aber... »
»Ich wollte daran erinnern, dass es ein Film ist.«

Inter­es­siert sich hier irgendwer nicht für Esel? Warum Arroganz und Elitismus nicht das Gleiche sind: Angela Schan­elecs »Ich war zuhause, aber... » – Berlinale-Tagebuch, Folge 8

Von Rüdiger Suchsland

»Bogumil zählt einige Methoden zur Schäd­lings­be­kämp­fung auf. 'Man kann Butter­milch in die Löcher gießen, das behagt dem Maulwurf nicht. Oder Fisch­köpfe hinein­legen. Oder Chlor­wasser, dann kommen die Regen­würmer raus und der Maulwurf hat nichts mehr zu fressen. ... Man kann auch Hundekot rein­schütten. Oder leere Dosen an Stangen binden, die machen dann einen Lärm, der die Maulwürfe vertreibt. Oder aus Holun­derblüten einen Sud kochen, drei Tage gären lassen und dann -'«
Heinz Strunk: »Der Goldene Handschuh«, S.65

Spielen, nicht nur Fußball, aber auch Tennis, ist ein Mitein­ander. Wenn man Vorlagen bekommt, sich welche erkämpft, diese dann aber nicht verwan­deln kann, dann verliert man das Spiel.
So ungefähr geht es der Regis­seurin Angela Schanelec mit ihrem neuen Film mit dem etwas rätsel­haften Titel: »Ich war zuhause, aber...« Sie tritt nicht in einen Dialog, sondern mono­lo­gi­siert und dekre­tiert, redet an den Frage­stel­lern vorbei, so wie die Figuren in ihrem Film. Sie ist wie eine Tänzerin, die einem dauernd auf die Füße tritt. Ob aus Absicht oder unab­sicht­lich ist dann egal, irgend­wann macht es keinen Spaß mehr.
Es ist aber ein Tanz, was zwischen Filme­ma­cher und Kritiker, Film und Zuschauer idea­ler­weise passiert: Eine Bewegung, ein Stück Kommu­ni­ka­tion. Diese Kommu­ni­ka­tion ist erst einmal der selbst­ver­s­tänd­liche Zustand. Wenn sie nicht statt­findet, sollte es besser einen Grund geben.

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Wieder ein Berlinale-Film, in dem keiner lacht, kaum je einer lächelt. Berliner Mittel­klasse, man fährt Fahrrad, 10 Gänge, silber.

Eine Mutter unter Druck. Am Rande des Nerven­zu­sam­men­bruchs. Aber warum eigent­lich? Ihr Sohn ist nach dreitägigem Verschwinden doch wieder nach Hause gekommen.

Kinder die in Reimen reden. Warum? Sie proben Shake­speares »Hamlet« im Schul­theater, aber sie blicken und agieren dabei nicht so wie Kinder, sondern wie in Trance, mit leerem Blick, wie Angehö­rige einer Sekte, wie Wesen von einem anderen Stern. Wie der Esel, dem man ganz am Ende dabei zuguckt, wie er anderen Menschen zuguckt.

Menschen, die mitein­ander sprechen, ohne sich anzu­schauen. Warum? Viel­leicht hat jemand zuviel Straub-Filme gesehen.

Für Schanelec-Verhält­nisse ist das dennoch ein Action-Film.

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Die Bilder sind starr und statisch. Das ist keines­wegs die natür­liche Haltung der Kamera, sondern eine Entschei­dung der Regis­seurin
Schanelec ist die Funda­men­ta­listin jener Ästhetik, die man sich angewöhnt hat, »Berliner Schule« zu nennen.
Sie erzählt nicht, sondern zeigt. Szenen, Skizzen, Momente, die lose verbunden sind, manchmal nichts mitein­ander zu tun haben, manchmal schon.
Der Film zeigt eine Frau, deren Mann, ein Thea­ter­re­gis­seur, mit dem sie zwei Kinder hat, vor zwei Jahren gestorben ist.
Es ist damit Angela Schan­elecs bisher auto­bio­gra­phischste Arbeit, denn auch sie hatte zwei Kinder mit einem Thea­ter­re­gis­seur, mit Jürgen Gosch, der vor bald zehn Jahren gestorben ist.

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Es gibt ein paar wenige lustige Momente, etwa in der Szene, in der die von Maren Eggert im Übrigen ganz großartig gespielte Haupt­figur, das Alter Ego der Regis­seurin, über Kino redet, über Wahrheit und Lüge im Schau­spiel, und dabei genau die Argumente vorbringt, die man gern gegen Schan­elecs Filme einwendet:
Die Regis­seurin liebt Eggert spürbar. Und darum gelingt es, dass bei ihr der Funke über­springt. Mit anderen Schau­spie­lern, am auffäl­ligsten mit Lilith Stan­gen­berg und Devid Striesow kann sie spürbar so gar nichts anfangen. Noch nie blieb Stan­gen­bergs unglaub­li­ches Potential derart ungenutzt. Einfach links liegen.

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Alles was als »Geschichte« in anderen Rezen­sionen behauptet wird, ist eben behauptet und angelesen, nicht im Film. Skizzen, zwischen denen die Figuren geschwollen daher­reden. Dies ist kein natu­ra­lis­ti­scher Film, »Natu­ra­lismus« lautet eher das Miss­ver­s­tändnis gegenüber Schan­elecs Filmen, sondern totale Künst­lich­keit.
Dann aber: »Ich glaube nicht, dass irgendwer versteht, was er nicht auch empfunden hat.«
Und mit Bresson, sorry hat das auch nicht viel zu tun, außer dass halt ein Esel vorkommt. Und bei jemandem wie Schanelec schreien die Lieblinge der Berliner Schule dann »Bresson«. Wenn bei Oliver Stone ein Esel vorkommt, schreit das niemand. Plumpe Reflexe. Fehlendes Hinschauen. Ersatz­hand­lungen.

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Nervig. Ein unfassbar arro­ganter Film. Ich möchte das Elitäre, den hohen Anspruch im Kino vertei­digen. Und gerade darum kann man diese Arroganz nicht unkom­men­tiert durch­gehen lassen. Denn sie ist kontra­pro­duktiv und zerstört gerade den Anspruch.

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»Denn wer Schan­elecs Filme scheut, der scheut das Kino.« behauptet nun Spiegel-Online. Uiuiui. Offenbar hat's da ein Film nötig, mit ganz großem Kaliber vertei­digt zu werden.
Aber hier tritt Kriti­ke­rin­nen­ar­ro­ganz der Regis­seurin zur Seite – ich möchte mir, Frau Kollegin, nicht den Zutritt zum Kino verbieten lassen, weil ich diesen Film für schlecht halte.

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Man kann über diesen Film nicht schreiben, ohne über die Regis­seurin zu reden. Wie bei jedem echten Auto­ren­film sind Autor und Film hier nicht zu trennen.

Angela Schanelec hat eine faszi­nie­rend stör­ri­sche Art. Das kann sinnvoll sein, genau wie ihre Sprö­dig­keit, und auch ich finde diese Attitude überaus reizvoll, aber es fehlt der Charme, der dazu­gehören müsste, damit sie auf Dauer erträg­lich bleibt.

Auf der Pres­se­kon­fe­renz fällt von Anfang an vor allem auf, was für eine unglaub­lich defensive Art zu reden sie an den Tag legt. Schanelec sagt immer nur, was sie nicht macht, was sie nicht will, was sie nicht tut.

Naserümp­fend kommen­tiert die Deutsche die Fragen der Presse. Das ist ihr gutes Recht, darum geht es nicht. Aber wer zwingt sie, eine Pres­se­kon­fe­renz zu geben? Terrence Malick macht das auch nicht. Es ist nämlich auch die Zeit der Frage­steller, mit der Schanalec schludrig und unfair umgeht. Niemand besucht eine Pres­se­kon­fe­renz, weil ihn nicht irgend­etwas inter­es­siert.

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»Ich werd' das ganz bestimmt nicht inter­pre­tieren.« Das verlangt ja auch niemand. Antworten würden schon genügen. Aber Schanelec versteht es nicht, Angebote zu machen. Sie versteht es auch nicht, Angebote anderer zu erkennen und aufzu­greifen.
Auch das wäre nicht schlimm. Schanelec aller­dings erweckt den Eindruck, als sei sie tatsäch­lich gar nicht in der Lage und auch nicht willens, zu verstehen, was Zuschauern in ihrem Film Schwie­rig­keiten bereiten könnte.

»Es ist für mich eigent­lich ganz einfach...« versucht sie zu erklären. Mag sein, aber sie müsste doch begriffen haben, dass es anderen nicht so geht. Sie könnte also sagen: »Es ist für mich eigent­lich ganz einfach, aber ich erkenne, dass es anderen nicht so geht, darum teile ich mit Euch mal ein paar meiner Gedanken.«
Ihre geradezu sozi­al­neu­ro­ti­sche Art macht es schwierig, unvor­ein­ge­nommen zu reagieren.

»Für mich ist die Art zu arbeiten, eine sehr natür­liche.« sagt sie. Ok. Aber warum? ist die Frage. Schanelec variiert nur den Satz: »Es ist wie es ist.« Das ist zu wenig.

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So ist es zum Beispiel »Käse« um mal einmal Scha­nalecs Diktion zu benutzen, wenn die Regis­seurin doziert, die Kamera stünde erstmal still: »Erst mal, wenn man die Kamera anmacht, dann steht sie ja. Der Anlass, sich zu bewegen, kommt aus der Szene.«
Als ob das ein gött­li­ches Gesetz wäre, in das der Mensch norma­ler­weise nicht eingreifen darf. Die Kamera steht aber nur still, weil es ihre Entschei­dung ist und so ist es keine Majes­täts­be­lei­di­gung, bei der Regis­seurin nach­zu­fragen, warum sie so entschieden hat.
Wenn sie nämlich entschieden hätte, sie auf einen Dolly zu setzen, auf einen Kran oder die Schultern des DOPs, wenn sie sich für eine Steadycam entschieden hätte, stünde die Kamera nicht still, sondern wäre von Anfang an bewegt.

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Sie alle reden wie Angehö­rige einer Sekte: »Ich wollte daran erinnern, dass es ein Film ist.« Noch so ein unfass­barer Satz. Bitte? Wir sind alle bescheuert, ja? Liebe Angela Schanelec, Du hättest besser ein Thea­ter­stück gemacht, aber jetzt ist es ein Film geworden, ich bin auch am Berlinale-Tag sechs nicht einge­schlafen, obwohl es ein Film von Dir war. Aber im Kino schlafen, heißt dem Film vertrauen, hat Michael Althen gesagt. Und Dir vertraue ich nicht. Schon weil Du ernsthaft glaubst, mich daran erinnern zu müssen, dass es ein Film ist.

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»Ich war zuhause, aber« formu­liert eine sehr entschie­dene Position gegen alles Erzählen, gegen jede Konven­tion. Das ist manchmal wunder­schön in seinen Bildern, und oft inter­es­sant. Aber die Wich­tig­tuerei des Ganzen ist völlig unnötig.
In der Härte, in der Konven­tionen und Normen verwei­gert werden, legt aller­dings wiederum etwas sehr Norma­tives, Beleh­rendes. Wenn man gegen normierte Ästhetik ist – ich bin es, Schanelec behauptet es, zu sein – dann kann man nicht der normierten einfach nur eine andere Norm entge­gen­setzen.
Ihrem Publikum gegenüber hat Schanelec in etwa die Haltung einer Kinder­gärt­nerin, die mit ihren Anver­trauten langsam die Geduld verliert.

Man möchte dieses Elitäre, den hohen Anspruch im Kino vertei­digen. Aber gerade darum reißt die Arroganz, die dieser Film ausstrahlt, alles was er aufbaut, gleich wieder ein.
« Ich war zuhause, aber« könnte leicht und flirrend und beschwingt sein. Er ist es leider nicht.

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»Kann sich irgendwer hier nicht für Esel inter­es­sieren?« Ja! Ich inter­es­siere mich nicht für Esel. Und Angela Schanelec ist ja auch keine Tier­fil­merin geworden.

(to be continued)

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