09.02.2018
Berlinale 2019

Kampfzwerg im Chaos

Systemsprenger
Das System braucht Systemsprenger...

Denn das System kann denen, die es sprengen nicht helfen: System­sprenger von Nora Fing­s­cheidt zum Auftakt im Berlinale-Wett­be­werb, Folge 4

Von Rüdiger Suchsland

Es kracht und knallt von Anfang an. Der Kracher und Knaller heißt Benni, eigent­lich Berna­dette, aber diesen Namen mag sie nicht so. Also Benni.
Ein Dutzend Kinder­bob­by­cars aus Plastik knallt Benni eines nach dem anderen gegen die Fenster des Jugend­heims, in dem sie wohnt. Gern würde man sich Benni, die überall wo sie ist, die Welt im Nu in ein kunter­buntes Chaos verwan­delt, als Wieder­auf­er­ste­hung von Pippi Langs­trumpf vorstellen, die in und außerhalb ihrer Villa Kunter­bunt sich die Welt baut, wie sie ihr gefällt. Das tut auch Benni, aber so fröhlich, friedlich ist das alles leider nicht.
Denn Benni, die neun Jahre alt ist, bald zehn wird, wurde als Kind schwer trau­ma­ti­siert. Sie kann nichts dafür, aber wenn sie wütend wird, springen alle Siche­rungen raus, und auch kein Erwach­sener kann sie mehr halten. Manchmal ist sie wie andere Kinder, traurig und unsicher, aber manchmal müssen auch Erwach­sene Angst vor ihr haben. Denn Benni kennt zwar die Regeln, aber wenn sie austickt, wird sie blind für sie. Wenn man sie ins Gesicht fasst zum Beispiel, das muss jeder als erstes lernen, kennt sie gar kein Halten.
Benni ist ein System­sprenger, sie ist die Haupt­figur in dem gleich­na­migen ersten von drei deutschen Filmen im Wett­be­werb der Berlinale und nach einem besten­falls belang­losen Eröff­nungs­film gleich ein erster kleiner Höhepunkt im Rennen um die Preise.

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Der Begriff »System­sprenger« ist kein offi­zi­eller Begriff aus dem Wörter­buch der Sozi­al­für­sorge. Er ist aber auch nicht verboten, kein No Go, sondern ein Wort aus dem Alltag der Praktiker. Aus deren Sicht funk­tio­niert das System mit seinen Unter­sys­temen, nur für die paar Wenigen nicht, die in gar keines hinein­passen. Wie Benni.
All das ist im Grunde von Anfang an klar, und wenn man etwas an dem großar­tigen Spiel­film­debüt der 36-jährigen Hambur­gerin Nora Fing­s­cheidt kriti­sieren muss, dann am ehesten dies: Dass der Auftakt derart stark ist, die Haupt­figur von der großar­tigen Kinder­dar­stel­lerin Helena Zengel so wuchtig und unver­gess­lich gespielt, dass gegenüber diesem Anfang, der Setzung von Figur und Geschichte, alles was folgt, wie eine Fußnote wirkt und die erste Skizze vor allem ausmalt und verästelt, sich aber nichts wirklich entwi­ckelt.
Denn das System kann denen, die es sprengen, nicht helfen.
Auch Micha kann nichts tun. Ein Jugend­pfleger, der sich besonders engagiert, so sehr, dass er aufpassen muss, keine Rettungs­phan­ta­sien für Benni, die er liebevoll »Kampf­zwerg« nennt, zu entwi­ckeln.

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So erleben wir über zwei Stunden, wie hier ein junger, über­durch­schnitt­lich intel­li­genter Mensch immer wieder gegen alle möglichen Wände läuft, von denen er sich viele selber gebaut hat, und dich nichts dafür kann, dass es nicht klappen will.
In einem halben Dutzend Einrich­tungen war Benni schon, in Pfle­ge­fa­mi­lien – nichts zu machen. Früher oder später passiert etwas. Sie gilt als kleines Monster. 37 Insti­tu­tionen haben sie abgelehnt, so wird es weiter­gehen, bis sie 14 ist. Dann kommt sie in »die Geschlos­sene«.

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System­sprenger ist ein sehr guter, und oft schöner Film, der zugleich zum Verzwei­feln ist. Sehr inter­es­sant ist auch die Regis­seurin, die in Ludwigs­burg studierte. Klug, genau und engagiert gewann Nora Fing­s­cheidt mit jedem ihrer Studen­ten­filme Preise und jetzt läuft ihr Debüt im Berli­na­le­wett­be­werb.

Er passt fast zu gut: Denn dieser Film ist genau das, was die Berlinale dieser Jahre gern zeigt: Ein Film – und dann noch von einer jungen deutschen Frau – über ein Thema, das relevant ist, persön­lich und sozi­al­po­li­tisch zugleich, und das immer auf der richtigen Seite der wohl­tem­pe­rierten, bürger­li­chen Gesinnung steht.
Humor hat er wenig, wie auch bei diesem Thema, aber richtige Über­ra­schungen auch nicht. Stilis­tisch ist er sehr dynamisch und anteil­neh­mend gefilmt, eine Achter­bahn­fahrt.

System­sprenger ist aber zugleich weit mehr als die Illus­tra­tion eines Problems, dem sich Minis­te­rien und Insti­tu­tionen annehmen sollten, oder ein Film über das Versagen eben dieser Insti­tu­tionen und Politiker.
Es ist eine sehr persön­liche, sehr spannende Geschichte. Und sehr human.

Mit der Zeit begreift man: Es mag sein, dass Benni auf Erden kaum zu helfen ist. Das System aber braucht System­sprenger. Denn Benni ist unter anderem auch ein Medium. Sie holt aus uns all das heraus, was in uns steckt.

(to be continued)

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